Freddy Derwahl, Benedikt XVI. und Hans Küng, Geschichte einer Freundschaft, Knaur-Verlag, München 2008, 331 Seiten, 8, 95 Euro.

Stefan Groß (Jena)

2006 legte der belgische Journalist Freddy Derwahl eine Doppelbiographie vor, die 2008 unter dem Titel Benedikt XVI. und Hans Küng, Geschichte einer Freundschaft erneut bei Knaur erschienen ist. Derwahl geht es nicht bloß um Biographisches, sondern um eine spannungsreiche Kontroverse, um das Ineinanderverzahntsein der Lebenswege von Joseph Ratzinger und Hans Küng. Beide Denker haben den akademisch-theologischen Diskurs der letzten fünfzig Jahre maßgeblich mitbestimmt, zusammen, auf unterschiedliche Weise, jüngste Kirchengeschichte geschrieben.

Mit den Vorurteilen vom „Panzergeneral“, „Großinquisitor“ und orthodoxen Hartliner Ratzinger, an denen sein ehemaliger Weggefährte Küng nicht unbeteiligt war, räumt Derwahl schnell auf. Das Ressentiment stellt er auf die Seite Küngs, der nach dem Entzug der Venia Legendi, die Konfrontation mit seinem akademischen Rivalen suchte, oft aufbrausend und nicht immer argumentativ überzeugend.

Benedikt XVI. kommt als der hadernde Denker in den Blick, als ein von Selbstzweifeln geplagter, immer wieder Stille und Einkehr suchend. Der ehemalige Kardinal der Heiligen Inquisition, der sich zu seinen geistigen Urvätern Augustinus und Bonaventura bekennt, ist auch als Papst der leise Arbeiter im Weinberg des Herrn geblieben, der einsame Wanderer von Fürstenried.

Küng hingegen war der frenetisch gefeierte Konzilstheologe. Er machte schnell akademische Karriere, führte und führt die Bestsellerlisten an, ist rhetorisch gewandt und disputiert stets elegant. Für eine ganze Generation wurde er zur Leitfigur, denn er sprach aus, was viele Gläubige dachten. Er trat als David der katholischen Kirche als Goliath gegenüber, öffnete die Verließe des Vatikans zugunsten einer liberalen und weltoffenen Theologie, schreckte letztendlich auch nicht vor der Infragestellung der Unfehlbarkeit des Papstes zurück.

Auch Ratzinger, sein alter Weggefährte, Professor für Dogmatik, den seine Lebenswege von Bonn, Münster, Tübingen, Regensburg, München letztendlich nach Rom führten, war wie Küng Konziltheologe, auch er gehörte zum elitären und inneren Kreis der Reformtheologen, die das Zweite Vatikanische Konzil intellektuell beflügelten. In der Gefolgschaft von Kardinal Frings, dem Kölner Erzbischof, war auch er einst Streiter für einen Aufbruch ins Ungeahnte, später wurde ihm dann Verrat an den Ideen seiner Jugend vorgeworfen.

Ratzinger blieb der „Lobredner des Bestehenden“, Küng wollte mehr und wandte sich der protestantischen Theologie Karl Barths zu, studierte Jean-Paul Sartre, Sigmund Freud und Marx. Ihn faszinierte Sartres Freiheitsbegriff, während Ratzinger gegen zu viel Freiheit und individuelle Selbstbehauptung polemisierte. Küng wollte den Dialog der Religionen, was ihn letztendlich zu seinem Projekt Weltethos führte, Ratzinger hielt an der Einheit seiner Kirche fest, die er im Jahr 2000 mit Dominus Jesus untermauerte. Wie einst der Franziskanergeneral Bonaventura als Papstberater gegen den Zeitgeist im 13. Jahrhundert stritt, kämpfte Ratzinger als getreuer Weggefährte von Johannes Paul II. gegen die „Albträume“ der modernen Wissenschaft, „gegen die Utopie, die den Menschen betrügt“, warnte vor der „Beschleunigung der Weltgeschichte“, vor der Ausbreitung eines ausufernden Individualismus, der letztendlich die Geschichte auflöst. „Das Einzige, was bleibt“, so der der platonischen Tradition und Metaphysik verpflichtete augustinische Idealist Ratzinger, „ist die menschliche Seele, der von Gott für die Ewigkeit geschaffene Mensch.“ Die Utopie, „die den Menschen betrügt“ hatte Ratzinger als Professor in Tübingen zu spüren bekommen, als „über Nacht […] ein vogelfreier Marxismus putschte“, der Ernst Bloch als „neue Lichtgestalt feierte“. „Die Zerstörung der Theologie, die nun durch ihre Politisierung im Sinne des marxistischen Messianismus vor sich ging, war ungleich radikaler, gerade weil sie auf der biblischen Hoffnung basierte und sie nun dadurch verkehrte, dass die religiöse Inbrunst beibehalten, aber Gott ausgeschaltet und durch das politische Handeln des Menschen ersetzt wurde.“ Die liberale Offenheit der protestantischen Kirche hat Ratzinger dieser auch immer wieder vorgeworfen, was auch jüngst Norbert Bolz teilte, als er den liberalen Protestantismus als Zivilreligion par excellence stigmatisierte, weil er die großen Themen wie Kreuz, Erlösung und Gnade inflationiere. Ratzinger wies in aller Deutlichkeit darauf hin, daß das Christentum nicht in einem bloßen Humanitarismus der Mitmenschlichkeit kulminieren darf. Christsein bedeutet mehr, denn es bleibt das Unbedingte, in dessen Bannkreis der Mensch gestellt ist.

Anders wiederum Küng, der von der dialektischen Theologie und insbesondere von der „Rechtfertigungslehre des Sünders“ des protestantischen Theologen und väterlichen Freundes Karl Barth beeindruckt war. Barth hatte nicht nur auf die unendliche Differenz zwischen Gott und Mensch hingewiesen, das „Ganz-ander-Sein“ Gottes betont, der sich nicht auf menschliche Begriffe reduzieren, „oder in die Zwangsjacke von Lehrmeinungen stecken“ läßt, sondern auch, daß es nicht die Leistung des Menschen, vielmehr der Glaube ist, der ihn vor Gott rechtfertigt. Allein ein wahrer Glaube steht für eine Reformation an Haupt und Gliedern. Dieses Protestantische an Küng ist es auch, was ihn zur Ökumene trieb, zum Gedanken einer wiedervereinigten Kirche. Katholische Kirche, so heißt es dann in seiner Promotion, und die Rechtfertigungslehre Karl Barths widerstreiten nicht, es herrscht zwischen beiden eine „grundsätzliche Übereinstimmung“. Dieses Gemeinsame, das die Religionen verbindet, unterstreicht Küng mit seinem Projekt Weltethos.

Unterschiedlich ist auch ihre Theologie vom Kreuz, wie Derwahl herausarbeitet. Während Küng die letzten Tage vor der Kreuzigung aus dem Blickwinkel des Historischen betrachtet, und die Kreuzigung als notwendige Folgeerscheinung der Rebellion Christi gegen das römische Gesetz interpretiert, symbolisiert sich für Ratzinger im Kreuzestod Jesu nicht nur das Martyrium, sondern die Güte Gottes, der „sich in unsere Hände begibt, sich uns ausliefert und sozusagen den ganzen Schrecken der Geschichte mit uns trägt. Tiefer gesehen läßt uns dieses Zeichen, das uns die Gefährlichkeit des Wesens Mensch und seine ganze Abscheulichkeiten ansehen läßt, zugleich den stärkeren, in seiner Schwachheit stärkeren Gott und das Geliebtsein von Gott anschauen. Gott ist der unbegreiflich vergebende und in seiner scheinbaren Abwesenheit stärkere Gott.“ Zum Geheimnis des Glaubens gehört für Ratzinger auch die Akzeptanz des Todes, er plädiert für eine „Kultur des Todes“, kritisiert die Säkularisierung des Todes seitens der modernen Gesellschaft. Während Ratzinger in Eschatologie, Tod und Ewiges Leben (1978) davor warnte, die letzten Dinge in eine politische Metaphysik zu transformieren, zog Küng in Ewiges Leben (1982) eine andere Bilanz. Das Festhalten an der bereinigenden Kraft des Fegefeuers, so seine Kritik, bleibt unvereinbar mit dem heute erreichten „philosophisch-theologisch-naturwissenschaftlichen“ Denken.

So verwundert es auch nicht, daß sich Küng für den selbstbestimmten Tod, für die aktive Sterbehilfe stark macht, während Ratzinger darin eine Selbstüberschreitung des Menschen sieht, der sich nicht mehr als Geschöpf Gottes, sondern selbst als Schöpfer versteht. Hier ist für Ratzinger, der Küngs wissenschaftliche Schriften, mit Ausnahme jener Schrift, die die Unfehlbarkeit – Unfehlbar? Eine Frage – in Frage stellte, immer wohlwollend kommentierte und rezensierte, der Rubikon überschritten, hier gerät die aufgeklärte Vernunft in die Modernitätsfalle. Während der eine an den Grundfesten des Christentums rüttelt, zieht der andere die Schlingen um den christlichen Glauben um so fester.

Wider Erwarten hat die sich auf ihre Traditionen besinnende Kirche Konjunktur. Der Leidensweg, den Ratzingers Freund Papst Johannes Paul II. nach seinem Golgatha ging, beeindruckte nicht nur die ältere Generation. Viele sehen, auch wenn sie katholisches Lehramt und Dogma kritisieren, in dieser Kirche den Willen zum Standhalten gegen eine ungewisse Zukunft, eine Bastion, die bei aller rasenden Beschleunigung für Entschleunigung steht, die – gerade in der Person Benedikt XVI. – gegen ein ausgehöhltes Wertesystem, gegen einen immer stärker in Kraft tretenden Frühkapitalismus anstreitet. Dieses Standhalten macht Eindruck.

Kurzum: Derwahl gibt einen spannenden Einblick in die aktuellste Kirchengeschichte, die die ehemaligen Weggefährten Ratzinger und Küng zu ihren Hauptzeugen macht. Darüber hinaus gewährt er auch tiefe Einblicke in die beiden kirchlichen Lager, in das liberale und in das konservative. Über das Zweite Vatikanische Konzil erfährt der Leser viele Hintergrundinformationen, auch und insbesondere über die Macht- und Besetzungspolitik im Apostolischen Palast. Derwahl zeigt sich als objektiver Betrachter, der als kritischer Gläubiger auch für eine starke kirchliche Opposition plädiert. Doch zwischen den Zeilen wird seine Sympathie für den einst einsamen Wanderer von Fürstenried deutlich spürbar.

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