Nietzsche und die ewige Wieder­kehr

Peter Lemar

(Leipzig/Deutschland)

Nietzsches Gedanke der ewigen Wiederkehr hat längst ewig andauernde Diskussionen und Kontroversen ausgelöst, und es ist wie mit allen Dingen: Auf der einen Seite gibt es die Anhänger und Befürworter, auf der anderen die Widersacher und Kritiker. Das muss auch so sein, denn wir leben nun mal in einer dualistischen Welt der Gegensätze. Doch die Idee der ewigen Wiederkehr ist nicht neu. Schon die alten Griechen und vor ihnen die Inder und Chinesen sprachen vom ewigen Kreislauf der Dinge, von der Wiederholung als die ewige Sanduhr des Daseins, die immer wieder umgedreht wird.

Die Gegner der Wiederkehr-Theorie haben Nietzsche vorgeworfen, er habe seine These nicht stichhaltig untermauert, also nicht naturwissenschaftlich bewiesen. Sie haben recht. Nietzsches Postulat ist rein intuitiv, philo­sophisch – nicht wissenschaftlich. Aber auch wissenschaftliche Theorien können in Anbetracht der Schwere des Themas nur kapitulieren. Denn alle Apparate und Energien, die zum experimentellen Nachweis irgend einer kosmologischen These vonnöten wären, übersteigen auf absehbare Zeit alle irdischen Möglichkeiten. Deshalb haben wissenschaftliche Theorien nicht mehr und nicht weniger empirische Beweiskraft als andere. Man muss sich also damit abfinden, dass die Wahrheit einer so allumfassenden Theorie wie der Wiederkehrtheorie nicht an ihre Beweisbarkeit gekoppelt ist, was besagt, sie lässt sich im Gödelschen Sinne auch gar nicht be­weisen. Allerdings gibt es Indizien, die in der Summe den einen oder anderen Fall nahe legen. So auch im Falle Nietzsches.

Ein erstes Indiz für die Richtigkeit seiner Theorie ist ein Begriff, der ur­sprünglich aus der Thermodynamik stammt, nämlich der Begriff der Entropie. Entropie kommt aus dem Griechischen und heißt so viel wie Umwandlung. Damit ist die Umwandlung von etwas Physikalischem in Information gemeint. Ursprünglich diente dieser Begriff als abstraktes Modell zur Beschreibung zyklischer Vorgänge. Jeder 4-Takt-Otto-Motor ist zum Beispiel ein zyklisches System, das nach Durchlauf eines Zyklus wieder in seinen Anfangszustand zurückkehrt. Dabei gibt es Wärme ab und leistet Arbeit. Heute bezieht sich Entropie auf alle mikro- und makros­opischen Objekte und gilt als Maß für den Informationsgehalt eines Systems. Gießt man beispielsweise Milch in eine Tasse Kaffee, dann ist die Milch nicht sofort gleichmäßig im Kaffee verteilt. Angenommen, sie hat sich gerade mal in einer Hälfte der Tasse ausgebreitet, dann ist die andere Hälfte noch ohne Milch. Erst nach einer bestimmten Zeit haben sich Milch und Kaffee vollständig vermischt, was man durch das Rühren mit einem Löffel beschleunigen kann. Der Löffel versetzt das System Milch-Kaffee sozusagen in einen Zustand größtmöglicher Entropie, weil die Unordnung jetzt riesengroß ist. Überall in der Tasse gibt es unzählige Vermischungs­möglichkeiten. Man kann also sagen, dass der geordnetere Anfangszu­stand für uns mehr Information bedeutete, weil wir wussten, dass sich in einer Hälfte der Tasse noch gar keine Milch befand. Die Entropie war zu diesem Zeitpunkt relativ klein. Daher gilt: Jedes abgeschlossene System strebt immer einen Zustand maximaler Entropie an und diese Entropiezu­nahme ist verantwortlich für die Zeitrichtung. Entsprechend verhält sich unser Universum. Es dehnt sich aus, die Entropie nimmt zu und Tassen mit heißem Milchkaffee kühlen sich ab. Dieser Prozess ist irreversibel, das heißt, unumkehrbar. Es sei denn, das Universum gelangt irgendwann an einen Punkt, wo die Ausdehnung zum Stillstand kommt und in eine Kontraktion umschlägt. Dann würde es zusammenstürzen und die Expansion würde von vorn beginnen. Bei einem solchen zyklischen Uni­versum bliebe die Entropie exakt gleich. Inzwischen gehen Physiker davon aus, dass das Universum tatsächlich weder Anfang noch Ende hat. Es ist eine Art Blase im Schaum unzähliger Universen und – vergleichbar mit Ebbe und Flut – in einem zyklischen Tanz mit einem Schattenuniversum gefangen. Bis in alle Ewigkeit. Demzufolge ist die „Wiederkehrzeit“ nur eine Frage der Zeit. Aber würde sich dann tatsächlich alles noch einmal genau so wiederholen wie es schon einmal war? Warum nicht jedes Mal etwas anders? Die Antwort ist: Es kann sich nur so und nicht anders wiederholen, weil die Information, die einmal da ist, schon immer da war und auch immer da sein wird. Sie geht weder verloren noch ändert sie sich. Sie bleibt immer dieselbe. Ein Beispiel: Die Information für einen Baum z, der zur Zeit x an einem Ort y im Universum steht, geht auch nach dessen physischer Vernichtung und der Vernichtung des gesamten Zyklus des Universums nicht verloren, das heißt, er wird nach Durchlauf eines erneuten Zyklus wiederauferstehen. Mit all seinen Parametern x, y, z, die mit ihm verknüpft sind. Denn die Wirkungsweise des Universums ist alokal, was bedeutet, dass alles mit allem zusammenhängt. Auch die Daten eines jeden Menschen – gewissermaßen die unsterblichen Seelen – gehen nie verloren. Sie sind Bestandteil der Matrix und für immer und ewig an den Raum gekoppelt. So wie die Daten eines Computerpro­gramms auch nach dem Herunterfahren des Betriebssystems beziehungs­weise des Rechners erhalten bleiben.

Der amerikanische Physiker Frank Tipler geht sogar so weit, anzunehmen, dass sich unser Universum in jedem Falle wiederholen wird, und zwar am Ende der Zeit, wenn der Mensch den sogenannten Omegapunkt erreicht hat, nämlich den Punkt, an dem er selber zu Gott geworden ist. Dann würde er das gesamte Universum als Emulation, also als künstliches Gebilde, wiederauferstehen lassen. Aber ganz gleich, was das Universum ist, ob es künstlich ist oder nicht, das ändert nichts am Prinzip der ewigen Wiederkehr.

Die Konsequenz ist versöhnlich und erschreckend zugleich: Wir kommen zwar alle wieder, aber immer als der Gleiche, der wir schon waren und demzufolge immer sein werden. Und wenn wir im Vorleben ein Krieger und im Nachleben ein Spieler waren, dann gilt für sie, was für die ganze Kette gilt. Insofern lastet auf jeder Tat, die wir tun oder unterlassen eine unsägliche Verantwortung, was Nietzsche das schwerste Gewicht nannte. Denn alle Dinge sind dem mildernden Umstand ihrer Vergänglichkeit ent­rissen. Das Sprichwort Zeit heilt alle Wunden ist dann ebenso wahr wie falsch, denn die Zeit reißt diese Wunden auch immer wieder von neuem auf. Wenn sich jede Sekunde unseres Daseins unendliche Male wiederholt, so schreibt Milan Kundera in seinem Buch Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, dann sind wir an die Ewigkeit genagelt wie Jesus Christus ans Kreuz. Dann ist der Augenblick, wie Nietzsche meinte, der Schnittpunkt, wo der lineare Zeitverlauf in eine immerwährende Wiederholung von Ver­gangenheit und Zukunft umschlägt.

Also sprach Zarathustra:

„Und diese langsame Spinne,
die im Mondschein kriecht,
und dieser Mondschein selber,

und ich und du im Torwege,
zusammen flüsternd,
von ewigen Dingen flüsternd,
müssen wir nicht ewig wiederkommen?“

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