Goethes Farbenlehre

Andrey Albrecht

Dieser Bericht will auf die eigentliche Leistung Goethes hinweisen, die ziemlich einheitlich verkannt wird. Das bedeutet auch die Rezeption stark beeinträchtigende Vorurteile aus dem Weg zu räumen, denn seine wichtigsten Entdeckungen liegen gerade dort, wo man ihn am meisten ablehnt. Dieser Bericht soll Goethes Ansehen über das des berühmten Dichters hinaus zurechtrücken und rechnet mit einem aufmerksamen Leser, der sich aus seiner Leidenschaft für Farb- und Lichtphänomene auch nicht zu schade ist, wieder einmal das Prisma vom Regal zu holen.

Goethe wird nicht selten dann konsultiert, wenn es um pädagogische Fragen oder um Kulturdefinitionen geht. Auch seine Betrachtungen über die sittliche Wirkung der Farben wurden, als das was sie verstanden wurden, gut akzeptiert. Man gesteht ihm da eine Natur gegebene Kultur und instinktive Intelligenz zu, die aussergewöhnlich war. Hie und da kommt von selber oder beim Lesen von Goethes Schriften das Gefühl auf, dass es unserer Kultur an Ganzheitlichkeit und Menschlichkeit fehlt, dass sich die verschiedenen Disziplinen ausgrenzen und dass der Wind, der an den Instituten weht, zu grob ist, als dass man von da wirkliche Erkenntnisse über ein Lebewesen erwartet könnte. Und dann schaut man, wie es Goethe gemacht hat.

Diesem Bestreben steht aber ein institutionalisierter Wissenschaftskomplex gegenüber, der seinen Ruf als disziplinierter Wahrheitsentlarver zu bewahren weiss. Es sei zu viel roman­tische Schöngeisterei in Goethes Art, als dass er für die gewissenhafte Naturwissenschaft von Bedeutung sein könne. Dies hat mehr als die Verdrängung des Kulturphänomens Goethe zur Folge. Es steht in der Tradition einer Trennung des menschlichen Erkennens in einen primären und einen sekundären Teil. Wahrscheinlich der erste, der eine solche vertrat war Parmenides (515 v. Chr. bis ca. 445). Die aktuellsten Vertreter sind die Kantianer. Kant selber sah die Wahrnehmungen nur als Produkt von objektiven Vorgängen, die sie sowohl er­möglichen und als auch das Objekt der Perzeption ausmachen. Ernst genommen wird also nur der Primäre, der sich mit den verstandesmässig erkennbaren Phänomenen beschäftigt. Der Sekundäre beinhaltet die Welt des Lebendigen und Organischen. Eine Wissenschaft, die den sekundären Teil ernst nimmt, geht auch auf ein Ich ein und beschäftigt sich mit dessen Fragen. Es versucht dieses nicht zu zerlegen, sondern nimmt es als Ganzes.

Der Irrtum der Mechaniker, wie ich die Kantianer, Physiker und Vertreter der selbsternannten primären Erkenntnis, zusammenfassen will, besteht darin, dass sie Erkenntnis der mathe­matisch beschreibbaren Phänomene für gewisser halten, wenn nicht sogar ohne Sinnesein­flüsse entstanden. (Goethe bezeichnete die mathematische Beschreibung eines Phänomens als in dem Sinne eitel, als sie den Anschein vermitteln, als ob das Phänomen auch gleich selbst erfunden worden sei.) Ohne Sinneswahrnehmungen kommen aber natürlich auch die gewissenhaftesten Wissenschaftler nicht aus. Ob wir eine mechanische Bewegung betrachten oder eine Farbe, macht für die Perzeption keinen Unterschied, wir brauchen für beides gleichermassen die Sinne. Der Unterschied ist nur, dass wir in den einen nach dem Be­trachten, mathematisch beschreibbare Eigenschaften finden. Weil Goethe sich nun aller Sinneswahrnehmungen gleichermassen bediente, nannte man ihn einen Phänomenologen, was offenbar reichte, um eine weitere Auseinandersetzung und Prüfung seiner Argumente auf physikalisch-experimenteller Ebene als überdrüssig abzutun.

Dass die Mathematik Grenzen hat, ist einleuchtend, dass man über sie aber die Grenzen des menschlichen Erkennens überhaupt definiert, zeugt von einer rüpelhaften, nihilistischen und obskuren Weltanschauung. Zuerst wird alles abstrahiert, was nicht mechanisch ist und dann sucht man in dem „fast-nichts“ wieder nach Leben. Die löbliche Disziplin scheint sich zu einer Übergewissenhaftigkeit zu verselbstständigen. Dass man etwas falsch gemacht haben muss, bezeugen auch die Klagen von Werner Heisenberg über die Situation der gegen­wärtigen Naturwissenschaft, dass man sich in einer finsteren, hintergründigen Welt bewege, die weit ab von der vertrauten und bodenständigen Alltagswelt steht.I Wissenschaftler wie Du Bois-Reymond und Helmholtz bestanden auf einen Schritt über das Sinnliche hinaus ins Begriffliche, wo die Erklärung für die Phänomene herkommen soll. Heute sind wir sicher empirischer geworden; man muss allerdings sagen, dass solange man Goethe des Romantizismus bezichtigt, noch nicht richtig zum Sinnlichen gefunden hat. Man hat sich die Grundvoraussetzung zu jeder wissenschaftlichen Auseinandersetzung, nämlich das Verhältnis von Begrifflichem und Sinnlichem klar zu trennen, noch nicht genügend zu Eigen gemacht. Man hat den Versuch durch einen Salto mortale, aus rein Begrifflichen auf Inhalt zu kommen, immer noch nicht ganz überwunden. Man versucht in der Regel nicht mehr, wie Hegel und andere Spekulanten, aus dem Begriff (meist religiöse...) den Weltinhalt abzuleiten. Darüber ist man hinaus, weil man alles geistige ablehnt, aber die unterwürfige Vorgehensweise, im Gegensatz zu jemandem, der sich an seine Wahrnehmungen hält, hat man nicht auch über­wunden, denn man glaubt noch immer nicht recht, dass die eigenen Beobachtungen unzu­sammengesetzt sein können. Gott hat einem noch mehr in der Hand als man glaubt – erst wenn man keine Angst mehr von Geistigem hat und wenn man Wahrnehmungen mit geistigem Inhalt als Wahrnehmungen akzeptieren kann, ist man wirklich wissenschaftlich geworden - und zudem freier! (Dazu täte eingehende Stirner- und Nietzschelektüre wieder einmal gut...)

Die Ursache organische Phänomene zu mechanisieren, kommt aus einer fanatischen Faszination die zusammengesetzt ist aus einem Gefühl von Wahrheitsverpflichtung und der Bevorzugung von obskuren Erklärungen gegenüber solchen, bei denen man sich anstrengen müsste um die Gesetzmässigkeiten hinter dem wirklich Sinnlichen zu finden. Es ist völlig müssig darüber zu diskutieren, wie viel schlechten Einfluss solche Methoden nun haben oder nicht haben. Es steht fest, dass sie nichts Gutes bewirken und wer nicht gerade einen Hang zu Surrealem hat oder auf den Adrenalinstoss der Erkenntnis der eigenen Verwirrung steht, der hält seine Vorgehensweisen von solchen Einflüssen fern.

Nun kann man die Entdeckungen unserer Psychologen aufzählen und die Statistiken über die Erfolge gewisser Heilmethoden erwähnen. Jeglichen Fortschritt in den bisherigen Bemüh­ungen und alle Offenheit gegenüber Goethe will ich auch gar nicht in Abrede stellen, was ich in der Aufgeschlossenheit gegenüber den Ergebnissen der sittlichen Wirkung auch schon er­wähnt habe, aber sie ist vor allem dort zu schwach, wo es sich darum handelt die Übergänge vom Lebendigen in seinen verschiedenen Stufen zum Anorganischen festzuhalten. Die Physik neigt dazu die Welt zu vermechanisieren, worauf auch die Zubetonierung riesiger Erdteile und den uns umgebenden Maschinen hindeuten. Selbstverständlich profitieren wir davon, aber nicht der ganze Mensch in uns und das ist nicht eine Frage der Beschränkung auf das Lebens­notwendige, sondern im Falle Goethes ein Problem der wissenschaftlichen Reife und der An­erkennung für vorhandene Verbesserungsansätze.

Es fehlt nicht an Bewunderung über die Klarheit in Goethes Sprache, über das Plastische und Wirklichkeitsgesättigte (bspsw. Du Bois-Reymond, E.II), aber wenn es darum geht diese Einblicke weiter zu vertiefen und Goethes Theorie wirklich zu verstehen, dann fällt man seltsam schnell in die Ablehnung der Physiker, was ich mir ein Stück weit auch nur aus dem Ärger über die Überlegenheit Goethes erklären kann, denn wenn es ihm tatsächlich gelungen ist, eine Wissenschaft der Organik zu schaffen, dann hat er tatsächlich eine „Superiorität über viele“ erreicht, wie er seine Leistung bezeichnet. Aus der Ablehnung entstehen dann die Vor­urteile, dass Goethe aus blosser Eitelkeit neben seiner Betätigung als Dichter auch wissen­schaftlich tätig sein wollte. Solche Vorwürfe kommen einem enorm vor, wenn man erkennt, dass selbst seine Entdeckung des Zwischenkieferknochens aus dem Gefühl für organische Gesetze entstand, weil ihm aus seinem Standpunkt ein dazumal angenommenes Fehlen dieses Knochens beim Menschen unmöglich und unsensibel von den Wissenschaftlern erschien. Eitelkeit gehört aber noch zu den weniger verfälschten Bildern Goethes. Rein auf Grund seiner abweichenden Farbtheorie bezeichnet man ihn gewöhnlich als Eidetiker. Auch sein assoziatives Denken wurde bis zur Halluzination verzerrt. Wobei es doch seltsam ist, dass sich Goethe nie darüber beklagte, sondern stolz auf dieses Denken war!

Das Organische hebt sich ab vom Anorganischen, dem Reich der Mineralien, wo die Vor­gänge rein mechanisch erklärbar sind. Gegenstände stossen sich oder ziehen sich an, Träg­heitsgesetze und Gegenkräfte wirken dagegen und dergleichen. Bei all diesen Untersuchungen geht es darum die beteiligten Kräfte so vollständig wie möglich aufzuzählen und in die Gleichung mit einzubeziehen. Das Phänomen wird zerteilt in beteiligte Kräfte und Einflüsse. Ein Lebewesen kann so nicht angegangen werden. Da hat man ein Wesen vor sich, das wirkt und lebt. Versucht man es zu zerlegen, entgleitet es einem, weil es gerade in der Gesamtheit seiner Erscheinung - was hier mehr als die Summe seiner Teile bedeutet - steckt. Die Ablehn­ung der Möglichkeit einer Erkenntnis des Organischen kippt häufig in den Versuch mit mechanischen Methoden in einen Bereich vorzustossen, wo mehr als mechanische Kräfte wirken. Überhaupt der Begriff des Organischen ist etwas Abstraktes, er hat für die meisten etwas vernünftiges, aber vielen ist es nur Teil eines sittlichen Umgangs, den man vergisst, sobald man etwas „ernsthaft“ anpacken will. Der Grund ist ganz einfach der, dass man Mathematik aus sich heraus schaffen kann, ohne sinnliche Beobachtungen zu machen. Sie ist also etwas uns sehr nahe stehendes und scheint uns daher eine gewisse Sicherheit auszu­strahlen. Deswegen machen wir die Beobachtungen lieber bekannten Formeln ähnlich, als dass wir nach Strukturen in Neuem suchen. Das ist auf eine assoziative Art ganz natürlich, wo es aber verfälschend wirkt schädlich.

Die Initialzündung zur aktiven Opposition (eine rein gefühlsmässige muss schon früher ange­setzt werden, da er schon früher ein Zusammenhang des Farbverständnisses mit der Kunst an­nahm, und das Licht somit als etwas Organisches verstand, worauf aber später noch näher ein­gegangen wird) Goethes gegen die newtonsche Physik war der Blick durch das Prisma. Was ihm auffiel war, dass nur an abrupten Hell-Dunkel-Übergängen Farben auftauchen. Schaute er an eine weisse Wand, blieben die Farben ganz aus. Nach der bis heute anerkannten Ansicht, dass die Farben im Licht enthalten sind, sollte die Farbe auch da entstehen, wo nur weisses Licht vorhanden ist. Hier wird eingewendet, dass das gerade der Unterschied zur objektiven Wissenschaft sei, dass der Wissenschaftler nicht hindurchschaut, sondern einen Lichtstrahl durch das Prisma gleiten lässt.

Schauen wir uns das genauer an. Blickt man durch das Prisma auf einen klaren Übergang von einer weissen zu einer schwarzen Fläche, wird je nachdem wie das Prisma gehalten wird (eine Kante des Prismas senkrecht nach oben oder nach unten haltend), ein gelber oder ein blauer Rand entstehen.

Hält man ein Prisma in den breiten Lichtstrahl eines Hellraumprojektors und hält einen breiten lichtundurchlässigen Gegenstand in das Licht, so dass das Licht, das durch das Prisma fällt eine horizontale Begrenzung erfährt, haben wir auf dem Schirm wieder die Hell-Dunkel-Grenze und einen blauen oder gelben Rand. Dies ist das „objektive“ Gegenstück zum sub­jek­tiven Blick durch das Prisma auf einen Hell-Dunkel-Übergang.

Nimmt man nun zu diesem Versuch eine zweite dunkle Begrenzung hinzu, so dass wir also einen hellen Streifen Licht durch das Prisma anschauen oder durch das Prisma hindurch­lassen, haben wir beide Farben Gelb und Blau. Das erklärt sich ganz einfach dadurch, dass wir einmal weiss oben und einmal dunkel oben haben. (Das entspricht auch der Beobachtung, dass wenn das Prisma gedreht wird bei einem Hell-Dunkel-Übergang, sich die Farben Gelb und Blau austauschen.)

Verringert man den weissen Spalt nun oder bewegt das Prisma vom Schirm, bzw. vom Hell-Dunkel-Bild weg, kommen sich die farbigen Ränder immer näher, bis sie sich überlappen und somit vermischen. Damit entsteht das ganze Regenbogenspektrum.

Die Theorie, die besagt, dass die Farben im Licht enthalten seien, glaubt natürlich, dass die Ränder Überlappungen von Farben seien, die zusammen wieder Weiss geben. Dies ist aber ein ziemlich kümmerlicher Rettungsversuch, denn wenn das Spektrum die Menge aller Farben ist, wie können dann die Restlichen wieder Weiss geben, wenn Blau oder Gelb fehlt.

Dazu folgendes Schema. Rot und Grün, Gelb und Violett und Orange und Blau sind die Farbenpaare, die zusammen jeweils Weiss geben bei der subtraktiven Farbmischung. Nun betrachte man die farbigen Ränder etwas genauer und man wird sehen, dass auf der blauen Seite nie nur einfach ein Farbton entsteht, sondern dass es feine Übergänge auf der Seite zur hellen Fläche ins Türkis und auf der Seite der dunklen Fläche ins Violett gibt. (Auf der gelben Seite geht es von blassgelb bis ins rot über.) Es fehlt also nicht nur eine Farbe im Farbkreis, sondern fast die Hälfte des Spektrums. Wie sich die andere in Weiss auflösen soll und wieso das immer an Hell-Dunkel-Rändern passiert, bleibt offen. (Es ist auch möglich, aus drei sub­traktiv gemischten Farben weiss zu bekommen. Bestimmte Kombinationen von Rosa, Hell­gelb und Türkis. Von denen fehlt aber ebenfalls mindestens eine.) Da die Physik sich gerade so auf Quantitäten spezialisiert hat, frage ich mich, wo sich diese „Resten“ wohl hinverzogen haben mögen.

Die Farbübergänge an den beiden Seiten erklären sich dadurch, dass das Prisma eine helle Fläche über eine dunkle oder umgekehrt schiebt und dies natürlich nicht so stark tut, das eine der Flächen ausgelöscht wird. Das wäre nur eine Verschiebung der Grenze, die zwar auch stattfindet, aber nicht ohne Vermischung der Flächen.

Dies führt zu einem weiteren wichtigen Versuch von Goethe. Er nahm nicht nur einen hellen Streifen zwischen zwei dunklen Flächen, sondern auch einen dunklen zwischen zwei hellen. (Der „objektive“ Versuch dazu wäre in einen breiten Lichtstrahl einen Draht zu spannen, der einen dünnen Schattenstrahl werfen würde.) Der Unterschied des hellen zum dunkeln Streifen, ist der, dass aus den zwei Hell-Dunkel-Übergängen, die ja durch eine gleiche Stellung des Prismas (spitze Kante unten oder oben) angeschaut werden, zwei verschiedene Farben entstehen, die sich aber mit den entgegengesetzten Enden berühren. Wir haben ja vorhin die Farbübergänge genannt, beim blauen Rand gegen die helle Fläche zu Türkis, dann Blau und gegen die dunkle Seite hin Violett. Hat man nun den dunklen Streifen in der Mitte, fallen also die Farben zusammen, die jeweils auf der dunkeln Seite sind. Das ist Violett und Rot. (Die helleren Enden des gelben und blauen Randes, Türkis und Blassgelb, ergeben das Grün.)

Newton machte, wegen seiner Vorstellung der im Licht enthaltenen Farben, vor allem den Versuch mit dem hellen Streifen, bzw. Lichtstrahl – dementsprechend mit dem Spektrum, das Grün in der Mitte hat. Genau genommen sind Grün und Rot beides zusammengesetzte Farben, weil Newton aber die Farben im Licht enthalten glaubte, hielt er nur Rot (bzw. Purpur) für eine zusammengesetzte Farbe. Weil Licht eindeutig das Aktivere im Gegensatz zum Dunkel ist, sagte er nicht, dass die Farben im Dunkel enthalten sind, was er ja auch hätte denken können, wenn er mit seiner Einseitigkeit statt nur auf den hellen Streifen nur auf den dunklen Streifen geschaut hätte. Bjerke meinte scherzweise, wenn er der Erfinder des Mikroskops und nicht des Fernrohres gewesen wäre und damit nicht auf Sterne, die dem Lichtstrahl ent­sprechen, sondern auf Lichtundurchlässige Zellen auf einem von unten beleuchteten Glas­plättchen, wie das bei Mikroskopen üblich ist, dann hätte er die Farben auch in die Dunkelheit verlegt.

Natürlich ist es nicht so einfach und es fällt tatsächlich nicht leicht sich eine Beteiligung der Dunkelheit am Licht vorzustellen. Dies soll nun aber nicht zum Einwand gegen Goethes Farbenlehre heranwachsen, denn dass Dunkelheit beteiligt ist, sollte aus den vorangehenden Betrachtungen deutlich geworden sein. Hier kommt die sinnlich-sittliche Wirkung der Farben zum Zug. Während das Weiss eine Überforderung des Auges, eine Überlastung ist, ist das Dunkle nicht einfach neutral, sondern entleerend. Es hat eine Saugwirkung. Es liegt den heutigen Physikern nicht sehr viel an subjektiven Erlebnissen, aber es ist ja nicht so, dass diese Erlebnisse nur Goethe hatte, sondern es hängt mit der Organisation des Auges zu­sammen so zu empfinden. Unsere Augen sind dafür gemacht die Welt der Farben zu erkennen - sie sind Teil der Farbwelt und nur über sie verstehen wir sie ganz. In der Wirkung der Farbe auf das Auge, indem wir das Auge ganz der Farbe hingeben und nicht nur um die Farbentsteh­ung nachzuvollziehen, wie dies die Physiker tun, finden wir die Farbgeheimnisse.

Wir erfahren an unserer grössten Zufriedenheit beim Purpur, dass das Licht den Hell-Dunkel-Gegensatz überwinden will, denn im Purpur ist der Anteil von Hell und Dunkel ausgeglichen. Es muss allerdings bemerkt werden, dass es keine absolute Idealfarbe gibt, denn unser Auge schafft auch beim Purpur eine Gegenfarbe, die man sieht, wenn man nach einem purpurnen Feld auf eine weisse Wand schaut. Die Farbe Grün, die beim Newtonschen Spektrum im Zentrum steht, hat einen höheren Dunkelanteil und ist deshalb auch passiver und beruhigender in der Erscheinung als Purpur. Es wird nebenbei häufig angenommen, es bestünde ein Kampf in einem christlichen Sinn zwischen Hell und Dunkel, was in Wahrheit aber gerade nicht Goethes Intention entsprach. Es braucht beide Pole, dass Farbe entstehen kann. Es kann also nicht um einen Sieg des Hellen gehen, sondern um die gemeinsame Überwindung des farb­losen Hell-Dunkel-Zustandes. Die Natur muss sich aufteilen für ihre Verwirklichung. Das hängt mit der Vergänglichkeit aller Schöpfungen zusammen.

Goethe glaubte, dass bei gewissen Phänomenen gerade das subjektivste am Wissen­schaft­lichsten ist, weil nur ein Lebendiges, das reagiert, angemessene Naturerkenntnis liefern kann (vor allem weil das Objekt seinerseits auch lebendig ist). Goethe suchte bei seiner Urpflanze eine Pflanze, die Urbild zu jeder Gewordenen ist, und mit der darüber hinaus pflanzliche Formen geschaffen werden können, die vielleicht noch nicht entdeckt wurden oder die es zu einem anderen Zeitpunkt geben wird oder gab. Diese kreative Vorstellung von Erkenntnis, haben wir auch in der Mathematik. Da haben wir unser Bewusstsein mit einer Uridee ver­bunden, mit der wir eine ganze Reihe von Phänomenen verstehen können (wir können ja in sich stimmige Formeln ohne Naturwissenschaft aus uns herausproduzieren). Solche Ansätze findet man auch bei Schelling, der davon ausging, dass man die Natur nur erkennen kann, wenn man in sich ein entsprechendes Gegenstück gefunden hat. Die Ebene des Lichtes, der Pflanzen und ähnlichem – alle Bereiche des Lebendigen haben wir grösstenteils aber noch vor uns. Die Künstler sind kreativ und gehen solche Verbindungen mit organischen Elementen ein. In diesem Sinne ist auch Schillers Ausspruch über Goethes Streben zu verstehen, dass er das Griechenland bewusst aus sich zu schaffen versuche, dass wir für die Selbsterkenntnis ge­opfert haben.III Hier kommt der Begriff der Selbsterkenntnis hinzu. Mit Pherekydes (...) hat das abstrakte Denken begonnen. Er ist der erste bekannte Denker, der aus dem bildhaft-mystischen Denken herauskam und sich auf eine Selbsterkenntnis hinbewegt, die nicht mehr „Ich“ zu äusseren Dingen oder „Es“ zu sich sagt. Davor lebte man in einer herabgedämpften Einheit mit der Natur. Zu den Merkmalen dieser Zeit gehören auch schamanische Führer und andere Autoritäten, auf die die einfachen Leute angewiesen sind. Die Selbsterkenntnis trennte uns im Denken vorerst von einem Ganzen, damit ein freies, selbstbestimmtes Dasein be­ginnen konnte. Gerade die Freiheit wurde nun zum Ansporn nach dem, was „die Welt im Innersten zusammenhält“IV zu suchen. Nachdem man sich aus allen mystischen Naturbanden gelöst hat, sucht man Neue, die unserer Freiheit auch entsprechen kann. Nun tut man es bewusst.

Der Akt der Selbstbefreiung aus den mythischen Zusammenhängen, war mit der Einver­leib­ung des mathematischen Denkens verbunden. Es ist sicher kein Zufall, dass das mathe­matische Erkennen mit dem Verbinden und Analysieren von Teilen verbunden ist. Denn die Selbsterkenntnis ist ja in erster Linie ein Teilchenerlebnis. Das erste was, wir an diesem Teilchen feststellen ist die Bindung an Raum und Zeit. Die Vergänglichkeit und Begrenztheit, also mathematische Qualitäten.

Dass uns Mathematik aber mit einer geistigen Welt verbindet, darüber waren sich Kant und Goethe einig, denn wie erwähnt kann man Mathematiker sein, ohne die Sinne zu gebrauchen. Man muss die Freiheit ausfüllen: Freiheit weißt auf die weit höhere Selbsterkenntnis hin, wie sie Ansatzweise auch bei Schelling zu finden ist, die glaubt dass wir denken sollen. Dass wir die Instrumente der schöpferischen Naturkräfte sind, die ihnen die Betrachtung der Natur ermöglichen.

Selbsterkenntnisse bzw. Freiheitserlebnisse haben nicht nur insofern eine Auswirkung auf die Wissenschaft, als man sich Rechenschaft über die eigenen Vorgehensweisen abgibt, sondern dass man durch das Erlebnis der Freiheit auch deutlicher auf sein Ziel sich ausrichtet, Wirk­lichkeit in das Denken zu bekommen. Denn unsere jetzige Wissenschaft ist noch abstrakt, wie die Mathematik, die nur Beziehungen beschreibt. Der Inhalt soll aber nicht in einem Leugnen der jetzigen Ergebnisse gesucht werden, sondern einem bewussten Herantreten an die Wahr­nehmung und das Gefühl. Dass ein Stehen bleiben falsch sein muss, ist offensichtlich, denn man sucht einen ganzheitlichen Zusammenhang mit dem Leben, wie man ihn vor der Selbst­erkenntnis hatte. Nur muss man nur darauf achten, nicht wieder in Zustände wie vor der Mathematik zu gelangen, was eine reale Gefahr darstellt, wo man die Natur rein mathe­matisch angehen will, denn man verstrickt sich gerne darin, bis man keine Möglichkeit mehr sieht das volle Leben, nach dem man gefühlsmässig strebt, bewusst zu erkennen (Kant ist ein Musterbeispiel dafür – wo die Erkenntnis ihre Grenzen hat findet er „praktische“ Gründe für eine Religion). Die Folgen sind einen Hang zum Glauben und zu mystischen Ekstasen mit nationalistischen oder anders ausgrenzenden und elitären Zugehörigkeits- und Überlegen­heitsgefühlen.


II Vgl. Werner Heisenberg: „Die Goethesche und die Newtonsche Farbenlehre im Lichte der modernen Physik“. In: Geist der Zeit 19 (1941).

IIII E. Du Bois-Reymond: Goethe und kein Ende.

IIIIII Vgl. Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe, 1794 – 1805, in zwei Bänden. Deutsche Buchgemeinschaft, Berlin. An Goethe, Jena, 23. August 1794, 1. Bd., S.33.

IVIV J. W. Goethe: Faust. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Leipzig, 1940. Faust I, Vers 383-384.

4.078 Abrufe