Warum der Mitbewohner Schlager­radio hört.

Eine Untersuchung zu den Medien­konsumenten.

Besprechung von „Wir Mediensklaven. Warum die Deutschen ihr halbes Leben auf Empfang sind.“

von Meyen, Michael, merus verlag, Hamburg 2007. 216 Seiten. ISBN: 3-939519-19-7.

Nico Danowski

(Osnabrück/ Deutschland)

Nein, hier wird nicht gezeigt, wie wir, von den Hervorbringungen der Kultur­industrie überwältigt, gänzlich aller Freiheit beraubt werden. Vielmehr wird die These vertreten, dass jeder genau die Medien konsumiert, die er will. Das heißt jedoch nicht, dass dieses Wollen frei ist. Gemäss dem schopenhauerschen Bonmot kann man zwar tun (lesen, sehen, hören) was man will, aber nicht wollen was man will. Wem nun wonach der Sinn steht und warum, versucht der vorliegende Band anhand empirischer Studien zu erhellen.

Warum gehen Menschen im Durchschnitt mehr als zehn Stunden täglich mit Medien um? Ausgehend von Identitätstheorien, Kapitalerwerbsthesen in An­lehnung an Bourdieu und der Überzeugung von der Bedeutsamkeit habitueller Besonderheiten wurden von Studierenden der Maximilians-Universität, die Meyens Seminare besuchten, Tiefeninterviews und Gruppendiskussionen mit weit über 100 Probanden geführt. Die Determinanten der individuellen Hand­lungsmuster wurden abgefragt und führten zu interessanten Einblicken, in die Publikumsstruktur einzelner Medienangebote einerseits, die Medienmenüs be­stimmter Personengruppen andererseits. Anspruch auf Vollständigkeit hat eine solche Untersuchung natürlich genausowenig, wie Probleme in der Auswahl repräsentativer Probanden vollends gelöst werden konnten.

Nichtsdestotrotz ist eine erstaunlich farbige Umschau in der deutschen Medien­landschaft gelungen. Sicherlich überrascht es nicht so sehr, dass die Leser von Neuem Deutschland und taz aus einer Art Waagenburgmentalität heraus versuchen, sich und die Ihren als die guten definierend, sich von anderen, weniger belesenen Personengruppen abzugrenzen. Interessant wird aber, dass sie dies mit den Zuschauern von Harald Schmidt und Hörern von Radio­sendungen mit klassischer Musik gemein haben. Diese Wahlverwandtschaften dürften sicher den Einen oder Anderen überraschen. Ebenso überraschend sind die Unterschiede in der Nutzung von Männer- und Frauenmagazinen, sowie deren Bedeutung für ihre Leser. Dies gilt besonders, wenn man unterstellt, das Frauen an „frauenspezifischen“ Themen ebenso interessiert sein müssten, wie Männer an für ihr Geschlecht als interessant unterstellten.

Abseits von diesen eher impressionistischen Häppchen kann Meyen durch methodische Arrangements überzeugen, die weiteren empirischen Studien durchaus als geeignetes Ausgangsmaterial empfohlen werden können. Dazu zählt auch der Perspektivwechsel von einzelnen Medieninhalten zu Gruppen von Mediennutzern. Hier bleibt das Material und die Auswahl der Gruppen allerdings etwas schmal. Die Entscheidung, eher aussergewöhnliche Personen­kreise, wie Frauen mit Kindern, Senioren, Journalisten und Frauen in Führ­ungspositionen zu untersuchen, mag zwar einige Determinanten von Medien­konsum wie verfügbares Zeitbudget, Notwendigkeit der Akkumulation kulturellen Kapitals und Berufsorientierung verdeutlichen. Letztlich ist diese Auswahl laut Meyen aber willkürlich.

Zwei Bedenklichkeiten dieser Studie sollten nicht unterschlagen werden. Erstens ist die Auswahl der Probanden, deren Schwierigkeiten geschildert wird, nicht zufriedenstellend. Wenn tatsächlich die soziale Position eine Bedeutung für die Mediennutzung hat, dann sollten auch die sozialen Lagen der Probanden die Gesamtheit widerspiegeln. Zudem ist meines Erachtens der Bereich der Neuen Medien unterrepräsentiert. Hier liegt Potential, für weitere Untersuch­ungen, welches eine umfassender angelegte Studie nutzen sollte.

Sehr gut nutzbar, gerade als Hypothesen für weitere Untersuchungen, scheint mir die Typologie von Medien­nutzern, die im abschliessenden Kapitel des Buches entwickelt wird. Konsument oder Genügsamer, Profi oder Elitärer, Pflichtbewußter oder Unabhängiger? Die Zuordnung zu diesen Typen mag holz­schnittartig sein, befriedigt jedoch vorläufig ein Bedürfnis nach Ordnung, das nach der Auswertung der Tiefeninterviews besteht. Eine solche Taxonomie der Mediennutzer zu bewähren, könnte sicherlich eine reizvolle Aufgabe für den einen oder anderen Medienwissenschaftler, der die Mühen der empirischen Ebene nicht scheut, sein.

Alles in allem ist der von Meyen vorgelegte Band eine interessante und lesens­werte Studie, die Anregungen für weitere Forschung liefert. Zudem hat sie Ge­brauchswert, wenn man heraus zu finden versucht, warum der Mitbewohner schon wieder Schlagerradio hört.

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