Philosophische Brocken.

Von Frank Stäudner.

Seit dem grandiosen Bucherfolg "Sofies Welt", der selbst zur Überraschung des Hanser-Verlages gezeigt hat, daß sich Philosophiebücher in nennenswerter Auflage verkaufen lassen, wollen auch andere Philosophen auf den Marktplatz zurück. Der Berliner Pädagogikprofessor Hans-Ludwig Freese ist einer von ihnen. Er hat philosophische Gedankenexperimente von der Antike bis heute gesammelt und kommentiert [1].

Dieser Reiseführer durch die Phantasiewelten der Philosophen, der Lust auf eigene "Ausflüge der Phantasie und des Verstandes in mögliche Welten" (S. 23) machen will, enthält in Form von Auszügen aus Originaltexten Gedankenexperimente fast aller großen Philosophen - von Platon über Hume, Kant, Leibniz bis Dennett und Putnam. Sie sind nach Themenkomplexen geordnet wie "Wahrnehmung und Erkenntnis", "Tod und Vergänglichkeit", oder "Physikalische und geometrische Welten". Freeses Kommentare wollen den philosophischen Gehalt der einzelnen Texte kenntlich machen und Bezüge zwischen den Gedankenexperimenten des jeweiligen Themengebietes aufzeigen, wie "Stimmen, die einander antworten und so etwas wie einen Chor bilden" (S. 35).

Zunächst ist die Aufmachung irreführend, mit der der Verlag das Buch versehen hat. Sie korrespondiert nicht mit dem Inhalt. Man meint, ein Kinderbuch in Händen zu halten: auf dem Einband eine lustige Kinderzeichnung und zwischen und sogar innerhalb der einzelnen Kapitel kleine Illustrationen mit ganz geringem Bezug zum Text, die als Buchschmuck dienen. Außerdem hat Freese den sogenannten `wissenschaftlichen Apparat' abgespeckt und auf eine genaue Angabe der Textquellen verzichtet. Und im Klappentext wird Freese eigens als "Experte auf dem Gebiet der Kinderphilosophie" vorgestellt. Insofern drängen sich bei einer ersten Betrachtung Parallelen zu Gaarders "Sofies Welt" auf, das ja als Kinder- und Jugendbuch beworben wurde, auch wenn es darüber hinaus für Erwachsene interessanten Lesestoff bietet.

Wer also soll das Buch lesen? Für Kinder ist es nicht geeignet. Freese empfiehlt seine Verwendung als Kompendium im Philosophieunterricht in der Schule und in philosophischen Diskussionsrunden unter Erwachsenen, die "das kindliche Staunen über das Sosein der Welt, das uns im Vorstellen und Bedenken ihres möglichen Andersseins erst eigentlich aufgeht" (S. 40), neu erlernen wollen. Nimmt man diese Aufforderung ernst, wird man vielleicht als erstes die kurzen Exzerpte wieder in den größeren Werkzusammenhang stellen wollen. Dazu benötigt man aber genaue bibliographische Angaben. Erlebt "Abenteuer im Kopf" weitere Auflagen, so sollte dieser Mangel unbedingt korrigiert werden, auch wenn das die eine oder andere Fußnote nötig machte.

Freeses knappe Kommentare können und wollen den jeweiligen Argu-mentationsrahmen gar nicht vollständig zugänglich machen, dem die Gedankenexperimente ursprünglich entnommen sind. Vertrautheit mit der Philosophiegeschichte ist daher für den Leser von Vorteil. Auch aus einem anderen Grund: So eine Beschäftigung bringt beinahe automatisch auch Kenntnisse der hermetischeren Spielarten des Philosophenjargons mit sich, die nicht nur für die Lektüre mancher der gesammelten Texte von Nutzen sind. Wenn auch Freese nicht den Verlockungen des dunklen Raunens erlegen ist, so folgen Ausführungen doch den Pfaden üblicher akademischer Gelehrsamkeit. Kostprobe: "Erst über den Umweg des Nichtseienden durchbricht das erkennende Subjekt die Oberfläche der erscheinenden Wirklichkeit" (S. 27).

Aus den großen Werken der Philosophie Gedankenexperimente als Appetithäppchen für philosophische Gehversuche zum Nutzen des Lesers wie die Rosinen aus dem Teig herauszuklauben, bedarf einer Begründung. Freeses systematische Einführung, in der er philosophische Positionen über die Position von Gedankenexperimenten in der Philosophie (das sind die berüchtigten metatheoretischen Reflexionen) referiert, dient dazu, ist wohltuend kurz, dafür aber nicht unproblematisch. Denn der Nachweis, daß Gedankenexperimente außerhalb ihres Kontext trotz ergänzender Erläuterung nicht zu hingeworfenen Brocken verkommen, ist schwer zu führen.

Die erste dieser erkenntnistheoretischen Betrachtungen ist 100 Jahre alt und stammt von Ernst Mach ("Über Gedankenexperimente". In: "Erkenntnis und Irrtum", Barth, Leipzig 1917 (3. Aufl.), S. 183-219). Experimentieren in Gedanken ist dort jede gedankliche Erprobung von Vorstellungen und Konzepten. Also macht auch der "Erbauer von Luftschlössern" Gedankenexperimente. Einen Erkenntniswert und damit einen Platz in der Wissenschaft oder Philosophie verdient haben solche Entwürfe bei Mach aber nicht. Der ist erstens Gedankenexperimenten vorbehalten, die als Planungsinstanz für später wirklich auszuführende naturwissenschaftliche Laborexperimente dienen und zweitens solchen vorgestellten Situationen, in denen unser implizites, unbewußt erworbenes Wissen über die Welt für daraus abgeleitete Schlußfolgerungen angezapft wird. Machs klassisches Beispiel, das leider bei Freese nicht vorkommt, ist die schiefe Ebene Simon Stevins, eines holländischen Mathematikers des 16. Jahrhunderts. Stevin erzielt Ergebnisse über die dort wirksamen Hangabtriebskräfte und benutzt dabei nur das intuitive Wissen um die Unmöglichkeit eines Perpetuum mobile. Auf Machs Linie liegt auch der zeitgenössische amerikanische Philosoph Daniel Dennett, der Gedankenexperimente als "Intuitionspumpen" bezeichnet, die je besser sind, je robuster ihr Wirklichkeitsbezug ist.

Freeses Problem ist nun, er will zuviel: Mach und Dennett zustimmen, gleichzeitig aber auch erbaute Luftschlösser nicht verschmähen, das geht nicht. Und das tut er, denn Freeses Auswahlkriterium ist letztlich dieses: Jedes philosophische Gedankenexperiment beantworte oder stelle die Frage "Was wäre, wenn...?". Ob sich Philosophen gern auf eine Stufe mit Phantasten gestellt sehen?

Aber ein zu weites Kriterium ist besser als ein zu enges. Es ist eher zu verschmerzen, unter den Kopfabenteuern Gedankenexperimente vorzufinden, die keine sind, als große Lücken in der Sammlung zu entdecken. Platons Höhlengleichnis (sic!) zum Beispiel hat sich unberechtigt hineingemogelt. Mit dem Schicksal in Ketten gelegter Höhlenbewohner, die auf der Höhlenwand die Schatten von draußen im hellen Tageslicht vorbeigehender Personen sehen können, illustriert Platon das Verhältnis zwischen der rohen Welt der Erscheinungen und der perfekten Welt der Ideen. Die Höhlenbewohner sind wir. Wir sehen nur Schatten. Ob es sich aber tatsächlich so verhält, davon kann uns das Gleichnis allein nicht überzeugen.

Aber genug gemäkelt. "Abenteuer im Kopf" hat auch einige gute Seiten. Die meisten Klassiker des Gedankenexperimentes sind vertreten: das `Schiff des Theseus' ebenso, wie John Searles `chinesisches Zimmer' oder Galileis `fallende Körper' und auch die in der angelsächsischen analytischen Philosophie diskutierten `Gehirne in Flüssigkeitsbehältern' (englisch: brains-in-vats). Und an einigen Stellen kommt es dank Freese in der Tat zu originellen Dialogen zwischen den Philosophen.

Nietzsche glaubte an die ewige Wiederkehr des Gleichen. Und er hatte auch ein Argument: Wenn die Welt nur endlich viele Objekte enthält, gibt es nur endlich viele Ereignisse. Da die Zeit aber unendlich ist, muß sich alles irgendwann wiederholen. An einer Stelle in "Die fröhliche Wissenschaft" soll der Leser erproben, wie der - von einem Dämon verkündete - Gedanke an das Durchleben der gleichen Ereignisse immer und immer wieder ihn veränderten, ob erheben oder niederdrücken würde. Nietzsches Übermensch, der das Leben bedingungslos bejaht, ginge gestärkt aus diesem kathartischen Erlebnis hervor. Georg Simmel (1907) meinte nun, mit einem Gedankenexperiment, das auf der Inkommensurabilität der irrationalen und der ganzen Zahlen beruht, die ewige Wiederkehr widerlegt zu haben: Eine Markierung auf zwei gegeneinander laufenden Rädern, eines mit ganzzahligem Umfang, das andere mit dem Umfang pi, kommen nie mehr zur Deckung. (Das ist eine vereinfachte Version von Simmels ursprünglicher Überlegung. Das Verdienst, Simmels Überlegung wieder für heutige Debatten nutzbar gemacht zu haben, gebührt übrigens dem amerikanischen Philosophieprofessor Roy Sorensen aus New York (Sorensen: "Thought Experiments", Oxford University Press, New York 1992, S. 13ff.). Dort hat Freese auch einige andere seiner Gedankenexperimente her.)

Aber hatte Simmel wirklich die ewige Wiederkehr ad absurdum geführt? Könnte Nietzsche nicht entgegnen, daß sich mit einer diskreten Zahl von Atomen gar kein Rad mit dem Umfang pi bauen ließe? Wenn "Abenteuer im Kopf" zu solchen Überlegungen, zu einem Eintritt in den Dialog mit den präsentierten Philosophen angeregt hat, dann war es sein Geld wert. Das philosophische Rüstzeug muß man aber schon mitbringen.

Eine bei weitem bessere Einführung, wie mit Gedankenexperimenten in der Philosophie umgegangen werden kann, bietet zum Beispiel Jay Rosenbergs "Philosophieren. Ein Handbuch für Anfänger" (Klostermann, Frankfurt/M. 1986). Dort wird sehr klar das formale, argumentative und logische Rüstzeug der analytischen Philosophie vorgestellt. Und an einigen philosophischen Rätseln am Ende des Buches kann es der Leser dann erproben. Und diese Erprobung vollzieht sich in Form eigener Gedankenexperimente.

Eine echte Perle ist bei Freese aber noch zu entdecken. Werke des italienischen Philosophen Ermanno Bencivenga sind kaum ins Deutsche übersetzt. Freese hat Auszüge übertragen, die einen wirklich originellen Denker zeigen, der hier noch weithin unbekannt ist.

[1] Hans-Ludwig Freese: Abenteuer im Kopf. Philosophische Gedankenexperimente.

Quadriga-Verlag, Weinheim/Berlin 1995

ISBN 3-88679-818-6

Kartoniert, DM 36,-

  
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