Kathrin Drescher

Jacques Lacan, Zur 'Fähigkeit des Symbolisierens' und zum Begriff des 'wahren Subjekts'

I."Sprachspiele" und ein "Etwas"-Statt einer Einleitung

Carvan zu Gide "in sehr müdem und sehr altem Ton": "Monsieur Gide, wie stehen wir mit der Zeit?" - "Viertel vor sechs", antwortete dieser ihm, ohne sich Böses dabei zu denken.

André Breton. Erstes Manifest des Surrealismus

"Angenommen, es hätte Jeder eine Schachtel, darin wäre etwas, was wir 'Käfer' nennen. Niemand kann je in die Schachtel des Andern schaun; und Jeder sagt, er wisse nur vom Anblick seines Käfers, was ein Käfer ist. - Da könnte es ja sein, daß Jeder ein anderes Ding in seiner Schachtel hätte. [...]" Oder: "Ich denke mir also: Jeder sage von sich selbst, er wisse nur vom eigenen Schmerz, was Schmerz sei. [...] wenn nun jeder es sagte - es könnte eine Art Ausruf sein. [...] 'Ja, aber es ist doch da ein Etwas, was meinen Ausruf des Schmerzes begleitet![...] Und dieses Etwas ist das, was wichtig ist - und schrecklich.'"...

Für Wittgenstein verneint sich hier indessen entsprechend der Bedingung der Signifikanz die im Käfergleichnis pointierte Frage, inwieweit die Sprache des einzelnen (Parole) eine Extrasprache außerhalb des Sprachspiels (Langue) für seine ganz privaten Empfindungen sei: Das Ding in der Schachtel gehöre überhaupt nicht zum Sprachspiel; auch nicht einmal als ein Etwas: denn die Schachtel könnte auch leer sein. - "Nein, durch dieses Ding in der Schachtel kann >gekürzt werden<; es hebt sich weg, was immer es ist."(1)

Die Entfernung des Somatischen aus der Definition von Sprache gelingt Wittgenstein ganz zweifellos, aber nur, indem er das Phänomen Sprache streng auf der Ebene Langue-Parole hinterfragt und jegliches psychisch - somatische Argument darüber hinaus jeweils durch dessen Mangel an 'Privatheit' oder umgekehrt an sozialer Evidenz aus dem Felde schlägt.

Nach dem ersten Schreck über Wittgensteins sprachphilosophische Vernichtung des arglosen 'Käferchens' im Regelsystem der Symbolischen Ordnung läßt es sich sogleich protestieren: Die Dichtung beschreibt das 'Käferchen' immer wieder auf das Genaueste, ohne je das Wort für den "Käfer" in die Sprache einzubringen.

Es genüge aber, so Lacan, der Poesie zu lauschen, daß in der Sprache ein 'verborgener Sinn' sich vernehmen läßt: Das poetische Wortspiel: "Die Liebe ist ein Kiesel, der in der Sonne lacht", zeige durch ein bewußtes Verfehlen von Wort und Kontext; daß die poetische Metapher genau da ihren Platz einnimmt, "wo Sinn im Un-sinn entsteht" (S.II./S.33).

Es kommt an dieser Stelle nicht darauf an, Wittgensteins Gedankengänge in Gänze zu widerlegen. Das Gleichnis vom Käfer in der Schachtel läßt sich indessen auch anders deuten bzw. die Definition von Sprachbegriff sich um eine Dimension erweitern:

Das Gleichnis mag ganz seine poetische Entsprechung in einer der ersten Szenen in Saint-Exupérys "Kleinen Prinzen" haben. Dort handelt es sich nämlich gleich um ein ganzes Schaf in einer Schachtel. Dessen metaphysische, d.h. als solche nicht erwiesene, aber von allen Beteiligten der Geschichte anerkannte Existenz soll mir in der Folge bildhaft ein erstes Mal die poststrukturale Definition des Sprachbegriffs verdeutlichen helfen:

Es geschah in der afrikanischen Wüste einst folgende Geschichte:

Ein Flieger, stürzte mitten über der Wüste mit seinem Flugzeug ab und sitzt nun, nach vergeblichen Versuchen, den Motor zu reparieren, herum, ohne einen Schimmer Hoffnung auf Änderung seiner Lage, als ihm ein kleiner Prinz begegnet, der ihn ohne Umschweife um Folgendes bittet:

"Bitte zeichne mir ein Schaf !"

Da der Flieger noch nie ein Schaf gezeichnet hatte, malte er ihm den 'Herrenhut' auf:

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Und er war höchst verblüfft, als der Prinz alles genau erkannte und protestierte:

"Nein! Nein! Ich will keinen Elefanten in einer Riesenschlange. Eine Schlange ist sehr gefährlich, und ein Elefant braucht viel Platz. Bei mir zu Hause ist wenig Platz. Ich brauche ein Schaf. Zeichne mir ein Schaf."

Also zeichnete der Flieger: kranke, krumme, alte Schafe, die dem Prinzen nicht gefielen.

Schließlich malte er etwas anderes zusammen und knurrte dazu:

"Das ist die Kiste. Das Schaf, das du willst, steckt da drin."

Es war aber nur eine Schachtel mit Luftlöchern und kein Schaf auf dem Papier zu sehen. Aber das Gesicht des jungen Kritikers leuchtete auf, weil das Schaf für ihn endlich so war, wie er es sich wünscht, und er fragt sogleich besorgt:

"Meinst du, daß dieses Schaf viel Gras braucht ? "

Nach Saint-Exupéry: Der kleine Prinz

Das Spiel mit der metaphysischen Existenz der Elefanten, Schafe oder Käfer in Schlangen und Schachteln möge, weg von Saussure, zur poststrukturalen Textsemiotik, ihrer neuen Auffassung der Beziehungen von Signifikant und Signifikat und zu einer poststrukturalen Definition des Sprachbegriffs führen.

Ausgehend von den Schachtelgleichnisssen zur Sprache läßt sich eine entsprechend vom Logos befreite Sicht auf den 'Sinn' gewinnen. Die 'Schachtel' präsentiert sich zwar in dieser Hinsicht noch einmal als "Tatsache" (langue) der symbolischen Ordnung (langage) - d.h. als die Sprache in ihren interaktionalen Bezügen. Aber, die Löcher in der Schachtel machen diese zugleich durchlässig für ein "Etwas" und lassen einen anderen Sinn durchschimmern, der einer inneren Verbundenheit vor dem Wort zugehört.

II. Über die "Linguisterie" Lacans

Discursus - das meint ursprünglich

die Bewegung des Hin-und-her-Laufens,

das ist Kommen und Gehen,

das sind >Schritte<, >Verwicklungen<

Roland Barthes: Leçon/Lektion

In einem Vortrag am Collége de France im Dezember 1972 - dieser war dem Prager Linguisten Jakobson, welcher Tage zuvor gesprochen hatte - gewidmet, macht Lacan (1901-1981), um sich zu unterscheiden, den terminologisch aber nicht ganz ernstzunehmenden Vorschlag, das Linguistische und das Psychologische in einem zu benennen:

Aber wenn man das alles betrachtet, was, aus der Definition der Sprache, folgt bezüglich der Gründung des Subjekts, derart erneuert, derart subvertiert von Freud, daß eben da sich alles sichert, was aus seinem Munde behauptet worden ist als das Unbewußte, dann wird man, um Jakobson seinen reservierten Bereich zu lassen, irgend ein anderes Wort schmieden müssen. Ich werde das die Linguisterie nennen. [...] Mein Sagen, daß das Unbewußte strukturiert ist wie eine Sprache, ist nicht vom Felde der Linguistik. (E./S.20)

Lacans Bestimmung des Sprachbegriffes verabschiedet sich damit zugleich von einer spezifisch linguistischen Betrachtung als auch von der freudschen Art der Erklärungen zum Unbewußten. Diese "Linguisterie" Lacans aber, obgleich sie eine ganz besondere Art philosophisch-psychologischer Reflexionen über die Sprache entfaltet, wird trotzdem in ihrem strukturalistischen Kern insbesondere durch die Saussuresche Zeichentheorie gestützt: Nach den Saussureschen Kategorien bestimmt Lacan die Bindung des Sprachprozesses an das Unbewußte - insbesondere nach dem Zeichenbegriff und der Relation zwischen langue und parole. Diese linguistischen Argumente gebraucht er beispielsweise, um die "Funktion des [Mangel-] Signifikanten" als "Fundament der Dimension des Symbolischen" zu bezeichnen (E./S.68). Oder, das symbolisierte Unbewußte wird als überindividuelle langue verstanden, deren individuelle Realisierung sich in den 'Versprechern' und den Träumen der Einzelnen vollzieht.

Lacan formuliert dazu in den Schriften und in den Seminaren (2) seine Auffassungen über ein 'Außerhalb' in der Langue mittels der Beziehungen zwischen Je und Moi, daß ein Sprechen des Subjekts noch vor die Signifikation verlegt. Denn, das "Ich" (parole-langue), das "je social" (S.I./S.68) als das Subjekt der symbolischen Ordnung (langage) "ist ein Anderer". Das >wahre Subjekt< entfalte sich in einer ursprünglichen Zwietracht des Ichs (Je) vor dem Spiegelstadium und der Instanz des Ich (Moi), die das soziale Ich in das innere Drama einer "unerschöpflichen Quadratur" von Ich-Prüfungen (z.B. Träume) verwickelt.

Lacans Vorstellung von einem ">wahren< Subjekt" im Sprechen des Unbewußten klingt bei Saussure nur im weiten Sprachbegriff (langage) an. Die einzelnen Abschnitte zu den Lacanschen Kategorien sind deshalb bemüht um ein postmodernes Verständnis von Sprechen, Bedeutung und Unbewußten, ohne sich darin allzu weit zu entfernen von Lacans spezifischer Begriffswelt zu Psyche und Sprache (S.I./S.61-70). Lacans Auffassung von der "Fähigkeit des Menschen zu Symbolisieren" als Entsprechung zu Saussures "menschlicher Rede" steht dabei im Mittelpunkt der Ausführungen.

III. Zu den Saussureschen Kategorien: Langue, Parole und Langage

Es läßt sich mit einiger Bedachtsamkeit vorerst mit den strukturalistischen Anfängen des Zusammendenkens von Sprache und Psyche beginnen:

In den Cours (3) unterteilt Ferdinand de Saussure (1857-1913) das Phänomen Sprache in drei Kategorien: in "langage" als menschliche Redefähigkeit, in "langue", die Sprache als System interner Regeln sowie in "parole", das Sprechen des Einzelnen, wobei die Langue zum einzigen tatsächlichen Gegenstand der Sprachwissenschaft erklärt ist:

"Unter Vermeidung fruchtloser Definitionen von Wörtern habe ich zuerst innerhalb der Gesamterscheinung, welche die menschliche Rede [langage] darstellt, zwei Faktoren unterschieden: die Sprache [langue] und das Sprechen [parole]. Die Sprache ist für uns die menschliche Rede abzüglich des Sprechens. Es ist die Gesamtheit der sprachlichen Gewohnheiten, welche es dem Individuum gestatten, zu verstehen und sich verständlich zu machen."(Ss./S.91)

Unter der "menschlichen Rede" (langage) versteht bereits Saussure grundlegend die "Fähigkeit, eine Sprache zu schaffen, d.h. ein System unterschiedlicher Zeichen, die unterschiedlichen Vorstellungen entsprechen". Es müsse im Menschen "eine allgemeinere Anlage" zur Sprache geben, die "über die Funktionen der verschiedenen Organe hinaus" sprachebildend wirke, indem sie die Zeichen beherrsche und somit gegenüber der Artikulation ("langage articulé") die eigentliche Sprachfähigkeit darstelle. (Ss./S.12)

Das sprachliche Zeichen definiert Saussure entsprechend seiner Theorie des Zeichens als eine psychische Einheit von Vorstellung [Bezeichnetes] und Lautbild [Bezeichnendes], die im "Gehirn durch das Band der Assoziation verknüpft sind"(Ss./S.77f.):

Dieses Band, welches Signifikat [Bezeichnetes] und Signifikant [Bezeichnendes] verbindet, sei beliebig. Genauer besagt, der Signifikant vor allem sei beliebig austauschbar, das beweise schon das Vorhandensein verschiedener Sprachen. Der lineare Charakter des Zeichens erklärt sich durch das Sprechen [parole]; das Signifikante, als etwas Hörbares, verlaufe ausschließlich in der Zeit, d.h. die Laute treten nacheinander auf als eine lineare Folge in der Zeit. (Ss./S.76ff.)

Zum Beispiel an der Worteinheit "elf" sei erklärt, daß die lautliche Seite |elf| der polyreferellen Bedeutung 'elf' auf mehr als ein Denotat zielt: Einmal stehe "elf" für die Ziffer Elf und ein andermal mag es aber auch auf ein Fabelwesen aus dem Feenreich - den Elf, referieren. Ob an die Fußball-Elf oder an ein männliches Fabelwesen namens Elf zu denken ist, ist gewiß abhängig von der sprachlichen Umgebung, in der das Wort "elf" auftaucht.

Die "menschliche Rede" (langage) hingegen eigne sich keinesfalls als Gegenstand der Sprachwissenschaft: Denn sie "ist vielförmig und ungleichartig; verschiedenen Gebieten zugehörig, zugleich physisch, psychisch und psysiologisch; gehört sie außerdem noch sowohl dem individuellen als auch dem sozialen Gebiet an; [...]."(Ss./S. 11)

Nach Helbig sei, entsprechend der Auffassung von langue als sozialem Systemgefüge einer Einzelsprache, unter langage die allgemeinmenschliche Sprachfähigkeit, die nicht auf eine Einzelsprache beschränkt ist, vorstellbar.(4)

Das aber teilt nur einen Aspekt der "menschlichen Rede" mit, ein anderer wesentlicher Aspekt der langage betrifft die Einbettung der langue als ein Zeichensystem in den Komplex anderer Zeichensysteme. Langage läßt sich damit nach der Saussureschen Theorie vom Zeichen exakt als die Menge aller Zeichensysteme des Menschen (z.B. Schrift, Musik oder Malerei etc.) auffassen. Die Sprache (langue) betrachtet Saussure dabei als ein höchstes Zeichensystem.

Denn das Sprachsystem (langue) wirke in Bezug auf eine 'Struktur' der langage klassifizierend: Indem der langue als dem höchsten Zeichensystem der erste Platz unter den Tatsachen der menschlichen Rede eingeräumt sei, werde eine natürliche Ordnung in einer Gesamtheit geschaffen, die keine andere Klassifikation gestatte. Damit sind die Beziehungen zwischen den Systemen langue und langage oder écriture und langage zunächst einmal bei Saussure endgültig festgelegt nach dieser Klassifikation. (Ss./S.11)

Zusammenfassend läßt sich zur langage Saussures sagen, daß es sich hier um einen sehr offen gehaltenen Begriff handelt, welcher in den Cours auch einigen begrifflichen Unregelmäßigkeiten unterliegt: Innerhalb eines Kontextes ist sie als das Allgemeinsprachliche aufzufassen, welches die Gesamtheit aller menschlichen Rede oder die Menge aller Zeichensysteme des Menschen bedeutet. Innerhalb eines anderen Kontextes in den Cours bezeichnet sie indessen auch die allgemeine Sprachfähigkeit des Menschen (entspricht übrigens heute Chomskys Begriff der Sprachkompetenz).

Aber, auch wenn die allgemeine Sprachfähigkeit sich gemäß Chomskys Sprachdenken als eine Art sprachliche Kompetenz erklären ließe, ist nur ein Aspekt ihres Wesens erhellt. Allein schon der Begriff "menschliche Rede" ist im Grunde vollkommen irreführend; ebenso der Begriff "allgemeinmenschliche Sprachfähigkeit", den Saussure durch das französische Original für die Übersetzung ins Deutsche zwangsläufig herausforderte. Einfacher, aber genauer, präziser zutreffend für das, wovon Saussure spricht, scheint mir hierfür der Begriff 'menschliche Äußerung' geeignet zu sein. Damit sind schließlich sowohl die verbale als auch die nonverbale Äußerung zugleich in der Definition enthalten. Ebenso bleiben auch die kommunikative und die kognitive Sprachhandlung des Menschen in dem vorgeschlagenen Begriff enthalten.

Es ist naheliegend, die Verwendung des Begriffes langage heute umfassender zu unterscheiden: Als eine Ordnung des Vorsymbolischen aufgefaßt, bezeichnet er die Fähigkeit oder Anlage des Menschen zu Symbolisieren bzw. das Zeichen zu beherrschen. Diese Zeichenbildung und der Zeichengebrauch vollziehen sich innerhalb der einzelnen Zeichensysteme, etwa in dem des gesprochenen Wortes (langue) oder in dem des geschriebenen (ècrire). Zum andern, und das ist noch einmal an späterer Stelle kritisch aufzunehmen, versteht sich nach saussureschen Kontext (5) langage offenbar auch als die symbolische Ordnung, die Menge aller Zeichensysteme des Menschen, d.h. sozusagen als ein 'System aller Systeme'. Die erstere Definition wird zwar als die wesentlichere beizubehalten sein, indessen sollte hier, statt es mit langage zu benennen, ein anderer Begriff einsetzen. Beispielsweise könnte nach Lacan "signifikante Ordnung" dafür genauso gut verwendet werden, und es würde meiner Auffassung nach damit auch mehr dem Benannten entsprochen sein. Nur indem der langue als dem höchsten Zeichensystem der erste Platz unter den "Tatsachen" der "unförmigen Gesamtheit" langage eingeräumt ist und eine Ordnung an "das ungestaltige Etwas" (SemII/S.213) herangetragen ist, läßt sich die langage als eine Struktur denken. Hierin wird der Begriff langage sozusagen zum Vorläufer der Lacanschen Kategorie namens "Symbolische Ordnung"(S.II./S.26-43).

IV. Die Fähigkeit zu Symbolisieren-Lacan zur Sprache und zum Unbewußten

Wenn zuvor im Absatz zu Saussure versucht worden war, den Begriff der "menschlichen Rede" [langage] und seine verschiedenen Aspekte in Saussures Cours zu erhellen, so läßt sich in der Folge aber ganz eine spezifische Sicht Lacans festgelegen. Dazu sei noch einmal an Saussures Worte zur "menschlichen Rede" erinnert: Die langage eigne sich keinesfalls als Gegenstand der Sprachwissenschaft. Sie sei "vielförmig und ungleichartig, verschiedenen Gebieten zugehörig, zugleich physisch, psychisch und physiologisch" und lasse sich nicht kategorisieren, "weil man nicht weiß, wie ihre Einheit abzuleiten sei"(Ss./S.11).

Im Gegenteil zu Saussures Auffassung bildet die "menschliche Rede" den bevorzugten Gegenstand des Lacanschen Sprachdenkens. Denn diese allgemeinmenschliche Fähigkeit zur Äußerung, zu der sich Saussure einst in den Cours nur am Rande und nur sehr verkürzt bzw. unscharf äußerte, erachtet Lacan ganz grundlegend als des Menschens Fähigkeit zu Symbolisieren: "Der Mensch spricht also, aber er tut es, weil das Symbol ihn zum Menschen gemacht hat."(S.I./S.117).

Die Beziehungen zwischen langue und parole bilden zunächst den Dreh - und Angelpunkt aller philosophischen, psychologischen bzw. semiotischen Betrachtungen des Poststrukturalisten zur Sprache. Nach wie vor stehen für den Querdenker das Zusammenspiel von Laut-und Vorstellungsseite, der zwischen Individuellem und Sozialem schwankende Begriff der "menschlichen Rede" (langage) oder die Auffassung der Sprache (langue) sowohl als fixes System wie auch als veränderliches im Mittelpunkt der linguistischen Anschauungen. (6) Gleichzeitig aber übersteigt er durch die Einbeziehung eines "Außerhalbs", die "Quadratur der Ich-Prüfungen", in die Systemvorstellung den Saussureschen Systembegriff von Sprache innerhalb des strukturalistischen Konzepts.

Saussure zwar noch definierte das Sprachsystem als eine Funktion des sprechenden Subjekts durch die Entsprechung von langue und parole. Bei Lacan aber geschieht dazu eine Definition in umgekehrter Weise: Das sprechende Subjekt bedeute ein Funktion des Sprachsystems - "In erster Linie deswegen, weil die Sprache in einem Moment seiner geistigen Entwicklung in sie eintritt." Entsprechend ist auch das Symbol, als Sprachzeichen oder sprachanaloges Zeichen, bei Lacan gegenüber Saussure prinzipiell anders aufgefaßt: Der mehrdeutige und beliebige Charakter des Zeichens wird von Lacan zugleich auf die einzelnen Elemente des Zeichens (Laut- und Vorstellungsseite) wie auch auf das ganze Zeichen bezogen erklärt:

Das Symbol verweist nach ihm nicht mehr als ein fixes Element des Bezeichnens auf die Sache selbst, sondern es ergebe sich - außer den freien Beziehungen zwischen Signifikant und Signifikat - genauso ein relativer Bezug des Zeichens auf das zu referierende Denotat. Dergestalt, daß das Zeichen nun nicht mehr die Sache selbst, sondern eine Relation, einen 'symbolischen Vertrag' konstituiert.

Darin wird das Symbol, insbesondere das linguistische, auch als Element verschiedener Zeichensysteme wahrgenommen: "Das symbolische System [langage] ist großartig verschlungen [...] jedes noch so leicht isolierte linguistische Symbol ist nicht bloß der Gesamtheit verhaftet, sondern überschneidet sich mit ihr und konstituiert sich durch eine ganze Serie von Zuflüssen, von gegensätzlichen Überdeterminierungen, die es in mehreren Bereichen zugleich situieren."(S.I./S.72)

Es ist das Signifikante, das vor der Signifikanz das Spiel der symbolischen Differenzen bestimmt. Die Gesamtheit der Signifikate - die Bedeutung - enthält erst dann Kohärenz, wenn sie sich an das [amorphe] Netz der Signifikanten anschließt, "die sich zusammensetzen nach den Gesetzen einer geschlossenen Ordnung [...]. Ringe, die in einer Kette sich in den Ring einer anderen Kette einfügen, die wieder aus anderen Ringen besteht"(S.II./S.44).

Ausgehend von der Zeichentheorie Saussures, unterlegt Lacan damit insbesondere dem Unbewußten gleichfalls Systemcharakter: Das Unbewußte sei strukturiert wie eine Sprache, eine Art überindividuelle Langue, deren Individuelles des Einzelnen sich durch das Sprechen des >wahren< Subjekts vollzieht. Die Elemente des Zeichens bedeuten demnach hier zum einen als Bezeichnetes zwar nach wie vor Sinn vor dem Wort; zum anderen aber mag das Zeichen im "Verfehlen" das Symptom des symbolisierten Unbewußten ausdrücken. Nach der Saussureschen Systemformel: 'Die Sprache ist für uns die menschliche Rede abzüglich des Sprechens.' läßt sich entsprechend das symbolisierte Unbewußte mit 'die menschliche Rede abzüglich des Verfehlens' als ein Zeichensystem definieren.

Danach wird das Symbol, insbesondere das linguistische, auch als Element verschiedener Zeichensysteme wahrgenommen: "Das symbolische System [langage] ist großartig verschlungen [...] jedes noch so leicht isolierte linguistische Symbol ist nicht bloß der Gesamtheit verhaftet, sondern überschneidet sich mit ihr und konstituiert sich durch eine ganze Serie von Zuflüssen, von gegensätzlichen Überdeterminierungen, die es in mehreren Bereichen zugleich situieren."(S.I./S.72)

Das parallele Agieren des Signifikanten in den Verkettungen der Sprache sei, so Lacan, dasselbe wie beim Symptom im psychoanalytischen Sinn: "Zwischen dem rätselhaften Signifikanten des [...] Traumas" und dem Wort [Signifikat], dem dieser sich dann in einer aktuellen signifikanten Kette enthält, " geht der Funke hindurch, der in einem Symptom [...] die Bedeutung festhält, unzugänglich dem bewußten Subjekt, in der es sich lösen kann."(S.II./S.33). Das Lacansche Verständnis der Wirkungen der Signifikantenkette, gekoppelt an psychoanalytische Erfahrungen, erschließt eine neue Sicht auf Sprache und Psyche: Für Lacan ist das neurotische "Symptom zugleich Symbol eines abgestorbenen Konflikts", und es besitze darüber hinaus "eine Funktion in einem gegenwärtigen nicht minder symbolischen Konflikt". Wenn das Assoziieren der "wachsenden Verästelung einer Linie von Symbolen" folgt, "um an den Punkten, an denen die sprachlichen Formen sich überschneiden, die Knoten ihrer Struktur zu ermitteln -, dann ist vollkommen einleuchtend, daß das Symptom selbst wie eine Sprache strukturiert ist".(S.I./S.109).

Nach der "Funktion des Signifikanten" für das Sprechen im Unbewußten fragt Lacan bspw. in Encore. Dazu leitete er bereits in den Vorträgen des Jahres zuvor den "Signifikanten Ein" her.(E./S.22ff.) Was meint das, der Signifikant Ein, der sich situiere auf der "Ebene der genießenden Substanz" [der Signifikanten-Ordnung?]: Dieser Signifikant symbolisiere den Wunsch des Subjektes, das Genießen des Anderen, der ein "Nicht -alles", nie ganz genossen sein kann. Aus der Erkenntnis, daß man immer nur einen Teil des "Körpers des Anderen [zu] genießen" vermag, "aus dem einfachen Grund, daß man nie einen Körper vollständig [...] sich um den Körper des Anderen wickeln gesehen hat. Deswegen ist man reduziert einfach auf eine kleine Umarmung".(E./S.27) Abschließend bestimmt Lacan das Genießen, das sich immer wieder erneuere an "Abwesenheit", einem Nicht-Alle-Sein des Anderen, als eine Funktion des Signifikanten Ein und benennt diesen Signifikanten mit "Phallus"(7): "Denn der Phallus ist ein Signifikant,[...] es ist der Signifikant, der bestimmt ist, die Signifikatswirkungen in ihrer Gesamtheit zu bezeichnen" soweit der Signifikant diese konditioniert durch seine Gegenwart als [der] Signifikant."(S.II./S.119-132). Dieser Signifikant Ein aber gehe dem Sprechen voraus und veranlasse erst den Fluß der Signifikanten als ein Sprechen. Jene signifikante Leerstelle, der der Ursignifikant "Phallus" entschwindet, tue sich im "Spiegelstadium"(8) ein erstes Mal auf, in dem das Ego sich als Anderer, bzw. das Andere - die Mutter zum Beispiel -, als Differenz erkennt. So beginne ein Begehren im Imaginärem, welches die Sprache bewegt.(9)

In einem Aufsatz über die Semiotik der Geschlechter auf einem Kongreß in Salzburg machte die Referentin Ines Spörk zum Phallischen der Frau, der Mutter etc. den Vorschlag, schlicht und einfach den Terminus 'phallisch', insofern er für die signifikante Leerstelle im Gebrauch ist, durch 'kolpisch' "nach dem griechischen 'kolpos', das Busen und Schoß mit einem Wort bezeichnet" zu ersetzen.

Das scheint mir in der Tat auch ein anzunehmender Vorschlag zu sein. Denn im Verlust des Kolpischen besteht ja wohl auch die ursprüngliche Erfahrung des Signifikantenmangels. Es ist folglich ganz schlüssig, die Lehrstelle "Kolpos"(10), das fehlende Signifikat und den entsprechenden Signifikanten "Phallus" aufeinander zu beziehen. Es sei an dieser Stelle vorsichtig schon einmal eine entsprechende strukturalistische Formel frei nach Saussure für das Symptom, das Zeichen des symbolisierten Unbewußten bzw. des "Verfehlens"(11) entwickelt: Symptom = S:Phallus/ s: Kolpos

"Sinn" - der "noematische [vorsprachliche] Sinn alles Erlebten [Signifikantes]" - sei etwas, das aufgrund seiner Natur sich dem Bedeuten [das Signifikate] aufprägt, seine begriffliche Markierung in der Bedeutung findet. Der Akt des Symbolisierens, die 'Zeichenwerdung' [Signifikation] vollziehe sich demnach, indem "Sinn" sich in die "Bedeutung" einschreibt: Von da an, da sie durch die Einschreibung des Sinns auffassbar werde, sei die Symbolische Ordnung (langage), "die logische Ordnung der Begrifflichkeit" im gesprochenem bzw. geschriebenem Wort gegeben. Der Sinn ist für Derrida damit "eine Art von sich im Bedeuten verdoppelnder, weißer stummer Schrift [ursprünglicher Spur]."(12)

Die "semiotische Chora" der Signifikanten Ordnung läßt sich als das, was dem Bedeuten vorausgeht, aber schon Sinn konstituiert, verstehen: Sie ist nach Kristeva "eine unbeständige und unbestimmte Artikulation" des Sinns vor der Bedeutung in der Symbolischen Ordnung(13).

Dem sprachlichen Zeichen, definiert als eine psychische Einheit von Vorstellung (Bezeichnetes) und Lautbild (Bezeichnendes) entspreche die Bestimmung der Langage als ein psychisches System, von "Sinn" und "Bedeutung"(14). Die strukturalistische Formel für die langage als Funktion de Subjektes in der Sprache, frei aufgestellt nach den Saussureschen Vorbildern in den Cours, laute deshalb zusammenfassend:

                    Sinn              Signifikante Ordnung      S: Phallus/ s: Kolpos   
     langage   =    -----------  =    --------------------  =   ----------------------  
                    --                -----                     ----                    
                    Bedeutung         Symbolische Ordnung       S: Laut / s:            
                                                                Vorstellung             

Die "langage"(15) als "etwas", was der Sprache [langue] "voraufgeht"(S.II./S.125) oder als die Signifikante Ordnung die der Symbolischen Ordnung, dem System aller Systeme von Zeichen, vorausgeht, verkörpert damit in der Tat nachweislich den umfassendsten Begriff der lacanschen Ausführungen zu Sprache und Unbewußtem.

V. Zu Lacans Begriff des "wahren Subjekts" im Sprechen des Unbewußten

Der Schöpfer ist jemand, der größer ist als ich.

Es ist mein Unbewußtes, es ist jenes Sprechen,

das in mir spricht, jenseits von mir. (16)

Freud: Traumdeutung

Die Mechanismen des Unbewußten, die Freud bereits ausführlich in der Traumdeutung geschildert hat, werden von Lacan, indem er diese Vorgänge als Sprechen des Unbewußten dem Symbolischen zuordnet, auf das symbolisierte Unbewußte übertragen. Es lassen sich seine modifizierten Thesen zum Unbewußten nach dem Traum von Irmas Injektion (Lacan. Vorlesung XIII. u. XIV.; Sem.II./S.189-219) im folgenden kurz zusammenfassen:

Zunächst unterteilt er das Traumgeschehen nach Freud in das imaginäre und in das symbolische. Ersteres, das imaginäre, mache die anfängliche Traumphase aus, die in der Regression, der zweiten Traumphase durch Verschiebung und Verdichtung sodann symbolisiert werde. Dieses Agieren des Unbewußten aber wird durch Lacan neu als ein symbolischer Vorgang wahrgenommen: Was im Spiel ist "in der Funktion des Traums", sei "jenseits des Ego, [...] es ist das Unbewußte." Aber, das Wesentliche des Träumens sei, daß "die analytischen Symptome [des Unbewußten - K.D.] sich im Strom eines Sprechens produzieren, das zu passieren sucht."

So macht für Lacan auch "die Suche nach dem Wort", "die direkte Frontstellung gegen die geheime Realität des Traums", d.h. eine Symbolisierung bzw. Sinngebung, den "wahrhaft unbewußten Wert des Traumes" aus. Das ist eindeutig entfernt "von ursprünglichen und infantilen Anklängen", die nach Freud das Unbewußte im Traum verkörpern mögen.

Diese Symbolisierung des Unbewußten vollziehe sich durch "die Einmischung der Subjekte". Ein "unbewußtes Phänomen, das sich auf einer symbolischen Ebene entwickelt" spiele sich immer zwischen zwei Subjekten ab. Zu diesen autonom agierenden Subjekten des Traums erklärt sich Lacan noch genauer: Im Traum entspreche keines der beiden Subjekte dabei dem Ego ( = "je social" ), d.h. dem träumenden Subjekt, das durchaus selbst auch im Traum vertreten sein kann; diese aber würden als vom Ego unabhängige Subjekte des Traumes agieren. "Sobald das wahre, vermittelnde Sprechen [des Unbewußten] auftaucht, [ - das Ich moi (S.I./S.64) schlägt zu ?-] macht es aus ihnen zwei Subjekte, die sich sehr von dem unterscheiden, was sie vor d[ies]em Sprechen waren. Das heißt, daß sie erst von dem Moment an anfangen, als Subjekte d[ies]es Sprechens konstituiert zu sein, wo das Sprechen existiert, und ein Vorher gibt es nicht."(Sem.II./S.206).

Es fragt sich aber, lassen sich diese Subjekte des Sprechens des Unbewußten im Traum grundsätzlich nach Lacans "Je" und "Moi" benennen? Oder entstehen diese Subjekte mit dem Sprechen des >wahren Subjekts<? Auf diese unbewußten Beziehungen von Je und Moi geht Lacan in seinem frühen Aufsatz zum Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion (S.I./S.61-70) schon in aller Ausführlichkeit ein:

"[Je] spricht im Andern", sagt Lacan und benennt mit "Anderes" in neuer Weise einen 'Ort', der im Rückgriff auf das Sprechen (Parole) entstehe -" in jeder Beziehung [Interaktion], die eingegangen wird". "Es", das Vorbewußte, spricht im "Andern", deswegen, weil das sprechende Subjekt (parole) in ihm seine signifikante Position (Lautseite) "findet durch etwas (17), das jedem Erwecken des Signifikats [Vorstellung, Begriff] voraufgeht." Die Entdeckung dessen, was das Subjekt "im Andern" spricht - des "Anspruchs" (Sem.II./S.127), lasse verstehen, unter welchem grundsätzlichen Vorgang (der psychischen Spaltung in "Je" und "Moi") das Ich sich im Spiegelstadium (18) konstituiert habe.

Hier unterscheidet Lacan zwischen Entstehung und Wirkungen: er trennt grundsätzlich die Entstehung des >wahren Subjekts< durch die ursprüngliche Zwietracht des Ichs (Je) vor dem Spiegelstadium vom Wirken der Instanz des Ich (Moi), die das soziale Ich in das innere Drama einer "unerschöpflichen Quadratur" von Ich-Prüfungen (z.B. Träume) verwickelt.

Das >wahre Subjekt< entstehe vor dem Spiegelstadium durch eine ursprüngliche Zwietracht, eine "fundamentale Zwiegespaltenheit" und innerste Unangepaßtheit des Ichs.

Dieses vorbewußte "JE" sei irreflexiven Wesens, und es verberge sich hinter dem Spiegel - Ich "Moi". Es schlage sich in diesem im Spiegelstadium nieder - wie eine Spur (ein Vor-Moi?), die das symbolische Sein des "Je social" anders markiert und die sich gleichzeitig der Signifikanz entzieht. Der psychisch-physiologische Zustand der Verwirrung und somatischen Zerstückeltheit des Ichs vor dem Spiegelstadium ( = Reales) erzeugt die symbolischen Wirkungen des Unbewußten: Verschiebungen und Verdichtungen in der Sprache (langue). Bereits im Unbewußten kommt demnach das symbolische Ich (Je social) zum Einsatz und fängt die grundsätzlich durch das Reale imaginär verworrene Psyche ("Je speculaire" (S.I./S.68) im Gleichgewicht von Langue und Parole (=Symbolisches) auf. Der Andere, das Selbst sind immer nur als symbolisches Trugbild einer imaginären Einheit des Realen faßbar.

Das ursprüngliche Je entfaltet lediglich durch die Instanz dieses Ich "MOI" noch ein imaginäres Dasein in den Träumen und Phantasmen des Subjekts. Dieses wahre Ich "JE" kann deshalb nur mit einem anonymen >es spricht< mitgeteilt und als ursprüngliches 'Ich' im Unbewußten, das der Signifikanz vorausgeht, verstanden werden (19).

Die Subjekte des Sprechen des Unbewußten im Traum stimmen also keineswegs mit Lacans "Je" und "Moi" überein. Sie werden zwar durch diese Ich-Gespaltenheit hervorgebracht: Indessen stellen sie im Traum nur die sprechenden Personifikationen dieses psycho-somatischen Ich-Zwiespalts dar.

VI. Anhang: Eine Kindheitserinnerung

Jene Lacanschen Kategorien, das vorbewußte "Je", das Spiegel-Ich "Moi" und das "Je social", finden beispielsweise in den folgenden Worten Ullrichs, Musils Mann ohne Eigenschaften nahezu vollkommen ihr poetisches Gleichnis. Das Musilzitat sei den poststrukturalistischen Kategorien hinzugefügt, daß einmal mehr deutlich wird, um was für ein Ich-Denken es sich bei Lacan handelt:

"Wenn ich mich an meine früheste Zeit erinnere, so möchte ich sagen, daß damals innen und außen kaum noch getrennt waren. Wenn ich auf etwas zukroch, kam es auf Flügeln zu mir her; und wenn sich etwas ereignete, das uns wichtig war, so wurden davon nicht etwa bloß wir erregt, sondern die Dinge selbst begannen zu kochen. Ich will nicht behaupten, daß wir dabei glücklicher gewesen sind als später. Wir besaßen uns ja noch nicht selbst; eigentlich waren wir überhaupt noch nicht, unsere persönlichen Zustände waren noch nicht deutlich von denen der Welt abgeschieden. Es klingt sonderbar, und ist doch wahr, wenn ich sage, unsere Gefühle, unsere Willnisse, ja wir selbst waren noch nicht ganz in uns darin. Noch sonderbarer ist, daß ich ebenso gut sagen könnte: waren noch nicht ganz von uns entfernt. Denn wenn du dich heute, wo du ganz im Besitz deiner selbst zu sein glaubst, ausnahmsweise einmal fragen solltest, wer du eigentlich seist, wirst du diese Entdeckung machen. Du wirst dich immer von außen sehn wie ein Ding. Du wirst gewahren, daß du bei einer Gelegenheit zornig wirst und bei einer anderen traurig, so wie dein Mantel das eine Mal naß und das andere Mal heiß ist. Mit aller Beobachtung wird es dir höchstens gelingen, hinter dich zu kommen, aber niemals in dich. Du bleibst außer dir, was immer du unternimmst, und es sind gerade nur jene wenigen Augenblicke ausgenommen, wo man von Dir sagen würde, du seist außer dir. Zur Entschädigung haben wir es allerdings als Erwachsene dahin gebracht, bei jeder Gelegenheit denken zu können <Ich bin>, falls uns das Spaß macht. Du siehst einen Wagen, und irgentwie siehst du schattenhaft dabei auch: <ich sehe einen Wagen>. Du liebst oder bist traurig und siehst, daß du es bist. In vollem Sinn ist aber weder der Wagen, noch ist deine Trauer oder Liebe, noch bist du selbst ganz da. Nichts ist mehr ganz so da, wie es in der Kindheit einmal gewesen ist. Sondern es ist alles, was du berührst, bis an dein Innerstes verhältnismäßig erstarrt, sobald du es erreicht hast eine <Persönlichkeit> zu sein, und übriggeblieben ist, umhüllt von einem durch und durch äußerlichen Sein, ein gespenstiger Nebelfaden der Selbstgewißheit und trüber Selbstliebe. Was ist da nicht in Ordnung? Man hat das Gefühl, irgendetwas wäre noch rückgängig zu machen! Man kann doch nicht behaupten, daß ein Kind ganz anders erlebe als ein Mann! Ich weiß keine entscheidende Antwort darauf, wenn es auch diesen und jenen Gedanken darüber geben mag. Aber seit langem habe ich es in der Weise beantwortet, daß ich die Liebe zu dieser Art Ichsein und dieser Art Welt verloren habe."

Aus: Robert Musil; Der Mann ohne Eigenschaften

VII.Literaturverzeichnis:

Helbig: G.: Geschichte der neueren Sprachwissenschaft, Reinbek 1974

Husserl, Edmund: Ideen zu einer reinen Phänomenalogie und phänomenologischen Philosophie. Husserliana Band III,1. Den Haag 1976

Kristeva, Julia(1978): Die Revolution der poetischen Sprache. Frankfurt a. M.

Lacan, Jacques (1973): Schriften I. Olten/ Freiburg

Lacan, Jacques (1975): Schriften II. Olten/ Freiburg

Lacan, Jacques (1980): Schriften III. Olten/ Freiburg

Lacan, Jacques (1978): Das Seminar von J. Lacan. Buch I. (1953-1954) Freuds technische Schriften. Olten / Freiburg

Lacan, Jacques (1991): Das Seminar von J. Lacan. Buch II. (1954 -55). Das Ich in der Theorie Freuds und in der Technik der Psychoanalyse. Weinheim/ Berlin

Lacan, Jacques (1978): Das Seminar von J. Lacan. Buch XI. (1964). Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Olten/Freiburg.

Lacan, Jacques (1991): Das Seminar von J. Lacan. Buch XX. (1972-1973). Encore. Weinheim / Berlin

Pagel, Gerda (1991): Lacan zur Einführung. Hamburg

Saussure, Ferdinand de (1967): Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Berlin. (Ss)

Scheerer, Thomas M.: Ferdinand de Saussure. Rezeption und Kritik Darmstadt 1980

VIII Anmerkungen

(1) Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus. Philosophische Untersuchungen. Leipzig 1990. S.233.

(2) Lacans Ecrits erschienen 1966 in Paris. Die erste deutsche Ausgabe der Schriften Lacans geschah in Etappen: 1973, 1975 und 1980 kamen die Bücher in Olten und Freiburg heraus. Die Séminaire Lacans wurden ab 1973 und in den folgenden Jahren herausgegeben. Ins Deutsche übersetzt und herausgegeben wurden Buch: I. (1978), II. (1980), XI.(1978) und XX. (1986).

(3) Saussure (1967); Grundfragen. S.146. Sein Werk Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft wird in der vorliegenden Arbeit zur Abkürzung nach dem französischen Originaltitel auch mit "Cours" benannt.

(4) Siehe Helbig (1974); Geschichte der neueren Sprachwissenschaft. S.64ff.

(5) Vgl. Saussure (1967); S. 11 ff.. Saussure noch bestimmt willkürlich das Sprachsystem Langue als eine Einheit der ungestaltigen Gesamtheit langage, damit ist in der Sicht auf dieses unförmige Ganze eine Ordnung gegeben.

(6) Siehe Scheerer (1980): Ferdinand de Saussure. Rezeption und Kritik. S. 67.

(7) Lacan (1975); Die Bedeutung des Phallus.In: S. II. S.119-132 "Der Phallus läßt sich hier aus seiner Funktion erhellen. Der Phallus in der Freudschen Doktrin ist kein Phantasma, wenn man unter Phantasma eine imaginäre Wirkung verstehen muß. Er ist als solcher ebenso wenig ein Objekt (ein partiales, internes, gutes, böses etc. ), insofern dieser Begriff die Realität hervorhebt, die in einer Beziehung angesprochen wird. Noch weniger wohl ist er das Organ, [...] das er symbolisiert.

(8) Mit dem Begriff "Spiegelstadium" ist eine Phase der Ich-Entwicklung gemeint, welche im allgemeinen die Psychologen annehmen: Das Kleinkind erkenne sich in den ersten Lebensjahren im Spiegel ein erstes Mal als Selbst und 'nenne' sich "Ich". K.D.

(9) Vgl. Spörk, Ines: Die Sprache ist das Haus des Herrn. Zu einer Semiotik des Weiblichen (A) bei Kristeva. In: Salzburger Beiträge. Nr. 16. Wien 1989. S. 156.

(10) Tatsächlich handle es sich nicht um den Schoß im Sinne von "Gebärmutter", wenn auch gern Anklänge mit hereingenommen seien, in denen der Signifikant voll mit der Metapher spiele. Es "handelt sich um Brust oder Schoß in der Funktion der Entwöhnung als einer Präfiguration der Kastration." Vgl. Lacan (1975); Die Stellung des Unbewußten. S II. S.227

(11) Dazu Lacan (1991); Encore. S.24. "Was auf der Ebene der Unterscheidung Signifikant / Signifikat das Verhältnis des Signifikats zu dem charakterisiert, was da ist als ein unerläßliches Drittes, nämlich der Referent [Auslöser von Sinnprozessen?], ist eigentlich, daß das Signifikat es verfehlt."

(12) Vgl. Derrida (1988); Die Form und das Bedeuten. S.166f. Siehe auch Husserl (1976); Der noematische Sinn und die Beziehung auf den Gegenstand.In: Husserl, Edmund: Ideen zu einer reinen Phänomenalogie und phänomenologischen Philosophie.Husserliana.Bd.III,1.Den Haag 1976.S.295-310.

(13) Vgl.Kristeva.(1978); semiotische Chora. In: Kristeva, Julia: Die Revolution der poetischen Sprache. Frankfurt a. M.1978.S. 36 f.

(14) Vgl. Husserl, Zitat Nr.14.

(15) Lacan; 13.Oktober 1973. Siehe auch Zitat 3.

(16) Vgl.Freud (1991); Traumdeutung. Zit. nach: Lacan (1991); Sem.II. S. 219.

(17) Dieses "etwas" bezieht Lacan über die Vorstellung einer Tiefenstruktur der Relation langue-parole als Argument für langue, die Sprache als System, ein. In seinen Schriften ist ein symbolisiertes Unbewußtes erklärt, das strukturiert sei wie eine Sprache, d.h., es sei ebenfalls ein internes Regelsystem, das - sozial normiert - sich als Teil der symbolischen Ordnung ins psychische System (Subjekt) einfüge. Hervorhebung ist von mir, K.D.

(18) Siehe Lacan (1973); S.I./S.61-70. Die Erfahrung eines ursprünglichen Signifikantenmangels passiere dem Subjekt im Subjekt im Spiegelstadium - so Lacans Theorie zur Fähigkeit des Symbolisierens.

(19) Vgl. Pagel (1991); Lacan zur Einführung. S. 40.

Anschrift der Verfasserin

Kathrin Drescher

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