Zur (Re-)Humanisierung im Spitzensport

Lenk, Hans: “Dopium fürs Volk?“. Werte des Sports in Gefahr. Hamburg 2007. 152 Seiten. ISBN: 3939519626

Monika Büttner

(Jena/Deutschland)

Dieses Büchlein von Hans Lenk ist in der Reihe „DENKPERLEN“ im Merus Verlag erschienen und umfasst drei Essays zum Thema Doping und Leistungssport. Lenk, selbst aktiver Hochleistungssportler (Achter­olympia­sieger 1960) und später Trainer von Weltmeisterruderern (1966) ge­wesen, untersucht das Leistungsparadigma und die Dopingproblematik aus der Sicht des ehemals Aktiven, aber auch des Sportphilosophen und Sozialwissenschaftlers.

Im ersten Teil geht es um das Dopingproblem im Fitness- und Spitzensport und die Konsequenzen, die sich für die Sportethik daraus er­geben. Nach einem recht zähen Einstieg bedingt durch die reißerische An­ein­anderreihung sämtlicher Wortspiele zu Sport und Doping à la Boulevardpresse auf der ersten Seite, gestaltet sich die folgende Lektüre als sehr angenehm, vorausgesetzt man hat eine Schwäche für Ge­schichten von uringefüllten Präservativen im Anus von Radrennfahrern, die auf diese Weise die Dopingkontrollen überlisten. Doch gerade mit diesen Horrorszenarien deckt Lenk die Perversität auf, die im heutigen Leistungssport vorherrscht, wo nur der Erste gewürdigt wird. Diese „Singulärsiegerorientierung“ wird von Lenk an­geprangert: Zuschauer, Medien, Organisatoren und Industrie haben seiner Meinung nach kein großes Interesse, „den Kampf gegen das Doping auf­zu­nehmen“, solange der Sport für spektakuläre Unterhaltung und klingende Münze sorgt. Das „11. Gebot“ von nach Rekorden und ersten Plätzen jagendenden Sportlern laute: „Du sollst dich nicht erwischen lassen!“ (S. 27) oder „Nice guys finish last“. Will man das Dopingproblem lösen und die von Lenk immer wieder zitierte „Humanität“ des Sports erhalten, so müsse man das System bzw. die Strukturen ändern. Der Autor zählt zum Erreichen dieses Ziels verschiedene Forderungen auf und unterstreicht dabei, dass er die meisten davon bereits vor etlichen Jahren vorbrachte, aber nicht ernst ge­nommen wurde. Zu den Forderungen von Lenk zählen z.B. international organisierte, aber vor allem unabhängige und überraschende Kontrollen. Außerdem sollten bei einem Dopingverstoß nicht nur einzelne Athlet­(inn)en zur Verantwortung gezogen werden, sondern auch verant­wortliche Betreuer, Trainer, Ärzte und Verbandsoffizielle. Institutionelle Sportethik und Recht müssten weiterentwickelt und kontrollwirksam gemacht werden. Am Ende des ersten Teils gibt Lenk dann Teile aus seinem Plädoyer für eine „Humanisierung im Hochleistungssport“ wieder, das er 1975 vor dem NOK der BRD gehalten hat. Darin taucht die Forderung nach sporttechnisch gerechten Bewert­ungs­regeln genauso auf wie die Notwendigkeit einer genauen Definition von Doping (ist intravenös verabreichter Karottensaft schon Doping?).

Im zweiten Essay begibt sich Lenk auf die Suche „nach dem irgend­wo noch vermuteten olympischen Geist“. Die Spiele seien zu einem reinen Medien­spektakel verkommen und bedürften „dringend einer eingehenden sozial­wissenschaftlichen und einer sozialphilosophi- schen Analyse, sowie einer erneuerten intellektuellen Konzeption“. Lenk möchte die Ursprungs­idee Coubertins verwirklicht sehen, der die Olympischen Spiele als Ver­ein­igung von Geist, Kultur und Sport dachte. Im Zuge der Darstellungen ent­wirft Lenk eine philosophische Anthropologie des Homo performator, der vor allem im Sport sein Leistungshandeln bzw. seine leistende Persön­lich­keit zum Ausdruck bringe. Die sportliche Betätigung wird dabei zu einer Hand­lung und Leistung, die „nicht delegiert, stellvertretend abgeleistet, vor­getäuscht oder erschlichen werden“ kann: „Man kann jemanden zum Marschieren zwingen, aber nicht zum Aufstellen eines Weltrekords.“ Sport ist für Lenk kein Spiel außerhalb der Realität, sondern fördert die charak­terliche Bildung des eigenhandelnden und eigenleistenden Individuums innerhalb seiner unmittelbaren Lebenswelt. Im Essay legt Lenk einige Vorschläge zur Neugestaltung der Olympischen Spiele dar, die er bereits 1981 vor dem Olympischen Kongress vorgebracht hat.

Diese Gedanken bringen Lenk zum dritten Essay, der das Buch ab­schließt. Darin reflektiert er über das Leistungsprinzip im Allgemeinen und gibt Beispiele aus dem Sport, da dieser „ein besonders geeigneter Träger, ein Aus­drucksmittel und Vergleichsbereich für „Eigenleistungen“ ist“. Leistung ist für Lenk eine notwendige Bedingung von Kultur und bringe die Gesellschaft voran. Sie werde von jedem verlangt, sei es im Beruf oder generell im Leben. Dabei sei es wichtig, dass der Wille zur Leistung aus jedem selbst komme, da nur so eine optimale Leistung vollbracht werden könne, die das Individuum nicht überfordere. Abschließend nennt er 15 Thesen zur Wertverwirklichung im Sport.

Das Buch von Hans Lenk ist trotz der schwierigen Thematik ein­gängig und unterhaltsam geschrieben. Gegen thematische Wieder­hol­ung­en innerhalb der Essays ist generell nichts einzuwenden, allerdings waren einzelne Passagen nahezu wortidentisch.

Als ehemaliger aktiver Leistungssportler weiß Lenk, was der Sport braucht, wenn er nicht im Dopingsumpf versinken will. Lenk entwirft daher eine pragmatische Sportethik, in deren Mittelpunkt die Humanisierung des Spitzensports steht. Er gibt einfache Vorschläge zur Verbesserung der formellen und informellen Fairness, die seit vielen Jahren auf ihre Umsetzung warten. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Büchlein in die Hände der obersten Drahtzieher im Sportzirkus fällt und dort Wirkung zeigen kann.

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