Immanuel Kant – Eine Biografie von Steffen Dietzsch, Reclam Verlag 2003, Leipzig, 368 Seiten.

Sebastian Rinas

Das große Kantjahr 2004 bescherte allen philosophisch interessierten Lesern neben einer Flut von neuen Kant-Ausgaben, Reprints, Einführ­ungen auch drei neue Biografien. Eine davon brachte der an der Humboldt Universität zu Berlin lehrende Philosophie-Professor Steffen Dietzsch auf den Markt.

Ebenso wie die anderen beiden neu erschienen Biografien (M. Kühn: Kant, Eine Biografie, C.H.Beck; M. Geier: Kants Welt, Eine Biografie, Rowohlt) nimmt auch Dietzsch einen auf das Umfeld Kants bezogenen Standpunkt ein. Im Gegensatz zu Geier aber, der die Geisteshaltung Kants in den Mittelpunkt rückt, versucht Dietzsch, Kants Biografie „im Kontext einer Kulturgeschichte Königsbergs“ zu analysieren. Als wesentliche Basis zu diesem Projekt fungieren kürzlich im Archiv der Universität Königsberg gemachte Funde, unter denen sich auch die von der Universität herausgegebenen sogenannten Apokryphen, eine Art kommentiertes Vorlesungsverzeichnis, befinden. Die Autorschaft dieser Texte ist zwar nicht eindeutig, da weder Regelungen in den Statuten der Universität diesbezüglich existieren noch die Texte bisher anderweitig namentlich identifiziert worden sind. Nach Ansicht von Dietzsch besteht aber die begründete Möglichkeit, dass der Dekan der philosophischen Fakultät oder aber zumindest der Rektor diese Texte verfasst hat. Unter dieser Voraussetzung müssten mindestens zwei der sechs in Frage kommenden Apokryphen Kant zugeschrieben werden.

Die Kulturgeschichte Königsbergs, als Wirkungsgeschichte des Kanti­anismus in Königsberg aufgefasst, beginnt bei Dietzsch mit der Ent­stehung der Stadt aus den drei Teilstädten Altstadt (1286), Löbenicht und der im Pregel gelegenen Insel Kneiphof und endet mit der Ein­stellung Herbarts als zweiten Nachfolger Kants im Jahre 1809.

Dietzsch bleibt somit nicht am Grabe Kants stehen, sondern schildert die aus seinem Tode entstehenden Probleme für das kulturelle Königs­berg und dessen Universität. Seine Abrundung findet das Buch in einem kurzen Fichte-Exkurs. Fichte wollte nach der Kündigung seiner Jenaer Universitätsprofessur zur königsberger Albertina wechseln und wäre dort eventuell Kants Nachfolger geworden. Doch es sollte nur ein kleiner Aufenthalt im Jahre 1807 werden, währenddessen er eine Vor­lesung über die Wissenschaftslehre hält und den Unmut der Bürger auf sich zieht, da er sich abfällig über den Königsberger Weltweisen äußert. Dieser kulturgeschichtliche Rahmen macht dann auch den be­sonderen Reiz dieses Bandes aus.

Ein Großteil des Buches nimmt somit die ausführliche Beschreibung der Universität und deren Umfeld unter Kant in Anspruch. Auf der einen Seite ist Kant ein sehr liberaler und engagierter Professor, der vehement die Freiheiten der Universität zu wahren sucht und dabei auch Studenten wohlwollend unterstützend gegenübersteht, wenn er sich zum Beispiel für die Befreiung der Studenten vom Militärdienst einsetzt. So auch bei Gottlieb Crispien, dessen Fall der Entrollierung zwar schließlich abschlägig entschieden worden war, aber der dennoch bis zum König hinauf geriet. Auf der anderen Seite aber vertritt Kant als Rektor der Universität ebenso den institutionellen Antikatholizismus und Antijudaismus des protestantisch-preußischen Wissenschaftsbe­triebes, obwohl engste Vertraute wie Moses Mendelssohn und Marcus Herz der jüdischen Minderheit angehörten. Mit zunehmendem Alter scheint allerdings das Engagement der frühen Jahre immer mehr ge­schwunden zu sein. So lesen wir von sporadischen Teilnahmen an Senatssitzungen, „tumultarische(m) Gang der Geschäfte in diesem Rectorat“ (wie sein Kollege Metzger sich auszudrücken pflegt) und lakonischen Abwesenheitsentschuldigungen wie „Ich bitte, mich als Invaliden zu entschuldigen. Immanuel Kant.“. All dieses ist auch der preußischen Obrigkeit kundig geworden.

Ein interessantes Kapitel beschäftigt sich eingehend mit der Aufnahme der „Kritik der reinen Vernunft“ im höfischen Berlin und anderen wichtigen Universitätsstädten Deutschlands zu jener Zeit. Hier wie dort bilden sich Kreise erlauchter Verehrer und scharfer Kritiker. Zuweilen schießen aber einige, „die sich gleichfalls derselben [der kritischen Philosophie] gewidmet hatten, durch zum Teil lächerliche Neuerungssucht zur Originalität“ über das Ziel hinaus. Das Kapitel zur kantischen Tischgesellschaft hingegen scheint bis auf die strukturelle Komprimierung wenig Neues zu bieten. Vieles kann man bereits woanders finden, vor allem in der schon zum Klassiker gewordenen Biografie von A. Gulyga (Immanuel Kant – Eine Biografie, 2004).

Bei all der detaillierten Beschreibung des kulturellen Umfeldes und der Institution Universität kann man sich allerdings dennoch nicht ganz des Eindrucks erwähren als hätte das Unternehmen noch weiter aus­gebaut werden können. Es ist mehr einer Vorbetrachtung ähnlich denn einem abgeschlossenen Werk. Dies ist vielleicht auch dem allgemeinen Aufbaus des Werkes geschuldet. Viele, meistens sehr kleine Ab­schnitte, die sich zum Teil inhaltlich nicht richtig ineinander fügen, er­zeugten eher den Eindruck eines Patchwork-Gefüges denn eines wohl gewebten Gedankenteppichs. Auch die Passagen, die gelegentlich zwei oder dreimal in verschiedenen Kapiteln auftauchen, sowie das unvoll­ständige Namensregister verstärken diesen Eindruck. Den Namen des zweiten Nachfolgers Kants (Herbart) etwa sucht man dort vergebens.

Dennoch wäre das Buch aber eine außergewöhnlich gute Studie, wenn es keinen Anspruch auf die Kategorie „Biografie“ hätte und die auf dem Klappentext formulierten Ziele nicht jenseits des Erreichten lägen, eine Tatsache, bei der vielleicht verlagstechnische Interessen mit dem Kantjahre hineingespielt haben. Denn zu einer Biografie gehört vor allem eines: Biografisches. Genau das aber wird der Leser vermissen. Nicht selten dient die Person Kants lediglich als Aufhänger zu einem kulturellen Exkurs über Königsberg. Beispielhaft sei hier das Kapitel „Kant und die Königsberger Juden“ erwähnt, dessen Inhalt vor allem das Verhältnis Königsbergs und der Universität zu den Juden be­handelt. Ebenso verhält es sich teilweise bei Kants Werken, die ohne­hin nur sehr eingeschränkten Eingang ins Dietzsche Buch ge­funden haben. So tritt etwa die Schrift „Beantwortung der Frage: Was ist Auf­klärung“ nur als Brücke zur allgemeinen königsbergischen Aufklärung in Erscheinung. Dem gegenüber stehen aber wiederum herausragende Seiten zur kritischen Philosophie, die (obzwar auch hier der Klappen­text etwas anderes verheißt) es nicht an Anspruch mangeln lassen und somit keineswegs für Einsteiger „unschwer“ geeignet sind.

Aber, das Werk ist eben eine Vorbetrachtung zu einer Biografie. Als solches ist es gut und mit Gewinn zu lesen!

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