Bergson Kritik an Kants Meta­physiklehre

Arslan Topakkaya

(Mersin/ Türkei)

Bergson nennt Kant den größten Gegner der Metaphysik. Kant habe die Mög­lichkeit der Metaphysik geleugnet und sie für eine leere Spekulation und eine unsinnige Beschäftigung gehalten. Bergson will dagegen das Recht der Meta­physik erweisen. Bergson schreibt seiner Philosophie die neue Konstitution der Metaphysik zu. Nach seine Überzeugung soll die unmittelbare Erfassung der Realität die Absicht der Metaphysik sein.

Bevor wir mit dem Thema anfangen, möchten wir kurz auf die Metaphysiklehre Kants eingehen, um Bergsons Position gegen Kants Metaphysik besser zu verstehen.

Die Schlussfolgerung der „Kritik der reinen Vernunft“ ist, dass Metaphysik im dogmatischen Sinne, nämlich als apriorische Erkenntnis der Dinge an sich, nicht möglich ist. Wir erkennen die Dinge durch die Formen der Anschauung. Eine alle Erfahrung übersteigende Metaphysik ist eine Illusion der natürlichen Dialektik unserer Vernunft. Die Metaphysik als Wissenschaft ist nur als System der apriorischen Voraussetzungen, Bedingungen der Erfahrung selbst, als ‚Transzendentalphilosophie’ möglich. Solche kritische Metaphysik ist eine sichere, fest begründete Vernunftwissenschaft, das System der allen Wissen­schaften zugrunde liegenden apriorischen Grundsätze und Begriffe, der synthetischen Urteile a priori als eines organischen, innerlich zusammenhäng­enden Ganzen, welches allein Metaphysik möglich macht. Aller Metaphysik muss Erkenntniskritik, Kritik der reinen Vernunft vorangehen (Eisler 1930:334). Ihre Analyse führt uns auf die ‚ersten materialen Grundsätze der menschlichen Vernunft’, die in der Tat unerweislich sind, aber die Anfangs­gründe aller anderen Wissenschaften enthalten. Sie sind für unseren Verstand unmittelbare Augenscheinlichkeiten. Kant stellt fest, dass die metaphysischen Sätze von aller Erfahrung unabhängig und wahr sein müssen.

In diesem Zusammenhang stellt Kant seine kritische Frage, ob die Metaphysik a priori im Gebiet der materialen Erkenntnis möglich ist. Die Antwort lautet: Die Metaphysik muss in erster Linie eine Wissenschaft von den Grenzen der menschlichen Vernunft sein. Die „Kritik der reinen Vernunft“ legt ausführlich dar, dass die drei Disziplinen der Metaphysik, nämlich Psychologie, Kosmologie und Theologie, auf Fragen beruhen, die das Vermögen der menschlichen Ver­nunft übersteigen. Infolgedessen führt der unkritische Gebrauch des Ver­standes unausweichlich in den dialektischen Schein und macht das Gebiet der Metaphysik zu einem Kampfplatz von ‚endlosen Streitigkeiten’. Deswegen nennt Kant solche Metaphysik, die ‚ohne vorangehende Kritik’ durchgeführt wird, ‚Dogmatismus’. Kant fordert für seine Zeit die ‚Wiedergeburt’ der Metaphysik durch eine gründliche und vollendete Kritik der Vernunft (Kant 1923:B21). Solche Kritik verhalte sich zur gewöhnlichen Schulmetaphysik gerade wie ‚Chemie zur Alchemie’, oder wie ‚Astronomie zur wahrsagenden Astrologie’. Die Transzendentalphilosophie, die Kant „Kritik der reinen theoretischen Vernunft“ nennt und nicht das Übersinnliche berührt, sei also eine Halle oder der Vorhof der eigentlichen Metaphysik. Die Transzendental­philosophie bleibe als allgemeine theoretische Metaphysik der eigentlichen speziellen theoretischen Metaphysik vorgeordnet. Deswegen wird sie von Kant als „Ontologie“ charakterisiert, weil sie die Lehre von den Gegenständen unserer Erkenntnis überhaupt oder vom Seienden als Solchem vor aller Spezifizierung enthält. Diese erkenntnistheoretisch reflektierte Ontologie lehrt, im Gegensatz zu allen Formen des Dogmatismus, dass nur die Gegenstände der Erfahrung, nämlich solche, die in Raum und Zeit als den Formen unserer Anschauung, sinnlich gegeben werden können. Kritische theoretische Meta­physik müsse sich also immer auf Gegenstände der Erfahrung beziehen.

Trotz dieser kritischen, aber nicht völlig verneinenden Haltung Kants, nennt Bergson Kant den größten Gegner und Zertrümmerer der Metaphysik. Kant habe die Möglichkeit der Metaphysik geleugnet und sie für eine leere Spekulation und eine unsinnige Beschäftigung gehalten. Bergson will dagegen das Recht der Metaphysik erweisen, indem er die ‚Bodenlosigkeit’ der Kant­ischen Beweisführung für die Unmöglichkeit der Metaphysik zu zeigen versucht. Bergson schreibt sogar seiner Philosophie die neue Konstitution der Metaphysik zu. Nach seine Überzeugung soll die unmittelbare Erfassung der Realität die Absicht der Metaphysik sein.

Bergsons Kritik an Kant bezieht sich auf seine Aussage, dass wir keine Möglichkeit hätten, die Realität unmittelbar an sich zu begreifen. Wir könnten die an sich seienden Dinge als sinnliche Mannigfaltigkeit, als zusammenhangs­lose, ungeordnete Daten von Empfindungen nur durch den Intellekt und durch dessen Kategorien erfassen. Wenn wir die Grenzen unserer menschlichen Erkenntnis überschritten und wenn wir wagten, „eine Behauptung über die Realität aufzustellen, so spring[e] unmittelbar auch die entgegengesetzte Behauptung hervor“ (Bergson 1912:209), die dieselbe Beweiskraft hätte. Jeder solche Versuch führe uns zu unlösbaren Antinomien. Die Antinomien zeigten uns, dass eine klare Auskunft über die Realität unmöglich sei. Also sei es unmöglich, dass die menschliche Vernunft durch ihre Erkenntnisvermögen die absolute Realität zu fassen bekomme. Kant wolle zeigen, dass es eine Un­gleichartigkeit von Intellekt und metaphysischer Wirklichkeit gibt. Das sei ein Grund, warum Kant Metaphysik für unmöglich hält. Jede metaphysische Er­kenntnis laufe immer nur auf die Feststellung zweier gleich möglicher, entge­gengesetzter Behauptungen hinaus. Die Metaphysik sei durchtränkt von, lebt und stirbt in Antinomien. Solche Antinomien hinderten uns, die Möglichkeit einer absoluten Realität zu erfassen. Bergson ist der Meinung, dass der Ursprung der Antinomien in der Annahme einer in ihren Teilen total zu­sammenhangslosen Materie liegt. Diese Annahme wird verfälscht, sobald man ein vollständiges Zusammenfallen von Materie und Raum voraussetzt. Diese Antinomien können verschwinden, wenn man durch eine Bemühung der Intuition zum Unmittelbaren zurückgeht und sich in das Innere der fließenden Realität begibt.

Bergson nennt als weiteren Grund seiner Ablehnung der Kantischen Meta­physik, Kants Verneinung der Existenz der transzendentalen Fähigkeit des Menschen. Bergson faßt für ihn die tiefsten und wichtigsten Grundgedanken der „Kritik der reinen Vernunft“ so zusammen: Wenn Metaphysik möglich wäre, so müßte sie nur durch die Intuition, nicht durch die Dialektik erfaßt werden. Die Dialektik führt uns zu einander wiedersprechenden Standpunkten. Bei der Dialektik sind sowohl Thesis als auch Antithesis gleich zu beweisen oder zu verneinen. Der Aufbau der metaphysischen Wirklichkeit würde nur durch eine höhere Intuition, die Kant intellektuelle Anschauung nennt, durch eine direkte Wahrnehmung der metaphysischen Wirklichkeit möglich sein. Das klarste Ergebnis der kantischen Kritik, betont Bergson, besteht in dem Nachweis, dass man in den Bereich des Transzendentalen nur durch eine direkte Schau eindringen könnte. Eine Lehre auf diesem Gebiet hat nur soweit Wert, als sie eine direkte Wahrnehmung enthält. Man bekommt diese Wahrnehmung, man zerteilt sie und setzt sie wieder zusammen. Man wendet sie hin und her nach allen Richtungen. „So wird man doch niemals mehr aus ihr herausziehen können, als was von vornherein in ihr war; soviel in ihr steckte, soviel wird man in ihr wiederfinden, und das Raisonnement wird uns nicht einen Schritt über das hinausführen, was man zuerst wahrgenommen hatte“ (Bergson 1948:159-160). Kant hat das ins helle Licht gestellt. Nach Bergsons Ansicht ist es der größte Dienst, den Kant der spekulativen Philosophie erwiesen hat. Kant hat festgestellt, dass eine Metaphysik nur durch die Anstrengung der Intuition möglich wäre. Einschränkend fügte er allerdings dazu, dass diese Intuition unmöglich sei (vgl. ebd. 160).

Warum hält Kant die Metaphysik für unmöglich?, fragt Bergson. Weil er sich eine Intuition der Wirklichkeit an sich vorstellte, wie Plotin und andere, die sich auf die metaphysische Intuition berufen, sie sich vorgestellt haben. Sie haben unter der Intuition eine Erkenntnisfähigkeit verstanden, die sich sowohl von unserem Intellekt als auch von unseren Sinnen unterscheide. Sie haben daran geglaubt, „dass die Abwendung vom praktischen Leben die Abwendung vom Leben überhaupt bedeute“ (Bergson 1948:160).

Bergson versucht zu erklären, warum Kant und seine Anhänger so gedacht haben. Sie sind davon überzeugt, dass unsere Sinne und unser Bewusstsein uns unmittelbar die Bewegung erfassen lassen. Sie haben angenommen, dass wir mit unseren Sinnen und unserem Bewusstsein die Veränderungen in den Dingen und in uns wahrnehmen können. Es ist für sie ganz deutlich, dass es auf dem Gebiet der Spekulation unlösbare Widersprüche gebe, wenn wir die gewöhnlichen Gegebenheiten unseres Bewusstseins und unseres Sinnes ver­folgen. Dann kamen sie zum Schluss, dass „der Widerspruch der Veränderung selber innewohnte, und dass man, um sich ihm zu entziehen, die Sphäre der Veränderung verlassen müsse, um sich über die Zeit zu erheben.“ (Ebd.) Das sei, nach Bergson, der Grundgedanke derjenigen, die mit Kant die Möglichkeit der Metaphysik leugneten. In der Tat sei die Metaphysik aus den Argumenten des Eleaten Zenon mit Blick auf die Veränderung und Bewegung hervorge­gangen. Er wies darauf hin, dass eine Annahme von Bewegung und Ver­änderung zu Widersprüchen führe. Das Resultat dieser von Parmenides und Zenon begründeten Skepsis gegenüber der Dynamik des Geschehens ist der sich bis heute durchsetzende Wunsch, das Wahre im Bereich des Statischen zu finden. Dieser Wunsch beeinflusste das Denken der letzten zweieinhalbtausend Jahre und bewirkte ein Ungleichgewicht in der Berücksichtigung des philosoph­ischen Denkens zugunsten des Festen, Unbeweglichen, Statischen, Unver­änderlichen.

Anschließend fügt Bergson weitere Gründe Kants hinzu, weshalb er die Metaphysik für unmöglich gehalten hat. Kant meinte, „dass unsere Sinne und unser Bewusstsein sich in einer wirklichen Zeit betätigen, (...) in einer Zeit, die sich unaufhörlich verändert, in einer Dauer, die dauert.“ (Bergson 1948:161) Das ist der erste Grund. Zweitens hat er sich von der Relativität unserer ge­wöhnlichen Sinneserfahrung und unseres Bewusstseins Rechenschaft abgelegt. Deshalb hielt er die Metaphysik „durch eine ganz andersartige Intuition als die unserer Sinne und unseres Bewusstseins für unmöglich, denn von dieser Intuition glaubte er beim Menschen keine Spur anzutreffen“ (Ebd.)i Bergsons Unterscheidung lässt die Frage entstehen, inwiefern sein Begriff der Intuition sich von der Intuitionsauffassung anderer Philosophen unterscheidet. Ist die Frage hier berechtigt, ob ein Philosoph die Fähigkeit besitzt, die wir Intuition nennen möchten? Es geht auch darum, durch eine gewisse Verschiebung der Aufmerksamkeit zu einer ausgedehnten Wahrnehmung der Wirklichkeit zu gelangen. Man wendet sich hier von dem ab, was uns praktisch im Universum interessiert, und richtet sich auf das, was in praktischer Hinsicht zu nichts dient. Soll man sich in eine andere Welt versetzen, z. B. in die Welt der platonischen Ideen, in eine unbewegte, ewige, außerzeitliche Welt? Bergsons Antwort ist Nein. Er ist der Meinung, dass die Intuition sich auf unsere eigene Erfahrung, auf die Veränderung, auf die Zeit, auf die Dauer, in der unser Wesen besteht, richtet. Bergson betont aber gleich, dass dies eine schwere sogar mühsame Anstrengung verlangt. In Verbindung mit dem Gedanken der Dauer zeigt sich, dass die Intuition eine geistige Erfahrung ist, deren Gehalt freilich durch das rationale Denken niemals ausgeschöpft werden kann. Bergson will, dass wir uns in das Innere des Gegenstandes hineinversetzen, um mit der erzeugenden Kraft des Lebens (dem Lebensstrom) eins zu werden. Nur dadurch kann man die wirkliche Zeit begreifen. Sie ist ein Strom von wechselnden, ungleichartigen Qualitäten, ohne das geringste Verhältnis zu der messbaren, wissenschaftlichen Zeit. Durch diese unräumliche Zeitauffassung kann die Metaphysik eine neue Beziehung zum Leben gewinnen. Das Wesentliche für die Philosophie ist die durch eine einfache Rückwendung innerhalb des gewöhnlichen Bewusstseins erreichte Intuition der eigentlichen Dauer. Diese Intuition der Dauer hat Lebensbedeutung; sogar „unser alltäg­liches Leben wird davon erwärmt und erleuchtet“ (Bergson 1948:147)

Durch diese intuitive Auffassung der Zeit streitet Bergson wider aktuelle wissenschaftliche Thesen, die Assoziationspsychologie und den Determinismus.

Bergson wirft Kant vor, dass er das platonische Gedankengut übernommen habe. Bergson sieht eine Ähnlichkeit zwischen Kant und dem Platonismus, weil sein Streben, jede mögliche Erfahrung in vorher bestehende Formen zu gießen, eigentlich einem verwandelten Platonismus gleich kommt. Nach Bergson bemüht sich Kant in der KrdrV die platonischen Ideen vom Himmel auf die Erde zurückzuholen.

Kurz, die ganze Kritik der reinen Vernunft läuft auf die Behauptung hinaus, dass der Platonismus, der illegitim ist, solange die Ideen Dinge sind, legitim wird, wenn die Ideen zu Beziehungen werden, und dass die fertige Idee, nachdem man sie einmal vom Himmel auf die Erde herabgeholt hat, genau wie Platon es wollte, der gemeinsame Grund für das Denken und für die Natur ist. Aber die ganze Kritik der reinen Vernunft beruht auch auf dem Postulat, dass unser Denken unfähig ist, über die platonische Art des Philosophierens hinauszukommen.“ (Bergson 1948:222)

Dies bedeutet, dass jede mögliche Erfahrung in präexistente Formen gegossen werden müßte, um Existenz zu gewinnen. Dass diese Vorstellung mit Bergsons Idee der schöpferischen Kraft kollidieren muss, dürfte klar sein. Eine Philo­sophie, die auch nur an eine platonische Ideenlehre angelehnt ist, schließt eine unendliche schöpferische Kraft, wie es der élan vital Bergsons ist, aus.

Bergson kritisiert Kant, dass er den Metaphysiker und den Wissenschaftler beim Worte nimmt und Wissenschaft und Metaphysik bis an die äußerste Grenze des Symbolischenii treibe, wohin sie übrigens von selbst gelangen, sobald der Verstand eine Unabhängigkeit voller Gefahren für sich in Anspruch nimmt (vgl. ebd. 220). Aufgrund der Tatsache, dass er die wurzelhafte Ver­bindung zwischen Wissenschaft und Metaphysik durch den „intuitiven Ver­stand“ verkannt hat, wird es nicht schwer, eine These darauf aufzubauen, dass unsere Wissenschaft ganz relativ und unsere Metaphysik ganz künstlich ist. Da er die Unabhängigkeit des Verstandes überspitzt und „die Metaphysik und die Wissenschaft um ihr inneres Schwergewicht gebracht hat, (...), stellt sich ihm die Wissenschaft mit ihren Beziehungen nur noch als eine oberflächliche Form dar und die Metaphysik mit ihren Dingen als eine oberflächliche Materie“ (ebd.) Bergson meint, dass Kant unserer Wissenschaft und unserer Metaphysik harte Schläge versetzt hat, von denen sie sich bisher nicht erholt haben.

Unser Geist neigt dazu, dass er in der Wissenschaft eine bloße relative Er­kenntnis und in der Metaphysik eine reine Spekulation sehen will. Wenn die Metaphysik sich auf den Begriffen, die wir schon gehabt haben, aufbauen will und wenn sie in einer geistreichen Anordnung von fertigen Ideen besteht, kurz, wenn sie etwas anderes ist, als die beständige Ausweitung unseres Geistes, „die immer erneute Anstrengung, über unsere gegenwärtigen Ideen hinauszu­kommen und vielleicht auch über unsere einfache Logik, so ist es zu evident, dass sie künstlich wird, wie alle Werke des reinen Verstandes“ (Bergson 1948:221).

Wenn man die „Kritik der reinen Vernunft“ genauer liest, sagt Bergson, bemerkt man, dass das, was Kant unter der Wissenschaft versteht, eine Art von Universalmathematikiii ist, während für Kant die Metaphysik ein kaum überarbeiteter Platonismus sei. Die Aufgabe der Kritik der reinen Vernunft bestehe darin, diese Mathematik zu begründen, nämlich zu bestimmen, was zur Intelligenz und was zum Objekt gehört, damit eine lückenlose Mathematik sie miteinander verbinden könne. Dass sich jede mögliche Erfassung in die schon festgelegten Formen unseres Verstandes einfügen muss, ist nur möglich, indem unser Verstand selbst die Natur organisiert und sich in ihr wieder­spiegelt (sofern man nicht eine prästabilierte Harmonie annehmen will) (Bergson 1948:222). „Daher die Möglichkeit der Wissenschaft, die ihre ganze Wirksamkeit ihrer Relativität verdankt, und die Unmöglichkeit einer Meta­physik, weil diese nichts weiter zu tun findet, als an Phantomen von Dingen die Begriffsarbeit, die die Wissenschaft ernsthaft vollzieht, zu parodieren“ (ebd.).

Bergson findet Kants Auffassung von der wissenschaftlichen und metaphys­ischen Erkenntnis nicht zutreffend. Bergson hatte festgestellt, dass „die Kritik der reinen Vernunft“ auf dem Postulat beruht, dass unser Denken unfähig ist, über die platonische Art des Philosophierens hinauszukommen, d.h., dass jede mögliche Erfahrung in bereitliegende Formen gegossen werden muss (vgl. ebd.). Das ist aber ein wichtiger Punkt: Wenn die wissenschaftliche Erkenntnis so verstanden werden muss, wie Kant sie verstanden hat, dann gibt es eine einfache, präformierte und selbst präformulierte Wissenschaft in der Natur, von der Aristoteles meinte, „von dieser den Dingen immanenten Logik lassen die großen Entdeckungen Punkt für Punkt die schon im voraus skizzierte Linie aufleuchten“ (ebd.) Wenn die metaphysische Erkenntnis so verstanden werden muss, wie es Kant gewollt hat, dann reduziert sie sich auf die Möglichkeit zweier Grundpositionen. Sie manifestiert sich in willkürlichen und immer sich verändernden Stellungnahmen zwischen zwei von Ewigkeit her formulierten Lösungen; sie lebt und sie stirbt an den Antinomien. In der Tat „stellt sich weder die moderne Wissenschaft in dieser einlinigen Einfachheit dar, noch auch die Metaphysik in diesen unreduzierbaren Antinomien“ (Bergson 1948:222f.). Die moderne Wissenschaft ist weder einheitlich noch einfach. Bergson stellt fest, dass die Wissenschaft nicht durch regelmäßige Einschachtelung von Begriffen fortschreitet, die gleichsam vorherbestimmt wären, sich genau ineinander einzufügen (Bergson 1948:223). Auf der anderen Seite liefert uns die Metaphysik der Moderne nicht derartige radikale Lösungen, so dass sie in unreduzierbaren Antinomien endigen müssten. „Ohne Zweifel wäre dem so, wenn es kein Mittel gäbe, die Thesis und Antithesis der Antinomien zu derselben Zeit und auf derselben Ebene anzuerkennen“ (ebd.) Nach Bergson bestehe aber Philosophie darin, dass man sich durch eine An­strengung der Intuition in das Innere der Wirklichkeit versetzt. Demgegenüber nimmt die Kritik von dieser Wirklichkeit nur von außen her zwei entgegen­gesetzte Ansichten, Thesis und Antithesis, auf. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie das Weiße und das Schwarze sich gegenseitig durchdringen, wenn man nicht das Graue gesehen hat. Aber wenn man das Graue gesehen hat, dann begreift man ganz leicht, wie dieses vom doppelten Gesichtspunkt des Weißen und des Schwarzen aussehen wird. „Die Lehren, die auf der Intuition gründen, entgehen der kantischen Kritik genau in dem Maße, wie sie intuitiv sind; und diese Lehren bilden das Ganze der Metaphysik, voraus­gesetzt, dass man nicht die in Thesen erstarrte und tote Metaphysik heran­zieht, sondern die lebendige der Philosophen“ (Bergson 1948:223f.).

Kant hat richtig gesehen, so formuliert Bergson, als er sagte, dass keine dia­lektische Anstrengung des Denkens uns jemals zu einem Jenseits führen werde, und dass eine wirksame Metaphysik notwendigerweise eine intuitive Metaphysik sein müsste. Er fügte gleich aber hinzu, dass diese Intuition uns fehle, und diese Metaphysik unmöglich sei (Bergson 1948:147). Kant hat die fundamentale Bedeutung der Intuition für eine Metaphysik richtig gesehen, aber er hat die Existenz einer solchen Fähigkeit beim Menschen bestritten,iv und deshalb die Konstitution der Metaphysik für unmöglich gehalten. Bergson hingegen schreibt diese Fähigkeit dem Menschen zu und hält deshalb die Metaphysik für möglich. Er wendet dazu ein, dass eine Metaphysik, die auf Intuition beruht, nicht möglich wäre, wenn es keine andere Zeit und keine andere Veränderung als solche im Sinne der kantischen Auffassung geben würde, „an die wir von Natur aus gebunden scheinen, denn unsere gewöhn­liche Wahrnehmung vermag nicht aus der Zeit hinauszutreten, noch etwas anderes als Veränderliches [zu] erfassen“ (ebd.) Kant sieht aber in der potentiellen Intuition ein Erkenntnisvermögen, das von den Sinnen und dem Bewusstsein radikal unterschieden ist.

Diese Kritik Bergsons ist unserer Meinung nach unzutreffend. Kant war jedoch gegen die bestimmte Form der überlieferten Metaphysik, deren Dogmatismus und Methodik er abgelehnt hat. Trotzdem kann man sagen, dass die ganze Kantische Philosophie Folge der Auseinandersetzung mit der Metaphysik ist. Kant betont mehrmals, wie wichtig und unerfüllbar die Metaphysik für uns ist. Es ist zu sagen, dass es bei Kant nicht um die Vernichtung der Metaphysik, wie Bergson meinte, geht. Kant sagt gerade das Gegenteil, dass der Metaphysik gänzlich zu entsagen unmöglich sei. Die wahre Metaphysik soll nach Kant ihre eigene Grenze kennen und die Vernunft nicht verleugnen.

Literaturverzeichnis

BERGSON, H. (1912) Schöpferische Entwicklung (L`Évolution créatrice), Jena.

BERGSON, H. (1948) Denken und Schöpferisches Werden (La Pensée et le Mouvant). Aufsätze und Vorträge, Meisenheim am Glan.

BEGSON, H. (1991) Materie und Gedächtnis. Eine Abhandlung über die Be­ziehung zwischen Körper und Geist (Matiére et Mémoire. Essais sur la relation du corps à l`esprit), mit einer Einleitung von Erik Oger, Hamburg.

BARTHELEMY-MADAUL, M. (1966). Bergson adverse de Kant, Paris.

EİSLER, R. (1030). Kant Lexikon, Berlin 1930.

KANT, I. (1923). Kritik der reinen Vernunft. Kants Werke, hrsg. von A. Görland, Berlin.

KANT, I. (1956) Kritik der reinen Vernunft, hrsg. von R. Schmidt, Hamburg.


i "Il n`y aurait de métaphysique que si nous avions avec le supra-sensible un contact analogue à celui que l`intuition sensible soutient avec la diversité empirique. Or, cette intuition n`existe pas. Mais la métaphysique, si elle pouvait être, serait intuitive. C`est le mérite de Kant de l`avoir proclamé (..)." Barthélemy-Madaule, M.: Bergson adverse de Kant, Paris 1966, S. 86.  

ii Bergson schildert etwas näher, was er mit dem Symbolischen gemeint hat. „Aber auch diese Metaphysik [der modernen Philosophie], wie auch diese Wissenschaft, hat um ihr reiches inneres Leben einen dichten Schleier von Symbolen gewoben und oft vergessen, dass, wenn auch die Wissenschaft zu ihrer analytischen Entwicklung die Symbole nicht entbehren kann, es doch die Hauptaufgabe der Metaphysik ist, mit den Symbolen zu brechen.“ (Bergson 1948:219)

iii Bergson fasst die Lehre einer Universalmathematik als eine Erbschaft des Platonismus auf. „In der Tat ist der Traum einer Universalmathematik bereits eine Erbschaft des Platonismus. Die Welt der Ideen wird zu einer Universalmathematik, wenn man annimmt, dass die Idee in einer Beziehung oder einem Gesetz besteht und nicht mehr in einer Substanz: Kant hat diesen Traum einiger modernen Philosophen für Wirklichkeit gehalten; noch mehr, er hat geglaubt, dass jede wissenschaftliche Erkenntnis nur ein losgelöstes Fragment oder vielmehr ein Provisorium der Universalmathematik wäre.“ (Bergson 1948:221).

iv Bergson verteidigt gegen diese Auffassung Kants die These, dass um zu dieser Intuition zu gelangen, „es nicht notwendig [ist], sich aus dem Bereich der Sinne und des Bewusstseins hinaus[zu]versetzen.“ (Bergson 1948: 147) Kant war im Irrtum, „wenn er das glaubte.“ (Ebd.)

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