Rätsel des weiblichen Schreibens

Kathrin Drescher

Im Paradies saß Adam und sah den Löwen beim Liebesspiel zu Plötzlich fühlte er sich hilflos und allein und begann bitterlich zu weinen. Aber das hörte Gott; er schnitt dem Einsamen unterhalb des Herzens eine Rippe heraus, um aus dieser Eva zu formen. Es gelang ihm, und er vergaß auch kein Löchlein nicht, nur dann, es Adam zu bedeuten.

Das Weib aber setzte sich sogleich mit Hilfe eines Äpfelchen selbst in Szene. Och, die. Neugier Und der Untröstliche kam nun endlich zu seiner Lust und alsbald auch zu seiner Pein. Denn da die himmlische Ordnung derart aus den Fugen zu geraten drohte, langte es dem Vater aller Dinge endgültig, und er verbannte das ungezogene Paar auf die Erde.

Seitdem, frei nach der Bibel, wandelt der Störfaktor Weibliches nun durch unsere rastlose Welt.

Wie aber kam dieses liederliche Ding dazu, ganz unverschämt auch in die heiligen Gefilde des erhabenen Dichtens einzudringen? Den Herren Literaten sträubt sich jeder Nerv, angesichts der mit den Jahrhunderten, ach was, mit den Jahrzehnten anwachsenden Chaos‘ in der schönen Literatur. Es plagt sie die Frage, wohin sie entschwunden sein könnte, die Zeit der klaren verständnissinnigen Romane, in denen liebevoll ein weiser Erzähler den Leser an die Hand nahm und durch das Labyrinth zahlloser Episoden führte.

Anders zerbrechen sich die Kolleginnen Feministinnen den Kopf darüber, ob nicht einfach so etwas wie eine weibliche Schreibweise entstanden sei, und elegant formulieren sie die These vom Mysterium eines weiblichen Testkörpers.

Offengestanden, es ist zum Auswachsen, bemühe ich mich, die feministischen Theorien der Französinnen Hèlène Cixous und Luce Irigaray auseinanderzuklamüsern; ihre Ausführungen verstricken mich nur noch tiefer ins feminine Geheimnis der Schrift. Ja, Weiblichkeit, das ist wie jene meinen: Unordnung, Chaos, Imaginationen, Exzeß, Ausschweifung, alles aus der Struktur Herausdrängende, die „eigentlich Lebendigkeit des Lebens“ (C.H.) Was soll man alls machen, bei so viel Lebendigkeit der Argumentation... Kehren wir zum Ausgangspunkt zurück, daß Adam es nicht mehr allein ausgehalten hat. Oh! Pardon! Ich möchte mich nicht unbedingt als totaler Anhänger der Idee, daß alles beim Menschen schließlich auf den Sexualtrieb zurückgeht, aufführen, aber Mann und Frau wollen vorerst sexuelle Entspannung, dächte ich.

Jene professionellen Damen der Literaturwissenschaft finden dieses Faktum jedoch herzlich uninteressant; sie plädieren absolut für die Liebe der Frau und für ein mysteriöses Lustempfinden, das durch Gefühlsnähe und Berührung erst entsteht und die bloße Körperlichkeit des Sexes sprengt. Von unerwarteter Seite eher erfuhren die Streiterinnen für „liebende Lust“ in der Literatur übrigens schon immer eine Anerkennung:

„Das Gespräch kam am „Weimarer Musenhof“ auf die Dichterinnen im allgemeinen, erinnert sich Eckermann in „Gesprächen mit Goethe“ und der Hofrath Rehbein bemerkte: „gewöhnlich haben diese Wesen das Glück der Liebe nicht genossen, und sie suchen nun in geistigen Richtungen Ersatz ...“ so „daß das poetische Talent der Frauenzimmer ihm oft als eine Art von geistigen Geschlechtstrieb vorkomme.“

Aber die Fähigkeit zu verliebter Schreiblust haben die Frauen am Musenhof bei Leibe nicht für sich allein gepachtet: Die glühenden Briefe Goethes „Werther“ stammen aus der Feder männlichen Schreibfiebers.

Raimund Radiguet zum Beispiel erzählt in „Der Ball des Comte d’Orgel“ (1923) die hübsche Geschichte von einem jungen Franzosen, der sich in die Frau seines freundes verliebt: „Ein triebhaftes Begehren hätte ihn sicher anders aufgewühlt als das Keimen dieser Liebe (...) er wollte nicht mehr bleiben, wo er war, nicht mehr allein sein. Zärtlichkeit durchströmte ihn.“

Und dieses herrliche Verlangen, der Wunsch nach dem Anderen, vermag nun also zum Anlaß eines weiblichen Textes zu werden? Vielleicht, wenn sich immer mehr unartikulierte Zärtlichkeit und Zuneigung anstaut, erhält ein Text der Liebe, eines subtilen Begehrens, „dass ich das Andere übergehe, ohne das Andere zu zerstören“, seine Chance.

Weiblichkeit in der Schrift vergleicht Helene Cixous vor allem mit der lebendigen Stimmen. Wie die Stimme im Raum schwingt, melodisch und emotional wirkt Im Gegensatz zur toten Schrift, so ist Weiblichkeit im Text musikalisch und triebhaft, vom Körper bestimmt. Weibliche. Texte “singen“; getrieben von der Sehnsucht nach dem Anderen, sind keine egozentrischen Texte purer Selbstreflexion. Sie wollen immer einen Anderen erreichen. Indem sie nicht kategorisch einen Verständigungsweg festlegen, lassen sie dem Anderen Raum, sich einzufinden, wiederzufinden; die Stimme, die ruft, zu hören. (H.C. „Geschlecht ohne Kopf?“ S. 44f.)

Für den Semiologen R. Barthes ist ein Text lustvoll und sinnlich eröffnet das Schreiben einen Raum der Wollust, so daß es zu Liebesspiel in der Schrift kommt. Der Leser wird ‘angemacht‘ “von der R a u h e i t der Stimme des Textes, (... ) “die eine erotische Mischung aus Timbre und Sprache ist.“ (S. 41)

Diese ‘rauhe‘ Schreiben präsentiert dem Auge eine “ganze Stereophonie der Sinnlichkeit“: zum Beispiel, der “Film braucht nur den Ton der Sprache von ganz nah aufzunehmen“ und ich spüre den unsichtbaren Mund schreiben: “das knirscht, das knistert, streichelt, das schabt, das schneidet: Wollust.“ (R.B.: “Die Lust am Text“, S. 42)

Hach, diese ‘Rauhe‘ oder ‘Singende‘ des Textes! schön, dennoch bleibt des Pudels Kern, daß die eifrigen VerfechterInnen eines libidinösen Schreibens einschließlich lt. Barthes, mir nicht klipp und klar eine Auskwlftgebel1, wie ein solcher Text konkret beschaffen ist.

Gewiß unterscheidet sich lustvolles Schreiben von jener leidigen Selbstreflexion im Text eines ‘aufgeklärten‘ Subjektes, das mit eh schon gedruckten gescheiten Sätzen und subtilen Lebensphilosophien anderer kluger Leute sein Ich im Buch darstellt. So langweilt mich Botho Strauß in „Die Widmung“ mit sattsam bekannten Sentenzen der Entfremdung. Oder ich lese sein Buch als eine Parodie, die das Schreiben, um sich vom Verlust eines geliebten Objektes zu befreien, ad acta legt.

Finden Sie nicht auch, daß um den einzigen Wunsch zu lieben, gleichzeitig ein ganzes Feld von Wünschen sich im Herstübchen versammlet hat, welche ebenso auf Erfüllung oder wenigstens Beschreibung pochen? Muß es eigentlich immer die Liebe sein, welche allein zum Schreiben animiert, es können einen doch noch ganz anderweitige ‚Unglückliche’ heimsuchen. Auch dann möchte ich mich den Anderen mitteilen, um einen Widerhall zu finden, wobei meine innere Stimme nicht etwa froh singt, sondern eher auf dem Papier vor sich hinjammert, bis ein Lächeln über mich selbst sich einstellt und den Text aufheitert. Handelt es sich hierbei noch einmal um eine Qualität des Weiblichen?

Zugegeben, es ist mir wohl leider nicht gelungen, das Rätsel um das Wie des weiblichen Textes ganz zu lösen. Aber das lag auch gar nicht in meiner Absicht. Dieses Thema erschöpft sich längst nicht. Schauen sie doch selbst einmal ins Buch. Und Vorsicht! Ein weiblicher Text dürfte nach gutwilliger Beendigung der Lectüre, zumindest ein unentwirrbares Knäul poesievoller Bilder darbieten, das für schön aber unverdaulich befunden werden mag.

Héléne Cixous. Geschlecht oder Kopf? In: Die unendliche Zirkulation des Begehrens, Merve Berlin 1977.

Roland Barthes. Die Lust am Text. In: Kopfbahnhof. Reclam Leipzig 1990.

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