Wie irre sind wir eigentlich?

Manfred Lütz, Irre! Wir behandeln die Falschen, Unser Problem sind die Normalen, Mit einem Vorwort von Eckart von Hirschhausen, Gütersloher Verlagshaus, München 2009, 190 Seiten, Preis: 17, 90 Euro

von Stefan Groß

Ganz so heiter und unbeschwert, wie es die einleitenden Worte des gelernten Mediziners und wortgewandten Eckart von Hirschhausen mutmaßen lassen, ist das neue Buch von Manfred Lütz dann doch nicht, was nicht heißt, daß man zuerst über Hirschhausen und dann über Lütz nicht herzlich lachen kann. Denn: „Ich möchte mir das Gehirn möglichst lange frisch halten, indem ich es möglichst selten benutze“ oder: „Aristoteles dachte noch, das Hirn sei nur ein Apparat, um das Blut zu kühlen. Und wie wir heute wissen, hat er bei vielen Menschen recht behalten …“, bleiben schöne Kalauer.

Lütz, der als unterhaltsamer, geistreich-witziger Rhetoriker oft und zu bester Sendezeit durch die Dritten Programme tourt, hat nach seinen Bestellern Lebenslust – Wider die Diätsadisten, den Gesundheitswahn und den Fitneß-Kult (2002) und Gott – Eine kleine Geschichte des Größten“ (2007) nun ein Buch vorgelegt, das es sich zur Aufgabe macht, die gesamte Psychiatrie und Psychotherapie auf knapp 185 vorzustellen.

Daß sich Lütz dabei als Psychiater, Psychoanalytiker und Theologe auf die Seite derer stellt, die gern von der Gesellschaft ausgegrenzt werden, weil sie von ihr als unnormal und krank abgestempelt werden, macht den eigentlichen Charme des Buches aus. Immer wieder zeigt sich, daß sich die Normalen, ja, die wahnsinnig Normalen viel befremdlicher verhalten als die sogenannten Unnormalen. Exemplarische Beispiele dieser Normalen sind dann, wie könnte es anders auch sein, Dieter Bohlen und Paris Hilton, die für Lütz das Zeug für „an sich richtig tragische Fälle“ hätten - nur "leider" sind sie nicht psychisch krank, also nicht therapierbar. Wie viel Schizophrenie im Alltag der Normalen herrscht und wie dieses Verhalten noch kunstvoll stilisiert und in Szene gesetzt wird, dies veranschaulicht Lütz, dessen kabarettistisches Wesen sich dabei zur vollen Genugtuung aufbaut, immer wieder anhand jener auffälligen Persönlichkeiten in der Medienlandschaft, die, wären sie nicht gesund, doch in erster Linie zu den Unnormalen zählen würden. Die mäßig begabte Pop-Ikone, der pseudo-humorvoll agierende Initiator von Deutschland sucht den Superstar ist für Lütz These, daß die Normalen das Problem sind, die wir zur therapieren haben, dann auch das Exzellenzbeispiel: „Keiner meiner Patienten ist so abgedreht wie Dieter Bohlen und keine meiner Patientinnen so naiv wie seine Gespielinnen. Dennoch, so verrückt das Ganze auch ist, weder Dieter Bohlen noch seine Alten/Neuen hätten die Chance, in der Psychiatrie behandelt zu werden. […] So sehr Sie sich dagegen sträuben, liebe Leser: Dieter Bohlen ist normal. Wer wird da noch meine These bestreiten, dass unser Problem nicht die psychisch Kranken sind. An diesem Beispiel von ganz normalen Blödsinn zeigt sich nur um so drastischer: Unser Problem sind die Normalen“ (S. 15).

So sehr Lütz die lebenden Normalen kritisch in den Blick nimmt, die Unarten des modernen Medienbetriebs in seiner ganzen platten Abscheulichkeit analysiert, das Anliegen seines Buches bleibt ein anderes: Es belehrt über den Unsinn und Sinn von Psychiatrie und Psychotherapie, gibt einen Einblick in die Geschichte der Psychoanalyse und deckt deren Mängel auf, widmet sich der Verhaltenstherapie, reflektiert über das Wesen der Diagnosen und warum diese nie wahr sind, und zeigt letztendlich, à la Watzlawik, daß jede Krankheit auch einen tieferen Sinn hat, das Gute am Schlechten die jeweilige Person sogar weiterbringt, wenn sie über sich reflektieren kann. Auch lernt der Leser viel über die „systemische Therapie“ und ihre eigene Vorgehens- und Frageweise, die den Patienten meist dort einfängt, wo es dieser gar nicht erwartet, um ihn dann, quasi durch sich selbst, wieder in die „Normalität“ zurückzuholen.

Seine heitere Seelenlehre, wie Lütz diese nennt, seine historischen Einblicke in die Geschichte der Psychiatrie, kommen dabei keineswegs im Stile enthobener Gelehrsamkeit und als professorales Herrschaftswissen daher, wie man es aus dem akademischen Betrieb hinreichend und entwürdigend kennt, sondern behutsam, bedächtig. Man sieht: Lütz ist keiner, der mit dem Hammer therapiert, sondern er ist jener emotionale Geist, der sich auf sein Gegenüber einzulassen gewillt ist, der Diagnosen korrigiert und immer wieder vom Einzelfall inspiriert nach den Ursachen des Krankheitsverlaufes sucht; daß er dabei oft witzelnd aus seiner therapeutischen Praxis erzählt, gehört zu seinem rheinisch-humorvollem Wesen. „Darf man aber überhaupt über psychisch Kranke humorvoll reden? Ich finde ja. Denn Humor ist eine Form, Dinge und Menschen liebevoll ins Leben einzubeziehen" (S. XV).

Eine a priori Diagnose – wie in der Psychotherapie oft üblich – lehnt Lütz vom empirischen Standort rigoros ab, denn worum es letztendlich geht, ist nicht die Diagnose, sondern ein problemorientierter Lösungsansatz – Ziel bleibt nicht die lebenslange Therapie, wie er seinen Kollegen aus der Psychoanalyse vorwirft, wobei man zwischen den Zeilen heraushört, daß Therapie oft Selbsttherapie, der Therapiebedürftige der Therapeut selber ist, sondern die völlige Gesundung des Patienten.

Daß Lütz dabei der Kranke in seinen „Handlungen“ oft normaler erscheint als der sich gesund wähnende und emotionslos agierende Gesunde zeigt sich in den ausführlich dokumentierten Patientengesprächen immer wieder, die einen Großteil des Buches ausmachen, das damit zugleich eine therapiepraktische Relevanz gewinnt. Denn der Clou ist und bleibt es: Die Unnormalen sind gar nicht so unnormal wie ihnen von der Gesellschaft attestiert wird, und die Normalen sind oft weitaus befremdlicher als sie dies gerne zugeben oder gar sich eingestehen würden. Mit seinem umgekehrten Blick, vom Unnormalen auf den Normalen, gelingt dem Chefarzt des Krankenhauses von Köln (Ortsteil) „Wahn“ eine beißende Gesellschaftsanalyse und scharfzüngige Satire.

Daß Sucht, Demenz, Panik, Depression, Angststörung und Schizophrenie Phänomene sind, die keinesfalls nur in der „faszinierenden Psychowelt“ (Hirschhausen) anzutreffen sind, hat das Beispiel des Vorzeige-Normalen Robert Enke gezeigt – und wie sehr diese Phänomene und Probleme den Alltag der Normalen beherrschen, selbst wenn man versucht ist, diese lange Zeit erfolgreich zu verdrängen, auch. Nach Enkes Tod ist das Thema Depression in aller Munde, hat eine Diskussionswelle von Focus bis FAZ ausgelöst, die sich nunmehr mit diesem Krankheitsbild überhaupt wieder auseinandersetzt, denn für die Normalen gehört es sich einfach nicht, nicht zu funktionieren. Diese Dysfunktionsphobie, dieses sich um jeden Preis anpassen, um bloß nicht aufzufallen, endet für viele Normale und Gestreßte letztendlich in „Wahn“, wo sie dann Herr Lütz begrüßt. Der Wahn, dem Wahn zu entgehen, ist eben auch ein Wahn – nur eben der ganz normale Alltagswahn, der ganze Praxen tagtäglich zum Überbersten bringt.

Kurzum: Der Unterschied zwischen den Normalen und den Unnormalen ist also keineswegs so groß, wie manch einer denkt. Unnormales Verhalten findet sich beim Normalen und normales beim Unnormalen. Dies gezeigt zu haben, dafür hat das Buch von Lütz einen wesentlichen Beitrag geleistet und kam „komischerweise“ zum rechten Augenblick. Denn wie sehr die Gesellschaft letztendlich mit ihren Kranken umzugehen weiß, das bleibt die Nagelprobe für ihre Menschlichkeit. Und daß die großen, unnormal Normalen, wie Hitler, Stalin, die Terroristen, die Kriegshetzer und die schamlosen Egomanen nicht behandelt werden, ist eine traurige Einsicht in den geschichtlichen Weltverlauf. Wenn man hier hätte therapieren können, wäre uns einiges erspart geblieben.

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