Die Resonanz des gobinistischen Rassen­begriffs bei Wagner und Nietzsche

Michael Lausberg (Aachen)

Einleitung

Der Grundinhalt des Rassismus, d.h. eine Über- oder Unterlegenheit einer bestimmten Menschengruppe gegenüber einer anderen, die als Abstammungs- oder Fortpflanzungsgemeinschaften mit „artgleichen“ physischen, psychischen und charakterlichen Eigenschaften aufgefasst wird, ist wahrscheinlich so alt wie die Geschichte der Menschheit. Die theoretischen Grundlagen und ihre Ausweitung zu einer Rassenideologie mit „wissenschaftlichem“ Anspruch findet man erst im Zeitalter der Aufklärung und der Romantik. Der französische Schriftsteller Arthur de Gobineau gilt als einer der wichtigsten Theoretiker des modernen Rassismus. Dieser Aufsatz geht der Frage nach, ob und wie sich die gobinistische Rassentheorie auf das Denken von Richard Wagner und Friedrich Nietzsche, zwei der bestimmenden intellektuellen Persönlichkeiten nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871, ausgewirkt haben.

In dem Aufsatz wird die zunächst eine grundlegende Skizzierung der Rassentheorie Gobineaus vorgenommen. Danach wird die Wirkung Gobineaus auf das Denken Wagners und Nietzsches ausgewertet. Im Fazit folgt eine Zusammenfassung und Bewertung der Untersuchungsergebnisse.

2) Gobineaus „Essai sur l’inégalité des races humaines“

Gobineaus rassenkundliches Werk „Essai sur l’inégalité des races humaines“, das in vier Bänden 1852-54 in Paris erschien und eine neue, international sehr rasch an Einfluss gewinnende Theorie über das Verhältnis zwischen den Rassen und ihrer Entwicklung aufstellte, besaß zwei historische Ausgangspunkte.

Der Macht- und Prestigeverlust des Adels im Gefolge der Französischen Revo­lu­tion, Urbanisierung, Industrialisierung und den Aufstieg des dritten und vierten Standes zu politischer Bedeutsamkeit bildeten den ersten Hintergrund von Gobineaus Rassentheorie. Den Untergang der vormodernen Welt mit ver­meint­lich klaren Hierarchien projizierte er in ein Szenario rassischer Degenera­tion.

Zweitens stützte er sich auf vermeintliche wissenschaftliche Erkenntnisse auf dem Gebiet der physischen Anthropologie im 18. Jahrhundert.i Dessen Ver­treter waren davon überzeugt, dass zwischen den anthropometischen Merk­malen wie Schädelform, Hautfarbe, Körperbau und den Eigenschaften der Intelligenz sowie des sozialen Verhaltens eine Korrespondenz bestand, die es erlaubte, die Menschen in fest umrissene Einheiten zu gliedern – die „Rassen“.ii Das Werk „Essai sur l’inégalité des races humaines“ erschien von 1853 bis 1855, also noch vor Darwins Origin of Species (1859), so dass von einer Ein­fluss­nahme Darwins auf Gobineau nicht gesprochen werden kann.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden diese Ansätze von Gobineau in eine ge­schichts­politische Konstruktion umgesetzt, die auf die deutsche politische Rechte einen außergewöhnlichen Einfluss ausgeübt hat. Das Werk lieferte erstmals eine umfassende Deutung der Weltgeschichte auf der Grundlage des Rassenprinzips.iii

Gobineaus Ausgangspunkt war die These, die Menschheit existiere nur in Gestalt von einigen Großgruppen, „Rassen“, die sich in vorgeschichtlicher Zeit, also noch im Horizont der Naturgeschichte gebildet und seitdem ihre Merkmale be­wahrt hätten.iv Als Zugeständnis an die katholische Tradition ging Gobineau zwar von einem gemeinsamen Ursprung aller „Menschenrassen“ in der Schöpfung aus (Monogenese). Die meisten dieser „Rassen“ waren nach Gobineaus Überzeugung nicht fähig, sich aus eigener Kraft zu kultivieren. Da­egen sprach er „von der Vorsehung bestimmte Familie“, eine „Edelrace“, von der alles seinen Ausgang nahm, „was es an menschlichen Schöpfungen, Wissen­­schaft, Kunst, Civilisation, Großes, Edles, Fruchtbares auf Erden gibt.“: die „weiße Rasse“ und in ihr speziell: die Arier, die „Ehrenhaften“v Die „weiße Rasse“ verfügte über ein „besonderes, kulturförderndes Blut“, das durch Ver­erb­ung weitergegeben wurde und, indem es seine Besitzer mit einem „Monopol der Schönheit, der Intelligenz und der Kraft“ ausstattete, zugleich gesell­schaft­lich rangbildend wirkte.vi

Ihre Neigung zu Eroberung, Migration und Bevölkerungsvermehrung münde aber notgedrungen in zunehmende Mischung mit den als kulturunfähig bezeichneten „schwarzen und gelben Rassen“. Auf Dauer aber wären die „Mischungen der Rassen“ verhängnisvoll:vii

„Je mehr in ihnen das ‚leitende Racenelement’, das allein für Kultur und Geschichte stand, sich völlig in den heterogenen Elementen auflöste, je dünner der Anteil an arischem Blut wurde, desto schwächer musste die distanzierende und differenzierende Kraft werden, desto stärker der Trend zu Einheit und Egalität.“ (…)

Je mehr einer Rasse die Unterscheidung von anderen gelinge, desto höher sei ihr Fortschritt und ihre Zivilisation. Wenn aber der Drang nach Eroberung („At­traktion“), der Drang nach Exklusivität („Repulsion“) ablöse, vermische sich diese aufstrebende „Rasse“ wieder mit fremden, weniger aus­differ­en­ziert­en „Rassen“, was ihren langfristigen Untergang besiegele.

Auf die Zeitalter der Götter, der Heroen und des Adels folgte nunmehr „die Aera der Einheit“, die nichts anderes sein werde als eine Nivellierung nach unten, zu einem Zustand, in dem sich alle Menschen gleichen würden. Dies würde das „Ende der Kultur“, das „Ende des Wachstums“ und das „Ende der Geschichte“ bedeuten:viii

„Die Völker, nein, die Menschenheerden, werden alsdann, von düsterer Schlafsucht über­mannt, empfindungslos in ihrer Nichtigkeit dahinleben, wie die wiederkäuenden Büffel in den stag­nirenden Pfützen der pontinischen Sümpfe.“

Maßgebend für sein Denken war die Parallelsetzung von Klassen und Rassen: Der Adel enthalte die wertvollsten Rassenelemente, das Bürgertum sei eine Misch­rasse und die Unterschichten bestünden aus rassisch Minderwertigen mit hohen schwarzen und gelben Bestandteilen.

Laut Geulen führte Gobineau in seiner Erklärung der Rassenmischung zum einzigen Mechanismus von Entwicklung und Fortschritt überhaupt die seit der Aufklärung zunehmend getrennten Vorstellungswelten der Geschichte und der Biologie wieder zusammen.ix In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert - zur Zeit der Imperialismus - wurde die Idee eines solchen ewigen Rassenkampfes umso populärer, je mehr er sich im Konkurrenzkampf der Nationen und Im­perialmächte untereinander und in ihrem gemeinsamen Kampf gegen die kolonisierten Bevölkerungen manifestierte.

Das 1871 gegründete Deutsche Reich entwickelte erst nach der Ablösung Bismarcks 1890 unter Kaiser Wilhelm II. mit dem „Neuen Kurs“ eine imperial­is­t­isch orientierte Politik. Im Jahr 1897 forderte der spätere Reichs­kanzler Bernhard von Bülow im Reichstag einen deutschen „Platz an der Sonne“. Diese Prä­misse eines nationalen Prestigedenkens sollte die deutsche „Weltpolitik“ bis 1914 prägen.

3) Die Wirkung Gobineaus auf Richard Wagner

Gobinistisches Gedankengut lässt sich an vielen Stellen bei Richard Wagner nachweisen. In den Bayreuther Blättern erschien schon 1882/1883 auf Ver­an­lassung Wagners eine umfangreiche Zusammenfassung des „Essai sur l’inégalité des races humaines“ von Hans von Wolzogen. Weiterhin publizierten die Bayreuther Blätter regelmäßig die Berichte der im Jahre 1894 gegründeten Gobineau-Gesellschaft.

Der Rassismus bei Gobineau war noch nicht mit dem Antisemitismus ver­bunden; diese Verbindung wurde erst durch die Gobineau-Rezeption im Umfeld Richard Wagners hergestellt. Das Werk Gobineaus wurde von Karl Ludwig Schemann, einem Mitglied des Bayreuther Kreises um Cosima Wagner, ins Deutsche übersetzt und nahm Einfluss auf Cosima Wagners Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain, der Gobineaus Grundgedanken um einen ver­stärkten Antisemitismus ergänzte. Schemann interpretiert in Gobineaus Werk einen „Rassenkampf“ zwischen „Ariern“ und „Semiten“ hinein, obwohl Gobi­neau die Juden zur „weißen Rasse“ gezählt hatte.x

Wagner bewunderte die Schrift Gobineaus; ihn faszinierte vor allem dessen Vision der Arierdämmung. Er distanzierte sich jedoch in zwei entscheidenden Punkten von Gobineaus Thesen. Erstens lehnte er die standes- bzw. stammes­mäßig geschlossenen Ehen als Mittel zur Bewahrung und Weitergabe der „Rassennatur“ ab. Außerdem sah er mit der Rassenmischung das kulturelle Potential der Menschheit als nicht erschöpft an, statt dessen sprach er von einer Befähigung der Gattung zur Mutation. Angesichts der Vernichtungs­ge­fahr, mit der die Menschheit aufgrund der Degeneration konfrontiert sei, sei damit zu rechnen, dass sich die Lebenskraft der Gattung noch einmal verdichte und einen qualitativen Sprung bewirke. Es sollte nicht nur ein höher organi­siertes Individuum, sondern eine neue Spezies geschaffen werden: den „Er­löser bzw. den Gottmenschen, in dem sich die Gattung selbst sublimiere“.xi Wagner hat in der „Rassenmischung“ den „Gewinn einer allgemeinen moral­ischen Übereinstimmung“ gesehen, auf deren Basis das Kunstwerk der Zukunft ge­deihen könne.xii

Richard Wagners Weltbild war geprägt von einer unbestimmten Sehnsucht nach Aufbruch, Umsturz und Revolution, nach einer meist nicht näher defi­nierten neuen Form der Kunst und Gesellschaft durch Untergang des Be­stehenden.xiii Seine Gedanken waren durchdrungen von romantischen Aspek­ten wie der Rückkehr zur Natur und der Ablehnung der Industriali­sier­ung, sowie nationalistischer Phantasien von der totalen Homogenität einer „Rasse“ oder eines Volkes.

Wenn seine persönliche Eitelkeit angegriffen wurde oder sich der erhoffte finanzielle Erfolg nicht einstellte, machte er dafür häufig eine angebliche jüdische Verschwörung verantwortlich. Die missgünstige Diffamierung von jüdischen Komponisten wie Giacomo Meyerbeer und Felix Mendelssohn Bartholdy versuchte er mit Schriften wie „Das Judentum in der Musik“ und dem darauf aufbauenden „Brief an Gräfin Muchanow“ zu belegen; um diese persönliche Motivation zu überdecken.xiv

In seinem Werk „Das Judenthum in der Musik“ aus dem Jahre 1869 sprach Wagner ohne notwendigen Bezug auf die musiktheoretische Polemik vom „natürlichen Widerwillen gegen jüdisches Wesen.” Die angebliche Welt­herr­schaft der Juden wird außerdem angesprochen:xv

„Der Jude ist nach dem gegen­wärtigen Stande der Dinge dieser Welt wirklich bereits mehr als eman­zi­piert: er herrscht, und wird solange herrschen, als das Geld die Macht bleibt, vor welcher alles unser Thun und Treiben seine Kraft verliert”.

Seine Schrift schließt mit folgenden Worten an die Juden:xvi „Aber bedenkt, dass nur Eines eure Erlösung von dem auf euch lastenden Fluche sein kann: die Erlösung Ahasvers, - der U n t e r g a n g!”

Durch praktisch alle Opern Wagners zieht sich wie ein roter Faden der Hass auf das Jüdische, wenn auch in den frühen weniger offensichtlich und bestimmend.
Seine Opern waren

„treue mythologische Widerspiegelungen dessen zu sein, was er in seinen Aufsätzen als eine durch das Jüdische verdorbene deutsche Welt beklagt, von welchem sie durch ‚Vernichtung’ oder ‚Untergang’ erlöst werden müsse.“xvii

Seit 1850 hat er die "Vernichtung" oder den "Untergang" des Judentums gefordert. Es stellt sich aber die Frage, ob Wagner von "Vernichtung des Judentums" im übertragenen oder wörtlichen Sinne meinte. Wagners Weltbild in seinem letzten Lebensjahrzehnt ist von der Überzeugung durchdrungen, dass die revolutionäre deutsche Lösung der Judenfrage die Vertreibung sein müsse, da eine Assimilation unmöglich sei. In Cosimas Tagebuch ist zu lesen:xviii

„Die Zeitung bringt wieder Nachrichten von Hetzen gegen die Juden in Rußland, und R. meint, es gäbe nur das, Äußerung der Volkskraft, und sagt: Gobineau hat recht, sie fühlen - die Russen -sich noch als Christer.“

Houston Stewart Chamberlain entwickelte sich zu einem großen Anhänger Richard Wagners, engagierte sich in den Wagner- Vereinen von Paris und Wien, schrieb ein Buch über Wagners Musikdramen und lieferte Beiträge für die Bayreuther Blätter. Spätestens als er 1908 Richard Wagners Tochter Eva heiratete und nach Bayreuth übersiedelte, rückte er in den engeren Kreis der Wagnerianer auf.xix

In seinem Werk „Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts“xx aus dem Jahre 1899 übernahm Chamberlain von Gobineau die Deutung der Weltge­schichte mit Hilfe des "Rassenprinzips", das er jedoch allein auf den Antago­nis­mus von Ariern und Juden zuspitzte.xxi Die „arisch- germanischen Völker“ wären die einzige kulturschöpferische „Rasse“, während die Juden als „Gegen­rasse“ das Prinzip der Zersetzung verkörperten. Laut Chamberlain löse Rassen­mischung kulturellen Verfall und politischen Machtverlust aus. Chamberlain listete historiographische und ethnologische „Belege“ auf, die den Niedergang großer Reiche von der Völkerwanderung bis in die Gegenwart aus einer Steigerung des semitischen Blutanteils erklären.

Er spricht nicht von der unaufhaltsamen Degeneration einer reinen „Urrasse“, vielmehr sei „Rassenzucht“ ein historisch offener Prozess. Mit der Identifikation des Schicksals der „arischen Rasse“ und der Weltmission des Deutschtums schmeichelte er dem imperialistischen Sendungsbewusstsein der Ära Wilhelms II. Sein Monumentalwerk wurde zu einer der wichtigsten Schriften seiner Zeit; Chamberlain fand ein breites Echo in Teilen des Bildungsbürgertums auch außerhalb völkischer Kreise.xxii

Der Antisemitismus war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein zentrales Medium der Selbstverständigung in einer sich verändernden Zeit. Das Modell des souveränen Nationalstaates geriet durch Imperialismus und Globali­sier­ung und durch eine zunehmende Dynamik innergesellschaftlicher Klassen­kon­flikte unter Druck geriet und schien nicht mehr die gegenwärtigen Probleme lösen zu können. Der souveräne Nationalstaat wurde als tragfähiges Ordnungs­modell immer mehr in Frage gestellt.xxiii

Immer mehr setzte sich dieser angenommene und rassentheoretisch herge­leitete Gegensatz zum Judentum als eine Art neue Weltdeutung in weiten Teilen des deutschen Bürgertums fest. Mit Recht hat man ihn rückblickend als einen übergreifend gültigen „kulturellen Code“ vor allem bürgerlicher Selbst­ver­ständigung im Kaiserreich bezeichnet.xxiv

4) Die Wirkung Gobineaus auf Friedrich Nietzsche

Die Vorstellungen Gobineaus stießen auch bei Friedrich Nietzsche auf Reso­nanz. In der Schrift

„Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“, stellte er eine Beziehung zwischen dem Prometeus-Mythos und dem arischen Wesen her. Danach äußerte Nietzsche in der „Genealogie der Moral“, „daß die Eroberer- und Herren-Rasse, die der Arier, auch physiologisch im Unterliegen ist.“.xxv

Er sah „Rasse“ sowohl als etwas Geschichtliches wie etwas Natürliches an.xxvi Sie konnte ein Produkt der Natur sein, wie es die blonden Arier der euro­päischen und indischen Frühzeit waren. Aber sie konnte auch das Resultat von künstlich-gewollten Veredelungsvorgängen sei, die an „unrein“ geword­en­en, d.h. gemischten oder gekreuzten Populationen ansetzten. Diese künstlich-gewollte Rassenbildung schien ihn die bedeutendere zu seinxxvii:

„ Es gibt wahrscheinlich keine reinen, sondern nur reingewordene Rassen, und diese in großer Seltenheit (…) Die Reinheit ist das letzte Resultat von zahllosen Anpassungen, Einsaugungen und Ausscheidungen, und der Fortschritt zur Reinheit zeigt sich darin, daß die in einer Rasse vorhandene Kraft sich immer mehr auf einzelne ausgewählte Funktionen beschränkt, während die vordem zu viel und oft Widersprechendes zu besorgen hatte: (…) weshalb reingewordene Rassen immer auch stärker und schöner geworden sind.“

Für ihn sind „die Griechen (…) das Muster einer reingewordenen Rasse und Kultur“; diesem Beispiel gilt es nachzuahmen und „eine reine europäische Rasse und Kultur“ zu schaffen.

Nietzsche verlangte die Züchtung eines neuen Adels, einer Herrenrasse:xxviii

„Es wird von nun an günstige Vorbedingungen für umfänglichere Herrschafts­ge­bilde geben, deren Gleichen es noch nicht gegeben hat. Und dies ist noch nicht das Wichtigste: es ist die Entstehung von internationalen Geschlechts-Ver­bänden möglich gemacht, welche sich die Aufgabe setzten, eine Herren-Rasse her­auf­zuzüchten, die zukünftigen ‚Herren der Erde’; - eine neue ungeheure, auf der härtesten Selbst-Gesetzgebung aufgebaute Aristokratie, in der dem Willen philosophischer Gewaltmenschen und Künstler-Tyrannen Dauer über Jahr­hunderte gegeben wird: eine höhere Art Menschen, (…)“

Diese künstlich-gewollte Rassenbildung selbst stellte sich Nietzsche nach den Erkenntnissen der aufkommenden wissenschaftlichen Eugenik vor. Die neue Elite sollte in Anlehnung an Platon fernab von den anderen Ständen planvoll herangezüchtet werden.

An Nietzsches Idee, Rassen eher als Ergebnisse einer bewussten Züchtung denn als Naturprodukte aufzufassen, knüpften vor allem die rechten Intellektuellen der „Konservativen Revolution“xxix an.xxx (…) Moeller van den Bruck bezog sich darauf in seiner Zurückweisung rein biologischer Rassen­theorien. Die Verhältnisse innerhalb der Gesellschaft und zwischen den Völkern sollten auf der Grundlage des „Überlebenskampfes“ nach sozialdarwinistischen Prinzipien ausgetragen werden..xxxi Edgar Julius Jung unterschied zwischen höher- und minderwertigen Rassen und wollte eine neue Aristokratie nur aus den ersteren schaffen.xxxii Hans Blüher sprach von einer „Primärrasse“, die seit Anbeginn der Schöpfung existierte und ihre herausragenden Qualitäten auf dem Wege der Vererbung weitergab. Die „germanischen Rassenart“ nehme hier einen hegemonialen Platz, speziell die Deutsche.xxxiii

Zunächst hatte Nietzsche Wagner in seiner frühen Schrift „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ noch als Erneuerer deutscher Kultur gefeiert und ihm in seinen „Unzeitgemäßen Betrachtungen“ einen eigenen Essay „Richard Wagner in Bayreuth“ gewidmet. Diese Verehrung schlug spätestens 1879 nach Wagners vermeintlicher Hinwendung zum Christentum in „Parsifal“ in Feindschaft um. Seitdem warf er Wagner Dekadenz und ein „undeutsches” Wesen vor machte sich über das geistige Niveau der Wagnerianer in Bayreuth lustig. In seiner Spätschriften „Nietzsche contra Wagner“ wiederholte er seine Angriffe und Vorwürfe der „décadence“:xxxiv

„Denn der Parsifal ist ein Werk der Tücke, der Rachsucht, der heimlichen Giftmischerei gegen die Voraussetzungen des Lebens, ein schlechtes Werk. – Die Predigt der Keuschheit bleibt eine Aufreizung zur Widernatur: Ich verachte jedermann, der den Parsifal nicht als Attentat auf die Sinnlichkeit empfindet.“

5) Fazit

Gobineau ging von einem gemeinsamen Ursprung aller „Menschenrassen“ in der Schöpfung aus. Doch ihre Verbreitung über die gesamte Erde und die An­passung an unterschiedliche Lebensräume habe zu einer Ungleichheit der „Rassen“ geführt. Zivilisatorisch hochstehende Fähigkeiten besitze allein die „weiße Rasse“, insbesondere die „Arier“. Ihre Neigung zu Eroberung und Be­völker­­ungsvermehrung führe aber zu einer zunehmenden Mischung mit den als kultur­unfähig titulierten „schwarzen und gelben Rassen“, was eine Nivellierung und Kulturlosigkeit zur Folge hätte.

Die Ideen Gobineaus stießen im vormodernen Deutschland sofort auf breite Re­so­nanz. Sowohl bei Richard Wagner und als auch bei Friedrich Nietzsche ist gobi­nistisches Gedankengut nachzuweisen.

Die Verbindung von Gobineaus Rassentheorie mit dem Antisemitismus wurde erst durch die Gobineau-Rezeption im Umfeld Richard Wagners hergestellt. Wagner entfernte sich in zwei entscheidenden Punkten von Gobineaus Lehrsätzen. Er lehnte die standes- bzw. stammesmäßig geschlossenen Ehen als Mittel zur Erhaltung und Weitergabe der „Rassennatur“ ab. Weiterhin sah er mit der „Rassenmischung“ die kulturelle Leistungsfähigkeit der Menschheit als nicht erschöpft an, sondern sprach von einer Befähigung der Gattung zur Mutation.

In der Weiterentwicklung der Ideen Gobineaus sprach sich Nietzsche für eine künstlich-gewollte Rassenbildung, die auf die neuen Erkenntnisse der Eugenik auszurichten war, aus. Nietzsche entwickelte den Gedanken der Züchtung einer „Herrenrasse“, die eine höhere Art Menschen ausbilden sollte.

6) Literatur

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- Osterhammel, J.: Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen, München 1995

- Rose, P.L.: Wagner und der Antisemitismus, Zürich 1999.

- Pfahl-Traughber, A.: „Konservative Revolution“ und „Neue Rechte“. Rechts­extrem­istische Intellektuelle gegen den demokratischen Verfassungsstaat, Opladen 1998.

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- Weiner, M.A.: Antisemitische Fantasien. Die Musikdramen Richard Wagners, Berlin 2000.

- Young, E:J.: Gobineau und der Rassismus. Eine Kritik der anthropologischen Geschichtstheorie, Meisenheim am Glan 1968.


i Young, E:J.: Gobineau und der Rassismus. Eine Kritik der anthropologischen Geschichtstheorie, Meisenheim am Glan 1968, S. 15.

ii Breuer, S.: Ordnungen der Ungleichheit- die deutsche Rechte im Widerstreit ihrer Ideen 1871-1945, Darmstadt 2001, S. 48.

iii Biddiss, M.: Father of Racist Ideology. The Social and Political Thought of Count Gobineau, London 1970, S. 12.

iv Breuer, Ordnungen der Ungleichheit- die deutsche Rechte im Widerstreit ihrer Ideen 1871-1945, S.49.

v Gobineau, A.: Versuch über die Ungleichheit der Menschenracen, 4. Bände, 2. Auflage, Stuttgart 1902-1904 (Band I, S. 81, Band, II, S.8,13, und 185).

vi Ebd. Band I, S. 42 und 284.

vii Breuer, Ordnungen der Ungleichheit- die deutsche Rechte im Widerstreit ihrer Ideen 1871-1945, a.a.O., S. 49.

viii Gobineau, Versuch über die Ungleichheit der Menschenracen, a.a.O., Band 4, S. 319.

ix Geulen, C.: Geschichte des Rassismus, München 2007, S. 72.

x Schemann, K.L.: Gobineaus Rassenwerk: Aktenstücke und Betrachtungen zur Geschichte und Kritik des „Essai sur l’inégalité des races humaines“, Stuttgart 1910.

xi Breuer, Ordnungen der Ungleichheit- die deutsche Rechte im Widerstreit ihrer Ideen 1871-1945, a.a.O., S. 51.

xii Hartwich, W.-D.: Richard Wagners ästhetische Herrschaftsform. Zur Soziologie der „Bayreuther Idee“, in: Faber, R./Holste, C. (Hrsg.): Kreise-Gruppen-Bünde, Würzburg 2000, S. 307-328, hier S. 314ff.

xiii Vgl dazu die im Jahre 1849 erschienene Schrift „Die Kunst und die Revolution“ in Weiner, M.A.: Antisemitische Fantasien. Die Musikdramen Richard Wagners, Berlin 2000.

xiv Fischer, J.M.: Richard Wagners „Das Judentum in der Musik“, Eine kritische Dokumentation als Beitrag zur Geschichte des europäischen Antisemitismus, Frankfurt/Main 2000, S. 15.

xv Zitiert aus Ebd., S. 68.

xvi Ebd., S. 73.

xvii Rose, P.L.: Wagner und der Antisemitismus, Zürich 1999, S. 267.

xviii Ebd., S. 274.

xix Field, G. G.: Evangelist of Race. The Germanic Vision of Houston Stewart Chamberlain, New York 1981, S. 43ff.

xx Chamberlain, H.S.: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts, München 1899 .

xxi Large, D.C.: Ein Spiegelbild des Meisters? Die Rassenlehre von Houston Stewart Chamberlain, in: Borchmeyer, D. (Hrsg.): Richard Wagner und die Juden, Stuttgart 2000, S. 144-159, hier S. 146f.

xxii Deschner, G.: Gobineau und Deutschland. Der Einfluss von Gobineaus „Essai sur l’inégalité des races humaines“ auf die deutsche Geistesgeschichte 1853-1917, Erlangen 1968, S. 154.

xxiii Geulen, Geschichte des Rassismus, a.a.O., S. 88.

xxiv Osterhammel, J.: Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen, München 1995, S. 24.

xxv Schlechta, K. (Hrsg.): Friedrich Nietzsche. Sämtliche Werke in drei Bänden, München 1966, Band 2, S. 776f.

xxvi Breuer, Ordnungen der Ungleichheit- die deutsche Rechte im Widerstreit ihrer Ideen 1871-1945, a.a.O., S. 52.

xxvii Schlechta, Friedrich Nietzsche, a.a.O., Band 1, S. 1182.

xxviii Colli, G./Montinari, M. (Hrsg.): Friedrich Nietzsche. Sämtliche Werke, 15. Bände, München 1988, Band 9, S. 87f.

xxix Die „Konservative Revolution“ ist eine in der Weimarer Republik bedeutend gewordene geistig-politische Be­weg­ung, die sich sowohl von den liberalistischen Ideen von 1789 und des 19. Jahrhunderts wie von bloßer Restau­ra­tion ab­zu­grenzen suchte. In Deutschland waren Träger der „Konservativen Revolution“ völkische, jung­konservative, national­revolutionäre und bündische Gruppen sowie die Landvolkbewegung, von denen viele in ihren antiparlamentaristischen und antidemokratischen Tendenzen zu Wegbereitern des Nationalsozialismus wurden. Vgl. dazu Pfahl-Traughber, A.: „Kon­servative Revolution“ und „Neue Rechte“. Rechtsextremistische Intellektuelle gegen den demokratischen Ver­fass­ungs­staat, Opladen 1998, S. 58.

xxx Breuer, Ordnungen der Ungleichheit- die deutsche Rechte im Widerstreit ihrer Ideen 1871-1945, a.a.O., S. 54.

xxxi von Klemperer, K.: Arthur Moeller van den Bruck, in: Neue Deutsche Biographie, Band 17, Berlin 2004, S. 650-652, hier S. 651.

xxxii Jung, E.J.: Die Herrschaft der Minderwertigen, 3. Auflage, Berlin 1930, S. 126.

xxxiii Blüher, H.: In medias res. Grundbemerkungen zum Menschen, Jena 1919, S. 5.

xxxiv Colli/Montinari, Friedrich Nietzsche, a.a.O., Band 6, S. 3.

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