Kohl. Jünger. Krise.

Zum gesellschaftlichen Ort Ernst Jüngers – und seiner Biographen.

Helmuth Kiesel: Ernst Jünger – Die Biographie. München (Siedler): 2007. 720 Seiten. EURO (D) 24,95. ISBN: 3886808521. [Gebundene Ausgabe.]

Helmuth Kiesel: Ernst Jünger – Die Biographie. München (Pantheon) 2009. 720 Seiten. EURO (D) 16,95. ISBN: 3570550834. [Taschenbuch.]

Heimo Schwilk: Ernst Jünger – Ein Jahrhundertleben. München (Piper) 2007. 560 Seiten. EURO (D) . 24,90. ISBN: 3492040160.

Daniel Krause
(Krakow/ Polen)

Ernst Jünger ist am 17. Februar 1998 verstorben, mit 102 Jahren. Im Herbst desselben Jahres ging Helmut Kohls Kanzlerschaft zu Ende, Rot-Grün begann. Mochte Schröder als Anwalt einer ‚Neuen Mitte’ die Wahlen gewinnen und Oskar Lafontaine, den veritablen Linken, aus dessen Partei- und Ministeramt drängen – Deutschland bewegte sich merklich nach links. An Turbulenzen hat es seither nicht gefehlt, und Schröders Sozialreformen haben den Blick auf das erste Jahrfünft seiner Kanzlerschaft einigermaßen verdunkelt: Aber gesellschaftspolitisch hat die rot-grüne Koalition, bestehend aus vormaligen Hausbesetzern und RAF-Anwälten, manches zum Guten verändert. Deutschland ist freier geworden: mit einem liber­alen Einwanderungsrecht samt doppelter Staatsbürgerschaft, der ‚Schwulen-Ehe’, dem schieren Umstand, dass Personen mit durchaus unbürgerlicher Vita Ministerämter bekleiden. Freier ist Deutschland auch deshalb geworden, weil ihm der Nachweis gelang, dass es trotz Wieder­vereinigung und Fahnen schwenkenden Patriotismus’, trotz einzelner Mordtaten rechtsradikalen Gesindels und irritierender Umfrage­ergebnisse zu ‚Antisemitismus’ oder ‚Fremdenfeindlichkeit’ im Ganzen doch fest in der westlichen ‚Wertegemeinschaft’ verankert ist. Deswegen fällt es heute leichter als noch in den neunziger Jahren, Querdenker, ‚Aus­reißer’ nach rechts und Übriggebliebene nationalkonservativen Denkens zu respek­tieren. Der geistige Ambitus diese Gesellschaft ist weiter geworden, nach links wie nach rechts – von einer fest gefügten Mitte aus. (Jürgen Habermas’ päpstlicher Status bleibt unangefochten.) Nicht ‚German Angst’ heißt die Losung, wie in den friedens- und umweltbewegten west­deut­schen 80er Jahren, eher schon: ‚Coolness’. Leicht forciert ließe sich sagen: Deutschland hat sich – erstmals – vom Erbe des lutherschen Pfarrhauses befreit und pendelt sich – verweltlicht, verwestlicht – auf mittlere Temperaturen ein. Gewiss: Die jüngsten hitzigen Debatten um RAF und 1968 passen nicht recht ins Bild gelassener Vergangenheits­auf­bereitung. Wohl aber der staunenswert nüchterne Blick auf die ‚Krise’: Sie wird als schwerste ökonomische Verwerfung seit Jahrzehnten deklariert – und nie­mand mag sich echauffieren. Von einer politischen Radikalisierung, wie sie vormals zuverlässig perhorresziert wurde, wenn ökonomische Turbulenzen sich einstellten und die magischen ‚6 Millionen Arbeitslosen’ in Sichtweite kamen, kann heute keine Rede sein. Mag der linke Rand vom öko­nom­ischen Absturz profitieren, die FDP, Partei des juste milieu, profi­tiert weit­aus stärker. Die extreme Rechte wiederum stagniert im Zeichen emsiger Selbstzerfleischung.

Auch Wissenschaften und Künste sind von der allumfassenden Ge­lassenheit – zu ihrem Vorteil – betroffen: Ernst Nolte schreibt Bücher, die sich politisch verfänglicher zeigen, als jene, die Mitte der achtziger Jahre den Historikerstreit auslösten. Neo Rauch und die Zweite Leipziger Schule treten mit metaphysisch befrachteten Gemälden hervor, die alle Klischees vom ‚Deutschen’ in der Kunst ungeniert übererfüllen. Ein Martin Mose­bach, bekennender katholischer Reaktionär mit vorkonziliaren Aspi­ra­tion­en, beinahe Sedisvakantist, erhält den Büchnerpreis. – All dies wird un­auf­geregt zur Kenntnis genommen. Deutschland ist keineswegs ‚rechter’ ge­worden, vielmehr liberaler, und – dies vor allem – ‚weiter’.

Mit dieser Weite ist ein Zugewinn an geistiger Lebendigkeit verbunden. Das öffentliche Gespräch lebt von Exzentrikern, von Randgestalten und Provokateuren nach Götz Alys, Herfried Münklers, Gunnar Heinsohns, Botho Strauß’ oder Peter Sloterdijks Art. In dieser Reihe ist posthum auch Ernst Jünger einzuordnen. Zu Lebzeiten war Jüngers Person wie sein Schaffen vom Odium des Obszönen umgeben: Der DDR galt Ernst Jünger als verdammenswerter Exempel einer geistigen Filiation von der Kaiserzeit zum Nationalsozialismus. Im Westen wurde er mit spitzen Fingern ange­fasst, auch von der Wissenschaft, die sich allemal bemühte, das Literar­ische von der übrigen Person säuberlich zu lösen, um sich Ersterem respektvoll, analytisch distanziert zuwenden zu können, ohne mit Letzterem kontaminiert zu werden. Öffentliche Manifestationen der ‚Leidenschaft’ für Ernst Jünger, wie sie in Frankreich durchaus üblich und willkommen waren – bis hinauf zum Präsidenten Mitterand –, hätten in beiden Deutschland hochgradig karrierehemmend gewirkt. Karl Heinz Bohrers Ästhetik des Schreckens (1978) musste als Tat eines notorischen Einzelgängers und Querkopfs angesehen werden, die vorerst ohne Folgen fürs wissenschaftliche Gespräch blieb: Sie befreite Ernst Jünger aus deut­schen – und politischen – Zusammenhängen, um ihn als Repräsentanten einer gesamteuropäischen, rein künstlerisch profilierten Avantgarde, als eine Art Surrealisten, kenntlich zu machen.

Dreißig Jahre später ist das Schreckgespenst der ‚Wohlgesinnten’ Gegen­stand zahlreicher Monographien. Zehn Jahre nach Ernst Jüngers Tod sind beinahe zeitgleich zwei umfängliche Biographien erschienen: Helmuth Kiesels Ernst Jünger. Die Biographie. und Heimo Schwilks Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben. Dass beide dickleibigen Bände vielfach gelesen und günstig besprochen werden, belegt durchaus nicht, dass der ewige Anarch und politisch Unzuverlässige in der Mitte dieser Gesellschaft angekommen ist. Die Mitte aber ist ihrer selbst so gewiss ist, dass sie das ‚ganz Andere’ unaufgeregt konfrontieren kann.

Kiesels Ernst Jünger ist umfangreicher, abgewogener, nüchterner geraten. Dies ist Philologenprosa, wiewohl auf hohem sprachlichem Niveau, unent­flammbar wie Asbest. Heimo Schwilk dagegen lässt manchmal die Zügel schießen. Dies mag seiner journalistischen Sozialisation geschuldet sein, darüber hinaus der persönlichen Nähe zu Jünger, dessen Charisma bleib­enden Eindruck hinterlassen hat. Wohlgemerkt: Schwilk weiß der Ver­such­ung, ins apologetische, hagiographische Register zu verfallen, zu wider­stehen. Aber Empathie und Emphase sind – vergleichsweise – großzügig bemessen.

Der wesentlichste Unterschied zwischen den Biographien ist in Kiesels pro­fessionell gründlichen Untersuchungen zum literarischen Schaffen Jüngers zu sehen. Mag das „Jahrhundertleben“ Jüngers faszinieren – wie jenes andere ‚Hundertjähriger’: Fontenelles, Horszowskis, Julien Gracqs, Hans-Georg Gadamers –, mag Jüngers schillernde Persönlichkeit um ihrer selbst willen Aufmerksamkeit fordern – an erster Stelle ist Ernst Jünger Dichter. Helmuth Kiesel ist dafür zu rühmen, dass er die erste Werk-Biographie über Jünger vorlegt, und auch dem wenig beachteten Spätwerk mit spröden Prosa-Stücken wie Eumeswil, Die Zwille, Heliopolis oder Gläserne Bienen Gerechtigkeit widerfahren lässt. Darüber hinaus glücken ihm reichhaltige sitten- und sozialgeschichtliche Darstellungen, z. B. – am Anfang des Buches – zu Deutschland in Jüngers Geburtsjahr 1895. Wie nebenbei werden gängige Vorurteile und Einseitigkeiten im Urteil über das ‚reaktionäre’, weil halb autoritär regierte, Deutschland der Kaiserzeit revidiert. Am Schluss stehen u. a. Einlassungen über „Macht und Geist“ (653), jene unverhofften späten Ehrungen, die Jünger von politischer Seite: Helmut Kohl, Mitterand, Felipe Gonzalez zuteil geworden sind. Mag Kohl (im eklatanten Unterschied zum Schöngeist Mitterand) kein Freund der Musen sein – der promovierte Historiker verfügt über ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein und ein Gespür für historische Größe. Einer wie Jünger, der denkend – teils auch gestaltend – an sämtlichen Wenden deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts teilgenommen hat, musste Helmut Kohl faszinieren, obwohl von der konservativen „geistig-moralischen Wende“, die Kohl am Beginn seiner Kanzlerschaft in Aussicht gestellt hatte, kaum etwas wahrzunehmen war, Ernst Jünger als spiritus rector geistespolitischer Interventionen folglich kaum von Belang war. Der Dichter hat die Aufwartung der Macht mit milder Ironie entgegen­ge­nommen, wie sie Neunzigjährigen gut zu Gesicht steht. Sein Tage­buch­ein­trag zum 1. Oktober 1982 – Kohl folgt Helmut Schmidt als Kanzler nach – lautet folgendermaßen: „Drei Uhr nachmittags: Habemus papam – ein Helmut geht, ein Helmut kommt“ (zitiert nach Kiesel 653).

Mit Ernst Jünger ist Kiesel, alles in allem, ein Beitrag zur Ehrenrettung der Literaturwissenschaft gelungen. Sie steht im Rufe eitler, unverständlicher Selbstbespiegelung. Dass sie zum öffentlichen Gespräch beitragen kann, zur Selbstverständigung einer Gesellschaft, und schließlich Vergnügen bereitet, ist angesichts solcher Beiträge kaum zu bestreiten – so wenig wie die neu gewonnene Gelassenheit der Mitte gegenüber den Rändern.

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