Eine verspätete Rezension zu Ulrich Müllers Dissertation über Rousham

Stefan Groß

In einem Zeitalter, wo das Interesse an gartenthematischen Fragestellungen permanent zunimmt, widmet sich Ulrich Müller, der derzeit Privatdozent am Kunstgeschichtlichen Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena ist, speziell dem Landsitz in Rousham. Mit seiner Monographie, die sich inhaltlich mit der Rezeption des Landsitzes in Rousham und mit seiner Rangstellung auseinandersetzt, gelingt es Müller aus der Sicht eines praktischen Landschaftsgestalters und – darüber hinaus – als gelehrten Kunsthistoriker, einen seiner Forschungsschwerpunkte darzustellen. Immer wieder greift der Wissenschaftsdiskurs, der sich explizit mit der Gartenkunst und ihrer Tradition in England auseinandersetzt, auf den Garten in Rousham zurück. Ulrich Müller unternimmt seinerseits den – sehr geglückten – Versuch, ein Stück Gartenkunst der englischen Tradition aus der heutigen Sicht aufzuarbeiten, der es letztendlich ermöglicht, zu den Quellen gartenpragmatischer und –theoretischer Schriften vorzustoßen. Die sehr sorgfältige Beschreibung, die Müller für den Garten in Rousham liefert, gilt auch für das dortige Herrenhaus. Die Auseinandersetzung mit dem Bauherrn Dormer sowie mit den berühmten Künstlern William Kent und Charles Bridgeman, die für die Gartengestaltung verantwortlich waren –, belegen sein nachhaltiges Interesse, den Garten nicht nur aus der Sicht eines Gesamtkunstwerkes zu deuten, sondern ihn auch folgerichtig in die Geschichte der englischen Gartenkunst zu integrieren. Müller versäumt es daher nicht, sowohl geistesgeschichtliche als auch politische Quellen anzuführen, die nicht nur für die Gartenidee in Rousham verantwortlich waren, sondern die auch für einen Strukturwandel innerhalb der öffentlichen Wahrnehmung maßgebend wurden. Exkurse in die Philosophiegeschichte, die sich mit den Namen der Empiriker Hume und Locke verbinden, zählen ebenso zur wissenschaftlichen Aufbereitung der Thematik wie eingehende Beschreibungen, die den Garten aus zeitgenössischer Sicht im neuen Licht erscheinen lassen. Müller, der sich in der Thematik der Gartenkunst sehr gut auskennt und auch an pragmatischen Fragen, die Gartenkunst betreffend, geschult ist, versäumt es in seiner Monographie nicht, immer wieder auf empirische Details einzugehen. Neben der Wiedergabe landschaftlicher Szenarien greift Müller auf die strategischen Wegbereiter der englischen Gartenrevolution zurück und spiegelt ihre aufgeklärten Ideen im Lichte einer ästhetischen Gartenrezeption, die für das späte 18. Jahrhundert nicht nur für England, sondern auch für Deutschland wegweisend wurde. Seine Auseinandersetzung mit der Gartenkunst und ihren Staffagen – insbesondere mit den Skulpturen Peter Scheemakers` – verdeutlichen die Symbiose zwischen aufgeklärter Liberalität – im Sinne der Whig-Politiker – und arkadischem Sehnsuchtsempfinden, das sich in den gestalterischen Entwürfen englischer Gartenanlagen – so auch in Rousham – niederschlug. Das Wissen von klassischem Ideal und die Suche nach einem Ideal aufgeklärt-gotischer Tugend führt auch Müller zur Auseinandersetzung mit der Arkadienthematik. Der Versuch, klassisches Stilempfinden, das von Vitruv bis hin zu Palladio reicht, einzubeziehen, macht die Arbeit zu einem abgeschlossenen Werk, das die Begeisterung des Autors für die Gartenkunst auch sprachlich wiedergibt.

Die Gartenbeschreibungen erweiternd siedeln Müllers Ausführungen auch im Umfeld von Alexander Pope – dem damals renommiertesten Dichter – und dessen Garten in Twickenham. Pope, so läßt sich entnehmen, greift nicht nur die Idee der Antikenrezeption auf und sucht damit einem klassischen Naturideal zu entsprechen, sondern erweist sich auch als originärer Gartengestalter, der die Ideen der englischen Aufklärung aufnimmt, um diesen in seinem Raumkonzept Wirklichkeit zu verschaffen. Pope gelingt es, französische Stilelemente mit den Gestaltungsidealen der neuen englisch-sentimentalen Gartenkunst zu verbinden. Darüber hinaus wird der Garten zum Bild-Raum, der sich an die Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts anlehnt und in malerischer Form auf die Idee des Pittoresken hinweist. Ulrich Müller schreibt: „Die virtuose Schilderung der Eindrücke gewinnt nicht allein aus dem Bewußtsein malerischer Landschaftserfahrung, jener distanzschaffenden Entfernung der Natur von den Einlassungen des ausschnitthaften Teleskopeffekts der Gewölbegänge, außerordentliche Bedeutung, sondern auch aus der Beschreibung der bildhaften Wahrnehmung der Gegenstände, die Pope, und darin seinen Zeitgenossen vorauseilend, vermöge seiner Sensibilität für ästhetische Phänomene illuminierte oder; dem Prinzip einer Camera obscura ähnlich, vexierbildartig auf der Wand tanzen ließ“ (S. 94).

Neben Pope wird auch auf Lord Burlington hingewiesen, der mit seinem Garten in „Chiswick“ ein bedeutendes Beispiel englischer Staffagekunst und Gartengestaltung geschafft hat. Müller setzt sich dabei mit Stilfragen auseinander, die ästhetische Konzepte einbeziehen, wie sie von Bridgeman, Switzer und Langley vorgelegt wurden. Der Rekurs auf die Gartenkunst, die damals als junge und keineswegs anerkannte Gattung innerhalb der Hierarchie der Künste gehandelt wurde, belegt Müllers Interesse, autonome Gestaltungsmerkmale dieser Gattung herauszuarbeiten, um ihr – aus wissenschaftlicher Sicht – eine Stelle innerhalb der Kunstgattungen einzuräumen. Denn wie „[...] sehr die Ausgestaltung des Landsitzes von Rousham auf die in England geführte Diskussion über Aufgabe und Rang des Landschaftsgartens reagiert, verdeutlicht die Debatte über seine Qualität als Kunstwerk. Sie veränderte das bisherige Verhältnis von Natur und Kunst, anschaulich in den Gärten des Barock, grundlegend und setzte eine Entwicklung in Gang, die für de Bestimmung dessen, was Landschaft ausmachen kann, folgenreich werden sollte“ (S. 251). Müller spricht vom fundamentalen Wandel „des abendländischen Naturgefühls“ (S. 251) und betont in seiner Arbeit den Paradigmawechsel, der von der geometrisch-starren Ordnung kompositorischer Raumbilder auf ein Konzept von Landschaftlichkeit hinausgreift, das sich von den Ideen barocker Gartengestaltung radikal verabschiedet. Dieser Übergang, der sich nicht nur in der Gartenkunst vollzieht, ist, wie Müller betont, auch vom Einfluß philosophischen Denkens nicht loszulösen. Besonders Shaftesbury unterstützte mit seiner Naturphilosophie, so Müller, die Ideen einer liberalen Aufklärung, die in der freien Landschaft das Refugium des neuen Menschen sehen wollte. Der Gedanke einer universalen Kosmologie – verbunden mit dem Anspruch sittlicher Läuterung, wie sie sich in der englischen Tradition des „moral sense“ findet –, steht letztendlich für ein Gesamtkonzept aufgeklärter Moralität, das sich in vielen Gärten widerspiegeln sollte. Dem naturreligiösen Deismus, wie ihn Shaftesbury fordert, geht es letztendlich darum, Natur und Vernunft zu versöhnen. Müller schreibt dazu: „Indem er Natur als eine alle Sphären durchwaltende sittliche Macht setzte, trug er zur Schaffung eines naturreligiösen Deismus bei, der Natur und Vernunft zu versöhnen suchte. Der Schöpfer, die Gottheit oder das höchste Wesen des auf Balance, Symmetrie und Proportion gegründeten, harmonischen Universums sollte sich nicht mehr mit der Heilsgeschichte, sondern in der umfassenden Allnatur offenbaren“ (S. 253).

Der Versuch einer Harmonisierung unterschiedlicher Wissenschaftsdiskurse, wie Kunstgeschichte, Politik und philosophische Geistesgeschichte macht den eigentlichen Reiz dieses Buches aus. Kurzum: Für all jene, die ein Interesse an kunstgeschichtlicher Forschung innerhalb der Gartenkunst haben und denen Ausflüge in den Gesamtdiskurs der englischen Geschichte willkommen sind, bietet Müllers Buch garantiert Abwechslung.

Ulrich Müller, Klassischer Geschmack und Gotische Tugend, Der englische Landsitz Rousham, Wernersche Verlagsanstalt, Worms 1998, 350. Seiten Text mit 90 Tafeln, Ln. geb., Preis neu: 89, 50 Euro, gebraucht: 29, 50 Euro, ISBN 3-88462-143-2 (1998)

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