Unendliche Gegenseitigkeit, Bezüglichkeit und Bedinglichkeit“

Überlegungen zu Adam Heinrich Müller, dem theologischen Politiker der Romantik

Bernd Villhauer

Im Münchner Theatiner-Verlag erschien 1923 ein Buch, das verschiedene Werke Adam Müllers unter dem Titel ‚Schriften zur Staatsphilosophie’ zusammenfaßte. Der Band enthält ein Vorwort des Jesuiten P. Erich Przywaras, zusammengestellt und herausgegeben wurde er von Rudolf Kohler und ver­öffentlicht “mit kirchlicher Druckerlaubnis“. Politisch-theoretisch interessierte Anhänger des katholischen Konservativismus waren es vor allem, die die Theorien Müllers nach dem 1. Weltkrieg in Umlauf brachten und ihm eine kurzfristige Bekanntheit verschafften. Für die Rezeptionsgeschichte ist vor allem der Name Othmar Spanns (1878-1950) erwähnenswert, der auch in der von ihm herausgegebenen Buchreihe ‚Die Herdflamme’ im Gustav Fischer Verlag (Jena) Müller vielfach würdigte. In dieser Reihe erschienen die wichtigsten Schriften Müllers und wurden von Spann und seinen Mitarbeitern kommentiert und weitergedacht. Müller paßte gut in die Diskussion um politisch-ökonomische Ordnungsmodelle eines starken Staates, die von Leuten wie Sombart (‚Deutscher Sozialismus’) und Spengler beherrscht wurde. Hier war ein Denker, der einen einheitlich gegliederten und harmonischen christ­lichen Staat propagierte und so einen Gegenentwurf zu den chaotischen Verhältnissen der Weimarer Zeit zu bieten schien. Die Idee eines Staates, der keinem diskutierbaren Entschluß unterlag, der nicht konstruiert wurde, sondern sich als göttliche Notwendigkeit, als Teil einer umfassenden Weltharmonie, gleichsam wie von selbst schuf, fiel bei den Kritikern der Republik auf fruchtbaren Boden. Wenn wir heute diesen romantischen Politiker und sein Werk betrachten, müssen wir, glaube ich, die Entstehungs­bedingungen modernen ökonomischen Denkens der Aufklärung in der Wechselbeziehung zwischen romantischer Geste und kritisch-rationalem Zugriff sehen. Bei Müller muß der Blick auf den Naturrechtsbegriff und die Entstehung des Staates gerichtet werden. Aufklärerische politische Theorie nimmt in verschiedener Weise die Konstruktion einer naturrechtlichen Ausgangssituation zum Anlaß, jeweils gegenwärtige staatliche Zustände zu hinterfragen. Es wird ein Bild des ‚eigentlichen Menschen’ und seiner Rechtsverhältnisse gezeichnet, aus denen sich die Bildung eines Staates als Notwendigkeit ergibt.

Wichtig ist hierbei, wie das ‚eigentlich’ Menschenbild gewonnen wird, d.h. in welcher Weise werden die ‘Verunreinigungen’ der Geschichte abgelöst; wie wird von den bestehenden staatlichen Zuständen in der Analyse abgesehen. Bei Thomas Hobbes finden wir wohl am deutlichsten den Bezug zur Experi­mentalsituation: So wie die physikalischen Körper idealisiert und formalisiert werden müssen, wie man hier ein klares durchschaubares Milieu schafft, werden auch die sozialen Verhältnisse auf eine Modellsituation reduziert. Erst nach der Abstraktion lassen sich Bewegungs- und Formgesetze für den sozialen Menschen finden und läßt sich die naturrechtliche Konstruktion entwickeln. Müller nun lehnt die ‚Zergliederung’ des Staates und das Absehen von geschichtlich gewordenen Zuständen ab. Für ihn sind mit dem Gott-Mensch-Verhältnis, der Gestalt der Welt als erschaffener schon bestimmte staatliche Zustände legitimiert und immer keimhaft vorhanden. Die Familie ist der Ort, wo diese Grundanlagen dauerhaft zum Ausdruck kommen. Von hier aus soll ein Staat strukturiert werden.

Bemerkenswert scheint mir, wie Müller die Abstraktion des Bildes vom Bürger zu vermeiden sucht. Hierzu bedient er sich scheinbar der analytischen Mittel der aufklärerischen Philosophen und Ökonomen. Die Spanne der Eigenschaft­en, die für die staatsbildende und -erhaltende Fähigkeit des Menschen wesent­lich sind, wird bei ihm aber viel weiter gefaßte auch bezieht er Sphären des menschlichen Lebens mit ein, die bei anderen ungenannt bleiben, so wie die des religiösen Erlebens, der Innerlichkeit.

In seinem Aufsatz ‘Von der Teilung der Arbeit und vom geistigen Kapital‘ bemüht er sich, eine wissenschaftliche Sicht von Kapitalströmen und Arbeits­prozessen mit einem mittelalterlichen-korporativen Konzept zu vereinen. Viele solcher versuche enden in heutzutage naiv klingenden Begriffsbildungen und Scheinlösungen. Aber nicht die Antworten, die Müller gibt, gehen uns hier an, sondern sein Ansatz.

Daß dieser fruchtbar gemacht werden kann, wird beispielsweise beim Thema ‚Ökologisches Wirtschaften’ deutlich. Die Wirtschaftstheorie, wenn sie Umweltproblematik wirklich so ernst nehmen will, wie diese es verdient hätte, kommt nicht umhin, für alle Bereiche Rechnungen über den Stoff- und Energie­austausch mit der natürlichen Umgebung aufzumachen. Wirtschaftsordnungen müssen immer stärker von ihren Grenzen her, von ihren Schnittstellen mit der Biosphäre her, begriffen werden. Menschliche Ökonomie ist nur ein unterge­ordneter Aspekt der umfassenderen Ökologie; ein klares Bewußtsein darüber steht aber noch aus.

Obwohl Müller diese Problematik in der uns heute bekannten Form, in ihrer ganzen Be­drohlichkeit noch nicht kannte, bietet er doch analytische Mittel, die den vielfältigen Wechselbeziehungen gerecht werden können. Die Vorstellung von der großen Ver­bundenheit korrespondiert mit den zahlreichen Einheits- und Harmonisierungsbe­streb­ung­en innerhalb der Romantik. In seiner Abhandlung ‘Versuch einer neuen Theorie des Geldes‘ (Jena 1922 in der Sammlung ‘Die Herdflamme wieder aufgelegt) kommt dies so zum Ausdruck: „So nun beginnt alle Einsicht in die Haushaltung einer Nation, mit der deutlichen und sichern Erkenntnis der von der Vorsehung in allen menschlichen Geschäften angeordneten unendlichen Gegenseitigkeit, Bezüglichkeit und Bedinglichkeit. Wer also über die Nationalhaushaltung gründlich reden, sicher urtheilen, oder sie förderlich regieren will, der muß zuförderst einsehen, daß er es überall mit Verhältnissen und Wechselwirkungen zu thun hat, daß er nichts Einzelnes thun kann, ohne zugleich das

Ganze zu afficieren, daß er den sächlichen Reichthum oder den reinen Ertrag der einzelnen Productionen nicht verändern kann, ohne zugleich auch auf der anderen Seite die persönliche und productive Kraft des Staates Zu verändern; kurz, daß er zuerst und vor allen Dingen streben müsse, nach einer beständigen, umsichtigen und allseitigen Gerechtigkeit gegen alle gleich wesentlichen und untereinander innig verschränkten Glieder der großen Familie“.

Adam Müller wurde vielfach vorgeworfen, Arbeit und Kapital willkürlich so gefaßt zu haben, daß ihre staatserhaltende und nationalökonomisch stabilisierende Funktion alle anderen überlagere. Ohne Kenntnis der wahren Zusammenhänge habe er nur nach wirtschaftlicher Untermauerung für seinen idealen Ständestaat gesucht. Zum Vorgehen Müllers schreibt Karl Marx (im 3. Band des ‘Kapitals‘, S. 411, MEW): “Das Verfahren unseres Müller ist für die Romantik in allen Fächern charakteristisch. Ihr Inhalt besteht aus Alltagsvor­urteilen, abgeschöpft von dem oberflächlichsten Schein der Dinge. Dieser falsche und triviale Inhalt soll dann durch eine mystifizierende Ausdrucksweise ‘erhöht‘ und poetisiert werden“.

Die Schwäche der anti-ökonomischen, gegen Smith und seine Schule gerichteten Neudefinitionen ist aber auch eine Stärke. Das Regelsystem der Wirtschaft wird nicht künstlich isoliert, sondern in seinem Austausch mit den staatlichen oder psychologischen Grundbedingungen begriffen. Dies verhindert, daß Müller zu ehernen Gesetzen der der wirtschaftlichen Entwicklung nach physikalischem Vorbild gelangt, wie die Regel von der fallenden Profitrate mit ihrer eschatologischen Funktion. Am Kapitalbegriff Müllers läßt sich zeigen, daß ökonomische ‘Unschärferelationen‘ eine durchaus erkenntnisfördernde Wirkung entfalten können. Im angesprochenen Aufsatz ‘Von der Teilung der Arbeit und vom geistigen Kapital‘ beispielsweise spricht er von Zwei Formen des Kapitals, eine nennt er ‚geistiges Erfahrungs-Kapital’, welches durch Sprache, Rede und Schrift realisiert und in Bewegung gesetzt wird‘, die andere ein ‘physisches Waren-Kapital, welches durch Metallgeld, Kredit und Handel mobilisiert wird‘. Die große Bedeutung des Wissens und der Kreativität für wirtschaftliche Entwicklungen, die erst in der neueren Ökonomie gewürdigt wird, ist hier angesprochen.. Es ist einfach notwendig, Müller gegen seine Intention zu lesen. -

Nicht ein harmonisch geschlossenes Bild der Verhältnisse für die Ewigkeit ist für uns von

Interesse. Die Texte sind da am bedeutendsten und werfen am meisten für Wirtschaftssoziologen, Ökologen und Sozialphilosophen ab, wo sie nur das Feld zu klären versuchen und vertrauten ‘Facta der Nationaloeconomie‘ in einem anderen facettenreicheren, ‚romantisierenden’ Licht erscheinen lassen.

Zwei Dinge noch abschließend: Adam Heinrich Müller entwickelte einen Theorieansatz, der die Bedeutung von Informationsflüssen in wirtschaftlichen Zusammenhängen aufgreift, die Sprache ist ihm auch Wirtschaftsgut. Außerdem ermöglicht ihm sein stets auf den harmonischen und organischen Zusammenhang gerichtetes Interesse, die Bedeutung der Rohstoff- und Energie - Austauschprozesse zu thematisieren. So gelangen wir ins Herz der Thematik allen ökologischen Denkens von Volkswirtschaft und zwar gerade nicht über einen Katalog umweltpolitischer Wünschbarkeiten, die an ökonomische Systeme gerichtet werden, sondern über ein neues, besseres Verständnis der selbstregulierenden oder aus dem Ruder gelaufenen Prozesse. Das nächste Jahrhundert, das unter dem Zeichen des ökologischen Gedankens stehen wird, könnte uns eine Wiederentdeckung Müllerscher Ansätze aus purer Notwendigkeit bringen.

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