Nelly Motroschilowa / Norbert Hinske (Hg.), Kant im Spiegel der russischen Kantforschung heute, Forschungen und Materialien zur deutschen Aufklärung (FMDA), hg. v. Norbert Hinske, Lothar Kreimen­dahl und Clemens Schwaiger, Bd. 20. Stuttgart-Bad Cannstatt 2008. 208 Seiten. ISBN: 978-3-7728-2448-7.

Stefan Groß

(Jena / Deutschland)

Die Facetten der Kantinterpretation sind vielgestaltig, die Sekundärliteratur mittlerweile unüberschaubar. Kant, dem zentralen Gestirn der deutschen Aufklärung und des kritischen Idealismus – ihm widmet sich ein Sammelband mit Vorträgen, die auf dem Internationalen Kantkongreß 2004 in Moskau gehalten, nunmehr in schriftlicher Form vorliegen. So sehr die intellektuelle Leserschaft mit Kant vertraut ist, der von Norbert Hinske und Nelly Motroschi­lowa herausgegebene Band gibt dennoch neue Blicke in die Forschung frei. So wird darüber informiert, daß die russische Forschung mit einer zweihundertjährigen Kantrezeption aufwarten kann, da insbesondere die bedeutendsten russischen Denker des 19. und 20. Jahrhunderts, wozu Wladimir Solowjew, Simeon Frank und Pavel Florenskij beispielsweise zählen, hervorragende Kantforscher waren.

Daß gerade auch schon zu Kants Lebzeiten, später in der ehemaligen Sowjetunion und im heutigen Rußland eine breite Forschungslage zu dem Königsberger Denker existierte und heute noch verstärkt existiert, dies ist vielen Kantexperten in der westlichen Welt bislang verborgen geblieben, der russische Kantdiskurs wurde weitestgehend nicht beachtet. Dabei hat gerade die Auseinandersetzung mit der kritischen Philosophie Kants, mit zentralen Themen wie der praktischen Vernunft, der Freiheit, der aktiv-schöpferischen Rolle der Vernunft, der Verteidigung der Menschenrechte und des Rechts­staates immer wieder das verstärkte Interesse der russischen Forscher an seinen Schriften ausgelöst, die auch und gerade in Zeiten des Eisernen Vorhangs sich der Thematik Freiheit in existentieller Hinsicht näherten. Kant war und galt als Dialogpartner. Die Auseinandersetzung mit ihm verlief keineswegs bloß „szientifisch“, sondern sein Denken wurde auch und immer wieder kritisch beleuchtet. So verwundert es nicht, daß die Rolle des „Ding an sich“ als dogmatische Begriffssetzung, die Darstellung der Sinnlichkeit als passiver Rezeptivität, der Formalismus und Rigorismus der kantischen Ethik und die von dieser Philosophie „ausgehende“ Tendenz zum Subjektivismus und Individualismus kritisiert wurden. Zwar hat all dies die kritische Kantforschung im Westen ja auch schon geleistet, was von den Herausgebern ausdrücklich unterstrichen wird, jedoch gehe es ihnen um die russische Kantforschung selbst, die dadurch einem größeren Publikum bekannt gemacht werden soll, letztendlich also um den Versuch, die bisher gesondert erschienen Publikationen in Ost und West in Hinblick auf eine globale Weltkantiana miteinander zu vereinen. Die russische Forschung versteht sich also in dieser Hinsicht als integrativer Teil der gesammten Kantrezeption.

Die einzelnen Forschungsbeiträge bestechen durch ihre sprachliche Klarheit, was nicht zuletzt einer guten Übersetzung aus dem Russischen zu verdanken ist. Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Kantrezeption einerseits und kritischen als auch weiterführenden Interpretationen andererseits kommt dem Leser dabei zugute.

So setzt sich Alexander L. Dobrochotov mit Kants Teleologie als Kulturtheorie auseinander. In diesem Zusammenhang verweist er eindrücklich darauf hin, welche prägende Kraft Kants Kritik der Urteilskraft für die Konsolidierung der Kulturtheorie im 18. Jahrhundert hatte, wobei er nicht nur einen Einblick in die Genese des Kulturbegriffs in der Kritik der Urteilskraft gibt, den Begriff der Kultur als Endzweck der Natur herausarbeitet, sondern auch den Begriff der symbolischen Erkenntnis als das „Hauptwerkzeug“ der Kultur näher erläutert. Denn: „Kultur benutzt aufs nachdrücklichste die Möglichkeit, das Noumenale nach der Analogie indirekt darzustellen und damit gefährliche Abweichungen“, worunter Anthropomorphismus und Deismus zu verstehen sind, „zu verhindern“ (26).

Abdussalam A. Gussejnow analysiert die kantische Ethik aus dem Blick der europäischen Ethik. Hierbei werden Aristoteles’ Tugendlehre und die Stellung der Moral in den posttraditionellen Gesellschaften untersucht. In der Auseinandersetzung mit Kants kategorischem Imperativ plädiert Gussejnow für eine „Begründung des Begriffs der negativen Handlung“ (49). Unter dieser negativen Handlung wird eine verstanden, die „deshalb nicht ausgeführt wird, weil sie mit dem Sittengesetz nicht übereinstimmt, d. h. kraft eines sittlichen Verbotes“. Diese negative Leseart des kategorischen Imperativs gibt nicht nur sein Wesen genauer wieder, sondern ermöglicht es, ihn in die „Geschichte der Weltkultur“ einzubetten, in der die Moral vorwiegend im Gewand des Verbotes aufgetreten ist. Zugleich sei, so Gussejnow, damit eine erfolgreichere Lösung ethisch-pädagogischer Probleme in Aussicht gestellt, wie man das Sittengesetz in konkrete praktische Regeln überführen kann. Zwar kann uns die Moral als absoluter Wert nicht sagen, was man tun soll, sie kann aber sagen, was man unter keinerlei Umständen tun darf. Kurzum: „Eine negative Handlung bedeutet, daß der Einzelne den Übergang gewisser Wünsche zur Tat blockiert bzw. versperrt“ (50).

Mit dem viel diskutierten und in der Forschung weitgehend abgehandelten Thema der Kausalität beschäftigt sich Alexei N. Krouglov, der sich auf der Suche nach den Quellen von Kants Begriff der Kausalität sowohl mit der Ontologie von Christian Wolff, mit Alexander Gottlieb Baumgartens Metaphysik, mit dem bekanntesten Opponenten des Wolffianismus in Deutschland, Christian August Crusius, als auch mit Johann Christian Eschenbach, Johann Georg Heinrich Feder, Johann Heinrich Lambert, Johann Georg Sulzer, Moses Mendelssohn auseinandersetzt. Dabei ist es erstaunlich, so resümiert Krouglov, daß dem Begriff der Kausalität in der deutschen Philosophie, bis auf Ausnahme von Crusius, der ihn seiner Ontologie und Kosmologie zuordnet, vor dem Erscheinen der Kritik der reinen Vernunft kein besonderer Wert beigelegt wurde. Erst Johann Nicolaus Tetens (1736-1807) „ist vermutlich der Philosoph gewesen, der bei Kant die Tendenz zu einer erkenntnistheoretischen Interpretation des Begriffs der Kausalität gesteigert hat“ (62), zumal dieser die Philosophischen Versuche von Tetens während seiner Abfassung der Kritik der reinen Vernunft vor Augen hatte.

Der Aufsatz von Wladislaw A. Lektorsky setzt sich mit der kantischen Erkennt­nistheorie und ihren Berührungspunkten mit dem modernen epistemologischen Konstruktivismus auseinander. Lektorsky weist dabei darauf hin, daß der Königsberger Denker Erkenntnisprobleme vorgeführt hat, „die auf dem Wege des Konstruktivismus kaum gelöst wurden“. So hält der Autor fest, daß Kants Epistemologie zuhöchst aufschlußreich sei, „und zwar im Zusammenhang mit der Entwicklung der kognitiven Wissenschaften, die den Anspruch erheben, eine neue Interpretation und ein neues Verständnis eben jener Thematik geben, die in der Erkenntnistheorie herkömmlicherweise als Gegenstand der Diskussion auftritt“ (76) – was ihn in seinem Artikel letztendlich zu einer Beschäftigung mit dem englischen Philosophen und Psychologen Rom Harré führt (83). Darüber hinaus entdeckt Lektorsky eine Parallele zwischen Kant und dem deutschen Neurobiologen Gerhard Roth, dessen Begriff der transphänomenalen Realität Kants „Ding an sich“ entspreche sowie es zugleich Parallelen zwischen dem kantischen transzendentalen Subjekt und dem rothschen reellen Gehirn gäbe.

Unter dem Titel „Deutungssubjektivismus und Erfahrungsanalyse – Zu Kants Apriorismus-Explikation“ beschäftigt sich Viktor I. Molchanow mit Kants der Kritik der reinen Vernunft. Dabei geht er der Frage nach, ob die Erfahrung bei Kant ein Gegenstand der Analyse oder der Interpretation sei. Kants Interpretation des Bewußtseins als reiner Tätigkeit, so hält Molchanow letztendlich fest, „ist die tiefste Grundlegung des Subjektivismus der Interpretation, der im Grund eines jeden Subjektivismus liegt“ (102).

Nach der aktuellen Bedeutung von Kants Konzept des „ewigen Friedens“ fragt die Herausgeberin Nelly W. Motroschilowa. Sie vertritt dabei ihre Überzeugung – insbesondere gegen die deutsche Kantforschung von Höffe, Gerhardt und Brandt, die die Schrift Zum ewigen Frieden vornehmlich als politische, rechtsphilosophische Schrift deuten –, daß es sich bei diesem Werk primär um eine allgemeinphilosophische, geschichtsphilosophische, ethische und letztend­lich metaphysische Abhandlung handle (111). Zwar sind die politischen und rechtsphilosophischen Aspekte vorhanden, aber sie geben nicht den Ausschlag. „Denn bei einer übertrieben starken Akzentuierung seiner rechtsphilosoph­ischen, geschweige denn seiner bloß politischen Komponente verschwindet sowohl die Eigenart der Kantschen Argumente als auch der Boden selbst, auf den Kant den Streitdiskurs über die Möglichkeit eines dauerhaften Friedens stellt“ (112).

Mit der Thematik vom „absoluten Wert“ beschäftigt sich Wladimir K. Schokhin, der nicht nur einen kurzen Einblick in die Geschichte der axiologischen Reflexion und in die nachkantische Reflexion des „absoluten Wertes“ gibt, sondern auch die Bedeutung von Christian August Crusius unterstreicht, der mit seiner Bestimmung des Menschen als „absoluten Wert“ einen wichtigen Einfluß auf die praktische Philosophie des 18. Jahrhunderts ausübte. Das Hauptaugenmerk der Untersuchung widmet sich aber dem Anthropologen Johann Nicolaus Tetens und dessen Begriff des „Wertes“. Von Tetens Wertphilosophie ausgehend wird sein Einfluß auf Kants Vorlesungen über Ethik, zur Grundlegung der Metaphysik der Sitten, wo Kant vom absoluten Wert des bloßen Willens spricht, und zur Metaphysik der Sitten gezogen. Trotz des Einflusses, den Tetens auf Kant ausübte, weist Schokhin auf einen allgemeinen Unterschied zwischen beiden Denkern hin: „Dasjenige, was von Tetens als etwas, das einen ‚absoluten Wert’ besitzt, identifiziert wurde, hat bei Kant bloß auf der Ebene des Naturreiches einen Wert (hat also keinen größeren Wert als den, der auch allen anderen ‚Erdprodukten’ zuteil werden kann), während dasjenige, was Kant als mit absolutem Wert ausgestattet identifiziert hat, schon auf der Stufe des Reiches der Freiheit liegt, eine Stufe, die bei Tetens noch – in kantischer Perspektive gesehen – nur Naturbeschaffenheiten aufweist“ (139).

Erich Ju. Solowjow gibt einen Einblick in das Werk des russischen Philosophen Wladimir Solowjew, der in seinem Hauptwerk Rechtfertigung des Guten die moralisch-praktische Lehre Kants zum zweiten Mal neu entdeckt, wobei er die zweite Formel des kategorischen Imperativs, die „Formel der Personalität“, als ein zivilisatorisches Veto wahrnimmt, das „die Entstehung neuer Formen der barbarisch mitleidlosen utilitaristischen Ausbeutungspraxis verhindert.“ Wie Erich Solowjow betont, geht der kantische Begriff des „Zwecks an sich selbst“ in die Lehre Wladimir Solowjews als ethisches Analogon zu der Idee der „göttlichen Teilaufgabe“ ein (147). Die Anerkennung des Menschen als Zweck an sich selbst ist, wie Solowjew betont, ein Gesellschaftsideal, es äußeren sozialen Zweckmäßigkeiten zu opfern, würde die Grundbedingung der menschlichen Selbstzweckhaftigkeit in Frage stellen. Insbesondere in der Kritik der abstrakten Prinzipien zeichnet Solowjew sein Paradoxes Bild des Sozialismus, der zwar ein Minimum an sozialem Wohlstand für alle garantiere, jedoch mit dem Preis, die Mitglieder der Gesellschaft auf die Ebene rein wirtschaftlicher Wesen herabzuziehen.

In einem kürzeren Beitrag wendet sich Vadim V. Vasilyev Kants dogmatischer Wende in dessen „kritischer Periode“ zu. Nach Vasilyev besteht das Mißverhältnis der kantischen Philosophie letztendlich in der Unvereinbarkeit seiner kopernikanischen und seiner kritischen Einstellungen, woraus die Schlußfolgerung gezogen wird: „Kants ‚Kopernikanismus’ ist eigentlich unkritisch, kein Wunder, daß sich daraus die spekulativen Systeme der postkantischen Metaphysiker – Fichte, Schelling und Hegel – entwickelten, die in ihrem Dogmatismus alles, was vorher gewesen war, übertrafen“ (158).

Vasilyev verweist in seinem Beitrag auch auf das Phänomen der „zwei Kants“, den vorkritischen, der in den Träumen eines Geistessehers einen skeptischen Standpunkt vertritt und davon ausgeht, daß die Erfahrung die Grenzen jedweden Wissens setzt, und den „anderen“ Kant der Dissertation De mundi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis von 1770. Kants kopernikanische Wende hatte, so Vasilyev, ursprünglich eine übersinnliche und damit dogmatische „Ladung“. In der Kritik der reinen Vernunft sucht Kant daher einen Mittelweg zwischen Dogmatismus und Skeptizismus. Das Ergebnis – die transzendentale Philosophie „wurde also das instabile Erzeugnis dieser Synthese“ (158).

„Das Problem der Außenwelt bei Immanuel Kant – Die Entwicklung seiner Vorstellungen in der vorkritischen Periode“ ist das Thema des vorletzten Beitrags von Marina Ju. Wasiljewa, die sowohl Kants frühe Versuche darstellt, „das Problem der prinzipiellen Position des Menschen in bezug auf die Außenwelt zu lösen“, die in einer Übereinstimmung der äußeren und inneren Welt, in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit kulminierte, als auch den Weg in die kritische Phase nachzeichnet. Resümierend hält sie fest: „Im Grunde haben im Denken Kants sowohl die realistische als auch die idealistische Tendenz die gleiche Bedeutung, gerade die Verbindung der einen mit der anderen bringt gesetzmäßig die Lehre vom Ding an sich hervor“ (172).

Den Abschluß des Bandes rundet ein Beitrag von Wladimir A. Zhutschkow ab, der sich insbesondere mit Kants Lehre vom „Ding an sich“ als Bedingung der „Rettung der Freiheit“ auseinandersetzt. Zhutschkow, der die Kritik der reinen Vernunft auf das Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit einer genauen Analyse unterzieht, kommt zu dem Schluß, „daß Kants Lösung des grundlegenden Ausgangsproblems seiner ganzen kritischen Philosophie, nämlich der Möglichkeitsbegründung von zwei Teilen der Metaphysik – der Metaphysik der Natur und der Sitten – im Rahmen eines einheitlichen und ganzen Systems erfolgt. Was aber besonders wichtig ist, dieses ganze System wird von Kant mit einer wohldurchdachten und innerlich notwendigen Logik aufgebaut, die alle, scheinbar grundverschiedenen Teilstücke, Kapitel und sogar Einzelbegriffe dieses Systems umfaßt“ (187).

Der Sammelband ist nicht nur für Kantkenner, sondern auch für Nicht-Kant­ianer lesenswert und höchst informativ. Er überzeugt durch eine klare Gliederung, da es vermieden wird, wie in vielen Sammelbänden üblich und immer wieder kritisierenswert, verschiedene Autoren zur selben Thematik referieren zu lassen. Hier wird die Übersichtlichkeit gewahrt, was der Lektüre sehr zu gute kommt. Zudem gibt die Aufsatzsammlung einen hervorragenden Einblick in die Vielfältigkeit kantischer Philosophie, da alle Facetten seines Denkens, die Metaphysik, die Erkenntnistheorie, die Ethik, die Ästhetik, die Anthropologie, die Religion und die Rechtsphilosophie vorgestellt und bedacht werden. Der Kauf lohnt sich – eine gute Investition.

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