Was können wir von Friedrich Schiller lernen?

Stefan Groß (Jena)

Die intellektuelle Welt ist sich einig: Friedrich Schiller bleibt der große Wortführer des 19. Jahrhunderts – auch in Sachen Politik. Er war aber, dies lässt sich nicht bestreiten, kein rein politisierender Philosoph, wenngleich ihm die Frage nach dem rechten Staatswesen all zu sehr interessierte. Was er zu erzielen erhoffte, war eine Reformierung der Gesellschaft vor dem Hintergrund einer ästhetischen Revolution. Schiller geht es nicht um ein utopisches Ideal von Geselligkeit, sondern um ein dezidiertes Programm, wie gesellschaftliches Miteinander überhaupt möglich wird. Er ist dabei Visionär und kritischer Zeitzeuge zugleich. Visionär, weil er an einer Reformierung der Gesellschaft festhält, Realist, weil er weiß, daß sich diese nur durch eine aufgeklärte Menscheit einfordern lässt.

Diese sich durch Freiheit selbst bestimmende Subjektivität, das ästhetische Ich, das sich zur Gattung steigern soll, war und blieb ohne die Kantische Philosophie aber undenkbar, denn der Königsberger Denker wurde zum Leitstern für eine Ästhetik, in der sich Freiheit und Notwendigkeit synthetisieren sollten; das Vermögen, das dies leisten soll – die Urteilskraft.

Es ist also auch der Dichter Friedrich Schiller, der sich die Ästhetik Kants kritisch zum Vorbild nimmt, um das miteinander zu verbinden, was sich innerhalb der Kantischen Philosophie diametral gegenübersteht. Schiller, der Gefühlsmensch, moniert also genau das, was den Kantischen Rigorismus ausmacht, was diesen – auch noch in der Philosophie des 20. Jahrhunderts, bei Max Scheler etwa – als Manko vorgeworfen wurde. Denn: Eine Denkungsart, die sich allein auf einen radikal formulierten Pflichtbegriff, wie bei Kant, reduziert, lehnt Schiller schlichtweg ab, weil es zum Wesen des Menschen gehört, Pflicht und Neigung miteinander zu verbinden. Anders gesagt: Reine Pflicht, so die Kritik, schliesst Neigung aus und damit das, was den Menschen als sinnliches Wesen auszeichnet. Pure Neigung ohne Pflicht, dies endet in reiner Triebhaftigkeit, die der Natur des Menschen widerstreitet. Weder Kants „Kritik der reinen Vernunft“ noch die „Kritik der praktischen Vernunft“ in ihrer Einseitigkeit als reine Erkenntnistheorie, die um die Grenzen des Verstandes spekuliert und als rein praktische Philosophie mit dem kategorischen Imperativ in ihrer Mitte Sollensregeln aufstellt, nimmt Schiller als der Weisheit letzten Schluss, sondern Synthese bleibt sein letztes Wort. Der ästhetische Terminus, den er dafür reserviert, ist das „Spiel“, denn, wie hinreichend bekannt, wird der Mensch erst dann zum vernünftig-sinnlichen Wesen, wenn er spielt, wenn sich Form- und Stofftrieb zu einer symbolischen Einheit verbinden. Für diese Synthese steht letztendlich auch die Kunst.1

Schiller, dem Eleven der Karlsschule des Herzogs von Württemberg ist jeder politische Dogmatismus suspekt, ja, er rebelliert seit früher Jugend gegen eine Inszenierung der Macht, die in einem reinen Despotismus kulminiert.2

Schillers Antwort auf die negativen Formenspiele des politischen Fatalismus bleiben bekanntlich seine „Die Räuber“, wo der ausgebildete Mediziner nicht nur eine Anti-Utopie, besser, eine radikale Reform der gesellschaftlichen Verhältnisse entwirft, sondern auch seine ganz konkreten Vorstellungen von einem freien Menschen in einer als frei-bestimmten, herrschaftsfreien Ordnung verortet. „Die Räuber“ werden damit zum Synonym für ein Freiheitsideal, dem jede Gängelei fraglich wird, jeder Erziehungsdrill unakzeptabel bleibt – eine Erziehung durch und mit Politik undenkbar.

Schiller, der spätere Professor in Jena, beginnt seine politische Karriere also mit einem Anti-Erziehungsstück, mit einer puren Provokation, die auf die gesellschaftlichen und soziokulturellen Verhältnisse im Württembergischen Herzogtum abzielt. Was der Ästhetiker dabei im Auge hat, ist die radikale Infragestellung eines absolutistischen Weltbildes, das sich am Gedanken des mos geometrico orientiert. Die reine Machtinszenierung des Barock und des Rokoko sind die erklärten Feindbilder. Denn: Die Welt, insbesondere die ästhetische, lässt sich nicht auf das Vokabular reiner Verstandestätigkeit reduzieren, sondern bedarf einer nicht im Lot stehenden Ordnung, die sich eben als ästhetische Ordnung und Unordnung zugleich kennzeichnen lässt.

Die Sturm- und Drangzeit des jungen Schiller, die antiklerikale und antiaufgeklärte Phase, weicht aber sukzessive einer politischen Denkungsart, die nicht das aus der Gesellschaft ausbrechende, ihr kontraproduktiv sich entgegenstellende Individuum ins Zentrum rückt, sondern den Weltbürger, der sich seiner politischen Verantwortung zugleich bewusst ist. Der „Weltbürger“ ist es, der gemässigte Klassiker, der ein radikal-blindwütiges Ästhetisieren mit antidokrinärem Affekt in Frage stellt.

Für den Schiller der ästhetischen Briefe bedeutet dies – auch rückblickend und sich distanzierend von den „Räubern“:3

„Eine Frage, welche sonst nur durch das blinde Recht des Stärkern beantwortet wurde, ist nun, wie es scheint, vor den Richterstuhl reiner Vernunft anhängig gemacht, und wer nur immer fähig ist, sich in das Zentrum des Ganzen zu versetzen und sein Individuum zur Gattung zu steigern, darf sich als einen Besitzer jenes Vernunftgerichts betrachten, sowie er als Mensch und als Weltbürger zugleich Partei ist und näher oder entfernter in den Erfolg sich verwickelt sieht. Es ist also nicht bloß seine eigene Sache, die in diesem großen Rechtshandel zur Entscheidung kommt; es soll auch nach den Gesetzen gesprochen werden, die er als vernünftiger Geist selbst zu diktieren fähig und berechtigt ist.“4

Was sich also vom Frühwerk zur ästhetisch-philosophischen Phase zu Beginn der 90er Jahre vollzieht, ist ein Paradigmawechsel auf breitester Front. Politische Indifferenz, ja, a-politische Vorstellungen werden durch ein staatsbürgerliches Denken ersetzt, das die „Gattung“ zunehmend in den Mittelpunkt rückt. Diesen Paradigmawechsel herbeizuführen, dies bleibt die Aufgabe der „schönen Seele“, die Anspruch auf „Versöhnung“ erhebt.

Eine Revolution der Denkungsart obliegt dabei ganz der ästhetischen Erziehung. Nur so ist es zu verstehen, dass die Schönheit der Freiheit vorauszugehen habe, denn nur durch die ästhetische Bildung wird eine freiheitliche möglich. Diese Aufgabe einer ästhetischen Erziehung übermittelt der Ästhetiker nicht dem Staat, dem er keineswegs zutraut, zu moralischer Erziehung beizutragen, sondern sendet diese an die Adresse der schönen Kunst, die, um wahrhaft wirklich zu sein, schöner Schein bleiben muss. Eine rein politische Erziehung von Seiten des Staates aus betrachtet Schiller als illusionär, denn die Belange des Staates lassen sich eben nicht mit dem Ideal des schönen Scheins vermitteln. Bevor es also zu einer Veredlung des Menschengeschlechts, zu jenem von Schiller geforderten Paradigmenwechsel zwischen Notstaat und Vernunftstaat kommt, muss sich das Individuum, quasi aus sich selbst heraus, zur ästhetischen Erziehung entscheiden.

Noch vor der Analyse, wie sie Fichte in seinen Beschreibungen über das gegenwärtige Zeitalter liefert, ist es Schiller mit seinen ästhetischen Briefen, der jeden radikal-fundierten Extremismus kritisiert. Der Mensch lässt sich weder, wie die platonische Denkungsart nahelegt, auf seine intelligible Struktur, auf ein rein rationales Dasein also, reduzieren noch bleibt er bloßes Resultat sinnlicher Wahrnehmungsprozesse, sondern, und dies macht sein eigentliches Menschsein aus, er bringt aus Freiheit sein eigentliches Wesen zum Vorschein. Jede Radikalität der Denkungsart, die sich auf eines der beiden Extreme reduziert, ist dem Analysten der Geschichte ein Greuel. Wohin die Radikalität von einseitigen Denkmustern führt, dazu bedarf es ja keineswegs einer Analyse des 20. Jahrhunderts, dies hat der ästhetische Philosoph bereits in der Aufarbeitung seines geschichtliche Umfelds und aller Geschichtlichkeit vor ihm mit überzeugender Detailgenauigkeit herausgearbeitet. Schillers Idealismus kulminiert damit in einer Philosophie selbstbestimmter Freiheit, denn Freiheit wird zum A und O jeder Spekulation.

Freiheit ist damit nicht nur in der Politik, sondern wird auch – und in aller erster Linie – in der Kunst das letzte Wort sein. Schiller schreibt: „[…] denn die Kunst ist eine Tochter der Freyheit, und von der Nothwendigkeit der Geister, nicht von der Nothdurft der Materie will sie ihre Vorschrift empfangen“.5 So sehr also Schiller an eine Versöhnung von Sinnlichkeit und Vernunft glaubt, so sehr er sich diese wünscht, deutlich wird, dass die Vernunft ein Prä hat. Ohne das Noumenon der Vernunft bleibt moralisches sowie ästhetisches Handeln undenkbar.

Vor dem Blickwinkel des Politischen betrachtet, heisst dies: Soll ein Staat kein Produkt von fremdbestimmten Individuen sein (Notstaat), dann muss er Produkt von sich selbst bestimmenden Individuen werden. Was den wahrhaftigen Staat daher auszeichnet, ist vernünftige Selbstbestimmtheit, die sich dazu entschliesst, den rohen Naturstaat in den Vernunftstaat zu überführen. Die Idee dieses Staates, so Schiller, bleibt aber so lange problematisch, so lange der sinnliche Trieb regiert. Es kommt also darauf an, die sinnliche Neigung, die problematisch ist, zu überwinden, bzw., sie ins Gleichgewicht mit der Vernunft zu setzen. Eben dieses Gleichgewicht herzustellen, bedeutet für ihn Versöhnung.

„Es käme also darauf an, von dem physischen Charakter die Willkür und von dem moralischen die Freiheit abzusondern – es käme darauf an, den ersten mit Gesetzen übereinstimmend, den letzteren von Eindrücken abhängig zu machen – es käme darauf an, jenen von der Materie etwas weiter zu entfernen, diesen ihr um etwas näher zu bringen – um einen dritten Charakter zu bilden, der, mit jenen beiden verwandt, von der Herrschaft bloßer Kräfte zu der Herrschaft der Gesetze einen Uebergang bahnte und, ohne den moralische Charakter an seiner Entwicklung zu verhindern, vielmehr zu einem sinnlichen Pfand der unsichtbaren Wirklichkeit diente.“6

Schiller gibt, nichts anderes ist von einem Zeitzeugen zu erwarten, auch ein Resümee dessen, was er an seinem gegenwärtigen Zeitalter kritisiert. Von den Idealen der „Französischen Revolution“, die von vielen aufgeklärten Denkern frenetisch gefeiert wurden, verabschiedet er sich früh, er spürte jenen grenzenlos-politischen Idealismus, der letztendlich im Terror kulminieren musste. Der Verlauf der Revolution hat Schillers Zaudern bestätigt, denn die Freiheit wurde durch einen radikalen Terror erkauft; die Revolutionäre wurden selbst zu „Schindern“.

Insbesondere in den ersten Briefen der ästhetischen Erziehung markiert Schiller ein Gesellschaftsbild, das kritischer nicht ausfallen kann. Wenngleich er betont, dass er nicht gern in einem anderen Jahrhundert „leben und für ein andres gearbeitet haben“ würde, so wird doch deutlich, was der Zeitbürger, der zugleich Staatsbürger ist, beabsichtigt.7 Schiller ist ein gnadenloser Chronist, seine kritische Sicht auf den Zeitgeist bleibt prägnant. Wie später Engels und Brecht analysiert der Ästhetiker die Unarten, die Verflachung der Mode und den geistigen Verfall auf breitetester Front. Die kritische Analyse dessen, was den sogenannten Zeitgeist ausmacht, liest sich wie eine genuine Beschreibung der Kulturverflachung, wie man sie auch im 21. Jahrhundert findet. Geradezu aktuell ist Schiller, wenn er schreibt:

„Jetzt aber herrscht das Bedürfniß, und beugt die gesunkene Menschheit unter sein tyrannisches Joch. Der Nutzen ist das große Idol der Zeit, dem alle Kräfte frohnen und alle Talente huldigen sollen. Auf dieser groben Waage hat das geistige Verdienst der Kunst kein Gewicht, und, aller Aufmunterung beraubt, verschwindet sie von dem lermenden Markt des Jahrhunderts.“8

Mit diesem Negativbefund des Zeitgeistes zeigt sich Schiller nicht nur als Philosoph, der gegen den Werteverfall anstreitet, sondern als authentischer Journalist, der gegen die Moden des Zeitgeistes kämpft.

Wenngleich das Vokabular Schillers, in dem er seine radikal-harsche Kritik formuliert, antiquiert erscheinen mag, der Befund und die Kritik bleiben auch für heutige Verhältnisse ungemein aktuell. Der Weimarer Ästhetiker spricht von Erschlaffung, von einem ermüdeten Zeitgeist, der sich in den Seelen einnistet, und der zu einer unendlichen Seelenruhe führt, die ungemein a-politisch ist. Der Klassiker setzt diese Erschlaffung seinerseits mit einer Ermüdung der Denkungsart gleich, mit dem freien Spiel der Kräfte, die sich nicht im Kampf mit der Ratio abmühen, sondern im selbstvergessenen Kampf an der Sinnenfront sich ermüden. Erschlaffung meint daher nichts anderes, als ein auf die pur-gelebte Sinnlichkeit hinvegetierendes Dasein, dem jede ideale Note fremd ist, dem jeder Idealismus vaghalsig und nicht mit der „Kontinuität“ eines behaglichen Lebens vereinbar scheint. Schlaffheit, dies legt Schiller nahe, und dies erweist sich auch als Desaster der Moderne, ist ein pures Spiel mit den Formen, ein Zweck ohne Zweck, eine gleichgültige Verschiebung von Verantwortung, ein regelloses Spiel mit leeren Hülsen und Floskeln. Das Ergebnis dieser Flucht in die Spielerei ist und bleibt, dies hat Schiller schon erkannt, im höchsten Grade unproduktiv, denn eine auf reine Sinnlichkeit sich reduzierende Individualität kulminiert im absoluten Individualismus, der in seinem negativsten Befund in einem stoischen Egoismus endet. Dieser Egoismus der Denkungsart ist es, den Schiller in seinen ästhetischen Briefen kritisiert, den er als schlechten Auswuchs brandmarkt. Egoismus, diese, auch die Moderne kennzeichnende und hinreichend prägende Größe, die jedes soziale Miteinander destruiert, diesen Egoismus greift Schiller mit aller Nachhaltigkeit an, ihn zu negieren, bleibt eines der Ziele einer ästhetischen Erziehung, die zuerst den Menschen an sich, dann den Menschen als Gattung ansprechen will. Purer Egoismus, so Schiller, ist also mit der Idee, dem Ideal einer ästhetischen Erziehung, unvereinbar.

Menschsein bedeutet, und dies ist eine Schlussfolgerung Schillers, die sich aus den ästhetischen Briefen ziehen lässt, Sein im Anderen und im Anderen-Sein.

Schiller bezieht damit eindeutig Position gegen jenen grenzenlosen Individualismus, den er, schon vor zweihundert Jahren, als bloße Schimäre, als unproduktive Geisteshaltung entlarvt. So nimmt es nicht wunder, wenn er schreibt:

„Mitten im Schooße der raffinirtesten Geselligkeit hat der Egoism sein System gegründet, und ohne ein geselliges Herz mit heraus zu bringen, erfahren wir alle Ansteckungen und alle Drangsale der Gesellschaft“. […] Stolze Selbstgenügsamkeit zieht das Herz des Weltmanns zusammen, das in dem rohen Naturmenschen noch oft sympathetisch schlägt, und wie aus einer brennenden Stadt sucht jeder nur sein elendes Eigenthum aus der Verwüstung zu flüchten.“9

Noch deutlicher wird Schiller, wenn er bemerkt:

„Die Kultur, weit entfernt, uns in Freyheit zu setzen, entwickelt mit jeder Kraft, die sie in uns ausbildet, nur ein neues Bedürfniß, die Bande des physischen schüren sich immer beängstigender zu, so daß die Furcht, zu verlieren, selbst den feurigen Trieb nach Verbesserung erstickt, und die Maxime des leidenden Gehorsams für die höchste Weisheit des Lebens gilt. So sieht man den Geist der Zeit zwischen Verkehrtheit und Rohigkeit, zwischen Unnatur und bloßer Natur, zwischen Superstition und moralischem Unglauben schwanken, und es ist bloß das Gleichgewicht des Schlimmen, was ihm zuweilen noch Grenzen setzt.“10

So verwundert es nicht, dass Schiller eine „Totalität des Charakters“ fordert, denn dieser gilt ihm als das Fundament des ästhetischen Fortschritts, der Kultivierung. Auch hier zeigt ein Blick in die Moderne, wo rohe und gesetzlose Triebe walten, in aller Deutlichkeit, was der Weimarer Ästhetiker vor Augen hat. Wo unlenksame „Wuth“ und „thierische Befriedigung“ regieren, bleibt ein Fortschreiten auf das Ideal der Tugend undenkbar. Diesen Verflachungsprozeß zu analysieren, dies macht Schillers Zeitanalyse für die Gegenwartsanalyse unserer Zeit noch prägnanter.

Gerade im 21. Jahrhundert scheint sich ein Trend fortzusetzen, der anstatt auf freiheitliche Autonomie abzuzielen, sich auf ein sklavisches, ja manchmal barbarisches Rezipieren versteift, der grenzenlose Konsum, in welcher Form auch immer, ist Resultat einer Gesellschaft, die sich jedem tiefgreifenderem Sinn verweigert. Es ist nicht nur die virtuelle Welt, Presse und Rundfunk eingeschlossen, die zu einer Banalisierung der Lebenswelt beitragen, es ist geradezu ein Phänomen der Zeit, sich freiwillig am inhaltslosen Zeitstrom abzuarbeiten, sich eindeutig dazu zu bekennen, sich von jeder bürgerlichen Ordnung zu befreien. Das Resultat dessen, zumindest in Deutschland, ist grenzenlose Einsamkeit, Beziehungsunfähigkeit, unendliche Erwartung und blinder Trieb.

Was Schiller produktiv als Spiel begriff, als synthetische Vereinigung von Rationalität und Sinnlichkeit, dies ist im 21. Jahrhundert derart pervertiert, dass von einem Spiel, wie es der Klassiker vor Augen hatte, keine Rede mehr sein kann. Denn: Es geht keineswegs mehr um das Spiel, das Versöhnung garantiert, sondern nur noch um ein sinnentleertes Spielen, von dem sich Schiller radikal abzusondern hoffte. Spiel bleibt, dies kann man als Befund der Gegenwart deuten, Wortspiel, Zeichen eines übersteigerten Individualismus, dem es gar nicht einfällt, sich mit dem klassischen Spielideal auseinanderzusetzen. Man spielt, wo man ist, man ist das Spiel, indem man sich als Spieler einerseits zu erkennen gibt, andererseits, sich des Spiels verweigert, wenn einem die Regeln nicht mehr passen. Spiel, so lässt sich im 21. Jahrhundert definieren, ist ein Spiel ohne Regeln, ohne Grenze, ein reines Lustspiel subjektiver Geltungsnatur. Statt Regulativ sinnentleerte Scheinharmonie, statt kantischem Rigorismus subjektive Selbstinszenierung.

Schiller selbst aber war Realist genug, um genau zu wissen, dass von den niederen Klassen keine Revolution zu erwarten sei, sein kritischer Gesellschaftsspiegel informiert eingehend darüber. Aber auch von den elitären Schichten, vom aufgeklärten Bürgertum samt seinen Bildungskapazitäten, erhoffte er sich wenig. So schreibt er in den ästhetischen Briefen:

„Auf der andern Seite geben uns die civilisirten Klassen den noch widrigern Anblick der Schlaffheit und einer Depravation des Charakters, die desto mehr empört, weil die Kultur selbst ihre Quelle ist. […] Die Aufklärung des Verstandes, deren sich die verfeinerten Stände nicht ganz mit Unrecht rühmen, zeigt im Ganzen so wenig einen veredelnden Einfluß auf die Gesinnungen, daß sie vielmehr die Verderbniß durch Maximen befestigt. Wir verläugnen die Natur auf ihrem rechtmäßigen Felde, um auf dem moralischen ihre Tyranney zu erfahren, und indem wir ihren Eindrücken widerstreben, nehmen wir unsre Grundsätze von ihr an.“11

Auch mit dieser Feststellung, dass die kulturell-etablierten Schichten an einer progressiven Umformulierung des Zeitgeistes nur bedingt teilhaben können, zeigt sich Schiller als detailgetreuer Chronist. So bemerkt er frühzeitig, dass ein rein auf die Intellektualität reduziertes Denken nichts zu moralischen Verbesserung beizutragen weiss. Gerade in der kognitiven Einhausung des intellektuellen Bewusstseins sieht er eine radikale Diskontinuität am Werk, die sich selbst aufhebt. Den rein Intellektuellen, so die uneingeschränkte Kritik Schillers, gelingt es nicht, produktiv und kritisch in den Zeitgeist einzugreifen, diesen zu verändern. Auch ihr Spiel ist eine Paraphrase, die darin kulminiert, kein „geselliges Herz mit heraus zu bringen.“

Neben den ungebildeten Ständen, denen Schiller zumindest ihr Unwissen verzeiht, weil dieses allzu sehr auf der subjektiven Seite siedelt, sind es auch immer mehr die Kulturkreise, die auf eine Krise zusteuern. Ist es dort, bei den „niedren Klassen“, die Sinnlichkeit, so ist es bei den gebildeten Schichten die manierierte Vernunft, die die Grenzen überschreitet, weil ihr das sinnliche Substrat abhanden geht.

Schiller kritisiert also sowohl die niederen Klassen als auch die degenerierte intellektuelle Welt, die sich anheischig macht, über wahre Kultur und Kunst Auskunft zu geben. Anders gesagt: Erschlaffung der Natur findet sich sowohl in einer überzeichneten Triebhaftigkeit, der sinnlichen Natur eben, die ihre Grenzen verliert, als auch in einer sich auf geistige Postulate zurückziehenden Intellektualität, der die Erfahrungen der sinnlichen Welt diametral entgegengesetzt bleiben. Mit einer rein sich selbst gefälligen Intellektualität, einer l’art pour l’art, lässt sich, so Schiller, der Gedanke einer ästhetischen Erziehung nicht vereinbaren.

Idealbild seiner Ästhetik bleibt Griechenland, die griechische Kultur, denn dort findet er jene Synthese der Denkart, die für die Moderne vorerst rein utopisch bleibt. So bemerkt er zu den Griechen, zur arkadischen Kunst: „So hoch die Vernunft auch stieg, so zog sie doch immer die Materie liebend nach, und so fein und scharf sie auch trennte, so verstümmelte sie doch nie.“12 Diese bemerkenswerten Anmerkungen finden sich im sechsten Brief der ästhetischen Erziehung. Dort spielt Schiller die klassische Antike gegen die Moderne aus. Gab es dort Einheit, so nunmehr Differenz. Im Heute herrscht Willkür, das klassische Ideal, Tugend und Sinnlichkeit in eine sie synthetisierende Ordnung zu überführen, bleibt auf Jahre nicht realisierbar.13

„Damals bey jenem schönen Erwachen der Geisteskräfte hatten die Sinne und der Geist noch kein strenge geschiedenes Eigenthum; denn noch hatte kein Zwiespalt sie gereizt, mit einander feindselig abzutheilen, und ihre Markung zu bestimmen. […] Wie ganz anders bey uns Neuern! Auch bey uns ist das Bild der Gattung in den Individuen vergrößert auseinander geworfen – aber in Bruchstücken, nicht in veränderten Mischungen, daß man von Individuum zu Individuum herumfragen muß, um die Totalität der Gattung zusammen zu lesen.“14

Es ist also die Isolation, die Schiller hier beklagt. Sie ist es auch, die als Phänomen der Moderne charakteristisch bleibt. Wenngleich es für Schiller kein „Zurück zu Arkadien“ gibt, da er nur den Versuch tätigt, die Differenzen in einer elysischen Apologie zu verschmelzen, so wird doch deutlich, worauf der Weimarer Klassiker zielt. Kontinuität der Denkungsart lässt sich, so die überzeugte Meinung des Philosophen gar nicht mehr herstellen, selbst wenn man diese dringend denn je benötigt.

Welche Instanz, so ließe sich aber fragen, vermag diesem Dilemma Abhilfe zu schaffen. Welcher Kunstgattung gelingt es, progressiv auf den Menschen einzuwirken?

Es ist die sogenannte Schaubühne als moralische Anstalt, die für Schiller diejenige bleibt, die zu politischer Bildung erzieht.15 Sie begreift er nicht nur als das Medium, das der ausgeprägten Sinnlichkeit der „unteren“ Begehrungsvermögen entgegensteuert, sondern durch das es allein möglich wird, Glückseligkeit als höchstes Ziel des Menschen zu realisieren. Auf den Zustand zwischen rein immanenter Geistigkeit einerseits und regelloser Sinnlichkeit andererseits reagierend verbindet sich in der Schaubühne Intellektualität und Sinnlichkeit zu „einem mittleren Zustand, der beide widersprechende Enden vereinigte“. Indem die Schaubühne die Bildung des Herzens und des Verstandes miteinander verbindet, erhebt sie sich sowohl über den Staat (und seine Rechtsvorschriften), der, so Schiller, letztendlich nur „verneinende Pflichten“ gebietet als auch über die Religion, deren Offenbarungen sich zumeist an die sinnliche Natur des Menschen richten.

„Eben diese Unzulänglichkeit, diese schwankende Eigenschaft der politischen Gesetze, welche dem Staat die Religion unentbehrlich macht, bestimmt auch den sittlichen Einfluß der Bühne.“ Die Schaubühne, wo „Anschauung“ und „lebendige Gegenwart“, Laster und Tugend, Glückseligkeit und Elend miteinander verschmelzen, steht für eine autonome Kunst, denn sie setzt dort an, wo „das Gebiet der weltlichen Gesetze sich endigt“.16

Sie avanciert zu demjenigen Medium, das den Menschen vor den Richterstuhl der Kunst zieht. Als schöne Kunst, d.h. letztendlich für Schiller – als harmonische Kunst – vermittelt sie nicht nur zwischen dem Reich der Phantasie (Einbildungskraft) und der sittlichen Notwendigkeit, sondern erweist sich auch als geschichtsbildende Kraft, in der sich Vergangenheit und Zukunft miteinander verbinden. Aus der Geschichte bezieht die Bühne ihren Stoff, in der Aktualisierung wird sie politisch. „So gewiß sichtbare Darstellung mächtiger wirkt, als toter Buchstab und kalte Erzählung, so gewiß wirkt die Schaubühne tiefer und dauernder als Moral und Gesetze.“17 Es sind die allgegenwärtigen Probleme des Alltags, die die Bühne in das Gewand des Geschichtlichen kleidet, ohne dabei an Authentizität zu verlieren. Ihr gelingt es auf diesem Weg, weltliche Gerechtigkeit und religiöse Tugenden so miteinander zu vereinigen, dass sie zu einer Quelle wird, die es dem Menschen erlaubt, über sein Schicksal hinauszutreten, sich aus seiner unverschuldeten Unmündigkeit zu befreien. Die spiegelbildliche Repräsentation geschichtlicher Daten und der Aspekt, aus diesen Erfahrungen zu lernen, um letztendlich zeitgenössische Vorstellungen von Tugend und Religiosität mit diesen zu vergleichen, macht die Schaubühne als eine Anstalt aus, die die geschichtliche Vorzeit aktualisiert und zugleich ihre zeitliche Distanz zu dieser verdeutlicht.

„Die Schaubühne führt uns eine mannigfaltige Szene menschlicher Leiden vor. Sie zieht uns künstlich in fremde Bedrängnisse und belohnt uns das augenblickliche Leiden mit wollüstigen Thränen und einem herrlichen Zuwachs an Mut und Erfahrung.“18

Die Schaubühne ist eine „Schule der praktischen Weisheit, ein Wegweiser durch das bürgerliche Leben, ein unfehlbarer Schlüssel zu den geheimsten Zugängen der menschlichen Seele“.19 Die erste Aufgabe der Schaubühne sieht Schiller im Sichtbarmachen von Problemen, von politischen insbesondere, wenn man an Dramen wie Don Karlos, Fiesco, Kabale und Liebe, Wallenstein, Maria Stuart und Wilhelm Tell denkt. Sie alle drehen sich um nichts anderes als um die große, in jedem Fall exzessiv entfaltete Politik, um Schicksale, die politischen Intrigen erliegen. „Aber nicht genug, daß uns die Bühne mit Schicksalen der Menschheit bekannt macht, sie lehrt uns auch gerechter gegen den Unglücklichen sein und nachsichtsvoller über ihn richten.“20 Die Schaubühne übt, wie Schiller betont, einen sittlichen Einfluß auf die Politik aus, da sie Menschlichkeit und Sanftmut befördert. Daneben begreift sie Schiller als nationale Instanz, die es ermöglicht, eine kollektive politische Identität herzustellen. Diese nationale Identität, diesen Nationalcharakter, sucht er ebenfalls in den ästhetischen Briefen. In der Schaubühne sieht Schiller die „wirkmächtige“ Instanz – wie übrigens auch in der antiken Polis –, der es gelingt, eine bessere Menschheit heranzuziehen.

„Nur der Schaubühne ist es möglich, diese Uebereinstimmung in einem hohen Grad zu bewirken, weil sie das ganze Gebiet des menschlichen Wissens durchwandert, alle Situationen des Lebens erschöpft und in alle Winkel des Herzens hinunter leuchtet; weil sie alle Stände und Klassen in sich vereinigt und den gebahntesten Weg zum Verstand und zum Herzen hat.“21

Allein der Schaubühne gelingt es, zu einer wahrhaften Erziehung beizutragen, weil sie sowohl die sinnliche Natur des Menschen als auch seine Vernunft mit anspricht. Neben dieser pädagogischen Funktion, die die Schaubühne im Rahmen des Kunstdiskurses auszeichnet, obliegt ihr weiterhin auch die Möglichkeit, bildend auf die unteren Teile des Volkes zu wirken. Denn:

„Die Schaubühne ist der gemeinschaftliche Kanal, in welchen von dem denkenden, bessern Teile des Volkes das Licht der Weisheit herunterströmt und von da aus in milderem Strahle durch den ganzen Staat sich verbreitet. Richtigere Begriffe, geläuterte Grundsätze, reinere Gefühle fließen von hier durch alle Adern des Volks; der Nebel der Barbarei, des finstern Aberglaubens verschwindet, die Nacht weicht dem siegenden Licht.“22

Die epochemachende Kraft der Schaubühne, wie sie von Schiller gefordert wird, besteht also darin, der erzieherischen Pflicht des Staates entgegenzukommen. Wenn der Staat als gesetzgebende Instanz versagt, bleibt es ihm nur möglich, sich durch die Schaubühne Geltung zu verschaffen, denn ihr gelingt es nicht nur, Irrtümer einer fehlbildenden Geschichts- und Realitätssicht zu korrigieren, nur ihr ist es möglich, „[...] die unglücklichen Schlachtopfer vernachlässigter Erziehung in rührenden, erschütternden Gemälden“ an ihrem Schicksal vorbeizuführen.

Das, was auch Brecht vorschwebte, eine Erziehung durch die Bühne, dies war also auch Schillers ausgewiesenes Ziel. Eine Veredlung der Sitten, so der bekennende Dramatiker, lässt sich also nur durch die gezielte Wirkung der Schaubühne, durch ihr existentielles Moment erringen. Die Kunst, die das rationelle Moment in den Mittelpunkt rückte, musste von diesem wieder abkommen, musste sich revitalisieren, um die „mühsamen Planzungen“, die der Verstand verwüstet hat, mit dem Feuer des Herzens zu versöhnen. Auf die heutige Zeit gewendet, bedeutet dies: Ein blinder Aktionismus, der sich an die Fesseln des Rationalen bindet, ohne das emotionale Moment zu befriedigen, führt in die Aporie. Der Mensch als Individuum muss sich an die Gattung fesseln, so wie umgekehrt die Gattung nur der allgemeine Bestimmungsgrund des Individuums sein kann. Bestimmt die Gattung mit ihren Wertvorstellungen negativ das Individuum, so kann dieses, wenn es diese nicht selbst verinnerlicht hat, gar nicht zur Gattung aufsteigen. Das Individuum, das sich in sich selbst gespalten ist, verliert also auch seinen Bezug zur überindividuellen Ordnung.

Auch mit diesem Tatsachenbefund zeichnet sich Schiller nicht nur als detailgetreuer Chronist seiner Zeit aus, sondern beschreibt bereits auch ein Paradigma moderner Zivilisation. Denn: Was Schiller vor 200 Jahren kritisierte, die Entfremdung des Individuums von der Gattung, dies zeigt sich als Phänomen der Moderne. Hier wie damals verliert das Subjekt seinen Ort, wird ortlos. Denn, wie Schiller bemerkt:

„Ewig nur an ein einzelnes Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück aus, ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck des Geschäfts, seiner Wissenschaft. […] Der todte Buchstabe vertritt den lebendigen Verstand, und ein geübtes Gedächtniß leitet sicherer als Genie und Empfindung.“23 Und, so heißt es weiter: „Und so wird denn allmählig das einzelne konkrete Leben vertilgt, damit das Abstrakt des Ganzen sein dürftiges Dasein friste, und ewig bleibt der Staat seinen Bürgern fremd, weil in das Gefühl nirgends findet. Genöthigt, sich die Mannichfaltigkeit seiner Bürger durch Klassifizierung zu erleichtern, und die Menschheit nie anders als durch Repräsentation aus der zweyten Hand zu empfangen, verliert der regierende Theil sie zuletzt ganz und gar aus den Augen, indem er sie mit einem bloßen Machwerk des Verstandes vermengt; und der regierte kann nicht anders als mit Kaltsinn die Gesetze empfangen, die an ihn selbst so wenig gerichtet sind.“24

Deutlicher als es Schiller hervorhebt, lässt sich auch die Politikverdrossenheit des 21. Jahrhunderts nicht beschreiben. Zwar ist es nicht der Konflikt zwischen Sinnlichkeit und Geistigkeit, der sich als Antagonismus der Moderne ausweisen lässt; es ist aber sehr wohl eine Tatsache, dass sich zunehmend viele Bürger von den unverstandenen Prämissen einer politischen Staatsordnung verabschieden. Dies unterstreicht Schiller für seine Zeit, wenn er schreibt: „Jene Polypennatur der griechischen Staaten, wo jedes Individuum eines unabhängigen Lebens genoß, und wenn es Noth that, zum Ganzen werden konnte, machte jetzt einem kunstreichen Uhrwerk Platz, wo aus der Zusammenstückelung unendlich vieler, aber lebloser, Theile ein mechanisches Leben im Ganzen sich bildet.“25

Das Verhängnis der Neuzeit ist das zerstückelte Individuum, das zwischen Ratio und Sinnlichkeit schwankt, das sich nicht für eine Gesamtnatur entscheiden kann. Es bleibt zwischen den Schwankungen des Alltags gefangen, ihm gelingt es nicht, sich in irgendeiner Form zu positionieren. Es verliert sich in der Gesellschaft, ermüdet sich an dieser, obwohl es doch aktiv an ihrer Gestaltung teilnehmen sollte. Politische Ignoranz ist die Folge, Wertverkümmerung und Depression Zeiterscheinungen, die dem Gefühl der Sinnenleere, der geistigen Zerstückelung, auf den Fuss folgen.

Erziehung bedarf, auch dies hat Schiller mit aller Deutlichkeit vorgetragen, einer Kulturpolitik, der es gelingt, deutend auf den Menschen einzugreifen, Sinnzusammenhänge herzustellen, um damit einen neuen Optimismus in lebensweltlichen, dies heisst, in gesellschaftlich-sozialen Zielen herbeizuführen. Bei allem Enthusiasmus, mit dem Schiller für sein Ideal einer ästhetischen Erziehung warb, zeigt sich heutzutage in Deutschland ein gegenläufiger Trend. Die Kultur als Blüte des menschlichen Geistes, der Versuch, wie es der Philosophieprofessor forderte, durch sie eine geistige Erziehung zu erlangen, ist an einem Tiefpunkt angekommen. Gerade das Theater, Schillers Schaubühne, erweist sich als ein Medium, das nur denjenigen Zutritt ermöglicht, die sich einen Besuch auch finanziell leisten können. Von einer Erziehung durch Kunst ist das 21. Jahrhundert weit entfernt, ein Ausweg aus der Misere nicht im Blick. Vielmehr wird die Kunst selbst zum Spielball der Politik, ihr Bedeutungshorizont tangiert gegen Null, Theater werden geschlossen, die Kulturpolitik inszeniert ihren eigenen Untergang, sie erweist sich als Chimäre, die an der Bildung, Pisa belegt dies hinlänglich, überhaupt nicht interessiert ist.

Von Schiller kann man lernen, welch produktive Energie ein Medium, wie die Schaubühne, freisetzen könnte, das allen Menschen ermöglicht, sich zu erziehen, genauer, erzogen zu werden. Wo diese Bildungsinstanz fehlt, wo die „unteren“ Volksschichten radikal ausgeschlossen werden, da ist es auch mit einem politischen Erziehungsideal nicht weit, da kehrt sich der politische Zeitgeist in sein Gegenteil, in eben jene schon beschriebene sinnentleerte Nullität um. Die Verflachung der Gesellschaft ist, und dagegen hat sich ja Schiller radikal gewehrt, die notwendige Folge, Kulturverflachung par excellence. Dieser entgegenzustreiten, dies bleibt Pflicht eines jeden Bürgers, der nicht auf eine verkümmerte und isolierte Existenz hinstrebt, sondern sich als Weltbürger der Verantwortung politisch-ästhetischer Erziehung bewusst ist.

Für diesen Strukturwandel der Öffentlichkeit zu kämpfen, dafür hatte Schiller die kantische Philosophie instrumentalisiert, dafür wirbt er in seinen ästhetischen Schriften – dafür ist er auch als Dramatiker mit aller Nachhaltigkeit eingetreten.


1 Vgl. D. Henrich, „Der Begriff des Schönen in Schillers Ästhetik“, in: „ZphF“, 11, 1957, S. 527-547. Vgl. G. Blum, „Der Begriff des Schönen in Kants und Schillers Schriften“, Fulda 1988. Vgl. F. Heuer, „Darstellung der Freiheit, Schillers transzendentale Frage nach der Kunst“, Köln 1970. Vgl. K. P. Wilcox, „Anmut und Würde, Die Dialektik der menschlichen Vollendung bei Schiller“, Bern 1981.

2 Vgl. „Schiller-Handbuch“, hg. v. H. Koopmann, Stuttgart 1998. Vgl. „Schiller, Bilder und Texte zu seinem Leben“, hg. v. A. Gellhaus und N. Oellers, Unter Mitarbeit von G. Kurscheidt und U. Naumann, In Verbindung mit der Deutschen Schillergesellschaft, Köln, Weimar, Wien 1999. Vgl. „Schillers Leben und Werk in Daten und Bildern“, hg. v. B. Zeller, Frankfurt/Main 1966.

3 Vgl. W. Böhm, „Schillers ‚Briefe über die ästhetische Erziehung’“, Halle 1927.

4 Friedrich Schiller, Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen, Mit den Augustenburger Briefen, hg. v. Klaus. L. Berghahn, Stuttgart, 2000, S. 10.

5A.a.O., S. 9.

6 A.a.O., S. 13f.

7 A.a.O., S. 9.

8 Ebda.

9 A.a.O., S. 19f.

10 A.a.O., S. 20.

11 A.a.O., S. 19.

12 A.a.O., S. 21.

13 Vgl. W. Binder, „Die Begriffe ‚naiv’ und ‚sentimentalisch’ und Schillers Drama“, in: „Jahrbuch der Deutschen Schiller-Gesellschaft“, 4, 1960, S. 140-157. Vgl. A. Gethmann-Siefert, „Idyll und Utopie, Zur gesellschaftskritischen Funktion der Kunst in Schillers Ästhetik“, in: „Jahrbuch der Deutschen Schiller-Gesellschaft“, 24, 1980, S. 32-67.

14 Friedrich Schiller, Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen, Stuttgart 2000, S. 21.

15 Vgl. W. Trappe, „Zwei Theaterschriften des jungen Schiller, ‚Über das gegenwärtige teutsche Theater’ und ‚Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet’“, in: „Der neue Weg“, 59, 1930, Heft 9, S. 175f.

16 Friedrich Schiller, Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet, in: Schillers sämtliche Werke in zwölf Bänden, Bd. 10, Stuttgart 1891, S. 48.

17 A.a.O., S. 49.

18 A.a.O., S. 52.

19 A.a.O., S. 51.

20 A.a.O., S. 52.

21 A.a.O., S. 54.

22 A.a.O., S. 53.

23 Friedrich Schiller, Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen, Stuttgart 2000, S. 23.

24 A.a.O., S. 24f.

25 A.a.O., S. 23.

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