Wir und die Wölfe

Mark Rowlands: Der Philosoph und der Wolf. Was ein wildes Tier uns lehrt. Berlin (Rogner & Bernhard): 2009. 285 Seiten. EURO (D) 19,90. ISBN: 3807710469.

Daniel Krause (Krakow/Polen)

Mark Rowlands ist Philosoph, zuletzt an der Universität von Miami. Seine Leidenschaft gilt den Tieren, Wölfen zumal. Mit einem Vertreter der Art, Brenin geheißen, hat Rowlands zehn Jahre zusammengelebt. Nun hat er ein Buch über Brenin geschrieben und über die Frage, was Menschen von Wölfen lernen sollten. Es zeichnet sich ab, dass der Der Philosoph und der Wolf zu einem der großen Sachbucherfolge des Jahres gerät.

Rowlands ist sich der Schwierigkeiten der Rede von Tieren sehr wohl be­wusst. Alles andere wäre bei einem Philosophen angelsächsischer, ‚analyt­ischer’ Schulung durchaus erstaunlich: „Sähe man diese Ausführungen als empir­isch gestützte Mutmaßungen über den wirklichen Inhalt von Brenins Verstand, dann wären solche Behauptungen eine lächerliche Vermensch­lichung“ (21). Dennoch ist der Wolf nicht das ganz und gar Andere. Er „er­scheint auch [...] als Symbol oder Metapher für einen Aspekt von mir, der viel­leicht nicht mehr existiert“ (21). Rowlands ist es um die vorurteilsfreie, gleich­sam phänomenologische Beschreibung dessen zu tun, was sich zeigt – am Verhalten von Menschen und Wölfen. Wo es, über Beschreibung hinaus, um Erklärungen geht, tritt Darwin auf den Plan: Wölfisches wie äff­isches (menschliches) Verhalten wird durch Erfordernisse evolutionärer Fit­ness begründet.

Das „Wesen“ der Wölfe – und, im Grunde, ihrer infantilisierten Ab­kömmlinge: der Hunde – ist von rückhaltloser ‚Ehrlichkeit’ geprägt. Ein Wolf, so Rowlands, kann nicht lügen. „Machiavellistische Intelligenz“ ist da­gegen das Wesensmerkmal der Affen, darunter der Menschen. Woher dieser Gegensatz rührt, ist ungeklärt. (Vor kurzem noch wären, im Zeichen des Behaviorismus, Kategorien wie ‚Lüge’ als Anthropomorphis­men abgetan worden.) Rowlands bietet diese Erklärung: Affen (Menschen) paaren sich weit häufiger als Wölfe. Um ihre Paarungschancen zu ver­bessern, sind sie genötigt, andere Gruppenmitglieder zu übervorteilen: „Nur bei Affen finden wir eine so unnachahmliche Verbindung von Schläue und Lüsternheit (88).“

Nun fällt es nicht schwer, auf andere zu zeigen: Schläue und Lüsternheit, Intrige und Schadenfreude mögen äffische, menschliche Untugenden sein. (Dies ist Rowlands Kehrreim auf 200 Seiten.) Der gute, kultivierte Mensch jedoch hat diese Defekte überwunden. Immerhin ist er fähig und willens, solcherlei Regungen – meistens – niederzuhalten. Aber Rowlands hält auch für den Gutmenschen ein Kränkung bereit: Mehr noch als sexuelle Be­gierde ist das Streben nach Glück ein menschlicher Makel und Ursprung nicht wenigen Elends: „Ich vermute [...], dass weder Sex noch irgend­welche Gefühle für Wölfe eine Rolle spielen. Im Gegensatz zu Menschen jagen sie nicht hinter Gefühlen, sondern hinter Kaninchen her (183).“

Ein besonderer Vorzug der Wölfe liegt in ihrer Eleganz:

„Wenn Brenin trabte, blieben seine Schultern und sein Rücken [...] flach und auf gleicher Höhe. Aus der Entfernung sah es aus, als schwebte er ein paar Zentimeter über dem Boden. [...] Der Kontrast zu dem geräuschvollen, schnaufenden und bleifüßigen Affen [Mark Rowlands], der neben ihm dahinlief, hätte nicht deutlicher oder deprimierender sein können. [...] Vielmehr sollte man, wenn man die Seele des Wolfes – sein Wesen, das was den Wolf aus­macht – verstehen will, darauf achten, wie er sich bewegt. Anderer­seits ist die griesgrämige, unbeholfene Hektik des Affen, wie ich voller Kummer und Bedauern einsah, ein Ausdruck der griesgrämigen und unbeholfenen Seele, die sich hinter jeder Hektik verbirgt (105f).“

Man könnte nun, mit Blick auf solche Reflexionen, zu bedenken geben, Der Philosoph und der Wolf sei alles andere als ein philosophisches Buch – wenn ‚philosophisch’ bedeutet, dass Anthropomorphismen, sentimentale Reg­ungen, ästhetische Eindrücke ausgemerzt werden. Dies geschieht in der Tat nicht. (Der Titel des englischen Originals ist in dieser Hinsicht ‚entlarvend’: The Philosopher and the Wolf: Lessons from the Wild on Love, Death and Happiness.) Aber: Was bedeutet ‚philosophisch’? Ist es sinn­voll festzulegen, welcher Darstellungsformen Philosophen sich be­dienen dürfen? Wer Dialoge, Anekdoten, Essais ausschließen möchte, muss Plato und Montaigne verstoßen...

Rowlands ist sich des gelegentlich idiosynkratischen Charakters, des Be­kenntnishaften seiner Darstellung durchaus bewusst. Auch eine gewisse Vor­eingenommenheit zugunsten des Wolfes ist festzustellen. Der Wolf erscheint als durchweg edles Tier: „Intrigen und Betrug bilden den Kern der sozialen Intelligenz von Menschenaffen und Affen [...]. Im Wolfsrudel gibt es kaum Intrigen und Betrug (79).“ Jene wölfischen Handlungs­weisen, die weniger sympathieheischend scheinen, werden en passant ab­ge­handelt:

„Wir verbrachten jenen Sommer [...] auf dem Grundstück meiner Eltern in West-Wales. Da Brenin eine sofortige Abneigung gegen die Deutschen Doggen meiner Eltern, Bonnie und Blue, empfand, mussten wir uns in dem Wohnmobil am Ende des Gartens niederlassen. Denn inner­halb von Stunden nach unserer Ankunft hatte Brenin mehrere Male versucht, Blue zu töten (138f).“

Mark Rowlands ist bemüht, sein ‚wölfisches’ Erfahrungswissen umzulegen auf die Frage nach dem guten Leben des Menschen:

„Was ich lernte, war im Grunde die Antithese der Religion. Religion verlässt sich immer auf Hoffnung. Als Christ oder Muslim hegt man die Hoffnung, des Himmels wert zu sein. Als Buddhist hofft man, vom großen Rad des Lebens und Todes be­freit zu werden und das Nirwana zu erreichen. [...] Hoffnung ist die Ge­braucht­waren­verkäuferin der menschlichen Existenz: sehr freund­lich, sehr überzeugend. Aber man kann sich nicht auf sie verlassen. Das Wichtigste in unserem Leben ist das Ich, das zurückbleibt, wenn die Hoffnung versiegt. [...] Alles, was wir haben, [...] wird die Zeit uns wegnehmen. Aber was die Zeit uns nie rauben kann, ist die Person, die wir in unseren besten Momenten waren (272).“

Nicht ohne Belang ist (wie stets) die sprachliche Seite: Die Qualität der Über­setzung ist leider durchwachsen. Manche Formulierung findet sich hart an der Grenze des grammatikalisch oder idiomatisch Erlaubten. Da­rüber hinaus begegnen unglücklich gewählte Worte wie „Sonder­be­hand­lung“ (221). Wer die materielle Situation von Übersetzern kennt, kann sich ausmalen, unter welchem Zeitdruck die deutsche Fassung zustande ge­kommen sein mag ...

Dennoch: Dieses Buch ist wichtige Lektüre. Dies träfe selbst dann zu, wenn sämtliche ethischen Überlegungen Rowlands unstimmig wäre: Jede Übung in Empathie mit den Tieren ist kostbar. Viel wäre erreicht, wenn wir nur lernten, Tiere zu sehen. Mark Rowlands führt ein Wort aus dem Roman Milan Kunderas an, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins:

„Die wahre moralische Prüfung [...] äußert sich in der Beziehung der Menschen zu denen, die ihnen ausgeliefert sind: zu den Tieren. Und gerade hier ist es zum grund­legenden Versagen des Menschen gekommen, zu einem so grundlegenden Ver­sagen, dass sich alle anderen aus ihm ableiten lassen“ (123).“

Angesichts des Infernos, das wir Tieren tagtäglich mit staunenswerter Ignoranz bereiten, stellt sich die Frage: Warum lesen Menschen Bücher wie Der Philosoph und der Wolf ? Warum rührt uns dieses Buch?

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