Review von Daniel Dennetts „Sweet Dreams“

Daniel C. Dennett: Sweet Dreams. Philosophical Obstacles to a Science of Consciousness. Cambridge, MA und London: MIT Press (2005). 199 Seiten. ISBN 0-262-04225-8

Patrick Spät

Daniel Dennett – Professor für Philosophie an der Tufts University und Direktor des hiesigen Center for Cognitive Studies – ist der Leonardo da Vinci der Philosophie. Das verbindende Element ist nicht nur, dass beide Linkshänder sind und das Bild eines echten Homo Universalis verkörpern, sondern auch ihre präzise Federführung, ihr Gespür fürs Elegante und ihr scheinbar endloser Esprit. Doch allen Lobeshymen zum Trotz, ist es natürlich stets angebracht, ihre Entwürfe auf Herz und Nieren zu überprüfen.

Das neueste Produkt aus der Dennettschen Erfinderstube ist eine Sammlung von acht Aufsätzen, die in den Jahren 1999 bis 2005 entstanden sind. Die Intention ist klar: Nachdem Dennett mit seinem Consciousness Explained1 eine wahre Lawine von kritischen Artikeln, Büchern und Reden ins Rollen gebracht hatte, sei es an der Zeit, zum Gegenangriff auszuholen und im selben Atemzug „some revision and renewal“ (S. ix) der alten Theorie des Bewusstseins anzubieten. Da Dennett die Grundpfeiler seiner Theorie allerdings nicht immer rekapituliert, ist es ratsam, Consciousness Explained gelesen zu haben, bevor man sich den süßen Träumen widmet. Dennetts Prosa ist wie immer erfrischend, präzise und leichtfüßig, und auch seiner Methode ist er treu geblieben: Alles, was sich nicht mittels funktionalistischer Termini erklären lässt, quint2 Dennett rigoros weg. Ein Blick in den Index verrät sofort, wer die üblichen Verdächtigen sind: Zombies und die vieldiskutierten Qualia3. Beide stehen stellvertretend für die Forderung von David Chalmers und Co., dass wir unsere derzeitige, mechanistische Physik dahingehend erweitern müssten, dass sie diesen Qualia gerecht wird. Dennetts Diagnose lautet, dass sich diese Herrschaften vom Zombic Hunch haben einwiegeln lassen, denn zum einen basiere die Annahme von Qualia auf bloßen Intuitionen, die sich jederzeit als Trugschluss entpuppen könnten (genau so wie unser Gefühl, dass sich die Erde nicht drehe), zum anderen lasse sie sich weder mittels wissenschaftlicher Methoden beweisen, noch bringe sie irgend­einen Nutzen für die gegenwärtige Diskussion mit sich:

Only a theory that proceeds in terms of how the parts work together in larger ensembles has any hope of shedding light on the topic question, and once theory has ascended to such a high level, it is not at all clear what use the lower-level physical sophistications would be. [S. 11f. Dennetts Hervorhebung]

Dennetts zentrale Behauptung ist nicht, wie es ihm oft nachgesagt wird, dass es keine Gefühle oder ähnliches gebe – „I can feel the tug as well as anybody“ (S. 14) – sondern vielmehr, dass Philosophen ihnen soviel Beachtung schenkten, denn schließlich würde eine funktionalistische Lösung des hartnäckigen Leib-Seele Problems alles erklären, wonach wir derzeit fragen.

Im Anschluss an seine Qualia-Kritik bietet Dennett dem Leser seine eigene Alter­native an, die heterophenomenology. Diese Methode basiert darauf, alle erdenk­lichen Daten, die von Personen gewonnen werden können (via verbalen Äußerungen, Herz­schlag­frequenzen, Veränderungen der Mimik, bildgebenden Verfahren usw.) zu sammeln, um eine befriedigenden Erklärung von Bewusst­seins­zuständen liefern zu können4.

Allen geneigten Lesern, die reflexartig einwenden wollen, dass solche Methoden irgendetwas ausließen, weil mit ihnen noch lange nicht der besondere Charakter mentaler Zustände erklärt sei, erklärt Dennett gebetsmühlenartig, dass sie dabei stets dem Zombic Hunch in die Hände fielen. Wie leicht das vonstatten geht, erklärt Dennett mit Hilfe seines Lieblings-Werkzeugs, der Analogie: Wenn wir einem Magier beim Zaubern zusähen, dann seien wir meist derart durch seine Zauberkünste be­nebelt, dass wir leicht vergäßen, dass sich hinter dem ganzen Hokuspokus simple, technische Handgriffe verbergen, die sich ebenso simpel und technisch erklären ließen.

The “magic” of consciousness, like stage magic, defies explanation only so long as we take it at face value. Once we appreciate all the nonmysterious ways in which the brain can create benign “user-illusions” […], we can begin to imagine how the brain creates consciousness. [S. 75. Meine Hervorhebung]

Ginge es nach Dennett, dann reicht es aus, die Frage zu beantworten, wie bzw. auf welche Weise Bewusstsein entsteht, was Dennett allerdings beständig quint, ist die Fragestellung, was Bewusstsein überhaupt ist. Der allbekannte Kritikpunkt an Dennetts Position ist, dass er Qualia und anderen Eigenschaften des Bewusstseins vollständig ihre Bedeutsamkeit abspricht, bloß weil diese charakteristischen Eigen­schaften sich nicht beweisen ließen oder auf zweifelhaften Konzeptionen beruhten. John Searle trifft den Nagel auf den Kopf:

In any case, several recent attacks on consciousness, such as Dennett´s, are based on the mistaken assumption that if we can show that there is something wrong with the doctrine of incorrigibility or introspection, we have shown that there is something wrong with consciousness. [Searle, R. J.: The Rediscovery of the Mind. Cambridge, MA und London: MIT Press (1992). S. 149]

Sicherlich ist Dennetts Methode der heterophenomenology nicht falsch, da er sich ja damit weitgehend an den sicheren Ufern der Naturwissenschaft bewegt. Die Gretchenfrage lautet, ob sie auch ausreicht? Infolge der bewussten Auslassung solcher Fragen wundert es nicht, dass Dennett abermals Frank Jacksons Mary zu desillu­sionieren versucht, und schließlich in den letzten drei Kapiteln sein Multiple Drafts Model reaktiviert; diesmal in Gestalt der „fame in the brain“ Analogie. Beide Phäno­mene, sowohl Bewusstsein als auch Ruhm, teilten nach Dennett die Eigenschaft, dass sie weder intrinsisch noch dispositional seien. Wenn ich ein Grand Slam Turnier gewinne, dann sei nicht der Ruhm dafür verantwortlich, dass ich in aller Munde bin, denn erst dadurch, dass ich in aller Munde bin, ist überhaupt der Ruhm da; ja, es ist schon der Ruhm. Gleiches gelte nach Dennett für das Bewusstsein: Es ist nicht so, dass das Bewusstsein eine metaphysische Extrawurst darstellt – wie wir wissen, sind zahl­reiche, hirnphysiologische Effekte für das Phänomen Bewusstsein verantwortlich. Und auf dieselbe Art und Weise, wie der Rummel um die eigene Person nicht den Ruhm auslöst, sondern schon der Ruhm ist, so sind diese Effekte schon per se Bewusstsein. Die Vorstellung, dass Ruhm oder Bewusstsein irgendwelche über­ge­ordneten, mit besonderen Eigenschaften versehene Entitäten seien, ist schlichtweg eine Illusion, die wir entzaubern müssten.

Wer Dennetts Schreibstil schätzt und inhaltliche Parallelen auszumachen vermag, der wird hier voll und ganz auf seine Kosten kommen – nirgendwo sonst in der Fachliteratur wird eine naturalistisch-funktionalistisch orientierte Neurophilo­sophie mit derartiger Virtuosität vertreten und verteidigt. Aber auch dem dualistisch veranlagten Leser kann das Buch ans Herz gelegt werden, bietet es ihm doch allerlei harte Nüsse, die es erst einmal zu knacken gilt. Kurzum, Sweet Dreams ist eine Pflichtlektüre für jeden, der sich für die aktuelle Debatte in den Kognitionswissen­schaften und der Neurophilosophie interessiert.


1 Dennett, C. D.: Consciousness Explained. New York & Boston: Little Brown (1991).

2 Das Verb “to quine” leitet sich vom Namen des vehementen Naturalisten Willard v. O. Quine ab und wird in Dennett, D. C. (Hg.): The Philosophical Lexicon. [Privater Druck, erhältlich bei der American Philosophical Association] (19878 ) wie folgt definiert: “To deny resolutely the existence or importance of something real or signifi­cant.“, vgl. auch Dennetts Aufsatz „Quining Qualia“ in Marcel, A. und Bisiach, E. (Hg.): Consciousness in Modern Science. Oxford: Oxford University Press (1988). Wiederabgedruckt in Lycan, W. (Hg.): Mind and Cognition: A Reader. Cambridge, MA und London: MIT Press (1990).

3 Zombies sind Wesen, die eine exakte materielle Kopie eines Menschen darstellen, dabei jedoch kein Bewusstsein haben. Qualia beschreiben das Gefühl, das mit dem Er­leben mentaler Zustände einhergeht: wie es ist bzw. wie es sich anfühlt, die Farbe Rot zu sehen, eine Mango zu schmecken etc.

4 Vgl. Dennetts Consciousness Explained, S. 72ff.

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