Dietmar Gersdorf

Die Seele des Kohls

1998 jährt sich zum einhundertundfünfzigsten Male das Erscheinen von Gustav Theodor Fechners (1801-1887) Buch "Nanna oder über das Seelenleben der Pflanzen" (kurz Nanna). Der Begründer der Psychophysik ist auch als philosophischer Schriftsteller bekannt, der sich selbst als "eine freilich etwas abseits vom Stamm zu Boden gefallene Frucht der Schellingschen Naturphilosophie" einschätzte. Der Herausgeber der zweiten Auflage von Nanna, die erst nach einundfünfzig Jahren (1899) erschienen ist, der durch seine phantasievollen wie phantastischen Geschichten bekannte Gothaer Gymnasiallehrer und Philosoph Kurd Laßwitz, schätzte dieses Werk hoch ein. Zugleich bedauerte er, daß in der gelehrten Welt zur Zeit des ersten Erscheinens von "Nanna" viel der Kopf darüber geschüttelt wurde. Zu konfus und philosophisch inakzeptabel mochte Fechners These über die wahrnehmende, leidensfähige und für sich existierende Pflanzenseele in den Ohren derjenigen Zeitgenossen geklungen haben, die die Überzeugung vertraten, daß nur der Mensch und im eingeschränkten Sinne die Tiere über eine Seele verfügten. Vieles von dem, was Fechner darüber hinaus vertrat, erschien aus der wissenschaftlichen Perspektive seiner Zeit märchenhaft, zumal man einen gewissen Hang zu orientalischen Namen und Gedanken als Indiz dafür anführte. Solche vehement vertretenen Vorurteile sind stets gute Hinweise darauf, einmal nachzuschauen, was an der diskreditierten Sache "eigentlich dran sein könnte".

In Nanna untersuchte Fechner die Frage, wie - modern ausgedrückt - konsistent unsere Argumente (und Vorurteile) eigentlich sind, mit denen wir ein seelisches Leben der Pflanzen bestreiten. Er bewegte sich dabei in einem vielschichtigen Diskurs, in dem er zur Behauptung "Nur Menschen und höher entwickelte Tiere besitzen eine Seele" zunächst einfach die These entgegensetzte: "Auch Pflanzen besitzen eine Seele". Um diesen Ansatz, den ich als einen gegenüber den wissenschaftlichen Standards seiner Zeit renitenten sprachphilosophischen bezeichnen möchte, darzulegen, führte er eine Anzahl plausibler und weniger plausibler, bisweilen absurder Argumente und Beweisführungen an.

Was ist also dran an der Annahme einer Pflanzenseele? Um dieser Frage ein wenig Kontur zu geben, möchte ich mich auf einen Punkt der Fechnerschen Beweisführung beziehen, nämlich auf den Angriff gegen das Vorurteil, nur Lebewesen mit Nerven könnten eine Seele besitzen.

Folgendes Beispiel bietet dafür einen willkommenen Anlaß. Am 17. Februar diesen Jahres widmete die Wochenzeitung "Die Zeit" den neuesten Diskussionen und Ergebnissen der Neurowissenschaften eine Beilage. In dieser fand sich unter der Überschrift "EEG eines Kohls" nebenstehendes Bild, auf dem ein Wirsingkohlkopf (aus biologisch-organischem Anbau) abgebildet ist, dem Elektroden einer EEG-Meßanordnung angelegt sind. Das EEG (Elektroenzephalogramm) ist jene Methode, die der Jenenser Nervenarzt Hans Berger (1873-1941) zuerst an seinem Sohn ausprobierte und bei der von der Kopfhaut die Änderungen bestimmter elektrischer Potentiale "abgenommen" werden. Fechner ist, nebenbei bemerkt, gemeinsam mit Ernst Heinrich Weber (1795-1878) einer der Urväter des EEG. Seine Arbeiten über die Theorie der Reize, die vor allem in "Elemente der Psychophysik" nachzulesen sind, hatten wesentlichen Einfluß auf die Entwicklung der modernen Physiologie und die Ausprägung der naturwissenschaftlichen, also messenden, beobachtenden und von außen beschreibenden Psychologie. Letztere wurde im 20. Jahrhundert auch als Psychophysiologie oder Neurophysiologie bezeichnet. Fechner präzisierte Webers Ansatz eines Gesetzes über den Zusammenhang von Reizintensität, Reizschwelle und Reizempfinden zum sogenannten Weber-Fechnerschen-Gesetz dahingehend, daß er die bis dahin angenommene lineare Abhängigkeit von Reiz und Empfindung als logarithmische deutete. Obwohl in Deutschland umstritten bei Untersuchungen am Menschen, gilt es als erfolgversprechend, wenn man das Großhirn direkt mit Elektroden bestückt, nur spricht man in diesem Fall von einem Elektrokortikogramm. Bei beiden Ableitungen können, in der traditionellen Darstellungsweise, die Meßergebnisse auf einem fortlaufenden Papierstreifen registriert werden. Etwas dem scheinbar Entsprechendes sehen wir auf dem Bild.

Was wird nun eigentlich beim EEG gemessen? Eine verbindliche Antwort auf diese Frage gibt die Elektrophysiologie des ZNS (Zentralnervensystem). Um darauf einzugehen, sei mir ein kleiner neurobiologischer Exkurs mit einem winzigen Abstecher in das Arsenal philosophischer Meinungen gestattet, die in diesem Zusammenhang häufig eine Rolle spielen.

Die Zelle, das Gehirn und

das Leib-Seele-Problem

Also, was wird gemessen? Salopp ausgedrückt: Die Änderungen bestimmter elektrischer Potentiale. Diese werden zuallererst durch elektrochemische Prozesse an der Membran von Zellen und an den Synapsen verursacht. Was an einer einzelnen Zelle passiert, wird als Aktionspotential oder postsynaptisches Potential bezeichnet. Verantwortlich für die Bildung dieser Potentiale sind Ionen, die durch kleinste Öffnungen in den Membranen hin- und herdiffundieren. Damit dies geschieht, muß sich im Inneren der Zelle oder in ihrer Umgebung etwas verändern, was im allgemeinen als Reizung bezeichnet wird. Eine Reizung kann erregend oder hemmend auf die Zelle wirken. Doch auch ohne jede Reizung wird eine Spannung an der Zellmembran erzeugt, das sogenannte Ruhepotential. Es gibt Zellen, die in ähnlicher oder gar gemeinsamer Weise auf bestimmte Reizungen reagieren, es gibt individualistische Exemplare, die nur auf einen bestimmten Reiz antworten, dann solche, die fast immer eine Reaktion zeigen, und ausgesprochen autarke. Letztere scheinen gar nicht zu reagieren. Manche erregen oder hemmen sich auch selbst, sie sind außerordentlich spontan.

Das alles erzeugt eine außerordentliche Vielstimmigkeit und Rhythmik. Je mehr Zellen gemeinsam auf einen Reiz reagieren, um so stärker ist der zu messende Effekt. Je geringer ihre Anzahl ist, desto schwächer. Das Wechselspiel zwischen Reizung, Erregung, Hemmung und Ruhezustand findet an den Membranen einer großen Anzahl von Zellen statt.

Die Summation dieser elektrischen Phänomene in den Strukturen der Hirnrinde bildet die Grundlage dessen, was man landläufig als EEG bezeichnet. Hervorgehoben werden dabei die sogenannten langsamen, kontinuierlichen, d. h. in einer rhythmischen Regelmäßigkeit und Häufigkeit auftauchenden postsynaptischen Potentiale. Vernachlässigt werden die übrigen elektrischen Phänomene, weshalb das EEG auch als ein selektives Filter verstanden werden könnte. Für die meisten Interpreten und Anwender des EEG lag und liegt es auf der Hand, daß diese Phänomene in irgendeiner Weise mit dem seelischen Geschehen zu tun haben und bestimmte Funktionen des Gehirns repräsentieren. Diesen Umstand nicht als einen Fakt zu verstehen, ist angesichts des diagnostischen Erfolgs des EEGs und ihm artverwandter Analysemethoden wie des EKG in der Medizin, ausgesprochen töricht.

Aber auch diese Gewißheit scheint trügerisch zu sein, angesichts der immer noch tobenden Auseinandersetzungen über das seit den Anfängen der Philosophie diskutierte Leib-Seele-Problem. Was das EEG nämlich ausdrückt, fängt an zu einem gravierenden Problem zu werden, wenn man es mit dem begrifflichen Instrumentarium der Philosophen zu verstehen versucht. Es tauchen Fragen auf wie: Existiert ein kausaler Zusammenhang zwischen EEG und dem seelischen Erleben? Wird mit dem EEG der Geist gemessen? Ist das EEG, wenn es das psychische Geschehen darstellt, ein Begleitphänomen der Gehirnaktivität, oder besteht die Natur des Psychischen im Elektrischen etc. Wie vielfältig die Meinungen sind, soll folgende Tabelle zeigen. Zugleich ist damit dieser Exkurs beendet.

Idealismus: Alles ist geistig J   Autonomismus: Geist und Physis sind   
                                       autonome Wesenheiten J   [       
 Neutraler Monismus: Geistiges    Parallelismus: Synchronizität des     
       und Physisches als         physischen und geistigen Geschehens   
     Manifestationen einer        J[[onesuperior]]                      
 verborgenen neutralen Substanz   [[[onesuperior]]                      
         J       [ ëì K                                                 
 Eliminativer Materialismus: Es    Epiphänomenalismus: Geist ist ein    
      gibt keinen Geist [         Sekret des Gehirns   L     ñ      [   
    Reduktiver Materialismus       Animismus: Geist hinterläßt Spuren   
 (Physikalismus): Geist ist ein        in der Physis   J   ò    M       
    Kollektiv physikalischer                                            
           Zustände M                                                   
          Emergentistischer           Interaktionismus: Gehirn ist      
     Materialismus: Geist =         materielle "Basis" des Geistes,     
      Kollektiv emergenter          doch von ihm kontrolliert [ ó J     
   biologischer Aktivitäten [                                           

Legende: M/[ = Körper/Leib; J = Geist/Seele K = neutrale Substanz/ Entität

Tabelle 1: Mehrere Möglichkeiten, das Leib-Seele-Problem zu "lösen"

Ein EEG der Pflanzen?

Halten wir aus dem bisher Festgestellten zunächst einmal zwei Argumente fest, die gegen die Annahme einer Pflanzenseele sprechen:

1. Beim EEG werden postsynaptische Potentiale gemessen.

2. Das EEG ist ein in Strukturen der Hirnrinde auftretendes elektrisches Phänomen.

Genauer besehen sind sie Varianten eines Arguments. Gewissermaßen a prioi wird nämlich in diesem Fall eine bestimmte morphologische Struktur für das elektrische Spezifikum EEG angenommen: Es existiert ein Nervensystem, dessen unterste enkaptische Ebene (die Neurone) durch Synapsen miteinander verbunden sind. Synapsen sind jene Kontaktstellen, die an der Oberfläche des Neurons für die Verbindung über die Dendriten und Neuriten mit anderen Neuronen sorgen. Dieses Nervensystem wiederum muß in sich gegliedert sein in Zentralnervensystem und Peripherie.

Daraus folgt klarerweise (siehe 1), daß nur an solchen Strukturen ein EEG ableitbar ist, die diese Bedingung erfüllen. EEG-Ableitungen sind somit an tierisches Leben gebunden, da wir nur bei Menschen und Tieren ein Nervensystem, mit Fechners Worten gesagt, "Nerven" vorfinden.

An Lebewesen ohne Zentralnervensystem kann kein EEG gemessen werden. In die Menge dieser Lebewesen fallen nicht nur Pflanzen, wie etwa der Kohl, sondern primitive tierische Mehrzeller und die Einzeller. Nervenzellen unterscheiden sich von Pflanzenzellen, Nierenzellen oder Knochenzellen vor allem durch die Fähigkeit, elektrisch erregt werden zu können, auf Erregung zu reagieren und durch bestimmte Fasern miteinander verbunden zu sein. Der Wechsel von Erregung und Reaktion vollzieht sich mit großer Geschwindigkeit. Diese Fähigkeit ist genau so charakteristisch für die Nervenzelle, wie für die Knochenzelle die Fähigkeit, zu verknöchern.

Damit scheint das Problem gelöst zu sein, ob an einem Kohlkopf das EEG ableitbar ist. Es ist negativ entschieden. Folgt daraus aber wirklich, daß die Feststellung seelischer Vorgänge an die Ableitbarkeit des EEG gebunden ist? Das hier auftauchende philosophische Problem läßt sich, wie in Tabelle 1 zu sehen ist, auf vielfältigste Weise abhandeln. Diese Lösungsvarianten hängen wiederum von den Vorurteilen und Voraussetzungen ab, die im Vorfeld der Leib-Seele-Diskussion eine Rolle spielen. Ganz allgemein gilt, bezogen auf das EEG, daß es entweder ein Indikator für die Existenz der Seele oder kein solcher Indikator ist. Diese Tautologie sichert als Prämisse den Fortbestand der Diskussion. Die sich aus beiden Antwortstrategien ergebenden Konsequenzen wollen wir uns jedoch an dieser Stelle ersparen, sondern annehmen, daß es durchaus sinnvoll ist, das EEG als einen Hinweis auf psychische Tätigkeit zu verstehen.

Ob es tatsächlich als ein evidenter Nachweis für die Existenz einer Seele bewertet werden kann, hängt nicht nur allein von der Art des Umganges mit ihm, sondern davon ab, was "Seele" kulturell, religiös, wissenschaftlich oder ideologisch darstellen soll. Von der am Großhirn gemessenen elektrischen Aktivität auf die Unsterblichkeit der Seele zu schlußfolgern ist genau dann abwegig, wenn man von einem naturwissenschaftlichen Verständnis ausgeht, das den Entropiesatz und die Dissipation von Energie anerkennt und andere als diesen Voraussetzungen folgende Erklärungen ausschließt.

Das EEG ist zuallererst als ein Instrument zur Untersuchung des Menschen und dann von Tieren mit einem ZNS, wie z. B. Kaninchen, Fröschen und Fischen, entwickelt worden; das liegt auf der Hand.

Wollte man es auf einen Kohlkopf anwenden, würde man etwas ähnliches praktizieren, als würde man Feldforschungen über das Verhalten afrikanischer Elefanten mit einem Seismographen durchführen.

Was kann man, wenn schon nicht das EEG, denn dann an einem Kohlkopf messen? Auf jeden Fall jede Menge elektrischer Potentiale spezifischer Zellen, eben pflanzlicher Zellen. Diese entstehen durch Diffusion von Ionen an der Membran. Als lebende Zellen haben auch sie verschiedene Funktionen, etwa die Fotosynthese, Fortpflanzung, Stützung usw.

Fechner benutzte, um einerseits ein Argument für die Annahme der Pflanzenseele und andererseits eines für deren Verschiedenheit von der menschlichen und tierischen Seele anzuführen, einen mit dem bisher Gesagten durchaus nicht im Widerspruch stehenden, freilich etwas schrägen Beweis:

Wenn die Existenz der Seele eines Klaviers durch dessen Saiten und die durch sie erzeugten Klänge bestätigt würde, dann könnte man annehmen, daß diese Seele zu existieren aufhört, sobald die Saiten zerschnitten werden. Dies sei, so Fechner, analog zur Zerstörung des Gehirns oder bestimmter Nerven bei Tieren oder gar beim Menschen zu sehen. Wenn z.B. das Gehirn eines Menschen durch sonstwie geartete Einwirkungen zerstört wird, dann besitzt dieser Mensch keine Seele mehr. Was ist aber mit Instrumenten, die gar keine Saiten besitzen, wie etwa Flöten oder Orgeln? Fechner meinte nun, daß es gerechtfertigt sei, an dieser Stelle eine weitere Analogie einzufügen: Die Saiteninstrumente stehen für all die Lebewesen, welche "jene eiweißartigen Fäden, die man Nerven nennt", besitzen. Blasinstrumente entsprechen den Pflanzen, welche bekanntlich über keine Nerven verfügen. Würden wir bestreiten wollen, daß diese keine Klänge hervorbrächten? Sicherlich nicht. Aus diesem Grund, so Fechner, besäßen auch die Pflanzen eine Seele, freilich eine solche, die jener der Tiere nicht in allen anatomischen Voraussetzungen, an die sie gebunden zu sein scheint, entspricht.

Die Analyse der verqueren logischen Beweisführung möchten wir uns an dieser Stelle zugunsten der Intention Fechners ersparen. Zwei Gesichtspunkte erscheinen wert zu sein, näher betrachtet zu werden.

Erstens behauptet Fechner, daß das Nervensystem eine Möglichkeit ist, daß eine Seele gebunden sein kann. Eine andere Möglichkeit dafür könnten aber die sogenannten Spiralfasern der Pflanzen darstellen. Er bringt durch diese Argumentation die Varianz der Entwicklung des Lebens zu Sprache, deren Quintessenz etwa heißen könnte: Was entsteht, hängt in seiner Spezifik davon ab, unter welchen Bedingungen es entsteht. Die sich dahinter verbergende Annahme, daß unter allen denkbaren Bedingungen Leben entstehen könnte, hängt wesentlich mit Fechners pantheistisch orientierter, naturphilosophisch vom frühen Schelling geprägter philosophischen Haltung zusammen. Er war z. B. der Ansicht, daß die Gestirne und Planeten, ja selbst die Sonne in ihrer spezifischen Form lebendig und beseelt seien. Diese philosophische Verallgemeinerung muß man nicht teilen. Dennoch ist Fechners Varianzargument einleuchtend, zielt es doch auf die Relativierung der Einmaligkeit menschlicher Vernunft. Diese sollte man heutzutage, besonders unter dem Eindruck der Entwicklung moderner Datenverarbeitungstechnologien, nicht von vornherein völlig bestreiten.

Zweitens meint Fechner, daß jener rohe Klang, den selbst ein Klavierkasten ohne Saiten - in diesem Fall wohl eher als Metapher gemeint - von sich geben kann, wenn man es nur anstößt, ebenfalls auf eine allgemeine Eigenschaft aller Lebewesen hinweist: Ihr Bestehen auf der Basis von Zellen, die wenigstens in einigen Grundprinzipien immer dieselbe ist. Man muß nur einräumen, daß jedes Musikinstrument irgendeinen Ton von sich gibt, wenn man es verwendungsfremd benutzt. Selbst einem blutigen musikalischen Laien wird es nicht schwerfallen, dem zuzustimmen. (Vielleicht wissen diese sogar besser über die Erzeugung von Mißtönen bescheid als Musiker.) An diesem Punkt wären wir wieder bei unserem Kohlkopf angelangt, der ja auch nur ein Torso, ein dem Verfall bereits Preisgegebener ist, da man ihn gewissermaßen vom übrigen Teil der Pflanze abgetrennt hat. Solange irgendein zellulärer Vorgang stattfindet, also Ionen durch Ionenkanäle in der Zellwand diffundieren, wird sich am Kohl etwas messen lassen. Selbst wenn er den Weg alles Irdischen geht, wenn er verwest, wird die Ableitung elektrischen Geschehens in irgendeiner Weise erfolgreich sein. Eben das, so könnte man Fechner interpretieren, ist jener rohe Klang, den jedes Instrument abgeben kann.

Die Argumente Fechners für die Existenz der Pflanzenseele waren insofern abwegig, als er die Negationen empirischer Fakten, die in damaligen Fachkreisen als allgemeine anerkannt galten, für die Bestätigung seiner apriorischen Behauptung verwendete. Das hatte ähnliche Konsequenzen, als wenn man heutzutage hartnäckig behaupten wollte, die Erde sei eine Scheibe.

Der Unterschied zwischen seiner Meinung und der Ablehnung der Existenz einer Pflanzenseele besteht im wesentlichen darin, daß letztere darauf fußt, daß man zwar Pflanzen eingehend wissenschaftlich untersuchen kann, unter Zuhilfenahme aller uns zu Gebote stehenden Mittel - einschließlich des EEGs - und trotzdem keinen Hinweis auf eine Seele findet. Das ist eine nüchterne Aussage ohne große spekulative Kraft, eine Schlußfolgerung a posteriori, gewonnen aus Messung und Beobachtung. Wie jede wissenschaftlich geartete Aussage, ist auch sie nur in jenen Grenzen wahr, die durch Methode, Wahrscheinlichkeit, Instrumentarium und Theorie gesetzt werden. Gerade darin steckt ja einerseits die Entwicklungspotenz und andererseits das Defizit der Wissenschaft, also ihre Angreifbarkeit seitens der Ideologie.

Kein EEG der Pflanzen, aber vielleicht

doch eine Pflanzenseele?

Nicht abwegig ist freilich Fechners grundlegendes Anliegen. Menschen, Tiere und Pflanzen bilden seiner Auffassung nach eine Einheit im großen Maßstab. Jeder Teil dieser Einheit dient einem anderen Teil als Nahrungsgrundlage, gleich ob direkt oder indirekt. Die Nahrungskette macht vor dem Menschen nicht halt, die Natur erobert sich den ihr vom Menschen scheinbar abgerungenen Lebensraum zurück, unabhängig, ob dies spektakulär durch Naturkatastrophen oder das kaum merkbare, aber stetige Zunehmen von Krankheiten oder das Eindringen bestimmter Tiere und natürlich Pflanzen in urbane Gebiete geschieht.

In diesen Zusammenhang gehören unmittelbar Überlegungen über die Evolution, über die Alternative von Teleologie der Entwicklung des Bewußtseins, der Seele, des Geistes, des Menschen oder über die Selbstorganisation, das Verhältnis von Chaos und Ordnung usw. Um ein von Fechner selbst benutztes Goethezitat zu verwenden: "Diesen Geheimnissen näher zu treten, finden wir uns hier nicht weiter aufgefordert."

Dennoch ergeben sich die philosophischen Erwägungen über das Für und Wider die Existenz der Pflanzenseele erst, wenn diese Themen berücksichtigt werden. Je mehr man sich unter diesem Blickwinkel der Frage annimmt, um so eindringlicher fällt einem auf, daß es eigentlich gar nicht darum geht, den Pflanzen ihr seelisches Eigenleben streitig zu machen oder es ihnen nachdrücklich zuzubilligen. Es geht vielmehr darum, gegen Vorurteile über die Dominanz des Menschen in der Natur und die Vermeintlichkeit und Gefährlichkeit der Annahme seiner absoluten Einzigartigkeit zu opponieren. In diesen Vorurteilen werden festgefügte begriffliche, philosophisch relevante Standards wie "Seele", "Mensch", "Natur" als übertrieben gültige Maßstäbe herangezogen, um eine Wertehierarchie zu konstruieren, deren Höhenlagen von uns eingenommen sein sollen.

Nichts anderes hat Fechner getan, als gegen diese Vorurteile anzugehen.

Wenn ich ein Kohl wäre, würde mir die Vorstellung nicht gefallen, daß mir andere die Existenz meiner Seele abspenstig machen wollen.

Mir als Autor fällt es wiederum außerordentlich schwer, mich in die Rolle eines Kohls zu begeben. Um mich gegen alle Eventualitäten und Zufälle abzusichern und um mich mit der Natur zu arrangieren, gestehe ich dem Kohl lieber eine Seele zu, freilich eine kleine, eine ihm gemäße Seele, eben eine Pflanzenseele, wie sie auch eine Birne haben könnte. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, daß ich enttäuscht würde, wollte ich von beiden ein aussagekräftiges EEG erwarten. Wenn es indes auf Grund fleißigen Forschens und Messens dennoch zustande käme, so möchte ich allerdings der erste sein, der es interpretieren darf.

Literatur

Fechner, Gustav Theodor: Elemente der Psychophysik; EA Leipzig 1860

Fechner, Gustav Theodor: Nanna oder über das Seelenleben der Pflanzen; mit einer Einleitung von Kurd Laßwitz; Leipzig 1848, 1899, 1903, 1908, 1921

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