Abgesang auf die Avantgarden.

Eine Art Geschichtsabwicklung

Beckenbach, Niels (Hg.), Avant Garde und Gewalt. Gratwanderungen zwischen Moderne und Antimoderne im 20. Jahrhundert. Hamburg 2007. 200 Seiten. ISBN: 393951912X.

Robert Lembke

(Jena / Deutschland)

Um es, mit Schiller, gleich „endlich auf einmal herauszusagen“, dies ist ein problematisches und mitunter auch ärgerliches Buch, eines, das zwar inhaltlich interessant bis fesselnd genannt werden, in seiner Behandlungsart aber nicht überzeugen kann. Ich beschränke mich im folgenden bei der Besprechung des vorliegenden Sammelbandes auf die Beiträge von Niels Beckenbach und Christoph Klotter, die eine engere thematische Verbundenheit aufweisen. Die Aufsätze von Satjukow/Gries zur Generationengeschichte in der DDR und Aurich/Jacobsen zum Avantgardismus der Filme Fritz Langs stehen, auch methodisch, relativ geschlossen für sich, und sie weisen darüber hinaus nicht die problematischen Aspekte der anderen Texte auf.

Gemeinsam ist jedoch allen Beiträgen, daß relativ umstandslos ein umfassendes Geschichtspanorama entfaltet wird, dessen kulturelle, gesellschaftliche und historische Signatur mittels ausgewählter Literatur charakterisiert wird, die manchmal übermäßig ausführlich zitiert, dann wieder bloß genannt wird, wodurch bisweilen der Eindruck einer gewissen Oberflächlichkeit entsteht. In der Einleitung des Bandes skizziert Beckenbach Untersuchungszeitraum und Begriffe. Avantgarde meint dabei durch geteilte Mentalität bestimmte Gruppen, die in politischer oder kultureller Hinsicht mehr oder weniger gezielt Veränderungen herbeiführen. Obwohl es hauptsächlich um die Avantgarden im 20. Jahrhundert gehen soll, wird als geistiger Horizont „Moderne“ angenommen. Auf die inhaltliche Festlegung dieses Begriffs wird allerdings wenig theoretische Mühe verwandt; als Eckpunkte, die sich aus der Lektüre ergeben, können Marx und Baudelaire gelten, der eine als Stammvater aller linken Avantgarde im 20. Jahrhundert, der andere als Vertreter eines „heimatlosen Konservatismus“, der eindringlich vom „Unwert der modernen Massengesellschaft“ künde (66).

Dieser Seite der vermeintlich „rechten Autoren“ nimmt sich Christoph Klotter, Psychologieprofessor in Fulda, in seinem Beitrag „Avantgardementalität“ an. Konstatiert wird bei ihnen eine „Ablehnung des Bürgers und der unwiderstehliche Hang zur Tat und zur Gefahr“ (28). Anhand großzügiger Zitate von Autoren wie Benn, Jünger und Carl Schmitt, deren Zugehörigkeit zum deutschen Paradigma der „konservativen Revolution“ außer Zweifel steht, wird deren Welterfahrung als gnostisch charakterisiert, um anschließend diese Art ‚Weltanschauung‘ als psychologisch defizient aufzuzeigen. Was Gnosis war bzw. was heute darunter verstanden werden kann, wird allerdings nicht, wie bei Hans Jonas, in zwei Bänden, sondern in einer Tabelle charakterisiert. Intellektuell ebenso fragwürdig wie das Aufkleben eines solchen Etiketts im Sinne eines ‚Dort sind die Bösen!‘ ist die Rede vom Gegentypus des Bürgers als „souverän“ (28). Der Bürger, der unter dem Gebot des Sollens sich seine gegenständliche Welt erbaut, ist gerade nicht souverän, sondern – seit Kants praktischer Philosophie – autonom zu nennen; er ist in der Lage, sich sein eigenes Gesetz zu geben und dadurch Freiheit vom Naturzwang zu gewinnen, büßt dafür aber Spontaneität ein, weil er durch sein spezifisches Tätigwerden in ein System allseitiger Abhängigkeit eintritt. Souverän wäre gerade jener Versuch einer Bewahrung „intuitiver Freiheit“ zu nennen, wie sie Beckenbach in der Einleitung der literarischen Avantgarde zuschreibt; unglücklicherweise verwendet Beckenbach genau an dieser Stelle wiederum den (falschen) Begriff Autonomie (vgl. 13).

Jenseits solcher begrifflichen Unschärfen gibt Klotters Beitrag weiteren, manifesteren Anlaß zur Kritik. Die Art, wie umstandslos eine Linie der Kontinuität gezogen wird von Schlegel und Novalis zu „Dr. Heinz Gräfe, SS-Obersturmbandführer und Oberregierungsrat“ (34), kommt einer intellektuellen Bankrotterklärung gleich. Ein angeblich romantisches – d.h. psychologisch gesehen verfehltes – Wirklichkeitserleben soll mit verantwortlich sein für die Verwandlung der Deutschen in Nazi-Schergen – so wird, schon durch die bloße Anordnung der Texte, suggeriert. Das Ganze erinnert unheilvoll an Georg Lukacs’ Buch Die Zerstörung der Vernunft und dessen zentrale Formel „Von Schelling zu Hitler“. Neu und noch frappierender ist allerdings, daß die Zuschreibung angeblicher Verantwortlichkeit für spätere Fehlentwick­lungen auch über die deutschen Idealisten Kant und Schiller hereinbricht, die bisher doch weitgehend vom Verdacht ‚geistiger Brandstiftung‘ frei waren (vgl. 35f). Den Königsberger Rigoristen und den oft als bieder verspotteten „Moraltrompeter von Säckingen“ (Nietzsche) als Ahnherren des Paradigmas der „Entregelung“ präsentiert zu bekommen, hat zumindest etwas Erheiterndes. – Dann ist da noch die Art, wie Carl Schmitt, dessen wissenschaftliche Leistungen auch jenseits der Polarisierung in linkes und rechtes Lager anerkannt sind, anhand ausgewählter Zitate als dummes, unbeherrschtes Kind hingestellt wird (vgl. 54f). Der Hang zur Psychologisierung der besprochenen Autoren, wie er besonders im allgemeinen Vorwurf des Narzißmus zum Ausdruck kommt, wirkt banalisierend und verunmöglicht eine differenzierte Betrachtung – ganz so, als würde man die moderne Zerrissenheit aus Homosexualität oder dem Aufwachsen als Einzelkind oder Ähnlichem erklären. Die Anmaßung des tüchtigen und verdienten Bürgers, der Stolz auf die eigene Normalität in Form psychischer Gesundheit, wie ihn Klotter hier zur Schau stellt, provoziert geradezu den intellektuellen Gegenstoß – z.B. könnte man mit Nietzsche fragen, ob es sich nicht handle um jene „sublime Selbstbetrügerei, die Schwäche selbst als Freiheit, ihr So- und Sosein als Verdienst auszulegen.“i

In seinem Beitrag über „Utopie und Eschatologie bei Karl Marx“ vertritt Niels Beckenbach die zentrale These, Marx’ Denken sei eine eigentümliche Zusammensetzung aus streng wissenschaftlichen Elementen und eingemischten religiösen Denkmustern, die abwechselnd als gnostisch, utopisch oder eschatologisch charakterisiert werden. Diese Sicht auf das Marxsche Denken als Hybrid empirisch nachweisbarer politischer und ökonomischer Gesetzmäßigkeiten und geschichtsphilosophisch imprägnierter Spekulationen kann mittlerweile, ohne daß ich das hier nachweisen kann, als weitverbreitete Auffassung gelten. Während jedoch die ökonomischen und gesellschaftlichen Analysen von Marx und Engels Eingang bspw. in die Soziologie gefunden haben und dort in modifizierter Form weitergepflegt werden, müssen die spekulativen Anteile sozusagen ausgemerzt werden. Dies umso mehr, wenn man sich klarzumachen versucht, an welchem geschichtlichen Ort wir und insbesondere der Autor Beckenbach sich befinden. Der „real existierende Sozialismus“ ist nicht bloß gescheitert, was vielleicht noch erträglich wäre, er hat auch, beim Versuch der Errichtung des irdischen Paradieses, Unmengen von Schuld auf sich geladen, die von den gezielten Vernichtungen unter Mao und Stalin bis zur totalitären Überwachung und der Nichtachtung persönlicher Freiheiten reichen. Diese Verbrechen an der Menschlichkeit provozieren die intellektuelle Aufarbeitung, die in einer Art genealogischem Zwang irgendwann zu der Frage gelangt, ob nicht bereits in den Anfängen, also in den Ideen von Marx, ein Moment von Abirrung und notwendigem Scheitern enthalten sei. Diese schwierige Ausgangslage wird durch die persönliche Involviertheit des Autors noch verstärkt. (Beckenbach veröffentlichte 1973 eine Untersuchung über „Klassenlage und Bewußtseins­formen der technisch-wissenschaftlichen Lohnarbeiter“, die sich schon durch den Titel als empirisches Lehrstück marxistischer Ideologietheorie ausweist.) Das Ganze, das sich wiederum notgedrungen in Form eines grand récit präsentiert, muß also nolens volens zu einer Abrechnung nicht nur mit der Vergangenheit, sondern auch mit den sie tragenden Gedanken geraten. Dies geschieht letztlich dadurch, daß Beckenbach die radikalen Kommunisten als mit religiösen Fanatikern im Prinzip identische Mentalitätstypen beschreibt. Um diesen Typus einer „innerweltlichen Askese“ (Weber) zu charakterisieren, unternimmt Beckenbach eine genauere Analyse des Kommunistischen Manifests daraufhin, wie darin die Aufhebung der herrschenden Zustände gedacht wurde. An dieser weitgehend zutreffenden Argumentation, die auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts verweist, ist nur der Schluß von der Theorie zur Gewalt zu kurz ausgefallen. So ist es m.E. verfehlt, die Auswüchse des Totalitarismus durch geistige Elemente nachweisen und erklären zu wollen. Die Radikalität und Unfreiheit innerhalb der späteren kommunistischen Regime liegt nicht an gnostischen Elementen innerhalb der Marxschen Theorie, sondern an der Eigendynamik und den Gesetzmäßigkeiten des politischen Kampfes; die Verkennung dieses Aspekts befördert die Gefahr intellektueller Hexenjagd.

Noch verwickelter, weil unübersichtlicher wird die Lage in Beckenbachs zweitem Beitrag, der sich mit der „Neo-Avantgarde“ im Westen im Zeitraum von 1950 bis in die siebziger Jahre hinein, dabei natürlich mit besonderem Blick auf die Bundesrepublik, befaßt. Beginnend mit der Analyse der kulturellen Avantgarde der Pop-Kultur der 50er Jahre, wird der Übergang zur politischen Avantgarde der 60er Jahre und der sich anschließenden Radikalisierung einzelner Gruppen nachgezeichnet. Methodisch fragwürdig erscheint dabei des Autors Hang zur Vollständigkeit, zur Totalerfassung ganzer historischer Phasen. Exuberantes ‚Namedropping‘ gerinnt dabei zu Oberflächlichkeit in Form assoziativer Gendakenornamentik, die zwar intellektuelle Überlegenheit suggeriert, jedoch beim Leser das ungute Gefühl der bloßen Abwicklung von Geschichte entstehen läßt.ii Die Zweideutigkeit des Textes ergibt sich eben aus der Tatsache, daß der Intellektuelle Beckenbach hier nicht mehr – wie im Falle der Behandlung der Marxschen Theorie – bloß mittelbar, sondern unmittelbar mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert ist. Die sicherlich auch lustvolle Erinnerung an die damaligen von Freiheit getränkten Aufbrüche kollidiert dabei mit der Verantwortlichkeit, die sich aus der von Beckenbach selbst gesetzten Aufgabe ergibt, diese Vergangenheit im Rückblick bewerten zu müssen – nämlich im Hinblick auf die Frage nach Schuld und den Wurzeln der Gewalt. Diese Konstellation führt schließlich auch dazu, daß Beckenbach sich zum persönlichen Bekenntnis genötigt sieht (vgl. 168). Auch er sei von der zentralen Figur jener Jahre, Rudi Dutschke, charismatisch angesteckt worden, was ihn freilich nicht hindert, am Ende im Namen des Heute das Urteil über ihn auszusprechen: „Rudi Dutschke [und a fortiori alle, die ihm folgten, R.L.] ‚wandelte‘ unter einer tragischen Verkennung der Realität seiner Zeit.“ (186)

Nichtdestotrotz ist der Autor über weite Strecken bemüht um historische Differenzierung; allzu einfache kausale Erklärungsmuster, wie sie etwa bei gewissen angelsächsischen Autoren gepflegt werden, die die Mitglieder der RAF als „Hitler’s children“ charakterisieren, weist Beckenbach mit Recht zurück. Er bemüht sich stattdessen um die genaue Lokalisation bestimmter Gewaltpotentiale, deren schließlicher Umschlag in wirkliche Gewalt, den „Zivilisationsbruch“ der „Roten Armee Fraktion“, davon getrennt betrachtet werden sollte. – Was aber vor allem bleibt von jenem Band und was besonders aus den Aufsätzen Beckenbachs spricht, ist der Eindruck der Vergeblichkeit des Vergangenen, trotz grüner Politik, verstreuter alternativer Milieus und kultureller Freiheit unterm Kapitalismus. Auf jede Revolution folgt geschichtlich eine Restauration, könnte man z.B. mit Marcuse sagen; mit Blick auf die Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts stellt sich jedoch auch die Frage, ob wir uns nicht bereits jenseits von Revolution und Restauration befinden.


i Nietzsche, Genealogie der Moral, Kap. I, Abschnitt 13.

ii So wird z.B. die interessant klingende Idee Erik H. Eriksens, das Generationenverhältnis der Nachkriegszeit als „psychosoziales Moratorium“ zu beschreiben, nur angerissen, nicht genügend expliziert. (164)

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