Reinhard Marx, Das Kapital, Ein Plädoyer für den Menschen, Pattloch-Verlag, München 2008, ISBN: 978-3-629-02155-7, 320 Seiten, Preis 19, 95 Euro

Stefan Groß (Jena)

Spätestens mit dem Fall der Mauer ist auch die Existenz und Bedeutung des aus Trier stammenden Soziologen, Philosophen und Ökonomen Karl Marx im Gedächtnis vieler Ost-Deutscher erloschen. War eine bürgerliche Weltanschauung ohne Marx respektive Engels für Millionen DDR-Bürger undenkbar gewesen, so verschwand der Parteiideologe, der nicht nur gegen das Privateigentum Stellung bezog, sondern auch für eine Diktatur des Proletariats eintrat, vor zwanzig Jahren fast völlig von der Bildfläche. Für viele, die in seinem Geist und Denken im Kollektivierungswahn des SED-Parteikaders groß gezogen wurde, bedeutete der gesellschaftliche Tod von Marx – ähnlich wie das ungeliebte Russisch als aufoktroyierte Zwangssprache – aber auch eine seelische Befreiung.

Waren die Universitäten im Osten quasi Hochburgen dieses marxschen Geistes, wo Studierende erst einmal die komplette Lektüre des Klassentheoretikers verinnerlichen mußten, um sich ihren naturwissenschaftlichen Studien widmen zu können, so ist Marx aus dieser universitären Landschaft fast ganz verschwunden. Kaum noch wird ein Seminar zu dieser Thematik angekündigt. Ist Marx deswegen ein toter Hund, wie immer wieder zu lesen ist?

Ende 2008 zeichnet sich ein anderer Befund ab. Marx ist wieder aktuell. Immerhin erschien vor einhunderteinundvierzig Jahren sein wohl wichtigstes Werk – Das Kapital. Marx’ Analyse und Kritik des Kapitalismus ist inzwischen zum Klassiker geworden – auch und gerade jetzt, wo täglich neue Schreckensmeldungen aus der Finanzwelt nicht nur die Anleger beunruhigen.

Zur Marx-Renaissance kommt auch hinzu, daß jetzt ein neues Das Kapital, nun im Pattloch-Verlag, vorliegt. Diesmal ist der Autor jedoch kein Ökonom, sondern ein katholischer Theologe, der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx.

Und was hat dieser Marx mit dem alten, Vater von Kommunismus und klassenloser Gemeinschaft gemeinsam? Formal: „Ein Plädoyer für den Menschen.“ Auch der Erzbischof will soziale Mißstände aufdecken und anprangern, auch er möchte Anwalt der Entrechteten sein. Inhaltlich dagegen haben beide Denkwege wenig miteinander zu tun, denn es sind zwei Weltanschauungen, die sich gegenübertreten.

Hier der Religionskritiker Karl Marx, dessen Thesen zur Religion als „allgemeiner Trost“, „Rechtfertigungsgrund“, „Opium des Volkes“ und „Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung“ für Schlagzeilen sorgten, dort der dem Christentum gegenüber verpflichtete Ethiker. Reinhard Marx bleibt im Unterschied zu Karl Marx ein bekennender Anhänger der freien Marktwirtschaft, er hält ganz im Sinne der katholischen Tradition am Privateigentum fest, gleichwohl auch er sich von Adam Smiths Theorie der „unsichtbaren Hand“ kritisch distanziert.

Schon ein Blick in das Register von Reinhard Marx verrät, daß es sich nicht um ein frömmelndes Buch handelt, was schon die Vielzahl der zitierten Nationalökonomen belegt. So lernt man viel – gerade in Zeiten der Finanzkrise – über den ebenfalls in Trier geborenen Jesuiten, Nationalökonomen und Begründer der Katholischen Soziallehre Oswald von Nell-Breuning (1890-1991), der 1928 einen ökonomischen Weltbestseller mit dem Titel Grundzüge der Börsenmoral veröffentlichte.

Auch der Münchner Erzbischof wirbt nicht für eine urchristliche Gemeinschaft, oder schwört wie Franz von Assisi dem Kapital ab. Weder erklärt er der Marktwirtschaft den Bankrott noch plädiert er in Zeiten der Finanzangst auf ein völlig vom freien Markt losgelöstes Leben, das sich von der vita activa abkoppelt und der vita contemplativa zuwendet.

Marx ist wie Marx Realist, aber eben christlicher Realist, der weiß, daß der Kapitalismus das die Zeiten überdauernde Wirtschaftssystem bleiben wird. Nur: Wie man mit diesem umgehen muß, darauf legt der ehemalige Professor für christliche Sozialethik in erster Linie Wert, denn für ihn gibt es gute Gründe für eine soziale Marktwirtschaft, die gegenüber einem primitiven oder verklärenden Kapitalismus klar im Vorteil liegt

Letztendlich kommt es darauf an, und hier ist sich der Christ Marx mit dem Ökonomen einig: Der Mensch muß, ganz kantisch gesprochen, Zweck an sich selbst bleiben. Nicht das Kapital regiert den Menschen, sondern dieser das Kapital. Der Markt muß sozial und gerecht sein, denn ein „Kapitalismus ohne Menschlichkeit, Solidarität und Gerechtigkeit hat keine Moral und auch keine Zukunft.“

Immer wieder ist es die Katholische Soziallehre, die Marx in den Blick nimmt, immer wieder betont er, daß diese in die allgemein öffentliche Debatte mit hinein gehört. Der Münchner Erzbischof, der sicherlich bald zum Kardinal ernannt werden wird, stellt sich dann auch gern in die Tradition von Franz von Bader (1765-1824) und Adam Heinrich Müller (1779-1829).

Auch warnt Marx wie einst Friedrich August von Hayek, Wirtschaftsnobelpreisträger und bekennender Agnostiker, vor einem „falschen Individualismus“, denn Freiheit bedeutet nicht Beliebigkeit. Der Standortvorteil des Christentums und seiner sozialen Ethik besteht für Reinhard Marx eben in der Vermittlung zwischen Kollektivismus einerseits und purem Egoismus andererseits. „Wo Freiheit mit Beliebigkeit verwechselt wird, wo Individualismus zum Egoismus degeneriert und wo der Liberalismus zum bloßen Hedonismus pervertiert, da kann die […] Rede von der Christlichen Sozialethik vom ‚Dritten Weg’ mit einem ersten konkreten, grundsätzlichen Inhalt gefüllt werden.“

Auch erweist sich der Theologe Marx als realistischer Denker, wenn er anders als Benedikt XVI. zu dem Befund kommt, daß die Moderne keineswegs so säkularisiert ist, wie man von katholischer Seite oft vernimmt. Mit Jürgen Habermas, den er oft zitiert, stimmt Marx überein, daß die sozialen Pathologien der Moderne genau zu analysieren sind, denn nur so kann einem Werterelativismus vorgebeugt werden.

Reinhard Marx hält dann ein Eingreifen in den Markt seitens des Staates für erforderlich und verantwortlich, wenn der Mensch nicht mehr Mittel, sondern allein das Kapital Selbstzweck wird. Bevor es dazu kommt, daß die Gewinne „privatisiert“, die Verluste „sozialisiert“ werden, bedarf es einer Regulierung des Marktes seitens der Regierenden. Es besteht geradezu die soziale Pflicht des Staates diese Verantwortung zu tragen. Subsidiarität ist die eine Seite, Regulierung die andere. Nur wenn der Staat, wie derzeit im Fall der Bundesrepublik Deutschland, den USA und anderen, die Raubtiermentalität eines Wirtschaftens um jeden Preis limitiert, Person, Freiheit und Eigentum schützt, nur dann hat der Kommunismus à la Karl Marx keine Chance. Daß ihm diese auf Dauer verwehrt bleibt, dafür plädiert der Theologe Reinhard Marx mit aller Nachdrücklichkeit, wenn er abschließend schreibt: „Wir stehen vor einer wirklich epochalen Aufgabe, die besonders Europa herausfordert. Wenn wir ihr nicht gerecht werden, dann wird uns, davon bin ich zutiefst überzeugt, Karl Marx als Wiedergänger der Geschichte begegnen. Aber das soll er um der Menschen willen nicht. Er soll in Frieden ruhen.“

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