Zur Wiederkehr des Dämon - Ein Buch Über Wissenschaftstheorie und Philosophie

Buchbesprechung

Bernd Villhauer

Das von Determinismus und Mechanizismus geprägte Denken der klassischen Physik wurde treffend im Bild vom allwissenden, alles vorhersehenden Dämonen eingefangen, das Pierre Simon de Laplace zeichnete “Eine Intelligenz, welche für einen gegebenen Augenblick alle Kräfte, von denen die Natur belebt ist, sowie die gegenwärtige Lage der Wesen, die sie zusammensetzen, kennen würde und überdies umfassend genug wäre, um die gegebene Größe einer Analyse zu unterwerfen, würde in derselben Formel die Bewegung der größten Weltkörper, wie die des leichtesten Atoms ausdrücken: Nichts würde für sie ungewiß sein und Zukunft wie Vergangenheit ihr offen vor Augen liegen.“

Diesem Optimismus einer allgemeinen Durchschaubarkeit und Kontrollierbarkeit des Universums, in dem sich der umfassend informierte Physiker an die Stelle Gottes setzen könnte, wurden im Laufe der Geschichte schwere Schläge versetzt. Der Paradigmenwechsel in der Naturwissenschaft, ihre neuen Perspektiven wurden auch bald Thema interdisziplinärer Auseinandersetzungen. In ihnen ging es um die philosophische Relevanz der Entwicklungsursprünge naturwissenschaftlichen Denkens. Aber nicht nur die Beeinflussung der philosophischen Weltbilder durch Erkenntnisse der Naturwissen­schaften, sondern ebenso die Folgen Philosophischer Vorstöße waren Gegenstand. Die Geschichte der Philosophie ist sicherlich auch eine Geschichte von Entdeckungen, die die neu entstehenden Wissenschaften genutzt und ausgearbeitet haben. Strukturen und Denkmodelle der Philosophie wurden so, mit exakten Naturerkenntnissen unterfüttert, zu wissenschaftlichen Weltbildern. Beispielhaft sei hier F.W.J. Schelling angeführt, der seiner ‘Einleitung zu dem Entwurf eines Systems der Naturphilosophie‘ eine für die Zeit (Anfang des 19. Jahrhunderts) sehr moderne Begrifflichkeit der evolutionären Entwicklung einfügte: “Jeder Mineralkörper ist ein Fragment der Geschichtsbücher der Erde. Aber was ist die Erde? Ihre Geschichte ist verflochten in die Geschichte der ganzen Natur, und so geht vom Fossil durch die ganze anorganische und organische Natur herauf bis zur Geschichte des Universums - Eine Kette.“

Viele prägnante Beispiele für die Wechselwirkung zwischen Philosophischer und naturwissenschaftlicher Entwicklung werden in B. Kanitscheiders Buch ‘von der mechanistischen Welt zum kreativen Universum - Zu einem neuen philosophischen Verständnis der Natur‘ beschrieben. Kanitscheider liefert eine kurzgefaßte diachrone wissenschaftstheoretische Betrachtung. Die Grundgliederung ist eine geschichtliche: Es werden die begrifflichen Voraussetzungen der newtonschen Physik umrissen und Poblemfelder beschrieben, die mit ihren Mitteln nicht ausreichend erhellt werden konnten. Die ungelösten Probleme werden später neu betrachtet auf der Grundlage quantenmechanischer und relativitätstheoretischer Konstruktionen. Vor allem aber die um 1900 einsetzende Revolution der Physik, die mit der Planckschen Strahlenforschung einsetzt, wird in ihren Auswirkungen beleuchtet. Neubewertung des Beobachters in der Quantenmechanik und die damit verbundene Subjekt-Objekt-Fragestellungen bilden einen orientierenden Leitfaden. Die Unschärfeprobleme bei der Untersuchung von Elementarteilchen und die von den Meßentscheidungen des Experimentators ab­hängenden Bilder der objektiven Situation lassen den alten Objektivitätsbegriff als höchst fragwürdig erscheinen. Niels Bohr: “Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß der Gegenstand der Physik darin besteht, zu entdecken, wie die Natur ist, die Physik bezieht sich auf das, was wir im Hinblick auf die Natur aussagen können“. Dieser zurückhaltenden Auffassung vom Objektiven steht die subjektivistische Radikalisierung eines v. Neumann entgegen, welcher die konstitutive Bedeutung des Bewußtseins für die Ergebnisse der Quantenphysik betont.

Kanitscheider ist bemüht, trotz der radikalen Perspektivenwechsel eine innere Kontinuität der Wissenschaftsgeschichte namhaft zu machen. Relativierungen und Neubewertungen einzelner methodischer Mittel sollen keinesfalls zu einer grundsätzlichen Infragestellung des rationalen Forschungsbegriffes führen. Mit Albert Einstein (von dessen Weltbild sein 1988 erschienenes Buch handelte) yerteidigt Kanitscheider eine Grundlinie der Naturwissenschaft, die von einem starken Objektivitätsbegriff einer Erkennbarkeit und Mitteilbarkeit der objektiven Weltverhältnisse, sowie einer kausal-deterministischen inneren Logik ausgeht.

Ganz und gar gestorben ist der Laplacsche Dämon nicht: “Die Gesamtsituation der Naturwissenschaft weist darauf hin, daß die Ontologie mechanistischen Weltbildes durch die Quantenmechanik drastisch transformiert wurde, die epistemologische Rolle des Betrachters in der Welt sich hingegen nicht geändert hat. Die jüngsten Theorieansätze suggerieren, daß das Objektivitätsideal der neuzeitlichen Naturwissenschaft den Quantensturm überleben wird“. Gegen Ende des Buches wird die Abwehrlinie nochmals deutlich markiert: “Von den Freunden des post-modernen Irrationalismus wird zum Teil mit einer gewissen Häme der Bruch der Naturwissenschaft mit dem Mechanizismus proklamiert. Hier liegt ein Fall von Wunschdenken vor. Das historische Material weist viel stärkere Kontinuität auf der allgemeinen Verfahrensebene auf, als die Gegner des Rationalismus wahrhaben wollen“. Dieses Festhalten am Rationalitätsideal als Teil des Projektes Moderne hebt sich wohltuend von eilfertigen Verabschiedungen der exakten Wissenschaft und modischen Mythen a‘ la Capra ab.

Auch die Ergebnisse der Chaos-Forschung werden in erster Linie hinsichtlich ihrer produktiven Verwendbarkeit geprüft. Fraktale Geometrie und Analytik chaotischer Situationen sollen das schon zur Verfügung stehende Instrumentarium verbessern und erweitern. Kanitscheider nennt hier ver­schiedene Beispiele aus wirtschaftlichen und ökologischen zusammenhängen, wo ‘integriertes Chaos‘ stabilitäts- und erkenntnisstiftend wirksam werden kann.

Für den philosophisch interessierten Leser wäre möglicherweise noch ein intensiverer Blick auf die ‘offenen Enden‘ der neuen Theorien, d.h. auf die nichtintegrierbaren Probleme interessant gewesen, um zu verstehen, wie die Selbstreflexion der Naturwissenschaften an ihren gefährdeten Grenzen stattfindet.

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