WAS IST DAS POLITISCHE?

Stephan Günzel, M.A. (Berlin/Jena)

VORBEMERKUNG

Das folgende versucht sich an einer Bestimmung von Philosophie hinsichtlich der politischen Relevanz bzw. der politischen 'Anteile' von Philosophie. In diesem Sinne ist 'Philosophie als Politik' von 'Politischer Philosophie' zunächst unterschieden: Diese beschreibt mögliche politische Systeme und das Handeln in ihnen oder liefert retrospektiv Erklärungsmuster der Konstitution von politischen Gemeinschaften, jene hingegen will das politischen Potential der Philosophie selbst - wie Philosophie 'politisch werden' kann - bestimmen. Daß sie dabei andere Varianten politischer Philosopheme im Sinne der 'Politischen Philosophie' berührt, ist nur konsequent.

Als Folie der Bestimmung des Politischen (in) der Philosophie gilt hier exemplarisch das Denken von Gilles Deleuze und Félix Guattari. Für den angegebenen Bereich können sie als einen maßgebliche Instanz dieses (politisch-)philosophischen Denkens am Ende des Zwanzigsten Jahrhunderts gelten. Ausgehend von einer quasidefinitorischen, elliptisch verkürzten These wird in der hier unternommenen textuellen Durchwanderung der aus der Ellipse hervorgehenden topoi 'Philosophie als Politik' beschrieben. Der Anspruch der Darstellung zielt auf Vollständigkeit innerhalb dieses Rahmens. (1) Das heißt, daß die topoi, die den einzelnen Themenüberschriften entsprechen, eine Denk-Landschaft im kartographischem Vorgehen 'flächendeckend' beschreiben. Die Darstellung ist jedoch nach wie vor von ihrem Ansatz her streitbar. (2)

ELLIPSE

Der Anlaß der Philosophie ist das 'Aktuelle'. Dadurch 'wird' Philosophie immer auch 'politisch'. Dieser Zustand ist zugleich 'problematisch'. Das 'Problematisch-Sein' des Aktuellen bzw. des Politischen (in) der Philosophie bedeutet demgemäß auch: 'vor der Aufhebung' verharren und den Bezug zum Außen, zum 'Ereignis' - dem Anlaß -, bestehen lassen.

BEGRIFFE

Die Aufgabe der Philosophie ist es, 'in Begriffen zu denken'. Die Begriffe der Philosophie sind dabei nicht referentiell verfaßt. Darin unterscheidet sie sich notwendig von Aussagen und Propositionen mit möglichen Wahrheitswerten. (3) Die Begriffe bewirken die permanente Bewegung des Denkens. (4) - Nur so kann sich das Denken auf ein/das Außen 'öffnen' (5) bzw. 'bereit sein' für das/den a/Andere(n).

GEWALT

Mit dem a/Anderen verbindet sich im weiteren eine Doppelung der gesamten Thematik in einen analytisch-metaphysischen sowie in einen polito-ontologischen Teil, die zugleich das 'Politisch-Werden' der Philosophie hervorheben: Zum ersten ist mit dem Auftauchen und Hereinbrechen des a/Anderen stets 'Gewalt' verbunden. Zum zweiten verweist der/das a/Andere auf die Problematik der 'Territorialität'.

'Gewalt' beschreibt zunächst eine Potenz von Begegnung vor ihrer Differenzierung (d.h. ihrer Wertung) in 'gewaltig' (positiv) - gegenüber dem 'Freund' - einerseits und 'gewalttätig' (negativ) - gegenüber dem 'Feind' - andererseits. (6) Das/der Fremde als Individuation des a/Anderen erfordert, um als solches/r erscheinen zu können, die Bereitschaft zur Deterritorialisierung des Eigenen bzw. des Identischen.

ANDERE

Das/der Fremde liegt per se und per definition jenseits der Möglichkeit propositionaler Identifikation wie auch der Konzeptualisierung durch Begriffe. Deswegen erscheint es/er zunächst als 'Schreckliches/r' oder als 'Unbegreifliches/r'. (7) - Daran kann auch die Philosophie nichts ändern. Diese ('real'-hermeneutische) Aufgabe übernehmen Filme, Romane, Berichte, und nicht zuletzt Begegnungen. (8) Die Aufgabe der Philosophie liegt - das sei nochmals betont - in einem anderen Bereich: dem der Begriffsschöpfung bei gleichzeitiger Konstruktion eines zugehörigen Feldes aktueller Geltung de jure. Die Bestimmung dieser Geltung, die dabei transzendentale Züge (als Bedingung der Möglichkeit von Begegnung) annimmt, kann jedoch nicht benannt, sondern nur 'gezeigt' werden - eben im Denkvollzug selbst.

IMMANENZ

Das/der Fremde bzw. der/das a/Andere stellen für die Philosophie keine Transzendenz dar, wie etwa die eines Gottes (- dem Beispiel der Beispiele...). Die Philosophie, die den/das a/Andere (be)denkt ist keine 'negative Theologie'. (9) Da die Philosophie das Denken in der Immanenz - sie fragt nicht nach Wahrheit oder weist die Wahrheit aus, sondern denkt in Wahrheit (daran rührt die Unbedeutsamkeit propositionaler Wahrheit für die Philosophie keinesfalls) - hält, (10) erscheint der/das a/Andere als eine mögliche Welt mit Geltung de facto. Die Philosophie vollzieht nicht die Begegnung - sie bereitet auf sie vor.

VIRTUALITÄT

Mit dieser Bestimmung des philosophischen Denkvollzugs als strikt immanenten Vorgang, erfährt die Kategorie des 'Möglichen' eine Korrektur: Da der Vollzug der Begegnung gerade nicht antizipiert werden kann, verliert sie ihre Beschreibungskraft bzw. verleitet zu falschen Annahmen. Das Wirkliche ist im Möglichen schon vorweggenommen bzw. ist das Mögliche nach dessen Muster (als Urbild) entworfen. In Bezug auf eine Aktualisierung der Fremdbegegnung (dem Ereignis) muß vielmehr von (der) 'Virtualität' (des Ereignisses) gesprochen werden. 'Virtuelles' hat im Gegensatz zum Möglichen, das nur 'teilhat' am Wirklichen, eine eigene Realität. - Dies ist seine 'Virulenz'. (11)

TERRITORIALITÄT

Das Problematisch-Sein des Territoriums ist erst von Belang, wenn die Begegnung mit dem Fremden bzw. die Zeitigung des Ereignisses statthat. Dies ist das Feld einer 'Ethik' (besser: eines ethos), die sich so auf die Aufgabe der 'Philosophie als Politik' rückbezieht. Das Territorium konstituiert sich aus zwei, meist komplementären, Vektoren: der eine designiert die Bewegung der Deterritorialisierung, der andere die der Reterritorialisierung. Beide haben eine sowohl physio-politische als auch eine metaphysisch-psychische Bedeutung.

So beschreiben sie die Prozesse, die Staatsgründungen und ihre Untergänge bedingen. (12) Sie beziehen sich darin aber auch auf eine Vielzahl somatischer Vorgänge, die individuellen, die sozio-ökonomischen, wie den terrestrischen Körper betreffend. Zugleich erlauben sie die Rehabilitierung einer Sprechweise, die sich aus dem 'bloß Metaphorischen' löst und eine hohen Grad an Beschreibungskraft erlangt. Da aber die Beschreibung der Prozesse der De- und Reterritorialisierung in diesem zweiten Sinn auf mentale und nicht auf reale Landschaften rekurriert, ist ihre Funktion - sobald sie bezeichnet - präskriptiv, d.h. 'utopisch' (in diesem Sinne: virtuell-virulente Orte erzeugend) und keinesfalls referentiell.

TOD

Der Prozeß der Deterritorialisierung weist auf das Thema des 'Todes' hin. (13) Die Multiplizität der Tode - als Ereignisse des Lebens und innerhalb von diesem - liegen auf Fluchtlinien, die den status quo des Lebendigen deterritorialisieren und das Leben folglich bedrohen. Die kleinen Tode sind insofern schrecklich. - Darin gleicht sich ihnen der/das Fremde bzw. der/das a/Andere welcher/welches die Identität des Begriffs und zugleich die Stabilität, d.h. die 'Unbewegtheit', des Denkens bedroht. Beiden wird durch vielgestaltige Reterritorialisierungsmaßnahmen (Verdrängung, Kulturbildung u.a.) entgegengewirkt. (14) Gerade aber in der Auflösung dieser statischen Zustände liegt die Möglichkeit zu neuen Organisierungen. Für den Staatsapparat und diktatorische Systeme bedeuten die 'kleinen Tode' immer eine Gefahr, da sie an der Zersetzung von Machtstrukturen mit wirken. (15) - Sie vergessen dabei, daß auch sie aus einem anderen Tod hervorgegangen sind.

KÖRPER

Die Körper, die sich deterritorialisieren - dem Fluchtpunken der Tode zustreben bzw. umgekehrt zugleich so auch 'den Tod fliehen machen' (16) -, werden 'organlos'. (17) Sie gehen an die Grenze ihrer Mächtigkeit in dem sie die 'Grenze, die sie sind', aktiv ausdehnen. (18) Der Unterschied liegt jedoch in der Fähigkeit 'zu-Grunde-gehen [franz.: effondement] zu wollen' oder nicht. Ein Index ist die Aussetzung gewisser spezifischer Funktionalisierungen. Im Falle des individuellen Körpers: Sprechen einer Standartsprache, Sich-Fortpflanzen, Verdauen, Aufrecht-Gehen etc.; im Falle des sozio-ökonomischen Körpers: Tausch (Kommunikation, Inzestverbot, Handel), Verkehr, Arbeit etc.; im Falle des terrestrischen Körpers: Grenzen, politische Metasysteme, Kanalisierung von Rohstoffen etc. (19)

Die zugehörigen Erscheinungsformen ähneln sich in ihrem Bestreben, Organisierungsformen und ihre Bestandteile (Organe) aufzulösen und/oder zu transformieren: Changierende Geschlechtlichkeit, Wanderschaft, Rausch, Tanz, Entstehung esoterischer Sprachen und Dialekte, Staatenlosigkeit (in Folge: Ende der Nationalstaaten und der Ethnien), Zersplitterung der Interessensgruppen (dadurch: Emanzipation minoritärer Entitäten), Befreiung der Natur von ihrer Romantisierung, die mit ihrer Ausbeutung Hand in Hand ging (20) etc.

GERECHTIGKEIT

Die Folgen sind schrecklich - und entfremdend. Der 'Wahnsinn' (die Dysfunktionalität) gelangt durch sie zur Herrschaft. Die Deterritorialisierung der Körper bejaht eine Gerechtigkeit, die weder ausgleichend ("Jedem das Gleiche!") - die religiöse Variante -, noch austeilend ("Jedem was er verdient!") - die kapitalistische Variante - ist, sondern 'richtend' ("Jeder!"). Gleichwohl dies die Vorstellung einer bisweilen schicksalshaft-göttlichen Gerechtigkeit (dike) ist, offenbart sich darin das einzig (formal wie inhaltlich) positive Menschenrecht, das gemeinhin von der Chiffre 'Freiheit' geziert wird: das Experiment, das Recht/der Wille zu vergehen, der Suizid, einen 'Körper ohne Organe [franz: corps sans organes] schaffen' - kurz: ein ent-göttlichter Humanismus.

RAUM

Das 'Nomadische' hat seine Bedeutung als philosophisch-politische Kategorie durch den Imperativ der Deterritorialisierung, die es ausdrückt/in ihm ausgedrückt ist. ("Beweg' dich!") Das Nomadische erfordert ein anderes Verhalten zum bzw. im Raum. Vorgänge der Reterritorialisierung begründen Staaten, definieren Grenzen, indiziert Gebietsansprüche. Diese schreiben sich in die verschiedenen Körper - nicht zuletzt in den der Erde - ein. Ihre Erscheinungsformen sind juridischer, linguistischer, genetisch-genealogischer, kurz: 'rationaler' Art. (21) Der Raum kommt hier als eine distribuierbare Ganzheit zum Vorscheinen, als ein 'gekerbter'. (22)

NOMADISMUS

Anders verhält es sich in betreff dem Prinzip der nomadischen Verteilung: Sie löst die Körper bzw. seine Funktionalisierung (also seine Organe bzw. seine Organisierung) auf, indem sie aus ihnen eine nicht-distribuierbare Allheit, ein Universum - nicht einen 'Kosmos', wohl aber einen 'Chaosmos' - macht. Der Raum ist hier vielmehr 'glatt'. (23) Die Bewegung darin ähnelt der Bewegung des philosophischen Denkens. Sie flieht auf den Tod, den Untergang, das Fremde um ihn/es zu ermöglichen bzw. zur Aktualität gelangen zu lassen. (24)

WIEDERHOLUNG

Dieser Vorgang ist je schon mimetisch, d.h. wiederholend und nicht abbildend. Das Mimetische ist nicht bildhaft (repräsentativ), nicht begrifflich, nicht 'u-topisch' in diesem Sinne (wenngleich es nie eine gewisse anarchische Teleologie bzw. energeia verleugnen kann) - es ist Merkmal des 'Werdens', da mimesis 'Anders-Werden' (durch Ähnlichkeit) bedeutet. - Darüber hinaus so aber eine unbedingte Verbindung zum Außen vorraussetzt, gleichfalls beweist - wohin und worin ein Werden sich deterritorialisiert.

Der dialektische Prozeß ist hier insofern ausgesetzt, als das sich nur der Vorgang der Negation wiederholt. Weil aber die Synthesis ausgesetzt wird, verliert das vermittelnde Moment zugleich seine Negativität und der problematische Charakter der Entzweiung kommt zu seinem Recht. Darin besteht der wichtigste Grundzug eines konsequenten anarchisch-atheistischen Materialismus.

Die vorgängige Befreiung des Denkens vom Zugriff des Identischen bei Habilitierung der Wiederholung erlaubt dabei die Resolution derjenigen Aporie, die dort das Werden blockiert, wo unter der Herrschaft des Identischen der Zwang zum (absolut) 'Neuen' als Movens (im Zeichen oder 'Namen' des Seins) fungiert. (Gleichwohl können Konstellationen und/oder einzelne Elemente 'neu' sein.) Vielmehr muß die Wiederholung selbst als originäre Produktion verstanden werden, welche die Beziehungen der Differenzen zueinander bezeugt. (Letzteres ist in einem vom Identischen infiltriertem Denken ausgeschlossen. - Hier sollen die Differenzen im Gegenteil radikale sein, d.h. maximale Selbstidentität besitzen.) Erzeugt werden vertikal verlaufende Serien statt horizontal geschichtete Urbilder-Abbild-Verhältnisse. (Daher auch die immense, regulative Bedeutung der repititiven Werke in Malerei und Musik für das philosophische Denken.)

WERDEN

Von einem solchen Werden aus begriffen, steht das Aktuelle damit außerhalb einer Teleologie der Geschichte, bildet aber zugleich immer wieder ihren Anlaß, wenn die Bewegung des Denkens angehalten wird, der Begriff auf das Ereignis zugreift und gleichsam mit ihm untergeht. Daß dies nicht die Aufgabe der Philosophie ist - sondern die der Geschichte - steht der 'ewigen' Forderung, die an die Philosophie herangetragen wird ('sich auf die Wirklichkeit zu beziehen') entgegen.

Noch einmal: Die klassische Vorstellung der 'zwei Welten' ist richtig! Es gibt eine Welt der Dinge (besser: der Ereignisse) und eine Welt der Worte (besser: der Begriffe). Ihr Verhältnis war nur falsch bestimmt. Im Sinne des erläuterten Philosophieverständnisses ist ihre Beziehung notwendig ihre Nicht-Beziehung. Dennoch sind sie aufeinander 'bezogen', indem sie für einander reziproke Virtualitäten bilden.

BEGEHREN

Bisweilen gibt es aber auch ein 'Ereignis-Werden' des Begriffs. - Dies ist der Moment der Revolution. (25) In der Revolution kommt ein originär affirmatives Begehren zum Ausdruck, welches sich von der Ideologie des Mangels und ihrer dialektischen Struktur befreit hat. Ein Begriff (Freiheit) oder eine Begriffsvielfalt (Freiheit, Toleranz, Gleichheit etc.) werden hier zu Motiven. Das 'Motiv' wiederum ist ein Konglomerat aus movens und idea. Wobei erstes den Vorgang der Aktualisierung ausdrückt (- dadurch ist die Utopie gerade nicht imaginär, sondern real), zweites den Zustand des Problematischen markiert (dadurch ist die Idee gerade nicht dialektisch, sondern 'differenzierend'.)

PROBLEMATISCH-SEIN

Das Problematische in diesem Sinne verstanden (in der Logik des Ästhetischen gefaßt: ein reflektierendes Urteil unter Aussetzung des Allgemeinbegriffs bzw. die Erzeugung einer Singularität) im Gegensatz zum Hypothetischen (dem bloß Mögliche in Hinblick auf ein Allgemeines) und Kategorischen (das Allgemeine schlechthin - das Gesetz) verbleibt in der 'Aktualität'. (26)

Darin gleichen sich die mäeutische und die spekulative Dialektik, daß sie den problematischen Zustand des Aktuellen nicht aushalten können bzw. ihm sich nicht auszusetzen vermögen. Erstere richtet ihn in Hinblick auf eine mögliche Begriffs-Repräsentanz nach seiner 'Tauglichkeit', letztere trennt einen unterstellten Gehalt (paradoxerweise: das 'Wirkliche') von seiner Akzidenz (die aber nur in der Aktualität selbst bestehen kann) um ihn schließlich 'Begriff' werden zu lassen.

ELLIPSE

Der Anlaß der Philosophie ist das 'Aktuelle'. Dadurch 'wird' Philosophie immer auch 'politisch'. Dieser Zustand ist zugleich 'problematisch'. Das 'Problematisch-Sein' des Aktuellen bzw. des Politischen (in) der Philosophie bedeutet demgemäß auch: 'vor der Aufhebung' verharren und den Bezug zum Außen, zum 'Ereignis' - dem Anlaß -, bestehen lassen.


Fußnoten:


1 In dieser Hinsicht ist das Vorgehen 'klassisch' bzw. 'modern' und entspricht nicht unmittelbar den Vorstellungen, die die Referenzautoren gestellt hätten.
2 Streitbar ist sie vor allem von Seiten der Dialektik her. Die Dialektische Philosophie und die Philosophie der Differenz markieren einen der fundamentalsten Konflikte innerhalb der Philosophie. In Auseinandersetzung mit Vertretern der Dialektik und als eine erklärende Antwort versteht sich dieser Versuch als eine Weiterführung der auf dem 3. französisch-deutschen Philosophie-Kolloquium in Evian-les-bains 1997 zu dem Thema "Das Politische (in) der Philosophie" begonnenen Debatte. Er wird zusammen mit den anderen Bei- und Nachträgen demnächst auf französisch erscheinen. Großer Dank gilt an dieser Stelle Dr. Marta Boeglin, die nicht nur die französische Übersetzung des Textes besorgte, sondern erst dem Anlaß zu diesem Text einen Platz gab.
3 Da der philosophische Begriff, der im folgenden jeweils unter 'Begriff', verstanden werden soll, einem vorgängigen Akt der Schöpfung (durch den Philosophen) unterliegt, steht er in einem diametralen Gegensatz zu Propositionen, die deiktische oder konnotative Funktion haben. (Was nicht heißt, daß nicht in beiden Bereichen die selben Worte gebraucht werden können.) - Vorausgesetzt, man versteht Philosophie als die Erschaffung der Begriffe in ihrer (selbstreferentiellen) 'Bedeutung' und nicht als die Reflektion auf oder die Wahrnehmung von Welt bzw. 'Wirklichkeit', die die 'Bedeutung' sichert.
4 Demgemäß beschreiben Deleuze und Guattari das philosophische Denken als ein Denken in "unendliche[r] Geschwindigkeit" [franz.: "vitesse infinie"] (Was ist Philosophie?, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1996, 42 [Orig.: Qu'est-ce la Philosophie?, Paris: Les Éditions de Minuit 1991, 38]). Die Bezeichnung ist mehr als eine Metapher: Sie ist eine Analogie und meint die Fähigkeit 'schizophrenen' Denkens, ein Maximum an (assoziativen) Verknüpfungen herzustellen und in ihnen zu denken. Die Schwelle, die dieses Maximum von einem 'Zu-viel' trennt ist der Umschlagspunkt vom offenen (schizophrenen) Netz in ein geschlossenes (paranoides) System. Im letzten Fall werden die Verbindungen zu permanent signifikanten Strukturen.
5 Unter Vorgriff auf noch folgende topoi kann gesagt werden, daß der Aphorismus eine primäre Stilistik des philosophischen Schreibens im Sinne der 'Philosophie als Politik' darstellt: In ihm wird 'Etwas' als 'problematisch' thematisiert und dabei zur Gänze artikuliert. (So ist der Aphorismus ein 'organloser Körper' oder eine 'Immanenzebene', der für den Moment seiner Geltung vollständig, zugleich aber nicht referentiell ist.) Gegenüber der Abhandlung, die deduktiv verfährt, ist der Aphorismus intuitiv. Jene bleibt dabei dem Möglichen verschrieben, diese bezieht sich auf eine Aktualität (das 'Außen' des Textes). - Deleuze beruft sich dabei in einem Vortrag auf Maurice Blanchots Charakterisierung von Nietzsches aphoristischem Schreiben in dessen Abhandlung L'Etretien infinit. [Ein übersetzter Auszug daraus ist der Aufsatz "Nietzsche und die fragmentarische Schrift", in: Nietzsche aus Frankreich, hrsg. von Werner Hamacher, 47-73.] In diesem Vortrag, "Nomaden-Denken", in: Gilles Deleuze, Nietzsche. Ein Lesebuch, Berlin: Merve 1979, 105-121 [Orig.: "Penseé nomade", in: Nietzsche aujourd'hui? Tome 1: Intensités, hrsg. von Centre culturel international de Cerisy-la-Salle, 10/18, Paris 1973, 159-174], auf dem Nietzsche-Kolloquium in Cerisy-la-Salle im Juli 1972, sagt Deleuze: "Was den Stil von Philosophie ausmacht, ist, daß in ihr der Bezug zu einem Äußeren immer durch ein Inneres, innerhalb eines Inneren, vermittelt und geschwächt ist. Im Gegensatz dazu begründet Nietzsche das Denken und die Schrift auf einer unmittelbaren Relation zum Außen. [...] Das Denken mit dem Außen in Verbindung setzten, das ist genau, was die Philosophen niemals gemacht haben, selbst wenn sie von der Politik sprachen [...]." (Ebd., 111f.)
6 Diese wichtige - von Deleuze und Guattari nicht explizit getroffenen - Unterscheidung stützt sich hier auf die Arbeit Benjamins, "Zur Kritik der Gewalt", in: Walter Benjamin, Zur Kritik der Gewalt und andere Aufsätze. Mit einem Nachwort von Herbert Marcuse, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1965, 29-65. In einem nietzscheanischem Gestus der Entmoralisierung von Denkschablonen unterscheidet Benjamin, hier zwischen Gewalt (Macht) und Gewalt(tätigkeit), die ihm beide einer ursprünglicheren (göttlichen) Gewalt entstammen. Die Differenz erzeugt also zumeist den Unterschied zwischen 'legaler' Gewalt gegenüber Gleichen (Freunden) und 'legitimer' Gewalt gegenüber Anderen (Feinden). Der Fluchtpunkt der Analyse besteht hier dagegen darin, die 'legitimierende' Gewalt zu betrachten, der es obliegt - entgegen der Strukturen der staatlichen Gewalt - Fremde Freunde werden zu lassen.
7 In dem Aufsatz "Michel Tournier und die Welt ohne anderen", in: Gilles Deleuze, Logik des Sinns, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1993, 364-385 [ursprüngliche Fassung: "Une Théorie d'autrui (Autrui, Robinson et le pervers)", Critique 241, 1967, 503-525], beschreibt Deleuze die Version der Robinson Geschichte Tourniers im Vergleich zu der Dafoes. Diese ist auf Grundlage geltender (staatlicher) ökonomischer Regeln der Sexualität, des Warenverkehrs und des Denkens geschrieben. In ihrer Logik wird 'Freitag' zum Diener und Freund von Robinson, der ihn 'zivilisiert'. Tournier hingegen läßt die Möglichkeit zur Rückkehr in die und zum operieren aus der Zivilisation heraus selbst zusammenbrechen. Der/das a/Andere (Freitag/die Insel) ist das Auftauchen eines neuen Feldes (der Wahrnehmung, der Ordnung, der Ökonomie - kurz: der Möglichkeiten) a priori. Doch dies erfordert eben ein vorgängig anderes Denken des a/Anderen, welches die auf das Außen hin geöffnete Philosophie leisten kann. - Der Zustand des Zusammenbrechens von Möglichkeiten bezeichnet Deleuze auch als den Zustand der 'Erschöpfung', gegenüber dem der 'Müdigkeit', in der das Mögliche weiterhin besteht, nur die Verwirklichung nicht realisierbar ist. (Vgl. Gilles Deleuze, "Erschöpft", in: Samuel Beckett, Quadrat. Stücke für das Fernsehen, Frankfurt a.M. 1996, 49-101 [Orig.: "L'Épuisé", in: Samuel Beckett, Quad et autres piéces pour la télèvision, Paris 1992, 55-112].)
8 Diese Auffassung trifft sich mit der eines Richard Rortys nur soweit, als in beiden das Potential direkter gesellschaftlicher Veränderung im Bereich der populären Medien situiert ist. Für Rorty folgt daraus allerdings, daß Philosophie eine Akt der privaten, literarischen Selbsterschaffung ist, welcher - auch in the long run - keine Auswirkung auf das Sozio-Politische hat und auch nicht haben soll!
9 Zur 'negative Theologien' wird Philosophie dann, wenn sie den/das a/Andere agnostisch vergöttert und seine Transzendenz gleichsam 'in die Tiefe' verkehrt. Ebenso verliert die Philosophie ihren immanenten Status, wenn Transzendenzen 'schein-immanent' auf eine Ebene projiziert werden. - So, wenn der/das a/Andere als von vornherein 'integriert' oder 'integrierbar' betrachtet wird, oder auch als grundsätzlich 'ausgeschlossen'.
10 Vgl. dazu Stephan Günzel, Immanenz. Zum Philosophiebergiff von Gilles Deleuze, Essen: Blaue Eule 1998.
11 Zur Bestimmung des Virtuellen vgl. Gilles Deleuze, Differenz und Wiederholung, München: Fink 21997, 155, 262 und 278 [Orig.: Différence et répétition, Paris: Presses Universitaires de France 1968, 154f., 267 und 284f.].
12 Sie sind Begriffe der politischen Analyse vor der Vereinnahmung und der Beeinflussung durch ein Staatsmodell und seinem ihm inhärenten Denken.
13 Anders gesagt: Das Absolut-Werden der Deterritorialisierung 'meint' den Tod. - Da der Tod aber 'kein Ereignis des Lebens' (oder der Immanenz), ist er als philosophischer Begriff ebenso 'unmöglich', wie ein Begriff vom a/Anderen. Brauchbar und essentiell hingegen ist es, von 'den Toden' als Stadien der Prozesshaftigkeit von Leben zu sprechen.
14 Dies heißt keineswegs, daß die Deterritorialisierung die '(ontologisch) frühere' sei, wohl aber die einzig philosophische (- sie ist 'nomadologisch früher'). Sie ist der Vektor der Kraft der Differenz, die sich mit der Kraft der Identität im Kampf befindet und mit ihr in einem permanenter Spannungs-, jedoch keinem Austausch-Verhältnis steht.
15 Der Faschismus fußt eben auch auf diesem Vorgang, daß er das Begehren der kleinen Tode durch das Wollen eines großen Todes jedes Einzelnen ersetzt. - Die kleinen Tode als nicht-individuelle Vorgänge wären sein Tod. (Vielleicht liegt hier auch der zentrale Punkt, der Heideggers Denken durch das Theorem des 'Seins-zum-Tode' faschistoisiert.)
16 Der Tod ist hier als (transzendentale) Grenze (des Lebens) verstanden, die sich stetig erweitert. (Vgl. dazu Deleuzes Bestimmung des Todestriebes nach Freud als 'tranzendentales Prinzip', in: Gilles Deleuze, "Sacher-Masoch und der Masochismus", in: Leopold von Sacher-Masoch, Venus im Pelz, Frankfurt a.M.: Insel 1980, 163-281, hier 185 [Orig.: "Le froid et le cruel", in: Gilles Deleuze/Leopold von Sacher-Masoch, Présentation de Sacher Masoch, Paris: Éditions de Minuit 1967].)
17 In Anti-Ödipus wird der "organlose Körper" [franz.: "corps sans organes"] von Deleuze und Guattari als (normatives) "Modell des Todes" [franz.: modèle de la mort"] (Gilles Deleuze und Félix Guattari, Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1988, 425 [Orig.: Capitalisme et schizophrénie. L'Anti-OEdipe Paris: Les Éditions de Minuit 1972, 393] ausgewiesen.
18 Aus einer 'Außenperspektive' auf die Körper erscheint die Deterritorialisierung deshalb bisweilen als immense Reterritorialisierung bzw. werden als solche denunziert. Deshalb die Schwierigkeit 'Übermaß', 'Verausgabung' und 'Verschwendung' im Sinne der Deterritorialisierung zu begreifen. - Nietzsche kritisierte diesen Punkt bereits an Darwin, der "aus seinem menschlichen Winkel" heraus die Natur darin verkannte, daß in ihr "nicht die Nothlage [herrscht], sondern der Ueberfluss, die Verschwendung, sogar bis in's Unsinnige. Der Kampf um's Dasein ist nur eine Ausnahme, eine zeitweilige Restriktion des Lebenswillens; der grosse und kleine Kampf dreht sich allenthalben um's Uebergewicht, um Wachsthum und Ausbreitung, um Macht [...]." (Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, "Fünftes Buch. Wir Furchtlosen", Aph. 349, KSA 3/585f.] - Hieran wird Bataille mit seiner 'universalen Ökonomie' anschließen, die von einem derartigen 'Naturbegriff' ausgeht.
19 Vgl. dazu den Aufsatz von Gilles Deleuze und Félix Guattari, "28. November 1947. Wie schafft man sich einen organlosen Körper?", in: dies., Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II, Berlin: Merve 1992, 205-227 [erstmals: "28. novembre 1947. Comment se faire un corps sans organes?", in: Minuit 10, september 1974, 56-84].
20 Dies bedeutet aber auch die Offenbarung ihrer Grausamkeit!
21 Sie erscheinen zudem 'logisch', da sie die Herkunft ihrer Entstehung verbergen. Im Gegensatz zum 'Nomothetischen' der exponierten Setzung.
22 Vgl. dazu den Aufsatz "1440. Das Glatte und das Gekerbte", in: Tausend Plateaus, a.a.O., 657-693 [Orig. in: Gilles Deleuze/Félix Guattari, Capitalisme et Schizophrénie 2. Mille Plateaux., Paris: Les Éditions de Minuit 1980].
23 Reterritorialisierungen zeigen sich von hier aus perspektiviert als flüchtige Faltungen mit endlicher Geltungsdauer.
24 Vorrangig - das darf nicht vergessen werden - ist hierbei zunächst die Deterritorialisierung der primären Konkretion des Eigenen: das 'Selbst'. Auch hier ist die dialektische Reflexionsfigur, die mit der Selbstentfremdung anhebt, zugunsten der anthropofugalen Bewegung umzudenken. - Vgl. dazu den Aufsatz "1227. Abhandlung über Nomadologie: Die Kriegsmaschine", in: Tausend Plateaus, a.a.O.,481-585 [Orig. in: Gilles Deleuze/Félix Guattari, Mille Plateaux, a.a.O.].
25 Die Inversion - das 'Begriff-Werden' des Ereignisses - wäre eben die der Geschichtsbildung, wobei der Mythos - 'Geschichte' als 'Erzählung', die Beibehaltung des Begriffs - in Richtung der 'Legende' verweist, die Geschichte als 'Wissenschaft' aber in Richtung der Propositionalität.
26 Die aufgegriffenen Kategorien Kants stammen zum einen aus der Kritik der reinen Vernunft und zum anderen aus der Kritik der Urteilskraft. Kant hat hier das reflektierende Urteil als zentrales Moment der Bildung von allgemeinen Urteilen - also auch als Konstitutivum des kategorischen Imperativs, der Ethik - begriffen, sie jedoch zugleich für bloß 'subjektiv' erklärt. (Vgl. KU §6.) Die 'dritte Stelle' (neben 'kategorisch' und 'hypothetisch') nimmt in jener Schrift innerhalb der Urteilstafel bei den 'Relationen der Urteile' der 'disjunktive' Schluß ein. Wie Nietzsche (vgl. den Aphorismus 193, "Kant's Witz", in: Die fröhliche Wissenschaft, Drittes Buch, KSA 3/504) sehen Deleuze und Guattari darin "Kants Humor" [franz.: "humour de Kant"] (Anti-Ödipus, a.a.O., 97 [Orig.: L'Anti-OEdipe, a.a.O., 90]), der diesem Syllogismus die Funktion Gottes in logischer Hinsicht zuweist: Die Dinge entstehen durch jeweilige Limitationen der omnitudo realitatis. (Vgl. dazu auch "Klossowski oder Die Körper-Sprache", in: Logik des Sinns, a.a.O., 341-364, hier 356-359 [erstmals: "Klossowski ou les corps-langage", in: Critique 214, März 1965, 199-219].) Innerhalb der Urteilstafel entspricht dem disjunktiven Syllogismus in Hinsicht der Modalitäten bei Kant aber das 'apodiktische' Urteil und nicht das 'problematische'! Diesem entspricht vielmehr das 'kategorische' Urteil, welches in Hinsicht der Qualität der Urteile mit dem 'bejahenden' Urteil korrespondiert. (Vgl. KrV A 70/B 95.) Deleuze selbst will die affirmative Kraft des Problematischen deshalb gegen Kant nicht aus der Perspektive des Menschen Denken, sondern mit Nietzsche aus der Perspektive eines experimentierenden Gottes. (Vgl. Differenz und Wiederholung, a.a.O., 349-355 [Orig.: Différence et répétition, a.a.O., 358-364].)

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1>(1) Das heißt, daß die topoi, die den einzelnen Themenüberschriften entsprechen, eine Denk-Landschaft im kartographischem Vorgehen 'flächendeckend' beschreiben. Die Darstellung ist jedoch nach wie vor von ihrem Ansatz her streitbar. (2)

ELLIPSE

Der Anlaß der Philosophie ist das 'Aktuelle'. Dadurch 'wird' Philosophie immer auch 'politisch'. Dieser Zustand ist zugleich 'problematisch'. Das 'Problematisch-Sein' des Aktuellen bzw. des Politischen (in) der Philosophie bedeutet demgemäß auch: 'vor der Aufhebung' verharren und den Bezug zum Außen, zum 'Ereignis' - dem Anlaß -, bestehen lassen.

BEGRIFFE

Die Aufgabe der Philosophie ist es, 'in Begriffen zu denken'. Die Begriffe der Philosophie sind dabei nicht referentiell verfaßt. Darin unterscheidet sie sich notwendig von Aussagen und Propositionen mit möglichen Wahrheitswerten. (3) Die Begriffe bewirken die permanente Bewegung des Denkens. (4) - Nur so kann sich das Denken auf ein/das Außen 'öffnen' (5) bzw. 'bereit sein' für das/den a/Andere(n).

GEWALT

Mit dem a/Anderen verbindet sich im weiteren eine Doppelung der gesamten Thematik in einen analytisch-metaphysischen sowie in einen polito-ontologischen Teil, die zugleich das 'Politisch-Werden' der Philosophie hervorheben: Zum ersten ist mit dem Auftauchen und Hereinbrechen des a/Anderen stets 'Gewalt' verbunden. Zum zweiten verweist der/das a/Andere auf die Problematik der 'Territorialität'.

'Gewalt' beschreibt zunächst eine Potenz von Begegnung vor ihrer Differenzierung (d.h. ihrer Wertung) in 'gewaltig' (positiv) - gegenüber dem 'Freund' - einerseits und 'gewalttätig' (negativ) - gegenüber dem 'Feind' - andererseits. (6) Das/der Fremde als Individuation des a/Anderen erfordert, um als solches/r erscheinen zu können, die Bereitschaft zur Deterritorialisierung des Eigenen bzw. des Identischen.

ANDERE

Das/der Fremde liegt per se und per definition jenseits der Möglichkeit propositionaler Identifikation wie auch der Konzeptualisierung durch Begriffe. Deswegen erscheint es/er zunächst als 'Schreckliches/r' oder als 'Unbegreifliches/r'. (7) - Daran kann auch die Philosophie nichts ändern. Diese ('real'-hermeneutische) Aufgabe übernehmen Filme, Romane, Berichte, und nicht zuletzt Begegnungen. (8) Die Aufgabe der Philosophie liegt - das sei nochmals betont - in einem anderen Bereich: dem der Begriffsschöpfung bei gleichzeitiger Konstruktion eines zugehörigen Feldes aktueller Geltung de jure. Die Bestimmung dieser Geltung, die dabei transzendentale Züge (als Bedingung der Möglichkeit von Begegnung) annimmt, kann jedoch nicht benannt, sondern nur 'gezeigt' werden - eben im Denkvollzug selbst.

IMMANENZ

Das/der Fremde bzw. der/das a/Andere stellen für die Philosophie keine Transzendenz dar, wie etwa die eines Gottes (- dem Beispiel der Beispiele...). Die Philosophie, die den/das a/Andere (be)denkt ist keine 'negative Theologie'. (9) Da die Philosophie das Denken in der Immanenz - sie fragt nicht nach Wahrheit oder weist die Wahrheit aus, sondern denkt in Wahrheit (daran rührt die Unbedeutsamkeit propositionaler Wahrheit für die Philosophie keinesfalls) - hält, (10) erscheint der/das a/Andere als eine mögliche Welt mit Geltung de facto. Die Philosophie vollzieht nicht die Begegnung - sie bereitet auf sie vor.

VIRTUALITÄT

Mit dieser Bestimmung des philosophischen Denkvollzugs als strikt immanenten Vorgang, erfährt die Kategorie des 'Möglichen' eine Korrektur: Da der Vollzug der Begegnung gerade nicht antizipiert werden kann, verliert sie ihre Beschreibungskraft bzw. verleitet zu falschen Annahmen. Das Wirkliche ist im Möglichen schon vorweggenommen bzw. ist das Mögliche nach dessen Muster (als Urbild) entworfen. In Bezug auf eine Aktualisierung der Fremdbegegnung (dem Ereignis) muß vielmehr von (der) 'Virtualität' (des Ereignisses) gesprochen werden. 'Virtuelles' hat im Gegensatz zum Möglichen, das nur 'teilhat' am Wirklichen, eine eigene Realität. - Dies ist seine 'Virulenz'. (11)

TERRITORIALITÄT

Das Problematisch-Sein des Territoriums ist erst von Belang, wenn die Begegnung mit dem Fremden bzw. die Zeitigung des Ereignisses statthat. Dies ist das Feld einer 'Ethik' (besser: eines ethos), die sich so auf die Aufgabe der 'Philosophie als Politik' rückbezieht. Das Territorium konstituiert sich aus zwei, meist komplementären, Vektoren: der eine designiert die Bewegung der Deterritorialisierung, der andere die der Reterritorialisierung. Beide haben eine sowohl physio-politische als auch eine metaphysisch-psychische Bedeutung.

So beschreiben sie die Prozesse, die Staatsgründungen und ihre Untergänge bedingen. (12) Sie beziehen sich darin aber auch auf eine Vielzahl somatischer Vorgänge, die individuellen, die sozio-ökonomischen, wie den terrestrischen Körper betreffend. Zugleich erlauben sie die Rehabilitierung einer Sprechweise, die sich aus dem 'bloß Metaphorischen' löst und eine hohen Grad an Beschreibungskraft erlangt. Da aber die Beschreibung der Prozesse der De- und Reterritorialisierung in diesem zweiten Sinn auf mentale und nicht auf reale Landschaften rekurriert, ist ihre Funktion - sobald sie bezeichnet - präskriptiv, d.h. 'utopisch' (in diesem Sinne: virtuell-virulente Orte erzeugend) und keinesfalls referentiell.

TOD

Der Prozeß der Deterritorialisierung weist auf das Thema des 'Todes' hin. (13) Die Multiplizität der Tode - als Ereignisse des Lebens und innerhalb von diesem - liegen auf Fluchtlinien, die den status quo des Lebendigen deterritorialisieren und das Leben folglich bedrohen. Die kleinen Tode sind insofern schrecklich. - Darin gleicht sich ihnen der/das Fremde bzw. der/das a/Andere welcher/welches die Identität des Begriffs und zugleich die Stabilität, d.h. die 'Unbewegtheit', des Denkens bedroht. Beiden wird durch vielgestaltige Reterritorialisierungsmaßnahmen (Verdrängung, Kulturbildung u.a.) entgegengewirkt. (14) Gerade aber in der Auflösung dieser statischen Zustände liegt die Möglichkeit zu neuen Organisierungen. Für den Staatsapparat und diktatorische Systeme bedeuten die 'kleinen Tode' immer eine Gefahr, da sie an der Zersetzung von Machtstrukturen mit wirken. (15) - Sie vergessen dabei, daß auch sie aus einem anderen Tod hervorgegangen sind.

KÖRPER

Die Körper, die sich deterritorialisieren - dem Fluchtpunken der Tode zustreben bzw. umgekehrt zugleich so auch 'den Tod fliehen machen' (16) -, werden 'organlos'. (17) Sie gehen an die Grenze ihrer Mächtigkeit in dem sie die 'Grenze, die sie sind', aktiv ausdehnen. (18) Der Unterschied liegt jedoch in der Fähigkeit 'zu-Grunde-gehen [franz.: effondement] zu wollen' oder nicht. Ein Index ist die Aussetzung gewisser spezifischer Funktionalisierungen. Im Falle des individuellen Körpers: Sprechen einer Standartsprache, Sich-Fortpflanzen, Verdauen, Aufrecht-Gehen etc.; im Falle des sozio-ökonomischen Körpers: Tausch (Kommunikation, Inzestverbot, Handel), Verkehr, Arbeit etc.; im Falle des terrestrischen Körpers: Grenzen, politische Metasysteme, Kanalisierung von Rohstoffen etc. (19)

Die zugehörigen Erscheinungsformen ähneln sich in ihrem Bestreben, Organisierungsformen und ihre Bestandteile (Organe) aufzulösen und/oder zu transformieren: Changierende Geschlechtlichkeit, Wanderschaft, Rausch, Tanz, Entstehung esoterischer Sprachen und Dialekte, Staatenlosigkeit (in Folge: Ende der Nationalstaaten und der Ethnien), Zersplitterung der Interessensgruppen (dadurch: Emanzipation minoritärer Entitäten), Befreiung der Natur von ihrer Romantisierung, die mit ihrer Ausbeutung Hand in Hand ging (20) etc.

GERECHTIGKEIT

Die Folgen sind schrecklich - und entfremdend. Der 'Wahnsinn' (die Dysfunktionalität) gelangt durch sie zur Herrschaft. Die Deterritorialisierung der Körper bejaht eine Gerechtigkeit, die weder ausgleichend ("Jedem das Gleiche!") - die religiöse Variante -, noch austeilend ("Jedem was er verdient!") - die kapitalistische Variante - ist, sondern 'richtend' ("Jeder!"). Gleichwohl dies die Vorstellung einer bisweilen schicksalshaft-göttlichen Gerechtigkeit (dike) ist, offenbart sich darin das einzig (formal wie inhaltlich) positive Menschenrecht, das gemeinhin von der Chiffre 'Freiheit' geziert wird: das Experiment, das Recht/der Wille zu vergehen, der Suizid, einen 'Körper ohne Organe [franz: corps sans organes] schaffen' - kurz: ein ent-göttlichter Humanismus.

RAUM

Das 'Nomadische' hat seine Bedeutung als philosophisch-politische Kategorie durch den Imperativ der Deterritorialisierung, die es ausdrückt/in ihm ausgedrückt ist. ("Beweg' dich!") Das Nomadische erfordert ein anderes Verhalten zum bzw. im Raum. Vorgänge der Reterritorialisierung begründen Staaten, definieren Grenzen, indiziert Gebietsansprüche. Diese schreiben sich in die verschiedenen Körper - nicht zuletzt in den der Erde - ein. Ihre Erscheinungsformen sind juridischer, linguistischer, genetisch-genealogischer, kurz: 'rationaler' Art. (21) Der Raum kommt hier als eine distribuierbare Ganzheit zum Vorscheinen, als ein 'gekerbter'. (22)

NOMADISMUS

Anders verhält es sich in betreff dem Prinzip der nomadischen Verteilung: Sie löst die Körper bzw. seine Funktionalisierung (also seine Organe bzw. seine Organisierung) auf, indem sie aus ihnen eine nicht-distribuierbare Allheit, ein Universum - nicht einen 'Kosmos', wohl aber einen 'Chaosmos' - macht. Der Raum ist hier vielmehr 'glatt'. (23) Die Bewegung darin ähnelt der Bewegung des philosophischen Denkens. Sie flieht auf den Tod, den Untergang, das Fremde um ihn/es zu ermöglichen bzw. zur Aktualität gelangen zu lassen. (24)

WIEDERHOLUNG

Dieser Vorgang ist je schon mimetisch, d.h. wiederholend und nicht abbildend. Das Mimetische ist nicht bildhaft (repräsentativ), nicht begrifflich, nicht 'u-topisch' in diesem Sinne (wenngleich es nie eine gewisse anarchische Teleologie bzw. energeia verleugnen kann) - es ist Merkmal des 'Werdens', da mimesis 'Anders-Werden' (durch Ähnlichkeit) bedeutet. - Darüber hinaus so aber eine unbedingte Verbindung zum Außen vorraussetzt, gleichfalls beweist - wohin und worin ein Werden sich deterritorialisiert.

Der dialektische Prozeß ist hier insofern ausgesetzt, als das sich nur der Vorgang der Negation wiederholt. Weil aber die Synthesis ausgesetzt wird, verliert das vermittelnde Moment zugleich seine Negativität und der problematische Charakter der Entzweiung kommt zu seinem Recht. Darin besteht der wichtigste Grundzug eines konsequenten anarchisch-atheistischen Materialismus.

Die vorgängige Befreiung des Denkens vom Zugriff des Identischen bei Habilitierung der Wiederholung erlaubt dabei die Resolution derjenigen Aporie, die dort das Werden blockiert, wo unter der Herrschaft des Identischen der Zwang zum (absolut) 'Neuen' als Movens (im Zeichen oder 'Namen' des Seins) fungiert. (Gleichwohl können Konstellationen und/oder einzelne Elemente 'neu' sein.) Vielmehr muß die Wiederholung selbst als originäre Produktion verstanden werden, welche die Beziehungen der Differenzen zueinander bezeugt. (Letzteres ist in einem vom Identischen infiltriertem Denken ausgeschlossen. - Hier sollen die Differenzen im Gegenteil radikale sein, d.h. maximale Selbstidentität besitzen.) Erzeugt werden vertikal verlaufende Serien statt horizontal geschichtete Urbilder-Abbild-Verhältnisse. (Daher auch die immense, regulative Bedeutung der repititiven Werke in Malerei und Musik für das philosophische Denken.)

WERDEN

Von einem solchen Werden aus begriffen, steht das Aktuelle damit außerhalb einer Teleologie der Geschichte, bildet aber zugleich immer wieder ihren Anlaß, wenn die Bewegung des Denkens angehalten wird, der Begriff auf das Ereignis zugreift und gleichsam mit ihm untergeht. Daß dies nicht die Aufgabe der Philosophie ist - sondern die der Geschichte - steht der 'ewigen' Forderung, die an die Philosophie herangetragen wird ('sich auf die Wirklichkeit zu beziehen') entgegen.

Noch einmal: Die klassische Vorstellung der 'zwei Welten' ist richtig! Es gibt eine Welt der Dinge (besser: der Ereignisse) und eine Welt der Worte (besser: der Begriffe). Ihr Verhältnis war nur falsch bestimmt. Im Sinne des erläuterten Philosophieverständnisses ist ihre Beziehung notwendig ihre Nicht-Beziehung. Dennoch sind sie aufeinander 'bezogen', indem sie für einander reziproke Virtualitäten bilden.

BEGEHREN

Bisweilen gibt es aber auch ein 'Ereignis-Werden' des Begriffs. - Dies ist der Moment der Revolution. (25) In der Revolution kommt ein originär affirmatives Begehren zum Ausdruck, welches sich von der Ideologie des Mangels und ihrer dialektischen Struktur befreit hat. Ein Begriff (Freiheit) oder eine Begriffsvielfalt (Freiheit, Toleranz, Gleichheit etc.) werden hier zu Motiven. Das 'Motiv' wiederum ist ein Konglomerat aus movens und idea. Wobei erstes den Vorgang der Aktualisierung ausdrückt (- dadurch ist die Utopie gerade nicht imaginär, sondern real), zweites den Zustand des Problematischen markiert (dadurch ist die Idee gerade nicht dialektisch, sondern 'differenzierend'.)

PROBLEMATISCH-SEIN

Das Problematische in diesem Sinne verstanden (in der Logik des Ästhetischen gefaßt: ein reflektierendes Urteil unter Aussetzung des Allgemeinbegriffs bzw. die Erzeugung einer Singularität) im Gegensatz zum Hypothetischen (dem bloß Mögliche in Hinblick auf ein Allgemeines) und Kategorischen (das Allgemeine schlechthin - das Gesetz) verbleibt in der 'Aktualität'. (26)

Darin gleichen sich die mäeutische und die spekulative Dialektik, daß sie den problematischen Zustand des Aktuellen nicht aushalten können bzw. ihm sich nicht auszusetzen vermögen. Erstere richtet ihn in Hinblick auf eine mögliche Begriffs-Repräsentanz nach seiner 'Tauglichkeit', letztere trennt einen unterstellten Gehalt (paradoxerweise: das 'Wirkliche') von seiner Akzidenz (die aber nur in der Aktualität selbst bestehen kann) um ihn schließlich 'Begriff' werden zu lassen.

ELLIPSE

Der Anlaß der Philosophie ist das 'Aktuelle'. Dadurch 'wird' Philosophie immer auch 'politisch'. Dieser Zustand ist zugleich 'problematisch'. Das 'Problematisch-Sein' des Aktuellen bzw. des Politischen (in) der Philosophie bedeutet demgemäß auch: 'vor der Aufhebung' verharren und den Bezug zum Außen, zum 'Ereignis' - dem Anlaß -, bestehen lassen.


Fußnoten:


1 In dieser Hinsicht ist das Vorgehen 'klassisch' bzw. 'modern' und entspricht nicht unmittelbar den Vorstellungen, die die Referenzautoren gestellt hätten.
2 Streitbar ist sie vor allem von Seiten der Dialektik her. Die Dialektische Philosophie und die Philosophie der Differenz markieren einen der fundamentalsten Konflikte innerhalb der Philosophie. In Auseinandersetzung mit Vertretern der Dialektik und als eine erklärende Antwort versteht sich dieser Versuch als eine Weiterführung der auf dem 3. französisch-deutschen Philosophie-Kolloquium in Evian-les-bains 1997 zu dem Thema "Das Politische (in) der Philosophie" begonnenen Debatte. Er wird zusammen mit den anderen Bei- und Nachträgen demnächst auf französisch erscheinen. Großer Dank gilt an dieser Stelle Dr. Marta Boeglin, die nicht nur die französische Übersetzung des Textes besorgte, sondern erst dem Anlaß zu diesem Text einen Platz gab.
3 Da der philosophische Begriff, der im folgenden jeweils unter 'Begriff', verstanden werden soll, einem vorgängigen Akt der Schöpfung (durch den Philosophen) unterliegt, steht er in einem diametralen Gegensatz zu Propositionen, die deiktische oder konnotative Funktion haben. (Was nicht heißt, daß nicht in beiden Bereichen die selben Worte gebraucht werden können.) - Vorausgesetzt, man versteht Philosophie als die Erschaffung der Begriffe in ihrer (selbstreferentiellen) 'Bedeutung' und nicht als die Reflektion auf oder die Wahrnehmung von Welt bzw. 'Wirklichkeit', die die 'Bedeutung' sichert.
4 Demgemäß beschreiben Deleuze und Guattari das philosophische Denken als ein Denken in "unendliche[r] Geschwindigkeit" [franz.: "vitesse infinie"] (Was ist Philosophie?, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1996, 42 [Orig.: Qu'est-ce la Philosophie?, Paris: Les Éditions de Minuit 1991, 38]). Die Bezeichnung ist mehr als eine Metapher: Sie ist eine Analogie und meint die Fähigkeit 'schizophrenen' Denkens, ein Maximum an (assoziativen) Verknüpfungen herzustellen und in ihnen zu denken. Die Schwelle, die dieses Maximum von einem 'Zu-viel' trennt ist der Umschlagspunkt vom offenen (schizophrenen) Netz in ein geschlossenes (paranoides) System. Im letzten Fall werden die Verbindungen zu permanent signifikanten Strukturen.
5 Unter Vorgriff auf noch folgende topoi kann gesagt werden, daß der Aphorismus eine primäre Stilistik des philosophischen Schreibens im Sinne der 'Philosophie als Politik' darstellt: In ihm wird 'Etwas' als 'problematisch' thematisiert und dabei zur Gänze artikuliert. (So ist der Aphorismus ein 'organloser Körper' oder eine 'Immanenzebene', der für den Moment seiner Geltung vollständig, zugleich aber nicht referentiell ist.) Gegenüber der Abhandlung, die deduktiv verfährt, ist der Aphorismus intuitiv. Jene bleibt dabei dem Möglichen verschrieben, diese bezieht sich auf eine Aktualität (das 'Außen' des Textes). - Deleuze beruft sich dabei in einem Vortrag auf Maurice Blanchots Charakterisierung von Nietzsches aphoristischem Schreiben in dessen Abhandlung L'Etretien infinit. [Ein übersetzter Auszug daraus ist der Aufsatz "Nietzsche und die fragmentarische Schrift", in: Nietzsche aus Frankreich, hrsg. von Werner Hamacher, 47-73.] In diesem Vortrag, "Nomaden-Denken", in: Gilles Deleuze, Nietzsche. Ein Lesebuch, Berlin: Merve 1979, 105-121 [Orig.: "Penseé nomade", in: Nietzsche aujourd'hui? Tome 1: Intensités, hrsg. von Centre culturel international de Cerisy-la-Salle, 10/18, Paris 1973, 159-174], auf dem Nietzsche-Kolloquium in Cerisy-la-Salle im Juli 1972, sagt Deleuze: "Was den Stil von Philosophie ausmacht, ist, daß in ihr der Bezug zu einem Äußeren immer durch ein Inneres, innerhalb eines Inneren, vermittelt und geschwächt ist. Im Gegensatz dazu begründet Nietzsche das Denken und die Schrift auf einer unmittelbaren Relation zum Außen. [...] Das Denken mit dem Außen in Verbindung setzten, das ist genau, was die Philosophen niemals gemacht haben, selbst wenn sie von der Politik sprachen [...]." (Ebd., 111f.)
6 Diese wichtige - von Deleuze und Guattari nicht explizit getroffenen - Unterscheidung stützt sich hier auf die Arbeit Benjamins, "Zur Kritik der Gewalt", in: Walter Benjamin, Zur Kritik der Gewalt und andere Aufsätze. Mit einem Nachwort von Herbert Marcuse, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1965, 29-65. In einem nietzscheanischem Gestus der Entmoralisierung von Denkschablonen unterscheidet Benjamin, hier zwischen Gewalt (Macht) und Gewalt(tätigkeit), die ihm beide einer ursprünglicheren (göttlichen) Gewalt entstammen. Die Differenz erzeugt also zumeist den Unterschied zwischen 'legaler' Gewalt gegenüber Gleichen (Freunden) und 'legitimer' Gewalt gegenüber Anderen (Feinden). Der Fluchtpunkt der Analyse besteht hier dagegen darin, die 'legitimierende' Gewalt zu betrachten, der es obliegt - entgegen der Strukturen der staatlichen Gewalt - Fremde Freunde werden zu lassen.
7 In dem Aufsatz "Michel Tournier und die Welt ohne anderen", in: Gilles Deleuze, Logik des Sinns, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1993, 364-385 [ursprüngliche Fassung: "Une Théorie d'autrui (Autrui, Robinson et le pervers)", Critique 241, 1967, 503-525], beschreibt Deleuze die Version der Robinson Geschichte Tourniers im Vergleich zu der Dafoes. Diese ist auf Grundlage geltender (staatlicher) ökonomischer Regeln der Sexualität, des Warenverkehrs und des Denkens geschrieben. In ihrer Logik wird 'Freitag' zum Diener und Freund von Robinson, der ihn 'zivilisiert'. Tournier hingegen läßt die Möglichkeit zur Rückkehr in die und zum operieren aus der Zivilisation heraus selbst zusammenbrechen. Der/das a/Andere (Freitag/die Insel) ist das Auftauchen eines neuen Feldes (der Wahrnehmung, der Ordnung, der Ökonomie - kurz: der Möglichkeiten) a priori. Doch dies erfordert eben ein vorgängig anderes Denken des a/Anderen, welches die auf das Außen hin geöffnete Philosophie leisten kann. - Der Zustand des Zusammenbrechens von Möglichkeiten bezeichnet Deleuze auch als den Zustand der 'Erschöpfung', gegenüber dem der 'Müdigkeit', in der das Mögliche weiterhin besteht, nur die Verwirklichung nicht realisierbar ist. (Vgl. Gilles Deleuze, "Erschöpft", in: Samuel Beckett, Quadrat. Stücke für das Fernsehen, Frankfurt a.M. 1996, 49-101 [Orig.: "L'Épuisé", in: Samuel Beckett, Quad et autres piéces pour la télèvision, Paris 1992, 55-112].)
8 Diese Auffassung trifft sich mit der eines Richard Rortys nur soweit, als in beiden das Potential direkter gesellschaftlicher Veränderung im Bereich der populären Medien situiert ist. Für Rorty folgt daraus allerdings, daß Philosophie eine Akt der privaten, literarischen Selbsterschaffung ist, welcher - auch in the long run - keine Auswirkung auf das Sozio-Politische hat und auch nicht haben soll!
9 Zur 'negative Theologien' wird Philosophie dann, wenn sie den/das a/Andere agnostisch vergöttert und seine Transzendenz gleichsam 'in die Tiefe' verkehrt. Ebenso verliert die Philosophie ihren immanenten Status, wenn Transzendenzen 'schein-immanent' auf eine Ebene projiziert werden. - So, wenn der/das a/Andere als von vornherein 'integriert' oder 'integrierbar' betrachtet wird, oder auch als grundsätzlich 'ausgeschlossen'.
10 Vgl. dazu Stephan Günzel, Immanenz. Zum Philosophiebergiff von Gilles Deleuze, Essen: Blaue Eule 1998.
11 Zur Bestimmung des Virtuellen vgl. Gilles Deleuze, Differenz und Wiederholung, München: Fink 21997, 155, 262 und 278 [Orig.: Différence et répétition, Paris: Presses Universitaires de France 1968, 154f., 267 und 284f.].
12 Sie sind Begriffe der politischen Analyse vor der Vereinnahmung und der Beeinflussung durch ein Staatsmodell und seinem ihm inhärenten Denken.
13 Anders gesagt: Das Absolut-Werden der Deterritorialisierung 'meint' den Tod. - Da der Tod aber 'kein Ereignis des Lebens' (oder der Immanenz), ist er als philosophischer Begriff ebenso 'unmöglich', wie ein Begriff vom a/Anderen. Brauchbar und essentiell hingegen ist es, von 'den Toden' als Stadien der Prozesshaftigkeit von Leben zu sprechen.
14 Dies heißt keineswegs, daß die Deterritorialisierung die '(ontologisch) frühere' sei, wohl aber die einzig philosophische (- sie ist 'nomadologisch früher'). Sie ist der Vektor der Kraft der Differenz, die sich mit der Kraft der Identität im Kampf befindet und mit ihr in einem permanenter Spannungs-, jedoch keinem Austausch-Verhältnis steht.
15 Der Faschismus fußt eben auch auf diesem Vorgang, daß er das Begehren der kleinen Tode durch das Wollen eines großen Todes jedes Einzelnen ersetzt. - Die kleinen Tode als nicht-individuelle Vorgänge wären sein Tod. (Vielleicht liegt hier auch der zentrale Punkt, der Heideggers Denken durch das Theorem des 'Seins-zum-Tode' faschistoisiert.)
16 Der Tod ist hier als (transzendentale) Grenze (des Lebens) verstanden, die sich stetig erweitert. (Vgl. dazu Deleuzes Bestimmung des Todestriebes nach Freud als 'tranzendentales Prinzip', in: Gilles Deleuze, "Sacher-Masoch und der Masochismus", in: Leopold von Sacher-Masoch, Venus im Pelz, Frankfurt a.M.: Insel 1980, 163-281, hier 185 [Orig.: "Le froid et le cruel", in: Gilles Deleuze/Leopold von Sacher-Masoch, Présentation de Sacher Masoch, Paris: Éditions de Minuit 1967].)
17 In Anti-Ödipus wird der "organlose Körper" [franz.: "corps sans organes"] von Deleuze und Guattari als (normatives) "Modell des Todes" [franz.: modèle de la mort"] (Gilles Deleuze und Félix Guattari, Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1988, 425 [Orig.: Capitalisme et schizophrénie. L'Anti-OEdipe Paris: Les Éditions de Minuit 1972, 393] ausgewiesen.
18 Aus einer 'Außenperspektive' auf die Körper erscheint die Deterritorialisierung deshalb bisweilen als immense Reterritorialisierung bzw. werden als solche denunziert. Deshalb die Schwierigkeit 'Übermaß', 'Verausgabung' und 'Verschwendung' im Sinne der Deterritorialisierung zu begreifen. - Nietzsche kritisierte diesen Punkt bereits an Darwin, der "aus seinem menschlichen Winkel" heraus die Natur darin verkannte, daß in ihr "nicht die Nothlage [herrscht], sondern der Ueberfluss, die Verschwendung, sogar bis in's Unsinnige. Der Kampf um's Dasein ist nur eine Ausnahme, eine zeitweilige Restriktion des Lebenswillens; der grosse und kleine Kampf dreht sich allenthalben um's Uebergewicht, um Wachsthum und Ausbreitung, um Macht [...]." (Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, "Fünftes Buch. Wir Furchtlosen", Aph. 349, KSA 3/585f.] - Hieran wird Bataille mit seiner 'universalen Ökonomie' anschließen, die von einem derartigen 'Naturbegriff' ausgeht.
19 Vgl. dazu den Aufsatz von Gilles Deleuze und Félix Guattari, "28. November 1947. Wie schafft man sich einen organlosen Körper?", in: dies., Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II, Berlin: Merve 1992, 205-227 [erstmals: "28. novembre 1947. Comment se faire un corps sans organes?", in: Minuit 10, september 1974, 56-84].
20 Dies bedeutet aber auch die Offenbarung ihrer Grausamkeit!
21 Sie erscheinen zudem 'logisch', da sie die Herkunft ihrer Entstehung verbergen. Im Gegensatz zum 'Nomothetischen' der exponierten Setzung.
22 Vgl. dazu den Aufsatz "1440. Das Glatte und das Gekerbte", in: Tausend Plateaus, a.a.O., 657-693 [Orig. in: Gilles Deleuze/Félix Guattari, Capitalisme et Schizophrénie 2. Mille Plateaux., Paris: Les Éditions de Minuit 1980].
23 Reterritorialisierungen zeigen sich von hier aus perspektiviert als flüchtige Faltungen mit endlicher Geltungsdauer.
24 Vorrangig - das darf nicht vergessen werden - ist hierbei zunächst die Deterritorialisierung der primären Konkretion des Eigenen: das 'Selbst'. Auch hier ist die dialektische Reflexionsfigur, die mit der Selbstentfremdung anhebt, zugunsten der anthropofugalen Bewegung umzudenken. - Vgl. dazu den Aufsatz "1227. Abhandlung über Nomadologie: Die Kriegsmaschine", in: Tausend Plateaus, a.a.O.,481-585 [Orig. in: Gilles Deleuze/Félix Guattari, Mille Plateaux, a.a.O.].
25 Die Inversion - das 'Begriff-Werden' des Ereignisses - wäre eben die der Geschichtsbildung, wobei der Mythos - 'Geschichte' als 'Erzählung', die Beibehaltung des Begriffs - in Richtung der 'Legende' verweist, die Geschichte als 'Wissenschaft' aber in Richtung der Propositionalität.
26 Die aufgegriffenen Kategorien Kants stammen zum einen aus der Kritik der reinen Vernunft und zum anderen aus der Kritik der Urteilskraft. Kant hat hier das reflektierende Urteil als zentrales Moment der Bildung von allgemeinen Urteilen - also auch als Konstitutivum des kategorischen Imperativs, der Ethik - begriffen, sie jedoch zugleich für bloß 'subjektiv' erklärt. (Vgl. KU §6.) Die 'dritte Stelle' (neben 'kategorisch' und 'hypothetisch') nimmt in jener Schrift innerhalb der Urteilstafel bei den 'Relationen der Urteile' der 'disjunktive' Schluß ein. Wie Nietzsche (vgl. den Aphorismus 193, "Kant's Witz", in: Die fröhliche Wissenschaft, Drittes Buch, KSA 3/504) sehen Deleuze und Guattari darin "Kants Humor" [franz.: "humour de Kant"] (Anti-Ödipus, a.a.O., 97 [Orig.: L'Anti-OEdipe, a.a.O., 90]), der diesem Syllogismus die Funktion Gottes in logischer Hinsicht zuweist: Die Dinge entstehen durch jeweilige Limitationen der omnitudo realitatis. (Vgl. dazu auch "Klossowski oder Die Körper-Sprache", in: Logik des Sinns, a.a.O., 341-364, hier 356-359 [erstmals: "Klossowski ou les corps-langage", in: Critique 214, März 1965, 199-219].) Innerhalb der Urteilstafel entspricht dem disjunktiven Syllogismus in Hinsicht der Modalitäten bei Kant aber das 'apodiktische' Urteil und nicht das 'problematische'! Diesem entspricht vielmehr das 'kategorische' Urteil, welches in Hinsicht der Qualität der Urteile mit dem 'bejahenden' Urteil korrespondiert. (Vgl. KrV A 70/B 95.) Deleuze selbst will die affirmative Kraft des Problematischen deshalb gegen Kant nicht aus der Perspektive des Menschen Denken, sondern mit Nietzsche aus der Perspektive eines experimentierenden Gottes. (Vgl. Differenz und Wiederholung, a.a.O., 349-355 [Orig.: Différence et répétition, a.a.O., 358-364].)

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