Matthias Werner

Digitale Bibliothek von Directmedia

Was wünschen sich Philosophen, solche, die es werden wollen und andere geisteswissenschaftlich Interessierte? Eine eigene Bibliothek! Sie sollte die zentralen Werke der gesamten Philosophiegeschichte enthalten, übersichtlich geordnet sein, spezifische Lexika beinhalten, bezahlbar sein und bei den unvermeidlichen, aber häufigen Umzügen die Wirbelsäule schonen.

Geht nicht? Gilt nicht. Die CD-ROM macht's möglich: Auf solch ein Medium passen immerhin bis zu 650 MB Daten, auf ihren Nachfolger, die DVD sogar 17 GB. Wenn man sich überlegt, dass eine unkomprimierte Textdatei von der Größe eines tausendseitigen Buches mit einer Millionen Zeichen über den Daumen nur ein MB Speicherplatz benötigt, kommt man bei der herkömmlichen CD-ROM etwa auf zweitausend komplette Bücher. Entsprechend mehr wären es auf DVD.

Man sieht: Trotz der üblichen Bedenken und Weissagungen in Zeiten des Laserdruckers (lesen sei schlecht für die Augen und besonders am Bildschirm) ist eine Menge drin.

Was kommt heraus? Die Directmedia hat sich da eine Menge einfallen lassen. Die Auswahl der Texte ist gut und brauchbar. Man beschränkt sich auf Wesentliches, Zentrale Bücher, aber auch Aufsätze, die von Bedeutung sind, kann man schnell und sicher finden. Wer allerdings auch "neuere" Texte von Lyotard bis Lorenz, von Heidegger bis Habermas sucht, wird nicht auf seine Kosten kommen.

Ein großes Plus ist die Möglichkeit, die Texte in gewohnter Explorer-Übersicht durchzublättern. Volltextsuchen und Boolsche Operatoren (Stichworte können mit verschiedenen logischen Operationen verknüpft werden) bei Seitenangabe der entsprechenden Textstellen (wie beim Microfiche) ermöglichen echtes wissenschaftliches Arbeiten. Wer am Wochenende (mangels präziser Planung) noch einen Buchauszug oder einen Aufsatz vermißt, kann einfach den benötigten Text ausdrucken lassen. Zu kritisieren wären eigentlich nur die Softwareentwickler. Da gibt es noch Kleinigkeiten, die sich allerdings durch ein Update des Browsers bereinigen ließen. Zum einen ist die mitgelieferte Software nicht für den Apple Macintosh tauglich. Man muß erst einen umständlichen Windows-Emulator installieren.

Unter Windows 95, 98 und NT läuft das Programm problemlos, aber nur, wenn man die anstrengend hellen Standardfarben des Betriebssystems verwendet. Die Textfarbe läßt sich nämlich explorerseits nicht anpassen und wird auch nicht von der aktuellen Konfiguration des Betriebssystems übernommen. Außerdem läßt sich die Schriftgröße nicht auf leserfreundliche zwölf bis vierzehn Punkt Größe bringen.

Für mich und für viele, viele PC- oder Apple- User bleibt der große Traum von enzyklopedischen Bibliotheken in voll kompatiblen HTML- Standard- Design mit diversen Java-Funktionen und kleinen Tools, die sich in die üblichen Web-Browser integrieren lassen, vorerst noch Zukunftsmusik, aber man kann eben nicht alles haben.

Diese CD-ROM's des Directmedia- Verlages sind kein Buchersatz, aber ein Schritt in die richtige Richtung und empfehlenswert für alle, die an wissenschaftliches Arbeiten und an Bildschirme gewöhnt sind.

Digitale Bibliothek. Band 2. Philosophie von Platon bis Nietzsche. Ausgewählt von F.-P. Hansen. Directmedia Publishing GmbH, 99 DM. Digitale Bibliothek. Band 3, Geschichte der Philosophie. Ausgewählt von M. Bertram. Directmedia Publishing GmbH, 99 DM.

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