Am Rande

Eine Biographie über ‚den’ isländischen Dichter

Halldór Gudmundsson: Halldór Laxness. Eine Biographie. Aus dem Isländischen von Helmut Lugmayr. München (btb): 2009. 859 Seiten. EURO (D) 18,00. ISBN: 3442739187.

Daniel Krause
(Krakow/ Polen)

„Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hin­zu­zu­fügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ Dies schrieb Karl Marx im Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte. Vorder­hand hat es wenig mit Island zu tun, noch weniger mit Halldór Laxness, dem einzigen Nobelpreisträger (1955) und Dichter von Weltruf im Lande – es sei denn insofern, als Laxness glühender Marxist gewesen ist. Tat­säch­lich aber trifft das Marxsche Diktum in besonderer Weise auch auf Island zu: Die Insel hat weniger Einwohner, 300 000, als Wuppertal oder Bochum. Es ist der weit und breit kleinste Flächenstaat, ein veritabler Zwerg unter den Ländern Europas, durchs Meer isoliert vom Geschehen in der ‚Welt’, randständig nach beiden Seiten hin: Amerika wie Europa. Was, wenn sich in Island weltgeschichtliche „Tatsachen und Personen“ zeitgleich wie ‚zum zweiten Mal’ ereignen, in karikaturistischer Verkleinerung näm­lich, d. h. als Farce? Sein kurioser Staatsbankrott gab jüngst ein Beispiel, welche unerhörten komödiantischen Möglichkeiten einer Finanzkrise inne­wohnen: ‚Zwerge’, die auf dem glatten Parkett der Weltfinanz ins Straucheln geraten und reuig bei ‚Riesen’ um Hilfe einkommen.

Dies ist nicht die erste Tragödie Europas, zur isländischen Farce gemildert. Wer Gudmundssons Halldór Laxness liest, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, hier würden die intellektuellen, geistespolitischen Ausein­ander­setz­ungen Europas in dessen ‚Zwischenkriegszeit’ – der ‚Weltbürgerkrieg’ der Ideen zwischen Kommunismus, Liberalismus und Faschismus – pa­rallel zum Geschehen in Moskau, Berlin oder London in verkleinerndem, verniedlichendem Maßstab nachgestellt. Laxness hat Anteil am Weltge­schehen genommen, hat sich umgesehen in Europa und anderswo, doch allzu oft mit dem Blick des Inselbewohners auf eine fremde, große Welt: „Der Anblick der deutschen Städte nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hinterließ einen tiefen und widersprüchlichen Eindruck in der Seele des jungen isländischen Mannes. Prächtige mitteleuropäische Großbauten, Kirchen und Paläste, wohin man blickte – auf Schritt und Tritt begegnete der Besucher der Geschichte und den Folgen von Krieg, Revolutions- und Bürger­kriegszuständen [...].“ (129) Zu oft, und noch in späten Jahren, bleiben Laxness’ europäische Reiseimpressionen eigenartig naiv und pauschal. Der Blick von außen, von jenseits des Meeres, mag anfangs er­hellend wirken, weil er den „Mitteleuropäer“ lehrt, sich selbst als Exoten zu sehen. Doch stellt sich ein Gefühl des Mangels ein: Zu holzschnittartig, unter­scheidungsarm, zu einfach stellen sich Laxness’ Betrachtungen dar. Gudmundsson selber macht Laxness’ Fremdheit gegenüber den kontinentalen Diskursen zum Thema:

„Höchstwahrscheinlich war Halldór Laxness’ Liebäugeln mit der Avantgarde nie­mals mehr gewesen als eben dies: ein Liebäugeln. Der Erzähler entsprach nach wie vor am meistem seinem Naturell, die breite epische Form stand ihm am näch­sten. Dafür sind einige Gründe zu nennen: Die Grundlagen für das künstler­ische Schaffen waren im Island des beginnenden 20. Jahrhunderts mager, ge­schweige denn die Grundlagen für eine avantgardistische Kunst.“ (395)

Kein Zweifel: Halldór Laxness ist ein ‚Jahrhundertschriftsteller’ – wie Julien Gracq und Ernst Jünger: Seine Lebensspanne reicht von 1902 bis 1998. Laxness’ geistiger Ambitus umfängt Kommunismus, Katholizismus und Tao. Politisch ist er Pazifist und (zunehmend kritischer) Fürsprecher der kommunistischen Weltrevolution. Nun ist dies alles nicht ungewöhnlich: Bei Sartre oder Brecht werden dieselben Konflikte ausgetragen – aber ‚vor Ort’ und in ‚heißerer’, engagierterer Form. Freilich: An Naivität und Ver­blendung werden die kontinentalen Propagandisten der Weltrevolution mühe­los übertroffen:

„Halldór Laxness kam in einem Artikel Ende September [1939] noch einmal auf die Vorzüge des Paktes zwischen Hitler und Stalin zurück, als die Teilung Polens Realität geworden war und die Rote Armee an der Weichsel stand. Er ist zugleich ein Beleg dafür, wie absurd die Schlussfolgerungen seiner Argumentation waren, und man kann ihm nur noch zugutehalten, dass er gar keinen Versuch unternahm, dies zu verbergen. Er freute sich schlichtweg darüber, dass drei Wochen nach Unterzeichnung des Paktes „der Bolschewismus an die Ufer der Weichsel vorgedrungen“ sei.

„Fünfzehn Millionen Menschen in einem mittelalterlichen Lehnsstaat, der für das größte Elend der bäuerlichen Gesellschaft in der westlichen Welt Berühmtheit er­langt hatte, haben ohne größere Zusammenstöße oder erhebliches Blutver­gießen den Sprung in das Sowjetsystem des Arbeiter- und Bauernstaates voll­zogen. [...] Zugleich ist der Kampf gegen den Faschismus nicht mehr das Motto oder nur noch in begrenztem Maße: Dieser gefährlichen Waffe des Kapitals wurde seine Schärfe genommen, die Reißzähne aus dem Maul der Bestie gezogen, die den Bolsche­wiken hätte zerreißen sollen. Zurück blieb ein alter zahmer Köter [Nazi-Deutsch­land], dem einen gehörigen Tritt zu versetzen, kein Bolschewik die Mühe wert findet.“ (472f)

Zugegeben: Gerade die holzschnittartige, archaisierende Simplifizierung, von ‚dekadenter’ Nuancierung unangekränkelt, trägt zu Laxness’ Erfolgen beim europäischen Publikum bei. Der Autor gerät zum Rhapsoden, Snorri Sturluson redivivus. Zum kundigen Beobachter moderner Verhältnisse taugt dieser aber wenig. Mag Laxness das ganz Andere der Moderne, ihren äußersten Rand, verkörpern – ihr Eigenes auszuleuchten, ist ihm gerade deshalb nicht gegeben. So bleibt er im Grunde ein isländisches Phänomen – dies ist beileibe nicht wenig:

„Halldór Laxness war der letzte Nationaldichter Europas. Nicht weil ihn eine ganze Nation geliebt oder seine Veröffentlichungen gleichermaßen geschätzt hätte. Nein, er war Nationaldichter, weil sich zur Zeit seiner größten Erfolge fast ganz Island mit seinem Werk beschäftigte. Seine Bücher wurden von einem großen Publikum ent­hu­siastisch gefeiert, andere gerieten über das Geschriebene in Zorn, aber alle Werke hatten eines gemeinsam: Sie ließen keinen seiner Landsleute unberührt.“ (7)

Laxness und Islands Sagentradition ist Gudmunssons biographische Prosa in einer Hinsicht durchaus ähnlich: im Verzicht auf psychologische Ver­tief­ung. Die Oberfläche eines Lebens wird sorgfältig abgetastet, ohne Hinter- und Abgründe allzu insistent zu erkunden. Dies muss kein Nachteil sein, doch es bezeichnet eine Grenze: Zumal in der epischen Breite von 800 Seiten kann eine Empfindung aufkommen, die gediegener Langeweile ent­spricht.

Es handelt sich bei Halldór Laxness – contradictio in adiecto – um ein bibliophiles Taschenbuch, das mit Liebe und Sorgfalt gestaltet wurde. Für 18 Euro wurden niemals schöneres Papier und zahlreichere Photographien geboten. Typographie und haptische Anmutung können sich sehen und fühlen lassen. Das Layout wartet mit aparten Gimmicks auf, ohne indezent zu erscheinen. Auch liegt das pfundschwere Buch angenehm in den Händen. Vor allem: Die Übersetzung (Helmut Lugmayr) ist ungemein sorg­fältig erarbeitet worden. (Islands Literaturfonds hat sie kofinanziert.) Dies alles betrifft nur die Form, ist aber bedeutsam, denn schöne Bücher sind selten geworden. Und: Dem Inhalt nach ist Halldór Laxness weniger enthusiasmierend.

Ob ein Gleiches für Laxness’ Romane gilt, lässt sich unschwer prüfen: Im Steidl-Verlag liegt eine musterhafte deutsche Werkausgabe vor.

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