Frank Stäudner

Hugo Dinglers Wissenschaftsgeschichte - eine kritische Skizze

Hier handelt es sich um die Zusammenfassung eines zehnminütigen Kurzvortrages, der beim Treffen des Driburger Kreises in Bonn am 22.9.95 gehalten wurde. (Der Driburger Kreis ist ein Forum für Nachwuchswissenschaftler in der Wissenschafts-, Technik- und Medizingeschichte, der jedes Jahr vor der Tagung der "Langnamen-Gesellschaft" (Deutsche Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik) zusammentritt.) In dieser Kürze kann natürlich nicht sehr ausführlich argumentiert werden. Vielleicht bietet dieser `Abstract' aber immerhin Anknüpfungspunkte, in eine Diskussion über Dinglers Werk und seine Person einzutreten. Dies verspricht durchaus interessant zu werden, nicht nur weil sich der Erlanger Konstruktivismus auf ihn berufen hat, sondern auch weil Dinglers Verstrickung in den Nationalsozialismus je nach Akzentuierung als tragisch bis liebedienerisch bösartig beschrieben werden kann und auf eine Klärung noch wartet.

Eine übliche Meinung über das Verhältnis von Philosophie und Geschichte lautet etwa so: Philosophie ist aufgrund ihres systematischen Anspruchs grundsätzlich ahistorisch. Für das wissenschaftstheoretische Werk des deutschen Philosophen Hugo Dingler (1881-1954) trifft das nun sicher nicht zu. In einem seiner Hauptwerke ("Das Experiment - Sein Wesen und seine Geschichte", Reinhardt, München 1928) sind sie ganz im Gegenteil traut vereint. Dort schließt sich an Dinglers erkenntnistheoretische Würdigung des wichtigsten Instrumentes der Naturforschung - des reproduzierbaren Experimentes - die zugehörige Geschichte an, worin die wesentlichen Momente und Einsichten von der Antike an herausgearbeitet sein sollen, die dem Experiment seine heutige zentrale methodische Rolle gegeben haben.

Nimmt man neben der engen Beziehung von philosophischer Analyse und wissenschaftsgeschichtlicher Darstellung in Dinglers Werk noch seinen vehementen Certismus (das Streben nach Letztbegründung und einem sicheren unumstößlichen Fundament der Erkenntnis) zur Kenntnis, dann liegt folgende Frage nicht allzu fern: Läßt sich unter Rückgriff auf eine philosophische Position der historische Relativismus bekämpfen - eines Relativismus, der auf fehlenden Auswahlkriterien für die "wirklichen" geschichtsmächtigen Ereignisse und ihrer Verknüpfung beruht?

Dingler mangelte es sicher nicht an Selbstbewußtsein, wenn er die abendländische Wissenschaftsphilosophie in seiner Erkenntnistheorie kulminieren sah. Knapp skizziert bietet sie sich dem Leser wie folgt dar: Ein stabiles Bild der Welt entsteht nur, wenn die ihm zugrundeliegenden Ereignisse reproduzierbar sind. Dies geschieht durch einen aktiven, kontrollierenden Eingriff in das Naturgeschehen, durch experimentelles Handeln . Reproduzierbar allerdings nur, weil der Meßprozeß und die Konstruktion von Meßgeräten auf "elementaren Form- und Wirkungsgestalten" beruhen. Diese Elementarformen (Ebene, starrer Körper) sind daher unverzichtbar (normative Letztbegründung!) und finden im wesentlichen in der Euklidischen Geometrie und der Newtonschen Mechanik ihre begriffliche Formulierung. Ein weiteres Charakteristikum von Dinglers Darstellung ist die strikte Trennung von experimenteller Praxis und theoretischer Analyse. Weil die eigentliche wissenschaftliche Leistung im experimentellen Handeln zu sehen sei, kommt der Theorie nur die Rolle einer "Hilfswissenschaft" zu - nämlich die "Zahlenwolke" (= Meßtabellen, beide Zitate Dingler), das Produkt des Experimentierens, zu ordnen.

Von dieser Wissenschaftsphilosophie hängt nun Dinglers Geschichte des Experimentes parasitär ab. Herausgekommen ist eine Wissenschaftsgeschichte als Ideengeschichte. Geschildert wird der Wandel in der "geistigen Einstellung", der es möglich machte, ein modernes naturwissenschaftliches quantitatives Experiment über veränderliche Vorgänge zu konzipieren. Weil Dingler für sich beansprucht, als erster die methodische Rolle des Experimentes festgehalten zu haben, ist die Geschichte dieses Wandels letztlich eine Genealogie der eigenen Philosophie mit einem dadurch bedingten finalistischen Anstrich. Diese Perspektive ist zeitweilig durchaus originell. So bekommt beispielsweise Nikolaus von Oresme (gest. 1382) eine bedeutende Rolle für seine quantitative Bestimmung der Geschwindigkeit und die Verwendung graphischer Funktionsdarstellungen, die er in anderen wissenschaftsgeschichtlichen Gesamtdarstellungen selten hat.

Aber der Preis ist hoch. Weil diese Geschichte durch ihr momentanes Endergebnis, die moderne Naturwissenschaft, bestimmt wird, geraten nur die positiven Errungenschaften auf dem Weg zu ihr in den Blick und nicht die Irrungen und Wirrungen.

Schwerer wiegt allerdings dies. Weil für solcherart Geschichtsschreibung ein philosophischer Standpunkt das Auswahlkriterium bereitstellt, hängt sie auch vom Bekenntnis zu dieser Philosophie ab. Unser Problem hat sich demnach nur verlagert. Aus der Frage nach einem historischen ist eine Frage nach dem philosophischen Relativismus geworden. Auch wenn Dinglers Gedanken von Paul Lorenzen und seinen Schülern nach dem II. Weltkrieg im sogenannten Erlanger Konstruktivismus aufgegriffen und weiterentwickelt wurden, in einer Minderheitenposition hat diese Philosophie stets verharrt. So ist die Antwort auf die eingangs gestellte Frage eindeutig, aber negativ. Als Methode der Geschichtsschreibung allgemein und der Wissen-schaftsgeschichts-schreibung im besonderen scheint demnach eine Methode der Methoden-losigkeit um einiges vielversprechender.

  
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