Dietmar Gersdorf

Welt, Weltbeschreibung, Realität und Wahrheit

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Nelson Goodman macht uns Mut - indirekt und ohne unser Talent für phantasievolle Bestrebungen von vornherein als unzureichend zu erklären, daß jeder von uns zu weltschöpferischem Handeln in der Lage ist. Er vertritt die Ansicht, daß wir eher Welten erzeugen - und zwischen diesen, unseren Produkten wohl mehr mental als ganzheitlich hin- und her transzendieren -, als daß wir nur in einer, stupid singulären Welt hausen. Somit teilt er mit Lukrez, Leibniz, Wittgenstein, Cassirer und Stegmüller die Auffassung eines Welten-Pluralismus.

Das ist ein grandioser Gedanke, verbunden mit einer Fülle philosophischer Denkwürdigkeiten. Als eine wichtige Prämisse sei festgehalten, daß sich Goodmans Überlegungen durchaus ästhetisch auffassen lassen. Des öfteren verweist er den Leser auf Kunstwerke. Das ruft den anderwärts bereits gelesenen Zusammenhang zwischen erzeugen = [[pi]][[omicron]][[epsilon]][[iota]][[nu]] und der Wahrnehmung = [[alpha]][[iota]][[sigma]][[sigma]][[iota]] in Erinnerung, der uns darauf hinweist, daß das künstlerische Erzeugen eines Kunstwerkes von der Erzeugung eines x-beliebigen anderen Gegenstandes nicht durch Welten unterschieden ist. Einige Einwände werden durch die kühne These geweckt: Erzeugen wir tatsächlich Welten, wenn wir Kunstwerke produzieren? Verweisen uns Kunstwerke, Illusionen, Desiderate, alle Arten von Modellen, Hypothesen, Wünsche, Ziele, Motive usw. auf andere Welten, unabhängig davon, ob diese reale oder mögliche oder ideale Welten sind? Solche verklausulierten Behauptungen erwecken Neugier auf die sie stützenden Bedingungen und Voraussetzungen. Am ehesten lassen sich diese in Erfahrung bringen, wenn man an sich selbst die unangenehmsten Fragen richtet.

Goodmans Einstiegsfragen sind:

"In welchem Sinne genau gibt es viele Welten? Was unterscheidet echte von unechten Welten? Woraus bestehen sie? Wie werden sie erzeugt? Welche Rolle spielen Symbole bei der Erzeugung? Und wie ist das Erschaffen von Welten auf das Erkennen bezogen?"[1] Ich würde hinzufügen: Existiert ein Unterschied zwischen fiktiven und wirklichen Welten, bzw. ist ein solcher festzustellen? Wie steht es um unsere Auffassung über die Wahrheit von Sätzen einer Weltbeschreibung und die Realität einer Welt?

Goodman untersucht zwei Aussagen, die unterschiedlichen Aussagensystemen anzugehören scheinen:

a: >>Die Sonne bewegt sich immer<<[2]

b: >>Die Sonne bewegt sich nie<<

Für sich genommen, ist jede dieser beiden Aussagen (in formaler Hinsicht) wahr, dennoch widerstreiten sie sich. Wie läßt sich dieser Widerstreit aber erklären?: Bei Frege finden wir einen wichtigen Hinweis für die Beantwortung dieser Frage in der Annahme des sogenannten Kontextprinzips, das in etwa lautet: die Wahrheit eines Satzes ergibt sich aus seiner Stellung im Kontext. Demzufolge ist Aussage a: in ihrem Kontext und Aussage b: in einem anderen Kontext wahr. Finden wir hier ein Indiz für die Annahme verschiedener Welten, da sich ja offensichtlich die Wahrheit von Aussage a: und Aussage b: wechselseitig ausschließen? Goodman schlägt folgendes vor:

1) Anzunehmen, daß a: und b: unvollständige Aussagen darstellen

2) Anzunehmen, daß a: und b: durch einen Verweis auf den Bezugsrahmen vervollständigt werden könnten.

3) Einen Bezugsrahmen anzunehmen.

Die Aussagen müßten dann lauten:

>>Im Bezugsrahmen A bewegt sich die Sonne immer<<,

und

>>Im Bezugsrahmen B bewegt die Sonne sich nie<<[3]

In diesem Hinweis auf den Bezugsrahmen können wir eine Bestätigung für die Annahme von unterschiedlichen Wahrheiten in unterschiedlichen Kontexten sehen.

Goodman weiß selbstverständlich, daß wir Welten nicht einfach so erschaffen. Die Weisen[4] der Welterzeugung beziehen sich vielmehr auf Welten, die in bestimmten Hinsichten verändert werden. Eine alltägliche, auf ein Paradox hinweisende Frage weist uns als Wegweiser die Richtung unseres Gedankenganges: Bleibt die Welt im Ganzen die gleiche, wenn sie sich im Einzelnen verändert oder bringt jede Veränderung einer Welt grundsätzlich eine neue Welt hervor?

Diese Frage bezieht sich auf die Wahrheit unserer Aussagen über die Realität der Welt. Wodurch sind wir aber darin sicher, daß unsere Aussagen über die Welt wahr sind, was landläufig ja als eine Übereinstimmung zwischen einem Satz und dem ihm entsprechenden Gegenstand angesehen werden könnte? Ich vermute, daß sich hier eines der Hauptprobleme offenbart. Goodmans Vorschlag an dieser Stelle ist, daß sich Realität als eine Sache der Gewohnheit zeigt.[5] Das bedeutet, daß wir uns deswegen auf die Richtigkeit eines bestimmten Typs von Welt festlegen, weil wir an ihn "gewöhnt" sind. Anders ausgedrückt: Wir sind an einen normalen Gebrauch des Wortes >>Realität<< in Beziehung auf den Gebrauch des Wortes >>Welt<< gewöhnt. Dieser Gedanke stammt von Wittgenstein.[6]

Was fällt uns leichter? Das Reden über verschiedene Wahrheiten oder die Annahme verschiedener Welten? Unser Handikap ist, daß wir oftmals dogmatische Vertreter der Meinung zu sein scheinen, wir könnten einfache (kohärente) Wahrheiten ausdrücken und die Welt damit eindeutig beschreiben. Der gewöhnliche Gebrauch des Terminus >>Welt<< erweckt dabei den Anschein, als ob Aussage und Welt überein stimmen würden oder gar identisch seien. Goodman und ich sind hingegen der Auffassung, daß wir uns - einen einfachen Pluralismus vorausgesetzt - weder über die Wahrheit noch über die Welt noch über uns in der Weise einer einfachen (kohärenten) Wahrheitstheorie reden können. Trivialerweise sprechen wir meist in einer dualistischen Form über Welten, indem wir beispielsweise "diesseits" und "jenseits" zur Charakterisierung der Zugehörigkeit von Gegenständen zu Weltgegenden oder Welten benutzen. Alltagssprachlich verwenden wir sehr präzise und konnotativ äußerst exakt die Termini Erste Welt, Dritte Welt, Neue Welt etc.

Doch was tun wir, wenn wir solche Phrasen wie die Welt der Dinosaurier, die Welt der Antike, die Welt des Mittelalters, deine Welt, meine Welt oder das Wort >>Welt<< im Buchtitel Garb oder wie er die Welt sah verwenden? Meiner Auffassung nach beziehen wir uns dabei immer auf unsere Vorstellungen von etwas, für das wir - wie bereits angedeutet wurde - aus Gewohnheit den Namen >>Welt<< gebrauchen. Vorstellungen werden gleichgesetzt mit Namen und diese ihrerseits mit dem Gegenstand, den sie nicht exakt bezeichnen und der dadurch auch nicht für alle Fälle als real oder als irreal, weder als wahr noch als falsch bezeichnet werden kann. Das ist die Prozedur, die sowohl den alltäglichen als auch den wissenschaftlichen als auch den künstlerischen Umgang mit der Welt begleitet. Goodman ist der Meinung, daß wir es eher mit Weltversionen im eben geschilderten Stil zu tun haben, als mit diversen Welten und Universen.

"Wir sind bei allem, was beschrieben wird, auf Beschreibungsweisen beschränkt. Unser Universum besteht sozusagen aus diesen Weisen und nicht aus einer Welt oder aus Welten." [7]

Es ist interessant, unsere wirklichen Möglichkeiten der Beschreibung fiktiver Reise durch mögliche Welten ins Spiel zu bringen, wie cyber-space-Séancen, Traumreisen usw. Ich denke, daß wir auch hier nicht über wirkliches und unwirkliches reden können, da ich durchaus wirklich zu einer Traumreise mittels Ideation (Leo Hartmann)[8] aufbrechen kann, was nichts anderes heißt, als daß alle Weltbeschreibungsweisen wirklich sind, was die Welten, die sie beschreiben hingegen nicht sein müssen. (Andererseits kann es vorkommen, daß eine Traumreise derart anstrengend ist - wenn man wie bei Hartmann den einschlägigen Größen der Philosophiegeschichte Rede und Antwort stehen muß -, daß man sich nach der nicht geträumten Welt zurück sehnt.)

2

Welche Eigenschaften muß jede Weltversion haben, damit ich zwischen einzelnen Weltbeschreibungen transzendieren kann oder anders ausgedrückt, wie ist es möglich, daß ich meinen Standpunkt von einer Welt in eine andere Welt verschieben kann? Wie ist es überhaupt möglich, daß ich meinen Weltbeschreibungen ändern kann? Müssen Welten offen sein, sind sie vielleicht in sich geschlossen und nach außen offen? Sind sie in Hinsicht auf eine bestimmte Eigenschaft geschlossen und in Hinsicht auf eine andere Eigenschaft offen? Was geschieht beim Wechsel von einer Welt zur anderen mit dem Inhaber des Standortes? Muß man diesen Wechsel nicht philosophisch verstehen, daß so eine Art von Erkenntniszuwachs, Bewußtwerdung, Kontexterweiterung oder ähnliches dem Weltenwandler geschieht? Was ist als Unterschied festzustellen, ist überhaupt einer zu diagnostizieren, wenn wir zwei Fälle von Weltenbewohnern oder Weltbetrachtern untersuchen? A lebte bisher und auch jetzt nur in einer Welt; und B hat bereits mehr als zweimal einen Wechsel zwischen Welten erlebt oder gar vorausschauend unternommen. Ergibt sich für A ein Dogmatismus und Monismus und für B ein Pluralismus? Besteht nicht im Fall von B die Gefahr, daß man, angesichts einer zahlenmäßig nicht überschaubaren Anzahl von Welten sich jederzeit diejenige heraussuchen kann, in der momentan angenehme Meinungen als wahr gelten und in einer Welt vielleicht tabuierte Handlungen wie Mord zum, in der Öffentlichkeit positiv gewerteten alltäglichen Ritual gehören? Welches Recht hat eine Welt gegenüber ihren Bewohnern? Was muß dafür vorausgesetzt werden?

Wir wissen ja einiges über die Beschaffenheit von manchen Welten: Beispielsweise, daß sich nur Meisterspione und äußerst unlautere Gesellen scheinbar frei und mühelos zwischen den einzelnen Welten (und einzelnen Wahrheiten) bewegen können und daß es Relationen zwischen einzelnen Welten gibt, die dem Mörder die Flucht durch die Auslieferung an die Gerichtsbarkeit einer anderen Welt vergällen können usw.

Andererseits wissen wir auch, daß solche soliden Weltbilder, wie sie von Hebel in seinem "Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes" an seinen geneigten Lesern beschrieben wurden auch noch heutzutage vertreten werden, zum Beispiel der Glaube gewisser Dorfbewohner daran, daß die Welt hinter den Grenzen ihres Dorfes zu Ende ist.[9] Folgen wir der Aufklärung alten Stiles, müßten wir, geführt von den Idealen der Wissenschaftlichkeit und des Humanismus, den Dorfbewohnern ihren Unglauben auseinandersetzen und sie zudem davon überzeugen, daß unser Weltbild viel vollständiger, fortschrittlicher usw. als das ihrige ist. Tun wir dies, neigen wir dazu, einen Monismus der Weltbilder anzuerkennen. Wollen wir hingegen aufklärerisch im neuen Stile sein, dann lassen wir die Dorfbewohner bei ihrem Weltbild und bleiben bei unserem. Sind wir dazu noch Demokraten, dann könnten wir vielleicht uns vor das Problem gestellt sehen, eine Art minimalkonsensualer Welt per Abstimmung verbindlich für alle mehrheitlich durch Wahlen festlegen zu lassen. Diese minimalkonsensuale Welt wäre so etwas wie das Wesentliche, das alle Bewohner aller in Frage kommender Welten in ihren Weltbildern ausdrücken würden. Damit wären wir letztendlich an einem Punkt angelangt, wo wir vermuten könnten, daß alle Welten Spielarten oder Varianten der einen essentiellen Welt sind.

Ich halte dieses Modell für abwegig, weil die Stringenz des Gedankenganges, daß das Gemeinsame nur als Wesentliches in Frage kommen läßt, unbegründet ist. Genau so gut wie im Wesen könnten Welten in ihrer Farbe, ihrem Geschmack oder in einer beliebigen anderen Eigenschaft übereinstimmen. Gemeinsame Aussagen aus verschiedenen Welten müssen aus diesem Grund auch nicht für alle Welten gelten, sondern nur für all jene Fälle, die für unsere Betrachtungen in Frage kommen. Eine solche Eigenschaft wäre die der Reduzierbarkeit einer Weltversion auf eine andere, z.B. einer chemischen Version einer Weltbeschreibung auf eine physikalische. Eine andere wäre die der logischen Form der Aussagen über Welten innerhalb von Weltversionen, was bedeutet, daß wir nur dann eine Aussage über eine Weltversion als solche identifizieren und behandeln können, wenn sie den Bedingungen der logischen Form genügt. Das bedeutet, daß Weltversionen in bestimmten Rahmenbedingungen übereinstimmen müssen. Diese Übereinstimmung macht es uns erst möglich, einen Gebrauch des Wortes >>Welt<< als sinnvoll zu betrachten.[10]

3

Was bereitet uns die meisten Schwierigkeiten, wollten wir zur Ansicht zurückkehren, daß die Produktion eines Kunstwerkes gleich der Erzeugung einer Welt sei? Ich vermute, weniger der Gedanke daran, daß wir dies nicht tatsächlich könnten, sondern die Tatsache, daß dies mit ungeahnten Problemen verbunden sein dürfte. Nähmen wir nämlich ständig Veränderungen an den Beschreibungen unserer Welten vor um diese konsistent zu halten, so müssen wir Weltbeschreibungen genauso als aus einer realen Substanz bestehend betrachten wie künstlerische Produkte. An dieser Stelle wäre es für uns unverzichtbar, daß wir uns beispielsweise über ein Kriterium verständigen müssne, das uns bei der Suche nach Merkmalen hilft, in denen sich eine virtuelle Welt von einer normalen Welt eindeutig unterscheidet. Die Frage, ob virtuelle Welten den Charakter von Weltbeschreibungen besitzen, wird jedoch nicht durch ein Wirklichkeitskriterium entschieden, sondern durch die Art und Weise ihrer Handhabung innerhalb einer Lebensform. Welten müssen, im Gegensatz zu den Sätzen ihrer Beschreibungen, in sich weder wahr noch falsch sein. An einer Welt läßt sich allerhand bezweifeln, bis auf den Umstand, daß der Terminus Welt nur auf jene Weise im Sinne von Realität verwendet werden kann, wie er von uns sowieso gewöhnlich, d.h. im Alltag benutzt wird.[11]

Warum sind wir aber dann ständig versucht, die Unterschiede zwischen einem Kunstwerk, den unterschiedlichen Möglichkeiten der Weltbeschreibung und dem gewöhnlichen Gebrauch eines Terminus aus dem einen, vielleicht pragmatischen Grund zu beseitigen und zugleich, aus dem anderen, vielleicht theoretischen Grund, neu zu schaffen? Einerseits aus dem philosophischen Bedürfnis heraus, Unzulänglichkeiten unseres empirischen Umgangs mit Weltbeschreibungen verstehen und übersehen zu lernen und andererseits - geradezu im Stile einer Therapie - die festgestellten Defizite, Mängel und Lücken durch philosophische Theorien zu kompensieren. Zwei Arten von Philosophie scheiden dabei aus: Alle Versuche, die auf der eingestandenen, romantisierenden und auf der subjektiven wie illusionären Selbsttäuschung beruhen, daß wir alle Kraft zur "Weltbewältigung" in uns selbst finden, da wir das Einzige sind, auf das Verlaß ist. Die Vision dabei ist, daß, wenn wir uns ändern, sich automatisch auch die Welt änderte. Ändern hieße hier vor allem, daß wir etwas tun müssen.

Und das genaue Gegenteil hiervon muß auch unbefriedigend bleiben: Die Hoffnung, die Welt könnte in einer durchaus objektiven und realistischen Weise zu beschreiben sein, egal wie sehr sie uns auch in ihrer, ihr von uns unterstellten, Kontinuität erschrecken mag. Die Vision dieser Haltung wäre, daß wir nur abwarten können.

Bezogen auf uns, als die Interessenten an philosophischen Therapievorschlägen für die Welt, verwischen sich allerdings die Grenzen zwischen ganz anderen "Welten", nämlich jene zwischen unseren ureigenen Vorstellungen und Bedürfnissen auf der einen und zwischen Philosophie und Psychologie auf der anderen Seite. Wann immer wir mit uns und der Welt unzufrieden sind, hoffen wir, daß es wiederum ein adäquates Mittel der philosophischen Therapie gibt, um uns und die Lücken in der Welt zu heilen. Das Schlimme daran ist, daß wir bei jedem dieser erneuten Versuche vergessen, daß alle vorangegangenen gescheitert sind.

Vielleicht verwischt sich aber auch die Grenze zwischen unseren Therapiewünschen und der Philosophie, Psychologie und Kunst. Vielleicht finden wir dann, wenn schon nicht das Allheilmittel so doch eine ganze Reihe wirksamerer einzelner Therapien, um auf die jeweiligen Bedürfnisse defiziler und damit passender einzugehen. Freilich sind wir dadurch virulenter. In dieser Weise verstehe ich Goodmans Drang zur Interpretation von Kunstwerken.

"Die Lücke, die der Organismus des Kunstwerks aufweist, will man mit Stroh stopfen, um aber das Gewissen zu beruhigen, nimmt man das beste Stroh. (1930)" [12]

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