Der Streit um das richtige Etikett - Metaphysik oder Pragmatik bei David Hume

abstract

David Hume again. In this issue Diego Compagna challenges my view of the "natural belief" as a metaphysical concept in David Hume's theory of knowledge, which I have presented in recent issues of this journal. Instead he argues for calling it pragmatic. He also accuses me of a circular argument when I was underpinning the influence of the environment on our epistemological categories (causality) by empirical results of neurophysiology. Both can be refuted. It appears that there is a mere labelling problem, arising from the fact that I explored the logical status of the concept of "natural belief" while Compagna focusses on the motivation for introducing it. For circularity I cannot be blamed because Hume does not use the strict Kantian division between form and empirical content of knowledge, which forbids by definition attempts to explain the forms of knowledge by empirical results. But I must admit that there was a certain ambiguity, when I mentioned a functional analogy between Hume's natural belief and Kant's reine Verstandesbegriffe (pure terms of reason - my transl.). I now wish to keep the Humean and Kantian theory of knowledge strictly separated.

Metaphysik oder Pragmatik

Wenn auch Friedrich Wilhelm Joseph Schelling ob seiner philosophischen Wandlungsfähigkeit als der eigentliche "Proteus der Philosophie" gilt, so hat er in David Hume doch einen scharfen Konkurrenten um diesen Titel. Die Vielzahl der philosophiehistorischen Deutungen und Etikettierungen Humes und seiner Erkenntnistheorie (um die es hier ausschließlich geht, auch wenn sie nur einen kleineren Teil seines Oeuvre ausmacht) zeigt es an. Aber anders als bei Schelling, der seine naturphilosophischen Entwürfe wechselte wie die Hemden, blieb Humes Erkenntnistheorie, in deren Kern das Ringen mit dem Induktionsproblem stand, über die Jahre unverändert. Erst die Deutungsarbeit späterer Generationen von Philologen und Philosophen hat die Vielzahl erkenntnistheoretischer Schubladen gezimmert, aus denen uns Hume heute entgegengrinst. War er nun ein Empirist, Naturalist, Pragmatist, Positivist, oder doch Metaphysiker? Oder vielleicht sogar eine Mischung: ein pragmatisch orientierter Metaphysiker im naturalistischen Tarnanzug, ein philosophischer Wolpertinger? Nichts befriedigt in der Philosophie mehr als ein gewonnener Streit um das richtige Etikett. Wohlan, so soll nun gestritten werden!

Diego Compagna [1] kritisiert in dieser Ausgabe der TABVLA RASA meine Einstufung des natürlichen Glaubens als ein metaphysisches Konzept. Weil es sich dabei um ein zentrales Element seiner Erkenntnistheorie handelt, wird David Hume von mir als Metaphysiker angesprochen [2]. Meine Kronzeugen sind Hume selbst und Karl Popper. Ursprünglich hatte ich auch Kant angeführt, was mir aber inzwischen problematisch erscheint. Hume ist nicht Kant - gerade was die Begründung der Formen des Wissens, der Kategorien, angeht. Doch mehr dazu weiter unten im Zusammenhang mit Compagnas Zirkeleinwand.

Weil Humes Erkenntnistheorie, das Induktionsproblem, und dessen Auflösung über den natürlichen Glauben von mir an angegebener Stelle (vgl. Anm. [2]) bereits ausgiebig dargestellt worden ist, von Compagna in diesem Heft seinerseits (sachlich richtig) ausgeführt wird und er seine Kritik allein auf meine Bewertung und Interpretation derselben richtet, kann ich mir das erneute Eindringen in diesen Gegenstand an dieser Stelle ersparen.

Vorab aber noch ein Wort zum Polemikpotential des Begriffes "Metaphysik": Insbesondere für die Logischen Positivisten, aber auch für den Übervater des Kritischen Rationalismus, Popper, war er ein schlimmes Schimpfwort. Und der Sieg der wissenschaftlichen Philosophie hätte im Triumph über die Metaphysik bestanden, die mit Aplomb zur Hintertür aus der Philosophie hinausgeworfen worden wäre. So ist es ja nun nicht gekommen. Böse Kritiker wendeten die Wissenschaftlichkeitskriterien etwa Poppers und Carnaps auf deren methodische Vorschriften selbst an und was kam heraus - statt Begründungen Metaphysik! Warum sollte man Protokollsätze als "Fundament der Erkenntnis" ansehen? Aus keinem anderen Grund als dem, daß man eben glaubt, sie seien dieses Fundament. Und wie steht es mit Poppers Hoffnung, die Kette gelungener Widerlegungen von Theorien gehe einher mit Wahrheitskonvergenz? Nichts als ein frommer Glaube. Schlimm ist das alles nicht. Hat man erst einmal eingesehen, daß Metaphysik eben part of the game ist, dann kann man auch sehr viel unbefangener damit umgehen. Schließlich kann man nicht ad infinitum Begründungen übereinandertürmen, was schon die alten Pyrrhoniker wußten. Weil sich der Dogmatiker allerdings ungern Willkür und Beliebigkeit vorwerfen läßt, macht er sich den Abbruch des Verfahrens mit letzten oder vorletzten transzendenten Wahrheiten schmackhaft. Kurzum: M. ist kein Schimpfwort. Aber zugegeben, die Pointe mit der Metaphysik bei Hume wäre eben keine, wenn er nicht als metaphysikfeindliche Ikone des Empirismus und Positivismus hätte herhalten müssen.

Warum ist Humes Erkenntnistheorie Metaphysik? Auftritt Kronzeuge Nummer Eins, David Hume. Jede Erörterung immaterieller Dinge ist Metaphysik. Weil darunter auch die Untersuchung der Verstandestätigkeit fällt, ist jede Erkenntnistheorie automatisch Metaphysik [3]. So einfach ist das, aber auch so banal. Geht es präziser? Auftritt Kronzeuge Nummer Zwei, Karl Popper. Jede Aussage muß falsifizierbar sein, andernfalls ist sie metaphysisch. Konkret bedeutet das für Aussagen über die Einwirkung der Umwelt auf den Erkenntnisapparat des Menschen, daß ebendieses Einwirken der empirischen Untersuchung zugänglich sein muß - etwa durch das Studium lebensuntüchtiger Exemplare einer Gattung. Das ist aber wegen der unaufhebbaren Verklammerung von Überleben und natürlichem Glauben unmöglich. Wenn der Natürliche Glaube lediglich durch den Zwang zur Lösung des Induktionsproblems motiviert wird und die einzige Bestimmung des Begriffs darin besteht, daß er eben das Problem löst, dann ist es ersichtlich ein leerer Begriff. Und die oder Inadäquatheit eines leeren Begriffs ist klarerweise auch durch nichts zu widerlegen.

Wenn Compagna schreibt, daß aus der "Auseinandersetzung [mit dem Induktionsproblem] [...] unweigerlich die Notwendigkeit der Voraussetzung eines `natürlichen Glaubens' [entsteht]" [4], dann scheint er diese Einsicht durchaus zu teilen. Warum er es aber vorzieht, im nächsten Satz ein Konzept "pragmatisch" zu nennen, das zuvor als notwendige Voraussetzung deklariert wurde, ist dann kaum zu verstehen. Es sei denn, Compagnas erste Prädikation des Natürlichen Glauben bezöge sich auf dessen logischen Status, die Rede von der Pragmatik hingegen auf Humes Motivation, ihn zu introduzieren. Das aber sind zwei verschiedene Paar Stiefel. Und weil meine Aufmerksamkeit dem ersten Aspekt galt, so geht denn auch die Kritik an der Sache vorbei.

Übrigens: Eine einmal als metaphysisch in Poppers Sinn apostrophierte Aussage kann diese Zuschreibung durchaus wieder loswerden. Was zu einem früheren Zeitpunkt mangels empirischer Bestimmung als metaphysisch zu gelten hatte, kann mit Fortschritten in den empirischen Wissenschaften und einer Ausweitung des Forschungsgebietes durchaus zu einer empirischen Aussage werden. Vor diesem Hintergrund war auch mein "Metaphysischer Nachschlag" zu sehen, der eine inhaltliche Anreicherung des "Natürlichen Glaubens" und der Prägung unseres Denkapparates durch die Umwelt mit Ergebnissen der Neurobiologie versuchte, unabhängig vom Kontext des Induktionsproblems.

Der Zirkeleinwand

Die Möglichkeit, mit empirischen Belegen Erkenntniskategorien wie die Kausalität zu stützen, wird von Compagna mit dem Vorwurf bestritten, so ein Versuch sei zirkulär: "so gesehen erscheint es äußerst fragwürdig, ob mit empirischen Ergebnissen der Neurobiologie, die eben auf dem Prinzip der Kausalität beruhen, ein Humescher Begriff untermauert werden kann." [5] Dieser Vorwurf der Selbstreflexivität ist allerdings nur überzeugend, wenn man auf dem Boden Kantischer Erkenntnistheorie steht. Sobald Form und Inhalt des Wissens streng getrennt werden, ist es selbstredend unmöglich, mit inhaltlichen Ergebnissen der empirischen Wissenschaften, die der Form der Erkenntnis unterliegen, auf diese "Bedingungen der Möglichkeit" von Erfahrung zu rekurrieren. Hierin hat Kant wohl seine "Kopernikanische Wende" gesehen - durch eine kunstvolle Konstruktion das Problem der Erkenntniskategorien in den Bereich der transzendentalen Analyse, und nicht der empirischen Betrachtung, zu verweisen. Allerdings, Hume ist nicht Kant. Wie sonst wäre es zu verstehen, daß Hume für die Begründung der Kausalität eine Erklärung im naturalistischen Gewand bemüht (zumindest dem Namen nach - eben den "natürlichen Glauben"), der vorgeblich sogar auf Beobachtung beruht? Daß er überhaupt eine Begründung sucht? Es ist zugegeben schwer, einen von Kant unverstellten Blick auf Hume zu erhaschen, gerade weil Humes Philosophie durch Kants Reiben an ihr einiges an Prominenz zugelegt hatte ("dogmatischer Schlummer"). Trotzdem sollte man beide großen Philosophen nicht in einen Topf werfen. Das kann nämlich dann ins Auge gehen, wenn versucht wird, auf der Basis einer Kantischen Unterscheidung, die mit Humes Erkenntnistheorie unverträglich ist, eine Interpretation Humescher Philosophie vorzutragen.

Anmerkungen

[1] Diego Compagna: Der Pragmatismus von Humes "Natürlichem Glauben", TABVLA RASA 9, 1995.

[2] Frank Stäudner: Die Metaphysik David Humes, TABVLA RASA 7, 1995, 22-29 und Metaphysischer Nachschlag , TABVLA RASA 8, 1995, 17-20.

[3] vgl. [2], S.26.

[4] Compagna, a.a.O.

[5] Compagna, a.a.O.

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