Sternstunde eines Theologen

von Thomas Rießinger

Neben Joseph Ratzinger und Eugen Drewermann dürfte Hans Küng wohl einer der bekanntesten deutschsprachigen katholischen Theologen sein, und vermutlich liegt es daran, dass ihm das Magazin stern ein recht ausführliches Interview gewidmet hat, in dem er seine Auffassungen über die Kirche und den Glauben, über das Jenseits, das Leid und den Atheismus darlegen konnte.[1] Obwohl Küng von seinem Interviewer Arno Luik weder im Ton noch in den Akzenten seiner Fragestellung übermäßig freundlich behandelt wird, schafft er es in gewohnter Weise, seine schon seit langem vertraute Mischung aus Selbstüberschätzung und schwacher Argumentation an den Mann zu bringen und dabei so zu tun, als müsse man nur auf ihn hören, um eine Menge wichtiger Probleme zu lösen. Wie er das macht, will ich im Folgenden zeigen.

Luik eröffnet das Interview mit einer Schilderung seiner Tante, die sich den Kopf darüber zerbreche, in welchem Zustand sie wohl im Jenseits ihre verstorbene Verwandtschaft und Bekanntschaft vorfinden werde. Dieses Problem kann Küng zwar verstehen, aber er meint, man wisse nicht, „was einen hinter der Tür des Todes erwartet, ich kann und will mir den Himmel nicht vorstellen.“ Und damit hat er schon den ersten Widerspruch abgeliefert, denn indem er die Existenz eines „Himmels“ voraussetzt, hat er immerhin schon die grundsätzliche Erwartung geäußert, dass ihn hinter der „Tür des Todes“ überhaupt irgend etwas erwartet, dass es eine Form der Existenz nach dem Tod gibt. Es ist zwar sein gutes Recht, das zu glauben, aber was macht diesen Glauben besser als den von Luik zitierten Glauben Ratzingers, Johannes Paul II stehe auf dem Balkon im Hause des Herrn und sehe uns von oben zu? Küngs Meinung, das sei vormodern und populistisch, mag zutreffen, allerdings kann man diesen Vorwurf ohne größere Probleme auf jede Form des Gottesglaubens ausweiten, der die Menschen auf ein Leben nach dem Tode vertröstet. Um es noch einmal zu sagen: nach Küngs durchaus zutreffender Meinung weiß man nicht, „was einen hinter der Tür des Todes erwartet.“ Es ist daher einigermaßen verwunderlich, wieso „aufgeklärte Christen verstehen“ können, „dass im Jenseits keine Leiche aufgeweckt wird, sondern ... eine völlige Veränderung der Daseinsweise stattfindet.“ Das weiß man aber auch nicht, denn auch diese ominöse veränderte Daseinsweise findet schließlich hinter der Tür des Todes statt, und nach Küngs eigenen Worten kann man über die Gepflogenheiten hinter dieser Tür nichts wissen – es sei denn, man heißt Hans Küng und weiß es eben doch. Immerhin äußert er ja auch am Ende des Interviews, dass er an das ewige Leben glaubt und gerne Mozart und Thomas Morus kennen lernen würde. Vielleicht treffen sie sich dann ja alle mit Johannes Paul II auf dem Balkon im Haus des Herrn.

Nachdem nun das Problem des Jenseits abgehandelt ist, geht Luik zu der sehr diesseitigen Frage nach Küngs Wirkung in dieser Welt über und meint, sein Leben müsse doch angesichts der mangelnden Wirksamkeit eher enttäuschend gewesen sein. Schon die erste Antwort Küngs auf diese einigermaßen provozierende Frage ist bezeichnend. „Ich habe, in aller Bescheidenheit, schon einiges geleistet, um das Christentum, Religion und Ethos dem heutigen Menschen wieder verständlich zu machen.“ Die alte Beobachtung, dass Liebhaber der Formulierung „in aller Bescheidenheit“ nur selten zu der viel beschworenen Bescheidenheit neigen, findet hier wieder einmal eine Bestätigung. Dem heutigen Menschen hat Küng das Christentum und die Religion, wie er sie versteht, tatsächlich nahe gebracht durch Formulierungen wie: „Gott in der Welt, die Transzendenz in der Immanenz, die Jenseitigkeit in der Diesseitigkeit“[2] oder durch Beschreibungen von Gott als „die absolut-relative, diesseitig-jenseitige, transzendent-immanente, allesumgreifend-allesdurchwaltende wirklichste Wirklichkeit im Herzen der Dinge, im Menschen, in der Menschheitsgeschichte, in der Welt.“[3] Ich möchte darauf hinweisen, dass er solche definitorischen Leistungen in seinem Buch „Existiert Gott?“ als ein konsequentes Denken bezüglich des antiquierten Gottesbildes bezeichnet hat[4], woraus ich wohl die Folgerung ziehen muss, dass seine Formulierungen und Beschreibungen zum Gottesbegriff genau das sind, was er als seine ureigenste Leistung in Anspruch nimmt: die Religion „dem heutigen Menschen wieder verständlich zu machen“, weil auch der heutige Mensch von alleine wohl kaum auf die Idee gekommen wäre, so etwas wie den Küngschen verbalen Gemischtwarenhandel zu produzieren, wenn er denn das Bedürfnis hat, von einem wie auch immer gearteten Gott zu sprechen. Eine genauere Analyse von Küngs Gottesbegriff und Argumentationsweise kann man in Hans Alberts Buch „Das Elend der Theologie“[5] in unüberbietbarer Deutlichkeit finden; hier muss ich es mit diesen kurzen Bemerkungen gut sein lassen.

Zurück zu der Sternstunde unseres Theologen, der gleich im nächsten Satz sein Talent zu Missverständnissen unter Beweis stellt. Luik macht nämlich einen weiteren Anlauf zum Nachweis der Vergeblichkeit von Küngs irdischen Mühen, den er mit den Worten „Ihrem Eifer zum Trotz ...“ einleitet, wird aber sofort unterbrochen: „Ich war und bin kein Eiferer, kein Heiliger.“ Hat das jemand behauptet? Man kann mit Eifer bei einer Sache sein, was übrigens auch im Fall Küng kaum jemand bestreiten wird, ohne damit gleich zum Eiferer zu werden, und schon gar nicht zum Heiligen. Wie es scheint, kann oder will Küng nicht zwischen einem Eiferer und einem Eifrigen unterscheiden, und da ihm die Richtung der Frage nicht passt, macht er sich den Gleichklang zu Nutze: so kann man dem heutigen Menschen vielleicht die Religion nahe bringen, nicht aber die Vernunft. Luik lässt sich von diesem Manöver denn auch nicht beeindrucken, ersetzt einfach das Wort „Eifer“ durch „Einsatz“ und weist darauf hin, dass trotz Küngs Bemühungen die Anzahl der Kirchenmitglieder im Schwinden begriffen sei und alles Küng’sche Schreiben für den Glauben nichts gebracht habe. Das weist Küng natürlich weit von sich. „Nein, ich hatte Erfolg! Ungezählte Menschen schreiben mir – täglich –, was ich für eine Hilfe für sie gewesen bin.“ Das mag schon sein. Fernsehköche bekommen auch viel Post. Muss man deshalb annehmen, dass ihre Zuschauer besser kochen können? Und, was noch viel schlimmer ist, kann man daraus wenigstens schließen, dass die vor der Kamera agierenden Köche ihr Handwerk einigermaßen verstehen? Für beide Annahmen sind keine Gründe zu erkennen, und bei schreibenden Theologen sieht die Lage nicht anders aus als bei Köchen, die in Kameras lachen. Niemand bestreitet, dass Küng viele Bücher verkauft hat, und auch die Briefe, die ihn erreichen, will ich nicht anzweifeln, wobei ich doch anmerken möchte, dass er hier anstatt „ungezählt“ offenbar „unzählig“ hätte sagen müssen, denn auch zwei Menschen können ungezählt sein, sofern sich keiner die Mühe machen möchte, bis zwei zu zählen. Daraus kann man aber nur folgern, dass in vielen Regalen und Bücherschränken der Name Küng auftauchen wird und dass etliche seiner Leser ihm Briefe geschrieben haben. Ich kann nicht erkennen, inwieweit Küng damit die Auflösungserscheinungen der Kirche, die sich in schwindenden Mitgliederzahlen äußern, aufgehalten hätte, denn – um das nicht ganz aus den Augen zu verlieren – darauf bezog sich die ursprüngliche Frage, die Küng zum Anlass genommen hat, sich über die Anzahl der ihn erreichenden Briefe zu verbreiten.

Dieses Problem löst er aber sofort selbst, denn er meint, viele hätten ohne ihn die Kirche aufgegeben und seien nur noch geblieben, weil er es dort aushalte. Das ist nun aber eine eigenartige Einschätzung seines Erfolges. Ist er tatsächlich daran interessiert, dass Menschen in der Kirche bleiben, nur weil er sie noch nicht verlassen hat? Bisher war ich der Meinung, man sei deshalb Kirchenmitglied, weil man sich mehr oder weniger mit der dort vorherrschenden Spielart des Christentums identifizieren könne, und nicht, weil ein Tübinger Professor sich noch nicht zum Kirchenaustritt hat durchringen können. Sollte Küng tatsächlich die Anzahl der wegen seiner Person in der Kirche Verbliebenen als Gradmesser seines Erfolges ansehen, so muss ihm für die Zukunft der Kirche nach seinem Tod angst und bang werden.

Vielleicht liegt es auch an dieser etwas seltsamen Einschätzung seiner historischen Rolle, dass Luik gleich anschließend meint, Küngs Gegenspieler Ratzinger sei Papst geworden, während er selbst nur eine Fußnote darstelle – immerhin kann, wenn man Küngs eigene Worte ernst nimmt, seine Bedeutung für Kirche und Religion über seinen Tod hinaus nur eine ausgesprochen geringe sein, womit die Charakterisierung als Fußnote problemlos gerechtfertigt wäre. Das sieht Küng natürlich ganz anders, er bezichtigt seinen Interviewer der Unverfrorenheit, weil er schließlich nicht in die Zukunft schauen könne, obwohl er ja selbst zu Anfang des Interviews sich sogar über die Zeit nach dem Tode geäußert und den auf dem himmlischen Balkon stehenden Johannes Paul schlicht abgestritten hat. Luik hat nichts weiter als eine Prognose gewagt, die zwar nicht sehr schmeichelhaft für Küng sein mag, aber auch keineswegs unverfroren oder beleidigend ist, denn üblicherweise bringen es die wenigsten Menschen und auch die wenigsten Theologen auch nur zu einer Fußnote in der Geschichte. Dennoch scheint sich Küng im Rahmen einer historischen Fußnote nicht ausreichend gewürdigt zu finden. Um den Unterschied zwischen sich und Ratzinger zu verdeutlichen, greift er auf den Kirchenlehrer Thomas von Aquin, der nie ein wichtiges Amt bekleidet habe, und den zu seiner Zeit regierenden Papst Innozenz III zurück. Er wolle sich zwar nicht auf eine Stufe mit Thomas von Aquin stellen, aber der mächtige Papst Innozenz sei heute eine Fußnote unter Historikern, während Thomas von Aquin weiterhin als Autorität zitiert werde. „Nein,“ sagt er dann, „ich fühle mich nicht als Verlierer.“

Schon wieder muss der Leser ein wenig stutzen in Anbetracht von Küngs Argumentation. Es steht ja ohne Frage fest, dass die Wirksamkeit in der Geschichte nicht unbedingt davon abhängt, ob eine historische Figur Papst, Kirchenlehrer, Schriftsteller, Physiker oder Attentäter gewesen ist. Das bestreitet auch Luik nicht, der Küng immerhin den Rang einer Fußnote in der Geschichte zugestehen wollte, was mehr ist, als die meisten Menschen jemals erreichenkönnen. Aber warum muss Küng den Vergleich mit Thomas von Aquin heranziehen, der auf mehreren Füßen hinkt? Man kann nicht einerseits sagen, man wolle sich nicht auf eine Höhe mit einer Vergleichsfigur stellen, um dann im gleichen Atemzug den historischen Rang dieser Vergleichsgestalt als Argument für die eigene Bedeutung einzusetzen. So etwas kann man bestenfalls als undurchdacht bezeichnen. Aber selbst wenn ich von diesem Punkt einmal absehe, scheint auch Küngs historisches Beispiel nicht sehr glücklich gewählt zu sein. Es ist unbestritten, dass Innozenz III vor allem in das Interessengebiet bestimmter Historiker fällt, die sich für die Zeit des späten zwölften und des frühen dreizehnten Jahrhunderts interessieren. In diesen Kreisen kann man ihn allerdings kaum als eine Fußnote bezeichnen, er spielte sowohl in theologischer als auch in politischer Hinsicht eine erhebliche Rolle, weshalb er auch heute noch als bedeutsame historische Persönlichkeit bezeichnet werden kann. Was erwartet Küng von einer historischen Figur, die mehr als eine Fußnote verdient? Er wird kaum behaupten wollen, dass die thomistische Theologie und Philosophie bevorzugte Themen in deutschen Wohnzimmern sind. In Theologenkreisen interessiert man sich natürlich auch heute noch für Thomas von Aquin, genauso wie man in Historikerkreisen Interesse für Innozenz III aufbringt. Wie nun aber die Wirkungsmächtigkeit der einzelnen Personen einzuschätzen ist und was das mit dem Erfolg Hans Küngs zu tun hat, das konnte unser Theologe nicht verdeutlichen. Vielleicht sollte man ihn darauf aufmerksam machen, dass Thomas von Aquin Ende 1273 in das so genannte „Schweigen des Thomas“ eingetreten ist und nichts mehr verfasst hat, was auch manch einem Theologen unserer Tage gut zu Gesicht stehen könnte.

Küng ist allerdings vom Schweigen weit entfernt, denn gleich im nächsten Absatz enthüllt er seine eigentliche Mission. Es sei nämlich sehr betrüblich, dass Ratzinger „nicht denselben Weg weitergegangen ist wie ich. Dann hätten wir jetzt wahrscheinlich nicht diese Spaltung der katholischen Kirche in Ober- und Unterkirche. Ich repräsentiere die Unterkirche, er steht für die Oberkirche.“ Seine Arbeit sei darauf gerichtet gewesen, dass sich die autoritäre Oberkirche ändere. Da haben wir es schon. Hätte nur Ratzinger auf Küng gehört und wäre er den gleichen Weg gegangen wie Küng, dann ginge es der katholischen Kirche gut. Er sagt zwar nicht, was man unter einer Unter- und Oberkirche zu verstehen hat, abgesehen davon, dass die Oberkirche autoritär ist, er sagt nicht, welchen „Weg der Reform“ man hätte beschreiten sollen und wie er auf die Idee kommt, dass auf seinem Weg die „Spaltung der katholischen Kirche“ nicht hätte stattfinden müssen. Wenigstens eine Andeutung hätte man dem Leser schon zumuten können, die schlichte Proklamation, dass Küngs Weg der Reform der bessere gewesen wäre, reicht nicht aus. Im Übrigen muss man sich fragen, wieso er eigentlich die Unterkirche repräsentieren soll. Hat man ihn zum Repräsentanten gewählt? Wenn ja: wovon? Oder ernennt er sich hier einfach zum Repräsentanten seiner „Unterkirche“, von der der Leser erst einmal gern gewusst hätte, was er darunter verstehen soll. Immerhin schwingt er sich noch zu der Aussage auf, man könne „die alte Zeit nicht zurückholen“. Dagegen ist nichts zu sagen, allerdings hätte es nicht geschadet, diese Einsicht auch auf sich selbst anzuwenden. Was soll man beispielsweise von der Formulierung halten, der biblische Gottesglaube habe sich in einer mehrtausendjährigen Geschichte bewährt, der Gott Israels sei für die Glaubenden der eine und einzige Gott, „er trägt unverwechselbar den einen Namen Jahwe; an ihn allein soll der Mensch glauben“?[6] Ein direkter Rekurs auf den biblischen Gottesglauben, der nicht allein schon deshalb der alten Zeit nicht mehr zuzurechnen ist, weil Küng behauptet, er habe sich Jahrtausende lang bewährt und sei zudem rational verantwortbar. Man darf hier nicht übersehen, dass Küng das alte biblische Gottesbild propagiert, einen einzigen Gott, eine Wesenheit, die einen bestimmten Namen trägt und von den Menschen erwartet, dass sie an ihn glauben. An anderen Stellen seiner Publikationen versucht er zwar immer wieder, sich vor den damit verbundenen Problemen zu schützen, etwa indem er behauptet, Gott sei „weder personal, noch apersonal“, sondern transpersonal[7] – ein Begriff von schönster Küngscher Unbestimmtheit, der ohne Frage dazu beitragen kann, dass der heutige Leser die antropomorphe biblische Gottesvorstellung nicht mehr den alten, sondern Küngs neuen Zeiten zuordnet. Sein Anspruch, ein Gottesbild zu vertreten, das nicht mit den Problemen der „alten Zeit“ belastet ist, löst sich immer wieder auf, sobald man einen genaueren Blick auf seine hoch klingenden Wortschöpfungen wirft.

Sein Interviewer Luik will das denn auch nicht so einfach stehen lassen, sondern fragt, warum man nach mehr als zweihundert Jahren der Aufklärung noch an Gott glauben solle. Küngs erste Antwort lautet, tatsächlich gebe es tausend Gründe dagegen, aber man ahnt schon, dass er dabei nicht stehen bleiben wird. Man könne, fährt er fort, „angesichts des Elends in der Welt und im eigenen Leben ... entweder an Gott verzweifeln oder auf Gott vertrauen.“ Hier begegnen wir einem Muster seiner Argumentationstechnik, dessen er sich schon immer gerne bedient hat: dem Alternativ-Radikalismus, der Erpressung mit der einzigen Alternative.[8] Es ist nämlich keineswegs so, dass man in Anbetracht des Elends der Welt nur die von ihm apostrophierten Möglichkeiten hätte. Selbst wenn man die Existenz Gottes voraussetzt, könnte man ohne jede Verzweiflung darüber nachdenken, warum er sich so eigenartig zu seinen Geschöpfen verhält, oder man könnte – wie das auch oft unter Menschen geschieht –sein Verhalten mit einem gesunden Misstrauen quittieren und versuchen, mit der Welt zurecht zu kommen, ohne deshalb gleich in Verzweiflung zu verfallen. Und selbstverständlich besteht immer die Möglichkeit, von der Nichtexistenz eines Gottes auszugehen, der Elend und Leid in der von ihm geschaffenen Welt zulässt: an Gott erst gar nicht zu glauben ist nicht das Gleiche, wie an ihm zu verzweifeln.

Anscheinend war Küng diese scheinbare Alternative gar nicht so wichtig, da er anschließend meint, man könne die Existenz Gottes nicht mit logisch zwingenden Argumenten begründen, worin ihm mit Ausnahme des katholischen Philosophen Robert Spaemann vermutlich keiner widersprechen wird. „Gottes Existenz,“ meint er, „ist eine Frage des vernünftigen Vertrauens.“ Auf dieses Vertrauen wird er kurz darauf noch einmal zu sprechen kommen, weshalb ich die Diskussion seines so genannten Grundvertrauens auf später verschiebe. Zunächst ist es interessant zu sehen, wie er auf die ihm von Luik entgegengehaltene Äußerung Mark Twains reagiert, der Glaube bedeute, an etwas zu glauben, von dem man wisse, dass es nicht wahr sei. Küng scheint das nicht zu gefallen, er bezeichnet Twains Bonmot als sehr schlechten Scherz, obwohl es sich doch nur um die etwas zeitgemäßere Formulierung des bekannten „Creo quia absurdum“handelt: ich glaube, weil es absurd, weil es widervernünftig ist. Immerhin hat Tertullian, einer der Kirchenväter, die Auffassung vertreten, der Auferstehungsglaube sei gewiss, weil er unmöglich sei. Küng nennt also die Lehrmeinung eines Kirchenvaters einen sehr schlechten Scherz – vielleicht war ja Tertullian im Gegensatz zu Thomas von Aquin auch nur eine Fußnote in der Geschichte. Er will es aber offenbar beim Abqualifizieren nicht bewenden lassen, sondern setzt Mark Twain ein Zitat aus dem Hebräerbrief des Apostels Paulus entgegen: „Der Glaube ist ein Feststehen in dem, was man erhofft, ein Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.“ Ist das besser? Man kann natürlich wider alles bessere Wissen in einer illusorischen Hoffnung verhaftet bleiben, und wer das als Glaube bezeichnen will, der darf das gerne tun. Eine Illusion bleibt trotzdem eine Illusion, auch wenn man in der Hoffnung auf sie verharrt. Und um von Dingen, die man nicht sieht, überzeugt zu sein, braucht man ganz sicher keinen religiösen Glauben. Jeder von uns wird ständig von Sachverhalten überzeugt sein, die man nicht sieht, wie zum Beispiel der Tatsache, dass sich die Erde um die Sonne dreht, obwohl der Augenschein das Gegenteil behauptet. Der Grund für Zustimmungen dieser Art liegt aber oft genug in der Existenz einer plausiblen oder gar wissenschaftlichen Erklärung für die beobachteten Phänomene, die zwar der Alltagsinterpretation der direkten Wahrnehmung widersprechen mag, aber durch ihre Erklärungskraft überzeugen kann. Um von Dingen überzeugt zu sein, „die man nicht sieht“, muss man also keineswegs auf den religiösen Glauben zurückgreifen, sondern kann sich auf die irdische Wissenschaft beschränken.

Dennoch schafft es Küng, aus seinem Pauluszitat die Schlussfolgerung zu ziehen, es gebe tausend Gründe, warum ein Mensch „trotz aller Widrigkeiten des Lebens an Gott glauben kann.“ Glaube sei „zunächst eine Frage des Grundvertrauens. Des Lebensvertrauens.“ Da haben wir also das bereits angekündigte Grundvertrauen, das Küng schon seit Jahrzehnten als wesentlichen Stützpfeiler seines rational verantwortbaren Gottesglaubens ansieht. Ebenfalls seit Jahrzehnten könnte er wissen, dass seine Denkkunststücke zur rationalen Rechtfertigung der Existenz Gottes gescheitert sind, wenn er nur die vorliegende Kritik an seinen angeblichen Argumenten zur Kenntnis genommen hätte. In seinem Interview äußert er sich über seine Theologie des Grundvertrauens so vage, dass man nur schwer sehen kann, was er wohl mit dem Satz, Glaube sei zunächst eine Frage des Grundvertrauens, gemeint haben könnte. Ich will daher kurz seine darauf bezogenen Argumente darstellen, die er in seinem Buch „Existiert Gott?“ entwickelt hat und nach wie vor vertritt. Eine ausführliche Untersuchung dieses Themas hat Hans Albert vorgenommen[9], der unter anderem Küngs Ableitung eines rational vertretbaren Glaubens aus dem erwähnten Grundvertrauen analysiert und einer durchschlagenden Kritik unterzogen hat.

Was hat es nun mit diesem Grundvertrauen auf sich? Der Mensch, so meint Küng, habe nur die Wahl zwischen einem grundlegenden Misstrauen und einem grundlegenden Vertrauen in die „fragliche Wirklichkeit“.[10] Sofern er sich für das konsequente Misstrauen entscheide, könne er es aber nicht konsequent durchhalten, weil es auf eine „nihilistische Fixierung auf die Nichtigkeit der Wirklichkeit“ und eine „abgründige Ungewissheit“ hinauslaufe. Dagegen öffne man sich im Grundvertrauen eben dieser fraglichen Wirklichkeit und erhalte eine „antinihilistische Grundgewissheit“. Man sieht schon an der Beschreibung der beiden – angeblich grundlegenden – möglichen Positionen, wo Küngs Sympathien liegen. Albert hat aber zu Recht darauf hingewiesen, dass hier wieder einmal eine durch nichts begründete „Erpressung mit der einzigen Alternative“[11] vorliegt, die eine beliebig große Zahl von Zwischentönen völlig willkürlich ausschaltet. Schließlich kann beispielsweise auch „der Misstrauische ... hin und wieder vertrauen, und der Vertrauende kann hin und wieder misstrauen.“[12] Üblicherweise pflegt man im Verlauf seines Lebens oder auch nur innerhalb eines Tages manchen Aspekten der „fraglichen Wirklichkeit“ ein gewisses Maß an Vertrauen entgegen zu bringen, weil sonst zum Beispiel kein einigermaßen geregelter Straßenverkehr mehr stattfinden könnte, während man anderen Aspekten mit einem durchaus begründeten Misstrauen begegnet, was nicht nur für Steuerbescheide und Wahlkampfversprechen gilt, sondern vermutlich auch für die radikalen Alternativen mancher Theologen. Es kann daher überhaupt nicht die Rede davon sein, dass man sich für ein positiv akzentuiertes Grundvertrauen oder ein negativ belastetes Grundmisstrauen entscheiden müsste, um mit dem eigenen Leben zurecht zu kommen. „Man kann ... durchaus die Fraglichkeit der Wirklichkeit sehen, aber dennoch bis zu einem gewissen Grade darauf vertrauen, dass unter Umständen ein sinnvolles Leben möglich ist,“[13] wenn auch vielleicht auf andere Weise, als Küng es gerne hätte.

Mit seiner radikalen Alternative zwischen Grundvertrauen und Grundmisstrauen ist Küng also gescheitert. Tun wir aber um das Argumentes Willen einmal so, als hätten wir das nicht bemerkt und sehen zu, warum nun dieses Grundvertrauen zum Glauben an Gott führt, denn genau das hat er ja im Interview behauptet: „Glaube ist zunächst eine Frage des Grundvertrauens.“ Küngs Argument ist recht einfach, und man muss sich wundern, warum vor ihm noch niemand darauf gekommen ist. Er definiert sich einen Gottesbegriff zusammen, der darauf hinausläuft, dass Gott „als der Tragende, Haltende, Geleitende uns in allem Leben und Bewegen, Scheitern und Fallen schon immer gegenwärtig“ sei[14], und stellt dann einen Satz auf, den er für eine Hypothese zur Existenz Gottes hält: „Wenn Gott existierte, dann: wäre die gründende Wirklichkeit selbst nicht mehr letztlich unbegründet; wäre die sich haltende Wirklichkeit nicht mehr letztlich haltlos...“[15], und zwar deshalb, weil ja der von Küng definierte Gott der „Ur-Grund“ und der „Ur-Halt“ sei. Da nun aber der Mensch ohne das oben angeführte Grundvertrauen nicht so recht auskommen könne, müsse er auch die Existenz Gottes akzeptieren, denn „das Nein zu Gott bedeutet ein letztlich unbegründetes Grundvertrauen zur Wirklichkeit“, während das Ja zu Gott natürlich dieses Grundvertrauen ohne Weiteres begründen könne.[16] Deshalb sei der Gottesglaube ebenso wie das Grundvertrauen in die Wirklichkeit rational verantwortbar.

Das hält er tatsächlich für ein Argument, es ist nicht einfach nur eine intellektuelle Jugendsünde aus der Zeit von „Existiert Gott?“, sondern er spricht auch in seinem Interview noch immer vom Glauben als einer Frage des Grundvertrauens und spricht die Einladung aus, „Gott als Hypothese“ zuzulassen. Dabei hat er nicht einmal eine Hypothese aufgestellt, wie man sofort sieht, wenn man seinen Gottesbegriff mit der angeblichen Hypothese vergleicht. Küngs Gott ist als das Tragende und Haltende, als der Ur-Grund und der Ur-Halt definiert. Ersetzt man nun in der „Hypothese“ den Begriff „Gott“ durch „Ur-Grund und Ur-Halt“, dann lautet sie: Wenn der Ur-Grund und Ur-Halt existierte, dann wäre die gründende Wirklichkeit selbst nicht mehr letztlich unbegründet, wäre die sich haltende Wirklichkeit nicht mehr letztlich haltlos. Kürzer gesagt: wenn es einen Ur-Grund und Ur-Halt gibt, dann gibt es einen Grund und einen Halt. Das ist nicht überraschend und von einer Hypothese weit entfernt. Wenn es einen rosa Elefanten gibt, dann gibt es auch einen rosa Elefanten; auf genau diesem Argumentationsniveau bewegt sich bedauerlicherweise Küngs Hypothese von der Existenz Gottes. Mit einem völlig inhaltsleeren Satz, der nur aussagt, dass aus einer bestimmten Voraussetzung eben diese Voraussetzung folgt, kann man nichts begründen, nicht einmal Küngs ohnehin zweifelhaftes Grundvertrauen. Und was noch schlimmer ist: mit dem gleichen Verfahren lässt sich schlichtweg jede Art von Gottesvorstellung als rational verantwortbar deklarieren. Wer beispielsweise zur Gewalttätigkeit neigt und der Auffassung ist, mit Gewalt ließen sich alle Probleme lösen, dem kann man guten Gewissens ein Grundvertrauen in die Gewaltsamkeit unterstellen. Nun kann er aber seinen Gott, wenn er denn an einer Begründung seines Grundvertrauens interessiert sein sollte, als die Ur-Gewalt, den Ur-Hass oder auch den Ur-Zwang definieren – hinreichend viele Bibelstellen dürften übrigens eine solche Definition nahe legen. Ist man aber erst einmal so weit gelangt, dann liegt nichts näher als eine Hypothese vom Küng-Typ aufzustellen: wenn Gott existierte, dann wäre die grundlegende Gewalt selbst nicht mehr letztlich unbegründet, wäre die hasserfüllte Wirklichkeit eingebettet in einen allumfassenden, allesumwaltenden Hass. Die Struktur ist genau die gleiche wie in Küngs Darlegungen, das Resultat allerdings ein anderes, das Küng wohl kaum wünschen würde. Menschliches Wunschdenken ist aber kein gutes Argument.

Ich gebe gern zu, dass mich bei Küngs gedanklichen Taschenspielertricks nicht so sehr der Umstand stört, dass er mit dem Gestus des großen Denkers Banalitäten oder gar Fehlschlüsse als Erkenntnisse produziert. Das haben auch schon andere getan. Schlimmer ist, dass er es besser wissen könnte, denn die oben angeführte Kritik an seiner Konstruktion ist keineswegs neu, sondern liegt bereits seit dreißig Jahren in Form der Analysen von Hans Albert vor. Dass Küng die fundierte Kritik großzügig ignoriert und so tut, als könnte er seine längst gescheiterten Thesen einfach so aufrecht erhalten – das verdient den Vorwurf, den er seinem Interviewer grundlos vorgehalten hat, den Vorwurf der Unverfrorenheit.

Nun könnte man natürlich die Hoffnung hegen, dass Küng mittlerweile neue Gründe für einen rational verantwortbaren Glauben an Gott gefunden hat, die er in seinem Interview darlegt. Das ist aber leider nicht der Fall, er verweist auf die „philosophische Grundfrage, warum etwas ist und nicht nichts, oder die unerklärbare Herkunft der fundamentalen Naturkonstanten oder der Lichtgeschwindigkeit“, ganz zu schweigen vom „Unendlichkeitsproblem in der Mathematik“ und den „Spuren von Transzendenz in der Musik – all das kann Einladung sein zum Glauben an Gott.“ Warum das so sein soll, verrät uns der Theologe nicht. Sicher würde er seine philosophische Grundfrage mit dem Hinweis beantworten, dass eben Gott dieses „Etwas“ geschaffen habe und deshalb nicht nichts sei, aber das führt nur zu der weiteren Frage, warum denn wohl Gott existiere und nicht nichts. Die Annahme eines das Universum schaffenden Gottes, der zur Bewerkstelligung dieser heiklen Aufgabe sicher noch ein wenig komplexer und unbegreiflicher sein müsste als das Universum selbst, macht das Problem nur noch schwieriger und undurchschaubarer. Gleiches gilt für die unerklärbare Herkunft der Naturkonstanten: soll sich Gott wirklich damit vergnügt haben, in der Frühzeit des Universums den Wert der Lichtgeschwindigkeit oder der Feinstrukturkonstanten festzulegen, nur damit nach einigen Milliarden Jahren in irgend einem Winkel des Alls so etwas wie menschliches Leben entsteht? Und wenn ja: wieso sollte das die Herkunft der Naturkonstanten erklären, wenn doch Gott unergründlich ist und sich nicht in die Karten schauen lässt? Was das „Unendlichkeitsproblem in der Mathematik“ mit der Gottesfrage zu tun haben soll, ist mir nicht so recht klar geworden; vermutlich meint Küng, man könne das so genannte aktual Unendliche nur verstehen, wenn Gott im Hintergrund steht, der die Existenz dieses Unendlichen gewährleistet, aber auch dieser Ansatz würde schon daran scheitern, dass man Gott nicht verstehen kann. Und was er schließlich unter den „Spuren der Transzendenz in der Musik“ verstehen will, versuche ich erst gar nicht zu ergründen, es ist in jedem Fall weit entfernt von einem nachvollziehbaren Argument. All seine angeblichen Einladungen zum Glauben an Gott sind also nichts weiter als Wortgeklingel, das sich bei näherer Betrachtung in nichts auflöst.

Offenbar ist das auch dem Interviewer Luik aufgefallen, der einwendet, Richard Dawkins würde solche schön klingenden Worte als Unsinn bezeichnen. Das ist natürlich ein gutes Stichwort für Hans Küng, der zunächst einmal den Einwand produziert, es handle sich hier nicht um schön, sondern um wahr klingende Worte. Sehen wir einmal davon ab, dass nicht Worte wahr sein können, sondern nur Aussagen, so muss man sich trotzdem fragen, wie man die Wahrheit eines Wortes oder eines Satzes an seinem Klang erkennen kann. Wie es scheint, stehen einem Theologen da Möglichkeiten zur Verfügung, die mir fehlen. Unabhängig von Schönheit oder Wahrheit muss er aber darauf reagieren, dass man ihn mit Richard Dawkins konfrontiert, dessen Buch „Der Gotteswahn“[17] eine hohe Popularität erlangt hat und der gerne mit dem so genannten neuen Atheismus in Verbindung gebracht wird. „Kommen Sie mir doch nicht mit diesen neuen Atheisten!“ ruft Küng empört aus. Dawkins sei „ein Ideologe, der auf ein überholtes Gottesbild reagiert und überaus polemisch argumentiert, ohne allerdings neue Erkenntnisse herbeizuschaffen.“ Er, Küng, habe sich mit „den großen klassischen Atheisten auseinandergesetzt, Feuerbach, Marx, Nietzsche, Freud analysiert. Sie sind für mich intellektuell herausfordernd, nicht dieser ...“

Damit ist Küngs Analyse von Dawkins Auffassungen beendet. Selbst wenn ich für den Augenblick einmal davon ausgehe, dass sich Küng tatsächlich mit den „großen klassischen Atheisten“ auseinandergesetzt hat – was man tatsächlich nur mit viel Wohlwollen behaupten kann, – so ist das noch lange kein Grund, einen kleineren neuen Atheisten auf diese arrogante und ignorante Weise zu behandeln. Dass man Dawkins auf vielfältige Weise fundiert kritisieren kann, gestehe ich sofort zu. Das setzt aber voraus, dass man auf seine Thesen eingeht, dass man zur Kenntnis nimmt, was er zur Religionsproblematik zu sagen hat, und nicht einfach pauschal behauptet, er habe keine neuen Erkenntnisse herbeigeschafft und reagiere polemisch auf ein überholtes Gottesbild. Warum sollte man nicht polemisch formulieren, solange solche Formulierungen in einen argumentativen Kontext eingebettet sind, wie es in Dawkins „Gotteswahn“ tatsächlich der Fall ist? Selbstverständlich hätte Küng wie jeder andere das Recht, die vorgetragenen Argumente, etwa zur evolutionsbiologisch begründeten Entstehung des Gottesglaubens, zu analysieren und zu kritisieren. Die Mühe mag er sich aber nicht machen, weil er ja schon die klassischen Atheisten analysiert hat. Im Übrigen zeigen auch und gerade Küngs Bemühungen um ein neues, nicht mehr überholtes Gottesbild, die auf so et was wie „Gott in der Welt, die Transzendenz in der Immanenz, die Jenseitigkeit in der Diesseitigkeit“[18] hinauslaufen, dass man polemisch anmutende, aber dennoch sachlich begründete Argumente nicht nur in Bezug auf überholte Gottesbilder anführen kann.

Wie sieht es aber aus mit der Analyse der klassischen Atheisten, mit denen sich Küng auseinandergesetzt haben will? Das hat er in seinem Buch „Existiert Gott?“ tatsächlich, aber an dieser Auseinandersetzung ist er genauso gescheitert wie an seiner Herleitung eines rational verantwortbaren Gottesglaubens. Ich will dem Leser hier die Einzelheiten von Küngs Analyse ersparen und darf wieder auf die eingehenden und präzisen Untersuchungen von Hans Albert[19] verweisen. Nur kurz das Folgende. Die von Küng so genannten klassischen Atheisten wie Feuerbach, Marx oder Freud, die man wohl besser als Religionskritiker bezeichnen würde, haben – jeder auf seine Art – Erklärungen für das Entstehen religiöser Glaubensüberzeugungen vorgeschlagen, ohne dabei auf göttliche Wesenheiten zurückgreifen zu müssen, also Erklärungen im Sinne eines naturalistischen Forschungsbegriffs geliefert. Es war weder ihr Interesse noch ihr Ziel, den Atheismus zu beweisen, sondern zu erklären, wie so etwas wie eine Gottesvorstellung entstehen konnte. Selbstverständlich sind solche Erklärungen wie alle wissenschaftlichen Erklärungen hypothetisch und haben keinerlei endgültige Beweiskraft, weshalb insbesondere eine naturalistische Erklärung des Gottesglaubens nicht beweist, dass es keinen Gott gibt. Das hat auch keiner der „klassischen Atheisten“ behauptet. Küng hat ihnen in seiner Analyse aber vorgeworfen, dass sie nicht in der Lage seien, den Atheismus zu beweisen und dass somit auch der Atheismus nur ein reines Postulat darstelle. Damit verkennt er aber vollständig die Problemsituation. Schließlich sind es nicht die Atheisten, von denen die Existenz eines göttlichen Wesens postuliert wird, sondern die Vertreter des Gottesglaubens. Üblicherweise sollte man dann auch von diesen Vertretern erwarten, dass sie gute Gründe für ihr Postulat vorbringen und sich nicht zurücklehnen mit dem Hinweis, die Gegner des Existenzpostulats könnten ja ihre Position auch nicht beweisen. Mit dem gleichen Recht könnte man auch behaupten, Zeus sei nach einer langen Periode des Ruhens wieder aktiv geworden, habe sich aber leider entschlossen, nicht mehr auf der Erde zu wandeln, sondern werde nur noch aus unerreichbarer olympischer Ferne das Geschehen begleiten. Auch so etwas ist durch nichts zu widerlegen, da die unerreichbare olympische Ferne ebensowenig überprüft werden kann wie die Küng‘sche Transzendenz in der Immanenz. Wer die Existenz von Zeus oder auch die Existenz eines anderen Gottes postuliert, setzt „sich damit der Frage aus, inwiefern ein solches Postulat berechtigt ist.“[20] Der Atheist, sei es nun ein klassischer oder ein neuer, reagiert nur auf die Problemsituation, die der Gottgläubige schafft, und muss keineswegs den Nachweis erbringen, dass ein solcher Gott nicht existiert, zumal der Beweis der Nichtexistenz irgend einer Entität ohnehin kaum möglich ist, egal ob es sich um Götter oder um grüngelbe Elefanten handelt. Dagegen kann der Atheist nach Erklärungen suchen, wie denn das Postulat von der Existenz Gottes entstanden sein könnte, nach Erklärungen, die sich nicht mit dem Existenzpostulat belasten müssen, sondern es als Phänomen der realen Welt ansehen, das wissenschaftlichen Untersuchungen zugänglich ist. Wer natürlich Küngs Gottesbild propagiert, kann mit solchen Erklärungen nichts anfangen, er sollte aber die Beweislast in der Diskussion nicht auf seine Diskussionsgegner schieben.

Küngs Auseinandersetzung mit den klassischen Atheisten zeigte also nur sein Unverständnis ihrer Argumentation, was in seiner bemerkenswerten Schlussfolgerung gipfelte, Vernunft und Glauben gehörten zusammen, man dürfe sie weder voneinander trennen noch miteinander identifizieren.[21] So analysiert man also Autoren, die man als „intellektuell herausfordernd“ empfindet.

Wie es scheint, können Küngs Bemerkungen über den klassischen Atheismus auch Luik nicht zufrieden stellen, denn er konfrontiert Küng nun mit einem ausführlichen Marx-Zitat zur Religion: sie sei „der Geist geistloser Zustände“, „das Opium des Volkes“, „die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volks ist die Forderung seines wirklichen Glücks.“ Deutlicher konnte Marx es wohl wirklich nicht mehr ausdrücken, aber Küng bringt es fertig, Marx zu attestieren, seine Analysen drückten „vielleicht gegen seinen Willen doch auch etwas Positives aus: nämlich, dass Religion viel mehr sein kann – ein Protest gegen die Verhältnisse, die wir haben.“ Es ist schön, dass Küng Marx‘ Intentionen anscheinend besser kennt als Marx selbst; wo er in seinen Äußerungen auch nur den geringsten Hinweis auf eine positive Rolle der Religion findet, bleibt aber ein Geheimnis. Auch mit dem weiteren Marx-Zitat seines Interviewers, die Kritik der Religion sei die Kritik des Jammertals, dessen Heiligenschein die Religion sei, kann unser Theologe nicht viel anfangen, er versteht es nicht einmal richtig und meint, Religion sei nicht nur ein „Widerschein“, da begehe Marx einen Kurzschluss. Interessant, dass Küng Heiligenscheine mit Widerscheinen verwechselt. Marx‘ Äußerung hat offenbar nicht viel mit Feuerbachs These von Religion als Projektion zu tun, sondern bezieht sich darauf, dass oft genug durch religiöse Verbrämung das real vorhandene Jammertal mit einem freundlichen Heiligenschein versehen worden ist. Dagegen setzt Küng die These, Religion könne „ein außerordentlich starkes Motiv sein, um ... die Welt nicht nur verschieden zu interpretieren, sondern zu ändern.“ Das wird kaum jemand bestreiten, denn Ähnliches gilt für alle möglichen Weltanschauungen oder Auffassungen verschiedenster Art. Auch Stalin und Hitler hatten einen starken Antrieb, die Welt zu ändern. Die Intensität und Wirkungskraft eines religiösen Veränderungsmotivs sieht man in unseren Tagen leider nur allzu deutlich an den weltverändernden Aktivitäten der islamischen Terroristen, die deutlich machen, dass die pure Veränderung kein Wert an sich ist, sondern es auch noch ein wenig darauf ankommt, in welche Richtung man denn die Entwicklung der Welt bewegen möchte. Ich möchte übrigens darauf hinweisen, dass Marx einer der klassischen Atheisten ist, mit denen sich Küng auseinandergesetzt hat, weil sie ihn intellektuell herausgefordert haben. Ob man nun diese Art der Auseinandersetzung, die ich nur als Immunisierung durch Weichspülung bezeichnen kann, als sehr erfolgreich beurteilen will, mag der Leser entscheiden.

In jedem Fall eröffnet der Bezug auf die nötige Veränderung der Welt Luik die Möglichkeit, eines der wichtigsten Probleme der Theologie zur Sprache zu bringen: das Problem der Theodizee, also die Frage, warum Gott wohl so viel Leid auf der Welt zulässt. Er spricht davon, dass „ohne Unterlass die Leichenberge“ wachsen und führt an, dass alle fünf Sekunden ein Kind an Hunger und Durst stirbt. Welche Frage daraus folgt, ist Küng schon klar: „Warum hat Gott das Übel nicht verhindert?“ fragt er selbst, aber gleich darauf schränkt er sein Verständnis wieder ein: „Aber vielleicht sollten wir zuerst fragen: Warum haben die Menschen das Übel nicht verhindert?“ Nein, das sollten wir schon deshalb nicht zuerst fragen, weil es in dieser Debatte um Gott geht und um seine Mitverantwortung am Schicksal der Menschen. Das ist aber nicht der einzige Grund. Unter Theologen ist es eine beliebte Denkfigur, Gott unter anderem mit dem Verweis auf die Schuld der Menschen von seiner Verantwortung zu entlasten. Es wäre mir allerdings neu, dass Menschen Tsunamis auslösen, die zu vieltausendfachem Tod und Leiden führen, oder dass Menschen Vulkanausbrüche und Erdbeben initiieren, deren Folge Schmerz, Leid und Tod sind. An all dem sind die Menschen in aller Regel völlig unschuldig, das sind Übel, die sie nicht verhindern konnten. Selbst wenn man, wie es Küng später anführen wird, darauf verzichten will, Gott als aktiven Weltenlenker darzustellen, so bleibt er doch wohl auch nach Küngs Auffassung immer noch der Weltenschöpfer, und für einen allmächtigen Weltenschöpfer wäre es ein Leichtes gewesen, bei der Konzeption der Erde auf so etwas Überflüssiges wie Erdbeben und Tsunamis zu verzichten.

Küng ist da auch in seinen Auslassungen nicht sehr konsequent, denn kaum hat er die Verantwortung den Menschen zugeschoben, stellt er wieder die Frage, „warum Gott das Leiden nicht verhindert hat. Das unverschuldete Leiden von Kindern“ sei „durch kein Argument zu rechtfertigen.“ Dennoch sei es auch ein Rätsel, „warum die Menschen nicht mehr gegen das Leid tun. Man kann jedenfalls nicht alle Schuld auf Gott schieben.“ An dieser Stelle hätte man gerne ein Argument gehört, warum man das denn nicht tun dürfe, wo doch Gott angeblich nach Küngs eigenen Worten allesumgreifend-allesdurchwaltend ist, aber das Argument bleibt leider aus zugunsten der lapidaren Bemerkung, das Rätsel des Leids lasse sich nicht mit den Mitteln der Vernunft lösen, „Gott bleibt der Unbegreifbare.“ Jetzt wissen wir es genau. Das menschliche Leid ist zwar durch nichts zu rechtfertigen, aber weil Gott eben Gott und damit unbegreifbar ist, muss man es so nehmen, wie es ist. Dass es eine Alternative gibt, auf die genau die verworfenen Mittel der Vernunft hinweisen, nämlich den Gedanken, dass ein Gott, wie ihn Küng gerne hätte, nicht existiert und damit die Frage, warum er all das unbestreitbare Leid zulässt, gar nicht erst auftauchen kann – auf diese Idee kommt Küng nicht.

Es spricht für Luik, dass er sich damit nicht zufrieden gibt. Auf seine Frage, ob Gott wohl in Auschwitz gewesen sei, antwortet Küng – in diesem Fall wenigstens einmal konsequent: „Klar, wenn Gott existiert – und daran glaube ich –, dann war er auch in Auschwitz.“ Und doch kann er es nicht lassen, Gott wieder von aller Verantwortung freizusprechen, denn „für das Grauen des Holocausts ist Gott nicht verantwortlich.“ Das ist schon eine bemerkenswerte Theorie. Wir haben es also mit einem allesumgreifenden-allesdurchwaltenden Wesen zu tun, das nach der Aussage eines seiner Apologeten sich in Auschwitz aufgehalten, aber es nicht für nötig gehalten hat, etwas gegen das Morden zu unternehmen. Warum man das eigentlich auch nicht von ihm erwarten konnte, wird uns der Theologe Küng gleich noch erklären, aber für den Augenblick scheint er von seinem eigenen Zugeständnis so beeindruckt zu sein, dass er meint, hier gezieme sich eine „Theologie des Schweigens“. Ich muss zugeben, dass diese Stelle mein persönlicher Favorit im gesamten Interview ist. Die Theologie steht vor dem grundlegenden Problem, dass sie einen Gott postuliert, von dem man ein gewisses Maß an aktiver Menschenfreundlichkeit erwarten könnte, weil er angeblich die Menschen liebt und zudem allesumgreifend-allesdurchwaltend ist, dass dieser Gott aber seit mehreren tausend Jahren immer wieder Leiden und Grausamkeit, Tod und Schmerz duldet. Klarer kann ein Widerspruch nicht mehr sein, und alles, was der Theologe zu bieten hat, ist – Schweigen. Diese Methode ist der Nachahmung wert. Wie man beispielsweise in der Physik zugeben muss, besteht ein Widerspruch zwischen der aktuellen Quantenphysik und der Allgemeinen Relativitätstheorie Einsteins, beide Theorien wollen nicht so recht zueinander passen. Aber warum plagen sich die theoretischen Physiker seit Jahr und Tag damit ab, diesen Widerspruch zu beseitigen? In Anlehnung an Küng darf ich ihnen eine Physik des Schweigens empfehlen, die sich bei der Behandlung von Widersprüchen zu geziemen scheint.

Bedauerlicherweise hält sich Küng selbst nicht an seine Empfehlung und versucht doch noch, das Problem der Theodizee los zu werden. Zunächst bemüht er sich, in bewährter Manier die Last des Arguments auf den Gegner abzuschieben. „Und Sie Ihrerseits,“ fordert er auf, „müssen sich fragen: Erklärt denn Ihr Atheismus den Holocaust? Erklärt Ihr Unglaube die Welt, vermag er in sinnlosem Leid zu trösten?“ Mit ist bisher nicht klar gewesen, dass der Atheismus den Anspruch erhebt, den Holocaust erklären zu können oder gar die ganze Welt. Solche Ansprüche pflegen vielmehr die Anhänger des Gottesglaubens mit der Existenz eines Gottes zu verbinden, dem sie die dazu notwendigen Eigenschaften andefinieren, und es ist einigermaßen unredlich, den Diskussionsgegnern die eigenen zweifelhaften Methoden zu unterstellen. Darüber hinaus ist es natürlich nicht auszuschließen, dass man nach naturalistisch orientierten Erklärungsmodellen für so etwas wie den Holocaust sucht, indem man etwa Resultate der psychologischen Forschung heranzieht, die nicht auf Spekulationen über göttliche Wesenheiten angewiesen sind. Es ist daher gerade außerhalb des religiösen Denkens durchaus möglich, bestimmte Formen menschlichen Verhaltens, die zu Leid und Schmerz führen, zu erklären.

Nachdem er nun also seinen Gegnern attestiert hat, dass auch sie das Problem des Bösen auf der Welt nicht lösen können, weist er vehement die Vorstellung, der christliche Gott sei ein allmächtiger Gott, der sämtliche Ereignisse im Kosmos steuere, als mittelalterlich zurück. Gott sei vielmehr „Geist, der in, mit und unter den Menschen wirkt, aber ihre Freiheit respektiert. Und diese Freiheit schließt unvermeidlich das Böse ein.“ Lassen wir einmal die Frage beiseite, wieso nach modernem Verständnis Gott anscheinend seine Allmacht eingebüßt hat, denn die verweist Küng ja in den Bereich der mittelalterlichen Vorstellungen. Sein Freiheitsargument allein ist schon schlimm genug, und es wird nicht dadurch besser, dass es seit langer Zeit von Theologen verschiedenster Art unverdrossen vorgetragen wird. Erstens kann der Verweis auf die menschliche Freiheit nicht im Mindesten das beispielsweise durch Naturkatastrophen verursachte Leid erklären, bei dem kein Mensch seine Finger im Spiel hatte. Immerhin gibt auch Küng zu, dass Gott „unter den Menschen wirkt“, und obwohl man in der Allmachtsfrage mittlerweile anscheinend vorsichtig sein muss, sollte Gott schon noch so viel Einfluss haben, dass er einen Tsunami vermeiden könnte. Zweitens ist es ja schön, dass Gott die Freiheit der Menschen respektiert, aber es wäre noch schöner, wenn er sich dabei nicht immer wieder auf die Freiheit der Täter konzentrieren und die Opfer sich selbst überlassen würde. In Auschwitz gab es nicht nur die Mörder, deren Freiheit Gott offenbar ohne jede Einschränkung walten lassen musste, sondern auch ihre Opfer, die in ihrer Freiheit ganz entschieden durch die Täter eingeschränkt wurden. Auch Küng wird nicht annehmen, dass es zur Freiheit der Opfer gehörte, sich quälen und abschlachten zu lassen. Wieso bringt es Gott fertig, die Freiheit der Täter nicht anzutasten, während es ihm offenbar völlig egal ist, dass die Freiheit der Opfer mit Füßen getreten wird? Und drittens ist es mit der Freiheit selbst so eine Sache. Dass sie „unvermeidlich das Böse“ einschließen muss, liegt ja nur daran, dass der Mensch so ist, wie er ist. Sie schließt zum Beispiel nicht die Möglichkeit ein, ohne Sauerstoff auszukommen, sodass man sich als Mensch unter Wasser nicht frei bewegen kann. Sie schließt nicht die Möglichkeit ein, Gedanken zu lesen, sodass man sich als Mensch nicht von den Einschränkungen der verbalen Kommunikation befreien kann. Es gibt eine Unmenge von naturgegebenen Einschränkungen der Freiheit bis hin zu der Unfähigkeit vieler Menschen, andere Menschen einfach so umzubringen. Warum sollte also die Freiheit zum Bösen so unglaublich wichtig sein, wenn doch so viele andere mögliche Freiheiten dem Menschen verwehrt sind? Das Freiheitsargument war noch nie zur Lösung des Theodizeeproblems geeignet, und Küngs Ausführungen können daran nichts ändern.

Noch abenteuerlicher wird es, wenn Küng meint, „der leidende Mensch kann nicht hinter das Geheimnis des Weltenplans des Schöpfers kommen.“ Man sollte denken, dass die Durchführung eines Plans, der sich auch noch auf die ganze Welt bezieht, ein hohes Maß an Einflussmöglichkeiten voraussetzt, sodass schließlich auch Küng der mittelalterlichen Vorstellung des allmächtigen Gottes, der die Ereignisse im Kosmos steuert, wieder bedenklich nahe gekommen ist. Das ficht ihn aber nicht an, er verweist zu seiner Unterstützung auf das Buch Jiob oder auch Hiob aus dem Alten Testament, in dem eben jener Jiob unschuldig – man könnte auch sagen: durch göttliche Willkür – alles verliere, Gott anklage und damit zeige, dass der Mensch das Leid nicht hinzunehmen brauche. Er dürfe „revoltieren gegen einen Gott, der ihm grausam ... erscheint – und Jiob findet durch diese Prüfungen wieder zu Gott!“ Geht Küng davon aus, dass sich niemand die Mühe machen wird, die Geschichte von Jiob im Alten Testament nachzulesen? Jiob wird mit allen möglichen Übeln geschlagen, weil Gott Satan beweisen will, dass sein Anhänger auch im Leid noch treu zu ihm halten wird; es sind keineswegs zufällige Schicksalsschläge, die Jiob um alles bringen, oder gar die Schlechtigkeit der Menschen – dieses Leid ist ohne jede Frage von Gott selbst verursacht, damit er Satan eine Lektion erteilen kann. Ich kann nicht behaupten, dass eine solche Verhaltensweise moralisch sehr hochstehend wäre. Nun ist es sicher wahr, dass Jiob im Verlaufe seiner Plagen dazu übergeht, seine Unschuld zu betonen und, wenn man es so formulieren will, gegen Gott zu revoltieren. Aber die Auffassung, er finde „durch diese Prüfungen wieder zu Gott“, geht meilenweit am Text des Buches Jiob vorbei. Denn wie reagiert Gott auf Jiobs Klagen? Er, der das gesamte Elend Jiobs verursacht hat, findet keine bessere Antwort als eine prahlerische, ausladende und letzten Endes Angst erregende Darstellung seiner Macht und Größe, vor der gefälligst alles andere zu verblassen habe. Gott weist darauf hin, dass er die Erde erschaffen habe, dass er alles könne und alles wisse und dass dem gegenüber Jiob gar nichts könne und gar nichts wisse. Wer einmal sehen möchte, wie man einen Schwächeren erfolgreich einschüchtert, der findet in den Kapiteln 38 bis 42 des Buches Jiob ausgezeichnete Anregungen. In Anbetracht dieser Machtdemonstration hat denn auch Jiob kaum eine Wahl. „Siehe, ich bin zu gering, was soll ich antworten? ... Einmal habe ich geredet und will nicht mehr antworten, ein zweites Mal geredet und will’s nicht mehr tun,“ sagt er im vierzigsten Kapitel. Und später, im zweiundvierzigsten: „Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche.“ Nur gut, dass er es nicht weit hat zu Staub und Asche, da ihn sein gnädiger Gott schon vorher in Staub und Asche geworfen hatte!

Und diese Geschichte interpretiert Küng so, dass Jiob durch seine Prüfungen wieder zu Gott findet. Selbst wenn ich einmal davon absehe, dass er erst gar nicht „wieder“ zu Gott hätte finden müssen, wenn der ihn nicht zum Objekt seiner Absprache mit Satan gemacht hätte – das angebliche Zurückfinden zu Gott stellt sich in aller Deutlichkeit dar als eine Kapitulation vor der unvergleichlich stärkeren Macht. Gott steht mit der Waffe in der Hand, mit der geballten Kraft seiner Allmacht vor Jiob: was kann der ohnehin schon geplagte Mann anderes tun als alles zugeben und sich in den Staub werfen? Ein Zurückfinden zu Gott aus freien Stücken stelle ich mir anders vor.

Nun steht das Buch Jiob aber im Alten Testament, und es ist deshalb klar, dass Küng auch noch nach Unterstützung aus dem Neuen Testament sucht, die er unschwer findet: „Jesus, der ausgeliefert, ausgepeitscht, der verhöhnt wird, der langsam am Kreuz dahinstirbt,“ habe „die furchtbare Erfahrung der Opfer des Holocaust vorausgenommen.“ Sein Tod weise „über das Elend, den Schmerz, den Tod hinaus.“ Aber wenn das denn so ist: warum hat das dann alles nichts genützt? Zur Not könnte man vielleicht noch das Argument gelten lassen, Jesus habe durch seinen Tod das Leid auf sich genommen und seither sei die Menschheit vom Leid erlöst, auch wenn die barbarische Opferung einer einzelnen Person durchaus fragwürdig ist. Aber mit dem Tod Jesu hat das Leid keineswegs aufgehört, es hat sich im Gegenteil munter weiter entwickelt und sich nicht im Mindesten darum gekümmert, dass da jemand „die furchtbare Erfahrung der Opfer vorausgenommen“ hat. Dem aktuellen Opfer nützt es gar nichts, wenn jemand eine ähnliche Erfahrung schon zweitausend Jahre vorher durchleiden musste. Hätte man nicht die Erlösung ein wenig gründlicher durchführen können, wenn man schon seinen eigenen Sohn qualvoll am Kreuz sterben lässt?

Auch Horkheimer, den Küng anschließend bemüht, kann ihm da nicht weiter helfen. Nur weil Horkheimer die Auffassung geäußert hat, es sei „unerträglich zu glauben, dass das Elend das letzte Wort hätte“, und es müsse „eine letzte Gerechtigkeit geben“, folgt daraus weder für die Kinder dieser Welt noch für sonst irgend jemanden, dass „dieses Leben nicht alles ist, sondern dass sie ein leidloses Leben vor sich haben.“ Ob man das nun als Vertröstung oder, wie es Küng vorzieht, als Trost bezeichnen will, ist nur ein leerer Streit um Worte. Bestehen bleibt die Tatsache, dass die meisten Menschen den Wunsch haben, die offensichtlichen Ungerechtigkeiten dieser Welt könnten nicht das letzte Wort sein, da müsse es noch eine Art von Ausgleich geben, wenn nicht in dieser, dann in der nächsten Welt. Wünsche gibt es aber viele, und weil viele Menschen eine bestimmte Hoffnung hegen, muss diese Hoffnung noch lange nicht in Erfüllung gehen. Es gibt leider nicht die geringsten Anzeichen für eine überirdische Gerechtigkeit, die zu gegebener Zeit die offenkundigen Schwächen der irdischen Gerechtigkeit ausgleichen wird, das ist reines und durch nichts begründetes Wunschdenken. Im Gegenteil: da wir vor der unbestreitbaren Tatsache stehen, dass es in der von Gott geschaffenen irdischen Welt, die von nach seinem Bilde erschaffenen irdischen Menschen bevölkert und gestaltet wird, ausgesprochen ungerecht und oft genug auch grausam zugeht, liegt der Gedanke nahe, dass es der Schöpfer dieser Welt in einer eventuellen anderen Welt, die man erst nach dem Tode betritt, auch nicht besser einrichten kann als hier. Denn wenn er dort die menschliche Grausamkeit verhindern kann, ohne dabei die menschliche Freiheit einzuschränken – warum hat er dann die nötigen Methoden nicht schon hier, in unserem gegenwärtigen Jammertal, angewendet? Der Dank der Gläubigen wäre ihm sicher.

Der Rest des Interviews widmet sich Fragen nach Küngs Vorstellungen von seinem „irdischen Ende“ und ist im Wesentlichen seine Privatsache, weshalb ich meine Analyse hier abschließe. Was haben wir nun aus dem Gespräch mit dem Theologen gelernt? Über das Jenseits weiß man nichts, es sei denn, man heißt Hans Küng und kann zumindest manche Vorstellungen ausschließen. Was seine Wirksamkeit im Diesseits angeht, so dürfte sie nach seiner Auffassung über eine Fußnote in der Geschichte hinausgehen, allerdings wäre die Kirche in einem deutlich besseren Zustand, wenn sie auf Küng gehört hätte. Das liegt unter anderem daran, dass er den heutigen Menschen ein modernes und nicht mehr mittelalterliches Gottesverständnis nahe gebracht hat, über dessen Ausprägungen und vor allem dessen Klarheit ich mich oben geäußert habe. In diesem Zusammenhang ist auch sein Werben für den Gottesglauben als Hypothese zu sehen, die auf einem begründeten Grundvertrauen beruht und zu einem rational verantwortbaren Glauben führt – es ist deutlich zu sehen, dass er keinen Anlass sieht, seine alten und längst einer durchschlagenden Kritik unterzogenen Auffassungen zu revidieren. Auch in Bezug auf die neuen und alten Atheisten leistet er sich eine eigenartige Haltung: die alten glaubt er, für seine Zwecke instrumentalisieren zu können, die neuen ignoriert er. Zum Theodizeeproblem schließlich hat er außer altbekannten und unhaltbaren Allgemeinplätzen nichts anderes beizutragen als eine Theologie des Schweigens, die man ihm ebenso wie beispielsweise Joseph Ratzinger für die Zukunft nur wärmstens empfehlen kann.

Literatur

Albert (1979): Hans Albert, Das Elend der Theologie, Alibri Verlag, Aschaffenburg, 2005 (Erstauflage 1979)

Albert (2006): Hans Albert, Hans Küngs Rettung des christlichen Glaubens, in: Aufklärung und Kritik 1/2006, S. 7 – 39, Nürnberg, 2006

Dawkins (2007): Richard Dawkins, Der Gotteswahn, Ullstein, Berlin, 2007

Küng (1978): Hans Küng, Existiert Gott? Antwort auf die Gottesfrage der Neuzeit, München/Zürich, 1978 (Neuauflage 2002)

Küng (2009): „Wenn es Gott gibt, dann war er auch in Auschwitz“, in: stern 43, 2009

Anmerkungen

[1] Küng (2009). Zitate, bei denen nicht auf andere Quellen verwiesen wird, entstammen diesem Interview

[2] Küng (1978), S. 193

[3] ebd., S. 216

[4] ebd., S. 211

[5] Albert (2005)

[6] Küng (1978), S. 685

[7] ebd., S. 693

[8] Albert (2005), S. 57 ff.

[9] Albert (2005)

[10] Küng (1978), S. 491 ff.

[11] Albert (2005), S. 69 ff.

[12] ebd., S. 71

[13] ebd. S. 72

[14] Küng (1978), S. 216

[15] ebd., S. 622

[16] ebd., S. 627 f.

[17] Dawkins (2007)

[18] Küng (1978), S. 193 f.

[19] Albert (2005), S. 76 – 87

[20] ebd., S. 81

[21] Küng (1978), S. 369

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