Zum Mircea-Eliade-Jahr 2007

Robert Lembke

(Jena/Deutschland)

In diesem Jahr jährt sich der Geburtstag des großen rumänischen Religionswissenschaftlers Mircea Eliade zum einhundertsten Mal. Einem fest etablierten Brauch innerhalb der kulturellen Sphäre entsprechend, bietet ein solches Datum Gelegenheit, an einen, der der Welt Wesentliches zu sagen wußte, zu erinnern. Dabei hielten und halten sich die Erinnerungsgesten, die für den zu Erinnernden selber ein willkommener Anlaß gewesen wären, uns die Omnipräsenz religiöser Denkmuster vor Augen zu stellen, in überschaubaren Grenzen: die konservative Zeitschrift Sezession veröffentlichte ein Sonderheft zu Eliade, der Insel-Verlag brachte eine kleine Werkauswahl und – last but not least – erschien eine neue, ausführliche Biographie des Gelehrten.1 Insgesamt jedoch blieb die Resonanz, verglichen mit den Jubiläen anderer verblichener Geistesgrößen, eher gering. Dies hat zweifellos darin seinen Grund, daß die Person Eliades höchst umstritten ist; sowohl um seine Lehre als auch (noch mehr) um seine Biographie gibt es intellektuelle Grabenkämpfe, die nicht selten ideologischer Natur sind. Wie ein zufälliges Omen wirkt es da, daß der 1986 verstorbene Eliade auf der Internetseite des Suhrkamp/Insel-Verlages, bei dem viele seiner Schriften seit den 70er Jahren verlegt werden, ohne biographischen Steckbrief präsentiert wird, wie er sonst bei anderen Autoren üblich ist.

All dies soll Grund genug sein für ein dem kritischen Denken verpflichtetes Organ wie die TABVLA RASA, sich dem Phänomen ein wenig zu nähern.

Der geistig frühreife Jugendliche wird in den frühen 20er Jahren Mitglied verschiedener studentischer und intellektueller Zirkel in Bukarest. 1928 verläßt er Rumänien, für dessen nationale und geistige Erneuerung er sich einsetzt, für drei Jahre, um in Indien die alten religiösen Traditionen zu studieren. Nach seiner Rückkehr versucht er zunächst, innerhalb des politisch aufgeheizten Klimas in Europa eine unabhängige Position zu bewahren. Im Jahr 1937 tritt er jedoch im Zuge der sich verschärfenden politischen Kämpfe der christlich-nationalistischen „Eisernen Garde“ bei und ist aktiv an deren ideologischem Kampf beteiligt. Nach der repressiven Zerschlagung dieser Gruppe (1940/41) konzentriert sich Eliade wieder auf die Religionswissenschaft; seine Odyssee durch Europa führt ihn über London und Lissabon schließlich nach Paris, wo er unter schwierigen äußeren Bedingungen an weiteren Büchern schreibt. Im Jahre 1956 gelangt er durch einen glücklichen Zufall auf einen Lehrstuhl nach Chicago, wo er bis zu seinem Tode 1986 lehrt und internationale Berühmtheit erlangt.

Von besonderer Bedeutung sind darüberhinaus noch zwei weitere biographische Fakten: Von 1961-1972 gibt er mit zusammen mit Ernst Jünger die Zeitschrift Antaios heraus. Im selben Jahr, in dem die Zeitschrift eingestellt wird, wird das Tagebuch eines rumänischen Juden veröffentlicht, das Eliade als Antisemiten und überzeugten Faschisten ausweist. Die Kreise, die diese Affäre gezogen hat, können hier nicht nachgezeichnet werden; es scheint jedoch so zu sein, daß Eliade diesen Aspekt seiner Biographie absichtlich verheimlicht hat und nach dessen Publikwerden mehr oder weniger um Schadensbegrenzung bemüht war, um weiter wissenschaftlich tätig sein zu können.

Der kurze Blick auf die Biographie zeigt, daß wir es hier offenbar mit einem Fall zu tun haben, der m.E. strukturell gesehen zwischen dem von Martin Heidegger und dem von Günther Grass liegt. Gemeinsam ist allen drei Rezeptionsgeschichten zunächst die unumstrittene intellektuelle Geltung des Autors, die von einer erst spät entdeckten Verstrickung in den Faschismus getrübt oder – nach Meinung einiger Kommentatoren – vollständig annulliert wird. Während jedoch Heidegger zeitweilig aktiv, mit ganzem Einsatz seines intellektuellen Potentials die Entwicklung des Nationalsozialismus nach der Machtergreifung mitgestaltete und aus diesem Grund sich nur die Frage stellt, wie groß und weitreichend die Schuld ist, die er damit auf sich lud, wurde des noch sehr jungen Grass’ Eintreten in die Waffen-SS mehrheitlich als verzeihliche Jugendsünde abgetan.

Bei Eliade liegt die Sache nun etwas anders: Sein dezidiertes Optieren für eine ohne Zweifel als faschistisch zu qualifizierende Organisation wiegt zwar schwerer als Grass’ vermeintlich irregeleiter Enthusiasmus der Jugend, aber wegen der geschichtlich ausgebliebenen Wirkung seines Engagements (d.h. der schnellen Niederlage seiner Gruppierung) offenbar doch weniger schwer als die Entscheidung Heideggers für den deutschen Nationalsozialismus, dessen ungeheure geschichtliche Schuld unbestreitbar ist.

Die Umstrittenheit Eliades hat jedoch nicht nur diese politische Seite. Ebenso gibt es eine ernstzunehmende wissenschaftliche Kontroverse um seine Person: Mircea Eliade war kein Wissenschaftler heutigen Typs. Er entsprach, wie andere Denker seiner Generation, eher der Figur des universellen Intellektuellen, der bestrebt ist, über die engeren Grenzen seines Fachs hinaus zu wirken und zu lehren. Im Gegensatz zum heutigen Wissenschaftler war er von seinem Gegenstand, dem Religiösen, persönlich eingenommen, statt sich distanziert-neutral zu verhalten. Zudem wirkte er nicht nur auf wissenschaftlichem Gebiet, sondern veröffentlichte zahlreiche Romane, in denen er seine persönlichen Erfahrungen mit einer universalistischen Religionsphilosophie des „homo religiosus“ verquickt. Aus heutiger religionswissenschaftlicher Sicht in der Kritik wegen seines spekulativen Zugangs zum Phänomen und seiner affirmativ aufgeladenen Involviertheit in die Gegenstände, bietet er dem Leser, der sich für „die Vielfalt religiöser Erfahrung“ (William James) interessiert, wie sie sich in der Geschichte der Menschheit in konkreten Praktiken manifestiert hat, einen einzigartigen Zugang.

Das Werk Eliades enthält nämlich neben detaillierten und gründlichen Darstellungen einzelner religiöser Traditionen (z.B. Yoga. Unsterblichkeit und Freiheit) auch kompendienartige Zusammenfassungen (Das Heilige und das Profane. Über das Wesen des Religiösen). Daneben gibt es wie erwähnt die Möglichkeit, in den literarischen Werken Eliades einen Eindruck davon zu erhaschen, wie sich für ihn die untergründige Anwesenheit des Religiösen in der Moderne exemplarisch darstellt. Abschließend sei noch darauf verwiesen, daß der bekannte Regisseur Francis-Ford Coppola („Der Pate“) in diesem Jahr die Verfilmung eines frühen Romans von Eliade fertiggestellt hat. Der Film, der heißt wie das Buch: „Youth without youth“, wird voraussichtlich im Frühjahr 2008 in die deutschen Kinos kommen.


1 Florin Turcanu, Mircea Eliade. Der Philosoph des Heiligen oder im Gefängnis der Geschichte, Schnellroda 2006.

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