Roman zweier Schicksalsbeladener

Boualem Sansal, Das Dorf des Deutschen oder Das Tagebuch der Brüder Schiller,Roman, Aus dem Französischen übertragen von Ulrich Zieger, Merlin Verlag, Gifkenkorn 2009, ISBN 978-3-87536-270-1, EUR 22,90

von Karim Akerma

„Hamburg, Harburg, Lüneburg, Soltau, Uelzen. Vier Katzensprünge für einen einfachen Reisenden, ein schwindelerregender Abgrund jedoch für einen gebrochenen Zombie...“ Das Vorkommen deutscher Städte im Roman eines in Algerien lebenden, französisch schreibenden Autors ist keine Selbstverständlichkeit. Uelzen ist der Geburtsort des SS-Mannes Hans Schiller, der gebrochene Zombie der ältere von Schillers beiden Söhnen, Rachel, der sich auf Reisen begibt, um das unbekannte Leben und Wirken des Vaters in Erfahrung zu bringen. Zu dieser schwarzen Bildungsreise führt er Tagebuch.

Nach Rachels Selbstvergasung bei laufendem Automotor in der Garage seines Wohnhauses, händigt die Polizei das Tagebuch dem jüngeren Bruder, Malrich, aus. Mit Malrich, der selbst ein Tagebuch beginnen wird, lesen wir Rachels Aufzeichnungen: „Es fiel mir schwer, Rachels Tagebuch zu lesen. Sein Französisch ist nicht meines. Und das Wörterbuch half mir nicht, es schickte mich von einer Seite zur nächsten.“ Damit ist eines der großen Themen des Romans angesprochen. Das Leben in der französischen Banlieue, im vorstädtischen Milieu, fernab von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Als Jugendliche waren Rachel und Malrich von ihrem Vater aus der algerischen Heimat fort nach Frankreich geschickt worden. Ihr Leben dort hat keinen gemeinsamen Nenner. Wie so viele Menschen vergleichbarer Herkunft, ist Malrich weder in der Sprache der Eltern zu Hause, noch hat er es im Französischen –der Sprache der neuen Heimat –zur Perfektion gebracht. „Wir stammen von einer algerischen Mutter und einem deutschen Vater ab. Aïcha und Hans Schiller. Rachel ist 1970 nach Frankreich gekommen, er war sieben Jahre alt. Aus seinen Vornamen Rachid und Helmut wurde Rachel, das blieb so. Ich bin 1985 ausgereist, ich war acht. Aus meinen Vornamen Malek und Ulrich wurde Malrich, das blieb ebenfalls so.“

Im Unterschied zu Malrich ist Rachel in Frankreich angekommen, kann Frau, Arbeit und Auto sein eigen nennen. Und ein Haus mit Garage. Warum er sich darin vergasen musste, ist Kern des Romans: unabgegoltene Schuld, ungerechtfertigte Existenz in Anbetracht des Judäozids. Dessen Mitbetreiber der eigene Vater und SS-Mann. „Hans Schiller, du bist ein Haderlump, der Schlimmste der Mörder... ich will, dass du bis ans Ende der Zeiten in der Hölle brätst, und dass diejenigen, die du vergast hast, wiederkommen, um dir ins Gesicht zu spucken! Du hattest nicht das Recht zu leben, du hattest nicht das Recht, uns das Leben zu geben... Ich muss an Deiner Stelle haften, ich werde für Dich bezahlen, Papa.“

Als dieser Fluch seines älteren Sohnes an ihn ergeht, weilt Hans Schiller schon nicht mehr unter den Lebenden. Der Massenmörder war selbst Opfer eines Massenmordes geworden. Am 24. April 1994, so erfährt Rachel am darauffolgenden Tag in den Fernsehnachrichten, war das algerische Dorf Aïn Deb von einer bewaffneten Gruppe umschlossen und seine Bewohner umgebracht worden. Um zu trauern, begibt sich Rachel in das Dorf seiner Kindheit. „Man verlässt die geteerte Landstraße ein paar Kabellängen von Sétif und stürzt sich querfeldein in ein nacktes, geplagtes, schweigendes Land, das sich vor unendlichen Horizonten ausdehnt..., die Leere und der Ocker sind überall, wo das Auge verweilt. [...] Diese Erde ist ersonnen, um leer zu sein, sie erträgt den Menschen nur so lange, bis sie das Mittel findet, sich seiner zu entledigen.“ Im elterlichen Hause schlägt Rachel aus Dokumenten des Vaters die bislang unbekannte SS-Vergangenheit entgegen. Rachel kehrt mit einer veränderten Persönlichkeit aus Algerien zurück. Er versenkt sich in Literatur zum Nationalsozialismus, verliert Frau und Arbeit, magert ab und lebt nur noch so lange, wie er, auf den Spuren des Vaters, unterwegs ist. Seine schwarze Bildungsreise führt den nicht nur des eigenen Lebens Müden zu den Stätten, an denen der Vater lebte und wirkte und die er nach dem Untergang des „Dritten Reiches“ ansteuerte, um sich der Gerechtigkeit zu entziehen. Bis nach Ägypten, von wo aus Hans Schiller als Berater der algerischen Befreiungsfront FLN schließlich nach Algerien gelangt. In seiner neuen Heimat lebt Hans Schiller als hochangesehener Mann. In seinem Dorf herrscht Ordnung, alles funktioniert. Erst in Auschwitz endet Rachels negative Selbstvergewisserung. „Ich hatte gelernt, meinem Vater im Geiste zu folgen, ich war imstande, im Lager herumzulaufen, als wäre ich dort aufgewachsen. Es gibt nicht ein Detail seines Tagesablaufs, das ich nicht in Betracht gezogen hätte. Papa war ein Mann der Ordnung, präzise wie ein Metronom... Unser Leben in Aïn Deb war so, nach seiner Uhr gestellt.“

In Ansehung der väterlichen Vergangenheit, die ihn mit der Gewalt eines Hirnschlags heimsucht, stellt Rachel nicht nur sich selbst in Frage. In Auschwitz sieht er die Menschheit von Gott verraten. „In ein paar Stunden steigen sie als Rauch in den Himmel Gottes auf, dieses tauben, blinden und intoleranten Gottes, den sie seit dem ersten Tag anbeten. Wie an diesen Gott glauben? Ein Tier, ein Kater, eine Ratte, eine eiskalte Schlange spenden der Menschheit mehr Wärme...“ Sansals Roman mündet in eine Gottesanklage, die noch keine Theologie der Welt zu entkräften vermochte, die aber einem auch und gerade in Algerien starken Islamismus zur Grundlage dienen könnte, diesen bedeutenden Autor anklagelos im Namen Gottes zu richten. So ist der Autor selbst denn auch dort am vernehmbarsten, wo ihm Das Dorf des Deutschen als Vehikel dient, um eine deutliche Warnung auszusprechen, in den Worten Malrichs: „Als meine Eltern und ihre Nachbarn aus dem Dorf von den Islamisten hingemetzelt wurden, hat Rachel angefangen nachzudenken. Er hat verstanden, dass der Islamismus und der Nazismus Jacke wie Hose sind. Er wollte sehen, was uns bevorstand, wenn wir es laufen ließen wie in Deutschland, in Kabul und in Algerien, wo die islamistischen Leichenhaufen sich nicht mehr zählen lassen, wenn wir es bei uns, in Frankreich, so laufen lassen, wo sich die islamistische Gestapo zahlenmäßig nicht mehr erfassen lässt.“ In der Banlieue französischer Großstädte, flüstert uns der Autor zu, ist das Lager längst Gegenwart. Seine an Oriana Fallaci gemahnende Warnung ist an alle diejenigen gerichtet, die das Einsickern islamistischer Lebensformen in die Poren westlicher Großstädte – noch sind es zumal deren Vorstädte – nicht als ernste Bedrohung wahrnehmen.

Infolge islamistischen Terrors und oft nur halbherziger bis duldender oder gar provozierender Reaktionen des Militärs wurden in Algerien circa 150000 Menschen teils auf bestialische Weise ermordet. Geduldet wird der Islamismus in Algerien auch insofern, als Sansals Schriften in seiner Heimat verboten sind. In ihnen kritisiert er nicht nur die islamistische Glaubensentgleisung, sondern überdies den Umstand, dass die Geschicke des Landes seit der Unabhängigkeit 1962 in den Händen von Militärs liegen. Hätte er – ähnlich wie der seine Arbeit verlierende Tagebuchschreiber Rachel – seinen Posten im algerischen Industrieministerium nicht bereits im Jahr 2003 verloren, so spätestens nach dem Erscheinen dieses neuen Romans, der nahelegt, dass die algerische Befreiungsfront FLN vom Wissen und Können von SS-Männern profitierte.

Mit Das Dorf des Deutschen hat Sansal ein in vielerlei Hinsicht bedeutendes Buch vorgelegt. Sein Rang leuchtet bereits dann ein, wenn man es auf dem Boden der nach wie vor denkbar unsensiblen Einstellung mancher Araber zum Judäozid liest oder vor dem Hintergrund der Tatsache, dass ein iranischer Präsident sich erdreistet, den größten Massenmord der Geschichte zu leugnen und damit Beifall findet. In Teilen der arabischsprachigen und islamistisch ausgelegten Welt gilt der Judäozid nach wie vor oder erneut als Erdichtung, aus dem der Staat Israel sein Existenzrecht herleitet, ein Recht, welches Rachel sich abspricht, nachdem ihm klar geworden ist, dass, auf welche Weise und an welchen Orten sein Vater als Chemiker an der Durchführung des Unausdenkbaren beteiligt war.
Der von Ulrich Zieger vorgenommenen Übersetzung aus dem Französischen ist bisweilen leider anzumerken, dass, wer von Übersetzungen leben will, nicht immer die nötige Sorgfalt walten lassen kann, sondern schnell nach dem Erstbesten greifen muss, was das Lexikon vorschlägt. Nur ein Beispiel: Wo von den von morgens bis abends, sechs Tage die Woche, in schlechtbezahlten Jobs tätigen Moussa, Abdallah, Arezki und „Ben Dingsbums“ der Banlieue die Rede ist, lesen wir in der Übersetzung: „Wenn man sie vorüberhuschen sieht, sind es vor Lachen sich biegende Schatten, die in die Nacht ziehen oder von dort herkommen.“ „... des ombres pliées en deux...“ – dies sind allerdings nur „gebeugte Schatten“, von Menschen geworfen, denen gerade nicht zum Lachen zumute ist.

Im französischen Original finden sich zahlreiche, teils unübersetzte deutsche Wortbrocken des Nazi- und SS-Jargons, die sich dem französischen Leser allein durch ihre lautmalerische Anmutung erschließen müssen: Sonderkommandos, Einsatzgruppen, Vernichtung lebensunwerten Lebens, Befehl ist Befehl.

Die französische Originalausgabe erschien im Dezember 2007 unter dem Titel Le village de l’allemand Ou le journal des frères Schiller bei Gallimard, Paris, ISBN 978-2-07-078685-5

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