Zur Ritualisierung der Lektüre heiliger Texte im liturgischen Vollzug. Plädoyer für eine Reästhetisierung der Lesungen im protestantischen Gottesdienst1

Johannes Wachowski

Zurück zur Antike. Dort befindet sich die Kirche in einer vergleichbaren Situation, wie die 20 und weniger Prozent Kirchen der neuen Länder. Dort konkurrieren verschiedene Riten miteinander. Dort findet sich auch die These wieder, daß alle irgendwie Lust auf Transzendenz und Ritual haben. Dort gibt es einen bunten und pluralistischen Markt der Riten. Dort mußte die Kirche um Akzeptanz kämpfen. Dort schuf man Vorhöfe für die, die wissen wollten, was lebenswert am Juden- und Christentum sei. Betreten wir also zum Beispiel den Garten des Heiligen Augustinus.

"Tolle lege, tolle lege! Nimm es, lies es, nimm es, lies es!, tönte die Stimme eines Knabens oder Mädchens aus dem Nachbarhaus. Was nehmen, was lesen?, überlegte der Heilige Augustinus. Er fragt sich: Gehört das Leierliedchen zu irgendeinem Kinderspiel? Wird er also aufgerufen, in infantiler Weise in all' seiner Seelennot ein Spielchen zu machen? Wie sollte er die kantilenen Leerstellen anders verstehen und für sein Leben existentiell deuten? Denn die Zerknirschung war groß!

Schließlich erinnerte er sich eines möglichen Umgangs mit heiligen Bücher. Um Lebensweisung zu gewinnen, darf das Buch orakelhaft aufgeschlagen2 werden. Das wußte er von einem Freund. Und so meint er schließlich, daß keine andere Deutung möglich sei, als daß Gott ihm befehle, das Buch zu öffnen und die Stelle zu lesen, auf die er zuerst stoße.3 Aber das Buch war gar nicht da. Also zurück zur Stelle, wo er das Buch hingelegt hatte. Hatte er das Buch überhaupt mitgenommen? Und schon hier ist kritisch zu fragen, ob man ein heiliges Buch einfach irgendwo ablegen darf?4
Er ging also zu dem Ort, wo er des Apostels Buch deponiert hatte, ergriff es, schlug es auf und las die Stelle, auf die sein Auge zuerst fiel: "Nicht in Schmausereinen und Trinkgelagen, nicht in Schlafkammern und Unzucht, nicht in Zank und Neid, vielmehr ziehet an den Herrn Jesus Christus und pflegte nicht das Fleisch in seinen Lüsten." (Röm 13,13f.) Weiter brauchte er gar nicht lesen, denn nun hatte er die Lebensweisung gefunden, die seine Zerknirschung beendete. Der heilige Text hatte normativ gesprochen und sein Leben verändert.

Auf dem Hintergrund dieser Urszene existentiellen Schriftgebrauchs, die eine protestantische Asketik der Einzelspruchfrömmigkeit zuordnen würde, also einer Umgangsweise mit der Bibel, unter die zum Beispiel auch die Tradition biblischer Kernstellen5, die Tradition der Losungen6 und der Bibelspruch in den Kasualien7 zu rubrizieren sind, soll hier eine Erfahrung eines Vikars in einer süddeutschen Diasporagemeinde der neunziger Jahre wiedergegeben werden: "Nimm es, lies es.", wurde dort ganz anders in Szene gesetzt. Ein besonders für die Jugend sich engagierender Pfarrer hatte "participatio actuosa" zum entscheidenden Kriterium seiner Gottesdienstverantwortlichkeit erklärt. Und so verteilte er kurz vor Gottesdienstbeginn die Texte seines Drehbuches an die in der Sakristei versammelten Konfirmandinnen und Konfirmanden. "Nimm es, lies es!", bedeutete, daß zum Beispiel eine Kopie aus einer modernen Bibel im heutigen Deutsch einer Konfirmandin in die Hand gedrückt und ihr gesagt wurde, daß sie "heute die Epistellesung machen darf". Als Präfamen, als einleitendes Vorwort, hatte der Pfarrer auch noch einen Text vorbereitet, den er selbst sprechen möchte, damit die Gemeinde die Lesung auch verstehen werde.

Hier wird kein heiliges oder liturgisches Buch in Szene gesetzt, sondern das Wort geht dann im Schwange, wenn es richtig verkündet und verstanden wird. Damit steht der Pfarrer in gut lutherischer Tradition, denn 1523 sagte LUTHER in einer seiner ersten Schriften zum Gottesdienst: "... die Christlich gemeyne nymmer soll zu same kommen/ es werde denn da selbst Gottis wort gepredigt und gebett... Darumb wo nicht gotts wort predigt wirt/ ists besser das man widder singe noch leße/ noch zu samen kome."8

So sind die Protestanten große Ausleger und Beherziger des Wortes geworden und haben nicht selten den Umgang mit liturgischen Büchern und ritualisierten Inszenierungen der gottesdienstlichen Lesungen vernachlässigt. Das Buch als ästhetisches Objekt9, die Botschaft des Buches jenseits des Textes, nicht offiziell gedeutete Texte sind vielen protestantischen Gemütern suspekt. Der Geist sei's, nicht der Buchstabe. Aus dem Hören, nicht aus dem Sehen kommt der Glaube. Und so ist die Rede von der "Heiligen Schrift" zwar im lutherischen Gottesdienst verbreitet, aber streng genommen gibt es in der lutherischen Tradition kein heiliges Buch.

Darauf macht auch der Jenenser Religionswissenschaftler Udo TWORUSCHKA aufmerksam. In der Einleitung zu dem jüngst erschienen Buch "Heilige Schriften" schreibt er: "Im Christentum ist die sinngebende Mitte eine Person, im Islam ... ein Buch, im Buddhismus eine Erkenntnis."10 Und ich füge hinzu: Im Judentum ist die sinngebende Mitte die Tora.11

Religionen, die ihre identitätsstiftenden Referenztexte als heilige Schriften verstehen, haben auch einen besonderen gottesdienstlichen Umgang mit ihnen. Natürlich muß dies im Kontext des Protestantismus sofort präzisiert werden. Die Bibel wird unter ganz verschiedenen Aspekten im Gottesdienst rezipiert. Mit dem Liturgiewissenschaftler Paul BRADSHAW12 könnten folgende Rezeptionsperspektiven unterschieden werden: 1) didaktische Perspektive, 2) kerygmatische oder anamnetische Perspektive, 3) parakletische Perspektive, 4) doxologische Perspektive. Und dies müßte noch einmal in bezug auf die vielfältige, liturgische Formensprache differenziert werden. Im Kollektengebet, im liturgischen Gruß, in Akklamationen, bei den verba testamenti oder im Sündenbekenntnis werden Texte ganz unterschiedlich in den liturgischen Ablauf eingepaßt, und auch der Umgang mit der Bibel erfolgt auf unterschiedliche Weise.13 Hinzu kommen materielle (ästhetische Gestaltung der Texte), sprachliche (Präfamen), akustische (liturgische Melodien) und kinetische (Bewegungen; Gesten) Elemente14, wenn es um die Inszenierung der gottesdienstlichen Formen geht.

Ich möchte mich auf das Phänomen der gottesdienstlichen Lesung konzentrieren.

Ich setzte bei der Mutterreligion von Katholiken und Protestanten ein und möchte anhand einiger weniger Beispiele zeigen, wie im Judentum, der entscheidende Referenztext, die Tora, gelesen und gottesdienstlich als heiliger Text inszeniert wird.

Bemerkungen zur synagogalen Schriftlesung

Ein heiliger Text15

Die Geschichte einer Torarolle kann in Analogie zu der Biographie eines Menschen beschrieben werden.16

Geboren wird sie durch einen Sofer STaM.17. Seine Arbeitsanweisung erhält er aus dem außerkanonischen Talmudtraktat Soferim (1-9) und der jüdischen Kommentarliteratur (Sefer Torah).18 Die Gestalt der mit Krönchen versehenen Buchstaben, die Herstellung von koscherer Tinte und Pergament und die heilige Arbeitsweise sind dort unter anderem festgelegt.Wenn zum Beispiel der Name Gottes geschrieben wird, besuchen viele Schreiber die Mikwe, das rituelle Tauchbad der Juden. Oder vor jedem Arbeitsgang wäscht der Sofer sich die Hände, schreibt dann das Wort Amalek, also die Bezeichnung des Erzfeindes Israels, auf ein Stück koscheren Pergaments und streicht das Wort mehrere Male durch, um den Erzfeind (Dtn 25,17-19) aus dem kulturellen Gedächtnis zu löschen.19

Die Geburt einer Torarolle ist auch ein ästhetisches Ereignis, denn in der jüdischen Tradition finden sich viele Stellen, die von der Schönheit der Torarolle sprechen. Zum Beispiel im talmudischen Traktat Schabbat (Schabb 133b):

"Es wird nämlich gelehrt: Er ist mein Gott, ich will ihn verherrlichen, verherrliche ihn bei der Ausführung der Gebote. Ihm [zu Ehren] errichte dir eine schöne Festhütte, [schaffe dir] einen schönen Feststrauß an, eine schöne Posaune, schöne Zizith, eine schöne Torarolle, schreibe sie auf seinen Namen mit schöner Tinte, mit schöner Feder, durch einen geübten Schreiber und hülle sie in schöne Seidengewänder."20

Schön bekleidet wächst die Torarolle in der synagogalen Gemeinde auf und lebt besonders am Schabbat in ihr. Ihre Lebensorte sind der Heilige Schrein und das Lesepult, die Bimah.21 Mit einem Mantel und anderem Schmuck bekleidet, wird sie in einer Prozession zu Rezitation getragen. Die Gemeinde erweist ihr ihre Referenz, indem sie sie indirekt küßt22. Am Lesepult leihen ihr nach einer festgelegten Ordnung Gemeindemitglieder ihre Stimme zur Rezitation in liturgischem Gesang: zuerst ein Priester, dann ein Levit und dann andere Israeliten. Dabei kommt es auf die genaue Rezitation der Buchstaben an, denn jeder Buchstabe ist auch eine Interpretationsgröße, was zum Beispiel die reiche Interpretationsliteratur zur Frage, warum die Tora nicht mit einem Aleph - also dem ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets - , sondern einem Beth - also dem zweiten Buchstaben des Alphabets - beginnt, zeigt.23

Bei der Lesung wird der Text nicht berührt, denn schon in der Mischna wird argumentiert, daß heilige Schriften die Hände verunreinigen24. Deshalb wird im Gottesdienst ein Torazeiger, die sogn. Jad verwendet25 und mit dessen Hilfe der Text abgegriffen. Der Toratext wird kantilliert.26 Der talmudische Grundsatz lautet (Meg 32a): "Wer die Schrift ohne Melodie liest und ohne Sang lehrt, auf den bezieht sich der Vers der Heiligen Schrift: ,Auch gab ich ihnen Gesetze, die nicht gut sind.' (Ez 20,25)."

Die Tora wird also geboren, spricht in der Gottesdienstgemeinde und stirbt, wenn ihr Text nicht mehr leben kann. Dann wird sie begraben. Denn im Talmudtraktat Meg 26b heißt es:

"Die Rabbanan lehrten: Zu Gebotszwecken verwendete Dinge dürfen fortgeworfen werden, die aber zu heiligem Gebrauch verwendet worden, müssen verwahrt werden. Folgende sind zu Gebotszwecken verwendete Dinge: eine Festhütte, ein Feststrauß, eine Posaune, und Zizith. Folgende sind Dinge, die zum heiligen Gebrauche verwendet worden sind: Behälter für Bücher, (Tephillin) und Mezuzoth, ein Etui für eine Torarolle, das Futteral und die Riemen der Tephillin)."

Meistens wird die Rolle in der Nähe eines berühmten Gelehrten bestattet.

"Ferner sagte Raba: eine verbrauchte Torarolle verwahre man neben einem Schriftgelehrten, selbst wenn er nur Halachoth zu studieren pflegte. Rabbi Acha ben Jacob sagte: Und zwar in einem Tongefäß, denn es heißt: du sollst sie in ein Tongefäß tun, damit sie viele Tage erhalten bleiben (Jer 32,14)."(Meg 26b)

Gottesdienstliche Inszenierung der Lesung

Ich möchte hier nur auf das liturgische Grundgerüst verweisen, wie es in den traditionellen Gebetbüchern nachzulesen ist. Ich beschränke mich also auf den Siddur27 und werde nicht auf die verschiedenen Bestimmungen der Mischna und des Schulchan Aruch28 eingehen. Dieses Verfahren ist vergleichbar, wie wenn ich das neue Evangelische Gesangbuch aufschlagen würde und nach der Art und Weise des Umgangs in bezug auf die gottesdienstlichen Lesungen fragte.

Die Tora wird, in einem liturgischen Jahr in 54 Abschnitte eingeteilt, jeweils am Schabbat und an bestimmten Wochentagen (Mo, Do) in der Synagoge gelesen. Grob gesprochen wird nach dem Schema Israel und dem 18 Bittengebet die Tora29 mit folgenden Worten der Gemeinde aus dem Heiligen Schrein ausgehoben:

"Es war, wenn die heilige Lade aufbrach, sprach Mosche: Erhebe dich, Ewiger, daß deine Feinde sich zerstreuen, daß deine Hasser vor dir fliegen. Von Zion geht die Lehre aus und das Wort des Ewigen von Jeruschalaim! Gelobt sei er, der die Tora seinem Volke Israel in seiner Heiligkeit gegeben hat!"

Der Vorbeter nimmt die Torarolle in den Arm und spricht:

"Rühmet Gott mit mir, wir wollen insgesamt seinen Namen verherrlichen!"
Wenn man die Perspektiven des Liturgiewissenschaftlers Paul BRADSHAW hier ins Gespräch bringt, wird deutlich, daß hier ein doxologischer Umgang mit der Tora intendiert ist.30 Es wird Gott die Ehre gegeben. Wenn man das topographieren möchte , könnte man sagen, es wird zuerst vertikal, und nicht horizontal kommuniziert. Und es wäre zu überlegen, ob auch in der lutherischen Tradition der Dienst am Wort nicht zuerst doxologisch und dann parakletisch, kerygmatisch usw. orientiert sein müßte.

Aber zurück zur Toralesung. Die Gemeinde antwortet dem Vorbeter mit einem Lobpreis auf die Größe Gottes und gedenkt dem Vater des Erbarmens. In einer Prozession wird die Tora zum Lesepult, meist in der Mitte des Versammlungsortes, getragen, entkleidet und ausgerollt. Als erster wird ein Cohen unter anderem mit folgenden Worten aufgerufen:

"...Alle bringet Huldigung dar unserem Gotte und erweiset Ehre der Thora. Es trete heran...Gelobt sei er, der die Thora seinem Volke Israel in seiner Heiligkeit gegeben...".

Gemeinsam sprechen dann der Vorbeter und die Gemeinde:

"Ihr, die ihr dem Ewigen, eurem Gotte, anhanget, lebet alle heute."

Der Aufgerufene spricht vor und nach der Torarezitation einen Segensspruch. So spricht er zum Beispiel vor der Lesung:

"Gelobt seist du Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns erwählt hat aus allen Völkern und uns die Thora gegeben hat. Gelobt seist du, Ewiger, der die Thora gegeben hat."

Bei der Elevation31 der Tora spricht man:

"Dies ist die Lehre, die Mosche vor die Kinder Israels gelegt, auf Befehl Gottes durch Mosche. Ein Baum des Lebens ist sie denen, die an ihr festhalten, wer sie ergreift, ist glücklich. Ihre Wege sind Wege der Lieblichkeit, alle ihre Pfade Frieden. Länge der Tage in ihrer Rechten, in ihrer Linken Reichtum und Ehre. Der Ewige hat Wohlgefallen um seiner Gerechtigkeit willen, groß zu machen die Thora und zu verherrlichen."

Nachdem der siebte Aufgerufene die Toralesung beendet hat wird sie wieder in den Heiligen Schrein zurückgebracht, wobei die Gemeinde und Vorbeter verschiedene doxologische Texte sprechen, unter anderem den Psalm 24. Zuvor wird allerdings noch eine Art Fürgittengebet gehalten.32

Bevor ich nun kurz auf die Lesungen im protestantischen Gottesdienst zu sprechen komme, möchte ich ein paar Bemerkungen zu einem möglichen Ritualverständnis machen.

Die fünf Komponenten eines Rituals nach Prof. Axel MICHAELS

Eine Stichprobe im Internet unter dem Suchbegriff "Ritual" erbringt ein diffuses Resultat. Dort könnte man u.a. den Magischen Ritualkelch, eine Variante des keltischen Kelchs, eine nordische Ritualmischung aus Fichtenharz, Beifuß und Wacholder, ein Ritualbad 50 Gramm und Ritualkerzen, Ritualöl, einen Ritualdolch oder ein ganzes Ritualset mit Kreditkarte erwerben. Ritual.com vertreibt merkwürdige Videospiele und spricht vom "Ritual Entertainment" und beim Hexenwerk oder bei einigen Logen kann man sich die neuesten Räucherrituale runterladen. Im Angebot sind auch Voodoorituale, die mit folgenden Text angepriesen werden:

"Wozu macht man magische Rituale? Ganz einfach. Man möchte sich verschiedene Wünsche erfüllen, erreichen, daß Träume und Pläne in Erfüllung gehen, einen bestimmten Menschen verzaubern, drohendes Unheil abwehren, reich werden, im Lotto gewinnen... kurzum, man möchte sein eigenes Schicksal in die Hand nehmen und es nach seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen beeinflussen."

Für ein nüchternes, einer protestantischen Interpretationskultur verpflichtetes Subjekt ist diese sinnenorientierte und inflationäre Rede von Ritualen nicht orientierungkräftig.

Der Heidelberger Indologe, Prof. Axel MICHAELS, bringt mit seiner Theorie der fünf Komponenten von Ritualen etwas Licht in dem Wald der Ritualtheorien und der gegenwärtigen Ritualpraxis. Er versucht mit durch die fünf Komponenten Rituale von Zeremonien, Spielen, Routine, Sitte, Brauchtum oder Theater zu unterscheiden.33 Die fünf Komponenten seien hier kurz vorgestellt34:

Die causa transitionis (ursächliche Veränderung)

Rituale stehen mit zeitlichen oder räumlichen Veränderungen in Beziehung. Wo keine Veränderung, kein Wechsel stattfindet, gibt es seiner Meinung nach keine Rituale.

Die solemnis intentio (formaler[feierlicher] Beschluß)

Für MICHAELS bedarf es eines förmlichen Beschlusses zur Abhaltung des Rituals. Eine spontane, zufällige oder willkürliche Feier eines Lebensereignisses ist für ihn noch kein Ritual. "Nur die solemnis intentio macht eine alltägliche oder gewohnheitsmäßige Handlung zu einer Ritualhandlung."35

Die actiones formaliter ritorum (formale Kriterien)

Darunter faßt er die Kriterien der Förmlichkeit, der Öffentlichkeit, der Unwiderruflichkeit und der Liminalität.

Die actiones modaliter ritorum (modale Kriterien)

Darunter faßt er die Kriterien societas und religio. Unter societas versteht er "alle auf die Gemeinschaft bezogenen Funtionen des Rituals: Solidarität, Hierarchie, Kontrolle oder Normierung. [...] Religio umfaßt die transzendierenden, auf eine jenseitige, höhere, geheiligte Welt... bezogenen Intentionen...".36

Die novae classificationes (der Statuswechsel)

"Mit Ritualen muß eine erkennbare Veränderung eingetreten sein; es muß zum Beispiel eine vorher nicht gegebene Kompetenz oder ein neuer sozialer Status mit gesellschaftlichen Konsequenzen erworben worden sein."37

Wenn man nun diese Kriteriologie auf die grob skizzierte Inszenierung der gottesdienstlichen Lesung der Tora anwendet, so würde ich in diesem Abschnitt des jüdischen Gottesdienstes von einem Leseritual sprechen: Der Anlaß für die Toralesung ist der Schabbat, die solemnis intentio wird durch die doxologischen Texte beim Ausheben der Tora deutlich. Die Kriterien der Förmlichkeit, der Öffentlichkeit und der Unwiderruflichkeit sind in der liturgischen Rezitation der Texte gegeben. Auch die Kriterien der societas38 und der religio39 sind gegeben. Schließlich verlassen die Mitglieder des Volkes Gottes die Synagoge, nachdem sie wiedereinmal am Sinai gestanden und der Kette der Tradition ein weiteres Glied hinzugefügt haben.

Die Präsenz der "Heiligen Schrift" im reformatorischen Gottesdienst

Seit 1999 haben die Kirchen der EKU und der VELKD erstmals eine gemeinsame agendarische Grundlage, das Evangelische Gottesdienstbuch.40 In ihm werden zwei Gottesdiensttypen, der Gottesdienst nach dem Meßtypus und der in der oberdeutschen Tradition verbreitete Predigtgottesdienst als Grundformen vorgeschlagen und diesen beiden Typen verschiedene Ausformungsvarianten zugeordnet. Die Grundformen werden in 4 sogenannte Strukturteile gegliedert: A: Eröffnung und Anrufung, B: Verkündigung und Bekenntnis, C: Abendmahl und D: Sendung und Segen. Blicken wir nun auf zweiten Teil, B: Verkündigung und Bekenntnis, des Gottesdienstes nach dem Meßtypus.

Der feierliche Beschluß einen Gottesdienst abzuhalten, wurde ganz am Anfang im liturgischen Gruß vollzogen, wenn akklamiert wird, daß man im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes zusammengekommen ist. Vor dem Kollektengebet - also dem kurzen, geformten Gebet vor dem zweiten Strukturabschnitt - , kann noch einmal eine liturgische Begrüßung vollzogen werden kann.

Der zweite Strukturabschnitt hat folgenden Aufbau: Er beginnt mit einer alttestamentlichen Lesung und einer fakultativen Akklamation. Der Lektor spricht: "Worte der ,Heiligen Schrift'." Die Gemeinde respondiert: "Gott sei Lob und Dank." Es folgen ein Gemeindegesang, die Lesung der Epistel mit erneuter fakultativer Akklamation, der Hallelujavers mit dem Halleluja, das Wochenlied und die Lesung des Evangeliums mit den rahmenden Lobrufen ("Ehre sei Dir, Herr." "Lob sei dir, Christus."). Schließlich folgen das Credo, ein Lied und die Predigt. In der erläuternden Übersicht zu dem Strukturabschnitten kann man unter anderem folgendes lesen:41 "Die Lesungen können - besonders bei schwierigen Texten - mit einer kurzen Einleitung versehen werden. [...] Die Lesung kann auch als Motette ausgeführt werden. [...] Als Antwort auf die Lesungen kann auch Chor- oder andere Vokal- oder Instrumentalmusik erklingen."

Hervorzuheben ist, daß die Lobrufe die Evangeliumslesung doxologisch rahmen. Leider ist das bei den Lesungen aus den anderen Teilen der Bibel nur fakultativ. So wird die Prärogative des Evangelium liturgisch inszeniert. Problematisch finde ich die Tradition, die sich in den kurzen Präfamina zu Wort meldet und in der Praxis dazu führt, daß manche Pfarrerinnen und Pfarrer mehrere Predigten im Gottesdienst halten. Erinnern Sie sich jetzt an den eingangs erwähnten Pfarrer aus Süddeutschland, der unbedingt wollte, daß die Gemeinde alles versteht, und deshalb eine alltagssprachliche Lesung durch eine Konfirmandin und einer kleinen Einleitung zum besseren Verständnis aufführte.

Von unserer Beschreibung des Rituals bei der Toralesung her könnte man fragen: Aus was für einem, wie gestaltetem liturgischen Buch soll gelesen werden? Wo wohnt dieses Buch vor und nach der Lesung? Wo hat es seinen Ort, wenn der Gottesdienst beendet ist? Wer holt es zur Lesung, auf welchem Weg, zu welchem Ort?

Meiner Ansicht nach ist im Umgang mit liturgischen Texten nicht nur zu fragen, wie das Verstehen zu optimieren sei. Es ist nicht nur zu fragen, wie sich das Alte und das Neue Testament in der gottesdienstlichen Lesekultur hermeneutisch zuordnen lassen und warum die Christen nicht auch die Mitte der Tora, das Buch Leviticus, lesen. Für mich ist es auch von Bedeutung, wie die Lesungen ästhetisch inszeniert werden. Und deshalb möchte ich einen Traum zum liturgischen Gebrauch der Bibel in protestantischen Gottesdiensten schildern. Daß dies erlaubt ist, zeigt mir eine Passage aus LUTHERs Schrift von 1526 "Deudsche Messe vnd ordnung Gottisdienst": Hier unterscheidet er drei mögliche Gottesdienstformen und träumt, daß die lateinische Messe in vier Sprachen gehalten werden könnte (Latein, Griechisch, Hebräisch und Deutsch).42

Stellen Sie sich einen schönen mittelalterlichen Kirchenraum vor. In der Apsis gibt es neben dem Tabernakel auch einen heiligen Schrank für die liturgischen Bücher. Dieses Möbel ist künstlerisch gestaltet und mit den Symbolen der beiden Gebotstafeln und des Fisches versehen. In dem Schrank befindet sich eine Torarolle und ein Evangeliar. Das Evangeliar ist von einem bedeutenden, zeitgenössischen Buchkünstler gestaltet. Die Gemeinde hat sich das Unikat etwas kosten lassen und für die Aura der Bücher einiges getan. In einer Prozession durch die versammelte Gemeinde werden die beiden Texte zu einem Lesetisch getragen, der sich neben dem Altar harmonisch in den Kirchenraum einfügt. Es wird die Lesung nicht nüchtern angekündigt, wie es das Evangelische Gottesdienstbuch möchte: "Die Lesung aus dem Alten Testament steht im 5.Buch Mose im 6. Kapitel, die Verse 4 und 5." Es wird statt dessen ein Segensspruch gesprochen: "Gelobt sei Gott, der Israel aus Ägypten geführt hat, der Schöpfer des Himmels und der Erde, der uns verheißen hat, daß wir durch sein Wort leben!" Dann wird aus der Tora gelesen, und die Lesungen werden mit einem Lobruf beendet. Vor der Lesung aus dem Evangelium singt die Gemeinde ein Psalmenlied, vielleicht eine Vertonung des ersten Psalms. Nach der doxologisch gestalteten Lesung des Evangeliums werden die Bücher zurück in den Schrank getragen, wobei die Schranktüren bis zum Ende der Predigt geöffnet bleiben. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, und nun könnte man nachdenken, wie man diesen Umgang mit Texten kineastisch, materiell, sprachlich und akustisch weiter ausgestaltet.

Drei Schlußbemerkungen

Reästhetisierung43

In den liturgischen Traditionen des Protestantismus sollte meiner Ansicht nach beim Hören auch etwas zu sehen sein. Neben der hermeneutischen Nüchternheit, die darauf aus ist, daß alles im Gottesdienst, auch für die sogenannten Distanzierten, verständlich ist, sollte die ästhetische Inszenierung des zweiten Strukturabschnitt des Gottesdienstes nach dem Meßtypus auch etwas für die Bedürfnisse des Auges und des Körpers anbieten44. So finde ich es nicht verwerflich, darüber nachzudenken, welche Botschaft die Bücher und ihre Aura jenseits des Textes haben könnten. Die doxologische Dimension im Umgang mit liturgischen Texten müßte wieder stärker in der liturgischen Gestaltung berücksichtigt werden.

Der Prediger

Die Funktion des Prediger in einer an kanonisierten Schriften sich orientierenden Religion beschreibt der Ägyptologe Jan ASSMANN wie folgt: "Das Heilige, mit dem er [scil. der Prediger] es zu tun hat, ist radikal außerweltlich. Es wird innerweltlich einzig und allein durch die Schrift repräsentiert. Diese ist daher im Judentum und im Islam mit Vorstellungen und Vorschriften besetzt, die deutlich aus dem Ritual übernommen sind. So darf etwa ein Jude eine Bibel nicht auf den Boden legen, und ein Muslim darf überhaupt keine Schriftstücke in arabischer Schrift und Sprache vernichten, ja noch nicht einmal zur Lektüre an unpassende Örtlichkeiten mitnehmen, und sei es die Tageszeitung. Das Christentum, und insbesondere der Protestantismus, hat auch noch diese Reste des Rituellen abgestreift. Der Ausleger oder Prediger qualifiziert sich für sein Amt durch die Kenntnis der Schriften. [...] Das Gelingen seiner Amtsausübung bemißt sich am Grad der Beherzigung seiner Predigt, d.h. der Umsetzung von Text in Lebenspraxis."45 Dieses Programm exerziert die gegenwärtige Liturgiekultur des Protestantismus so exzessiv46, daß die liturgisch Verantwortlichen die Mahnung zur Ästhetik liturgischer Bücher beherzigen sollte.

Differenz zum Judentum

Es wurde hier in aller Kürze der gottesdienstliche Umgang mit einem heiligen Text im Judentum aufgezeigt und dies mit einer Ritualtheorie ins Gespräch gebracht. Dann wurde die Inszenierung der Lesungen im neuen Gottesdienstformular vorgestellt, und Sie mit persönlichen protestantischen Nöten und Träumen konfrontiert. Abschließend soll der Umgang mit den gottesdienstlichen Lesungen auf eine interpretationsbedürftige, aber ein Resümee ziehende Formel gebracht werden:

Das Judentum lernt und verehrt einen heiligen Text. Es geht mit diesem Text um, wie mit einer Person. Dadurch führt die Schrift nicht zu Entritualisierung. Hinzukommt, daß der Text selbst eine Vielzahl von Riten evoziert (Orthopraxie des Judentums).

Das Christentum greift auf Texte zurück, um Person und Werk Jesu Christi zu verkündigen und in der persönlichen Lebenspraxis relevant zu machen. Die Schrift kann hier zu einer Entritualisierung und Enttheatralisierung führen.47

Angesichts dieser Differenz halte ich das Gespräch mit den liturgischen Traditionen unserer Mutterreligion für geboten.48

LITERATURVERZEICHNIS

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1 Dieser Vortrag wurde auf der Akademietagung der Katholischen Akademie des Bistums Magdeburg, der Katholischen Akademie Dresden und des Katholischen Forum im Land Thüringen zum Thema "Überhöhung des Alltäglichen - Die Kraft des Rituellen in der säkularen und sakralen Wirklichkeit" in Bad Kösen (17.-19 November 2000) zur Diskussion gestellt und hier lediglich durch die Anmerkungen verändert.

2 Über das ,Aufschlagen' heiliger Bücher siehe LEIPOLDT, 120f. An anderer Stelle äußert sich Augustinus kritisch zu dieser Praxis (Brief an Januarius [ep. 55,37]).

3 Confessiones VIII, 12,28f.

4 Im Judentum gibt es eine Reihe von Vorschriften für den Umgang mit heiligen Schriften. Unter anderem: "Auch wenn andere heilige Bücher auf einer Bank liegen, darf man auf dieser Bank nicht sitzen, wenn die Bücher nicht auf einem Gegenstand liegen, der wenigstens eine Handbreit hoch ist; und gewiß darf man heilige Bücher nicht auf den Fußboden legen; man lege ein heiliges Buch nicht auf seine Knie und seine beiden Ellenbogen darauf... Man darf nicht angesichts heiliger Bücher sein Wasser ablassen..." .(KIZZUR SCHULCHAN ARUCH 28,4.7). Siehe hierzu auch ASSMANN, Religion, 154.

5 1539 erste planvolle Konzeption typographischer Hervorhebung.

6 Zinzendorf; 1731: Erstes gedrucktes Losungsbuch.

7 Siehe MEYER-BLANCK/WEYEL, 128ff.

8 Text nach HERBST, 13.

9 Siehe LUCIUS. Er zeigt überzeugend, wie Form und Inhalt im Rezeptionsprozeß ineinandergreifen (Z.B. bei der Einbandkultur.).

10 TWORUSCHKA, 5.

11 Zur Bedeutung der Tora siehe zum Beispiel COHEN.

12 BRADSHAW, 35ff.

13 Vgl. zum Beispiel die Grammatik des Kollektengebets und die dahinter stehende Tradition der Beracha (vgl. SCHULZ).

14 Vgl. OPPITZ, 73.

15 ASSMANN, Kulturelles Gedächtnis, 94f: "Ein heiliger Text ist eine Art sprachlicher Tempel, eine Vergegenwärtigung des Heiligen im Medium der Stimme. Der Heilige Text verlangt keine Deutung, sondern rituell geschützte Rezitation unter sorgfältiger Beobachtung der Vorschriften hinsichtlich Ort, Zeit, Reinheit usw. Ein kanonischer Text dagegen verkörpert die normativen und formativen Werte einer Gemeinschaft, die ,Wahrheit'. Diese Texte wollen beherzigt, befolgt und in gelebte Wirklichkeit umgesetzt werden. Dafür bedarf es weniger der Rezitation als der Deutung."

16 Vgl. KOLATCH, 61: "In the Jewish tradition a Torah scroll is equated with a human being."

17 Siehe RAY. STaM bezeiht sich auf das Schreiben des Sefers Torah (S), der Tefillin (T) und der Mezuzah (M).

18 Zum Traktat siehe STRACK/STEMBERGER, 217. Joel MÜLLER hat das Traktat 1878 ins Deutsche übersetzt.

19 Vgl. RAY, 22.

20 Die Übersetzung des Babylonischen Talmud folgt, wenn keine eigene Übersetzung vorliegt, der Übersetzung von GOLDSCHMIDT.

21 Der Toraschrein ist nach den ihn ihm aufbewahrten Torarollen der heiligste Teil der Synagoge. Er ist Bezugspunkt und Gegenstand verschiedener Riten. Z. B. soll er nie leer sein. Wenn an Rosch Haschana oder Simchat Tora alle Schriftrollen ausgehoben sind, stellt man eine Kerze, als Symbol für das Licht der Tora, in den Schrein. Es ist nicht unüblich, daß der Schrein für private Gebete geöffnet wird. Meist besitzt der Toraschrein einen künstlerisch verzierten Vorhang (parochet) und eine Lampe brennt vor ihm (ner tamid).

22 Zum Küssen heiliger Schriften siehe WÜNSCHE, 17ff., 26, 42ff.

23 Siehe EBACH und KOLATCH, 104ff.

24 Jad III, 2ff.; IV, 6.

25 Schabb 14a.

26 Siehe zur Torakantillation ZIMMERMANN, 35ff.

27 SIDUR SEFAT EMET, 57ff.

28 "Nach der Mischnej Tora von Maimonides [1135-1204] entstand die Arbaa Turim... von Rabbi ben Ascher... Dieser Kodex ist weniger populär geworden als der Kodex des Josef Karo (1488-1575), der berühmte Schulchan Aruch... Zum Großteil stützt dieser sich auf den Tur." (MUSAPH-ANDRIESSE, 77).

29 TREPP, 64: "Das Grunderlebnis des Sabbatmorgens ist die Offenbarung. Die Toralesung, Offenbarung des göttlichen Worts, gewinnt somit zentrale Bedeutung. Sie steht in der Mitte zwischen dem vorausgehenden Schacharit und dem folgenden Musaf."

30 Vgl. BRADSHAW, 42: "For example, although the public reading of the Hebrew scriptures in the synagogue may have originated in the need to teach the people, the rabbis soon came to view the study of the Torah as itself a form of worship which was offered to God."

31 In der aschkenasischen Tradition nach der Lesung, vgl. ELBOGEN, 174.

32 Siehe TREPP, 67: Ein Gebet für die Lehrer und Schüler, ein aramäisches Gebet für die Gemeinde, ein hebräisches Gebet für die Gemeinde, ihre Führer und Wohltäter, ein Gebet für Land und Staat, ein Gebet für den Staat Israel und ein Gebet für die Märtyrer des Glauben.

33 Vgl. MICHAELS, 39. "Die Rede von säkularen Ritualen...macht daher in meinen Augen nur Sinn, wenn von einem nicht eingestandenen, meist theistischen Religionsbegriff ausgegangen wird...". (ib., 37).

34 Siehe ib., 29-39.

35 Ib., 32.

36 Ib., 36.

37 Ib., 38. Problematisch an dieser Definition ist sicher der weite Religionsbegriff. Dadurch wird das Ritual zu einer Kulturleistung und die Rede von Ritualen im tierischen Bereich in Frage gestellt. Hinzu kommt, daß dann auch die Rede von sogenannten säkularen Ritualen grundsätzlich problematisiert wird (vgl. ib., 37).

38 Die Gemeinde führt die Toralesung auf. Die differenzierte Sozialität der Heilsgemeinde spiegelt sich in der Ordnung der zur Rezitation Aufgerufenen wider.

39 Die Rezitatoren fungieren als Sprachrohr des Offenbarungsgeschehens.

40 Zur Entstehungsgeschichte siehe SCHWIER.

41 EGb, 41.

42 Text siehe HERBST, 70f.

43 "Moses Mendelsohn hatte übrigens auch diese Gefahr [scil.: Entsinnlichung und Abbau der Theatralität der Riten durch eine sprachliche Engführung] sehr klar gesehen. ,Wir sind Buchstabenmenschen', klagt er. ,Vom Buchstaben hängt unser ganzes Wesen ab.' Daher lobt er das jüdische Gesetz, weil es so viele Riten vorschreibt und in diesen Riten die ästhetische Dimension der Religion auch unter den Bedingungen der Buchreligion rettet." (ASSMANN, Religion, 155).

44 "Die Ausbürgerung des Heiligen aus der Welt, einerseits in die Transzendenz und anderseits in die Schrift, führt zu einer grundlegenden Umlenkung der Aufmerksamkeit, die ursprünglich auf Erscheinungen dieser Welt und das in ihnen sich zeigende Heilige gerichtet war und nun ganz auf die Schrift konzentriert wird. Alles andere wird als Idolatrie gebrandmarkt. [...] Die Verteufelung der Bilder und des Visuellen geht mit einer sprachlichen Engführung einher, die die Religion entsinnlicht und die Theatralität der Riten abbaut." (ASSMANN, Religion, 155).

45 ASSMANN, Religion, 154.

46 Das sechste Kriterium für die Gottesdienstgestaltung des EGb lautet zwar: "Liturgisches Handeln und Verhalten bezieht den ganzen Menschen ein; es äußert sich auch leibhaft und sinnlich." (EGb, 16) Doch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß manche liturgische Tänze und leibhafte Inszenierung des Evangeliums der Prärogative des Verstehens der Botschaft untergeordnet werden. Sie sind nicht selten kein freies, doxologisches, heiliges Spiel, die ihren Sinn in sich selbst tragen, sondern werden für eine hermeneutische Vermittlungsleistung funktionalisiert.

47 Vgl. ASSMANN, Religion, 164-166.

48 Vgl. RASCHZOK, 56-59.

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