stefan Bleecken

Babylon in der modernen Naturwissenschaft

Nochmals: Goethe kontra Newton

Bei den Vertretern der modernen Naturwissenschaft macht sich Unmut breit, wenn es jemand unternimmt, den Streit in der Farbenlehre zwischen Goethe und Newton bzw. seinen Anhängern nochmals aufzurollen. Dieser Streit scheint so eindeutig und endgültig zugunsten von Newton entschieden, daß eine Neuauflage davon als Zumutung und Zeitverschwendung erscheint. Ein Beispiel von vielen: Der prominente Naturwissenschaftler Emil Du Bois-Reymond bezeichnete in seiner 1882 gehaltenen Antrittsrede als Rektor der Berliner Universität, die den aufschlußreichen Titel "Goethe und kein Ende" hatte, Goethes Farbenlehre als "totgeborene Spielerei eines autodidaktischen Dilettanten" und schloß die Rede mit der Aufforderung, man solle den Naturforscher Goethe "endlich in Ruhe lassen" [1]. Was aber, wenn es gewichtige Gründe für die Annahme gibt, daß Goethe mit seiner Farbenlehre und seinem Verständnis von Naturwissenschaft im Recht war, Newton und seine Anhänger hier jedoch einem fundamentalen Irrtum erlegen sind? Vom Standpunkt eines selbstkritischen Naturwissenschaftlers aus wird im folgenden - ausgehend von Äußerungen des Naturwissenschaftlers und zum Teil auch des Dichters Goethe - der Frage nachgegangen, was Goethe unter Naturwissenschaft verstanden hat und was er darunter nicht verstanden hat.

1. Das Auf und Ab der modernen Naturwissenschaft

Die moderne Naturwissenschaft gilt in der modernen Gesellschaft als Tempel der Wahrheit; als Kriterium für diese Wahrheit wird der Erfolg angesehen, den diese Wissenschaft bei der Beherrschung der Natur errungen hat. Nach dem Eigenverständnis der modernen Naturwissenschaft ist das geistige Fundament, auf dem sie beruht und das von ihr geschaffene Begriffssystem festgefügt, und die von ihr benutzte analytische Methode zur Erkenntnisgewinnung hat sich bewährt. Das von dieser Wissenschaft propagierte materialistische Weltbild hat konkurrierende Weltbilder weitgehend verdrängt und ist von der Gesellschaft in großem Ausmaß akzeptiert und verinnerlicht worden; die Logik dieses Weltbilds lenkt heute nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Wirtschaft, das Bildungswesen, die Politik und zunehmend auch die ganze Kultur. - Auf der anderen Seite ist in den letzten Jahrzehnten eine zunehmende Beunruhigung in der Gesellschaft festzustellen über die Naturzerstörung, die mit der durch die Wissenschaft ermöglichten Naturbeherrschung einhergeht und es werden zunehmend Zweifel laut, ob das Erkenntnisideal der modernen Naturwissenschaft überhaupt richtig ist. Der Philosoph Georg Picht hat diese Zweifel auf den Punkt gebracht: "Eine Wissenschaft, die Natur zerstört, kann keine wahre Erkenntnis der Natur sein" [2].

Massive Zweifel an dem von der modernen Naturwissenschaft eingeschlagenen Weg traten aber nicht erst in unserer Zeit auf, nachdem die Zerstörung der Natur und damit der Lebensgrundlagen des Menschen unübersehbar geworden ist. Bevor der Mensch die Natur de facto zerstören konnte, mußte er sie erst einmal in seinem Denken zerstören [3]. Der erste, der diese verhängnisvolle Fehlentwicklung des menschlichen Denkens wahrgenommen und als ihren Verursacher die herrschende Naturwissenschaft, die sich heute "modern", "exakt" und "objektiv" nennt, erkannt hat, war Goethe. Goethe hat die geistigen Grundlagen dieser Naturwissenschaft, deren Aufkommen er ja miterlebte, grundsätzlich in Zweifel gezogen: ihre einseitige analytische Methode, ihr einseitiges materialistisches Weltbild, vor allem aber ihre falschen, nicht der Wirklichkeit entsprechenden Begriffe.

2. Die Farbenlehre: Goethe kontra Newton

Die dramatischste und für Goethe folgenschwerste Auseinandersetzung mit der modernen Naturwissenschaft fand auf dem Gebiet der Farbenlehre statt und Goethes Angriffe waren gegen Isaak Newton, einen der Gründungsväter dieser Wissenschaft, bzw. die Partei der Newtonianer gerichtet, der sich bis heute praktisch alle Physiker und die Mehrzahl der Naturwissenschaftler zurechnen. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stand Newtons `Optik' aus dem Jahre 1704, insbesondere die Interpretation eines von Newton durchgeführten Experiments, bei dem Sonnenlicht durch einen Spalt und ein Prisma geschickt und auf einem Schirm aufgefangen wurde. Nach heutigem Erkenntnisstand wird bei diesem Experiment eine polychromatische elektromagnetische Schwingung, die von der Sonne ausgehend auf die Erde trifft und beim Menschen die Empfindung "weiß" auslöst, transformiert in ein Spektrum monochromatischer Schwingungen, die beim Menschen die Empfindungen von gesättigten Farben von violett über blau, grün, gelb bis rot hervorrufen. Diese Umwandlung läßt sich mit den Mitteln der Mathematik beschreiben und wird als "Fourier-Transformation" bezeichnet. Newton interpretierte das experimentelle Ergebnis so, daß sich Weiß aus den Spektralfarben von Violett bis Rot zusammensetzen müsse.

Bis zum Erscheinen der Newtonschen Optik wurde der Begriff "Farbe" ausnahmslos für eine Farbempfindung verwendet oder ließ sich auf eine solche Empfindung zurückführen (wie bei Farbstoffen). Newton und alle ihm folgenden Physiker verwendeten den Begriff "Farbe" dagegen für etwas im Wesen völlig anderes, nämlich für die Eigenschaft einer physikalischen Entität, mit den Worten der heutigen Wissenschaft: für die Wellenlänge einer elektromagnetischen Schwingung. So bezeichnen die Physiker beispielsweise die im Emissionsspektrum von Natrium auftretende elektromagnetische Schwingung mit einer Wellenlänge von 589 Nanometer als "gelbe" Natriumlinie, eine solche mit der Wellenlänge von 546 Nanometer als "grüne" Quecksilberlinie usw.

Goethe machte die von Newton und seinen Anhängern verursachte Vermengung zweier Wirklichkeitsbereiche, des materiellen, durch die Physik beschriebenen Bereichs der elektromagnetischen Schwingungen und des durch die Farbenlehre beschriebenen Empfindungsbereichs, nicht mit und versuchte unablässig, gegen die dadurch verursachte Begriffsverwirrung vorzugehen. In einem Distichon spottet er [4]: "Weiß hat Newton gemacht aus allen Farben. Gar manches hat er euch weis gemacht, das ihr ein Säkulum glaubt". Auf die angebliche Zerlegung des weißen Lichts in alle Farben hat Goethe spontan mit einem Farbenkreis geantwortet, den er mit Wasserfarben malte und bei dem er die Enden des Newtonschen Spektrums, rot und violett, ineinander übergehen ließ (Mischfarbe purpur), wie es der natürlichen Empfindung des Menschen entspricht. Um zu demonstrieren, daß Farbe eine Empfindung und keine physikalische Erscheinung ist, ordnete Goethe den Farben in seinem Kreis die Eigenschaften schön, edel, gut, nützlich, gemein und unnötig zu.

Im Gegensatz dazu beharren die Anhänger Newtons bis heute darauf, daß Farben mit physikalischen Begriffen wie Wellenlänge oder Wellenzahl zu beschreiben und einer mathematischen Behandlung zugänglich sind; sie sehen somit auch keinen Hinderungsgrund, die Segmente des Farbenkreises mit Wellenlängenangaben zu indizieren. Sie sind allerdings bis heute den mathematischen Nachweis schuldig geblieben, warum die elektromagnetische Schwingung mit der Wellenlänge 380 Nanometer (Farbempfindung violett) und die mit der Wellenlänge 750 Nanometer (Farbempfindung rot), die im Prismenversuch am weitesten voneinander getrennt werden, im Farbenkreis benachbart sind.

Für einen Naturwissenschaftler sollte es einsehbar sein, daß Wellenlängen und Farben zwei völlig verschiedenen Wirklichkeitsbereichen angehören und es unzulässig ist, Begriffe und Prinzipien, die für den einen Bereich Gültigkeit besitzen, auf den anderen Bereich übertragen zu wollen. Die zum materiellen Wirklichkeitsbereich gehörenden elektromagnetischen Schwingungen gibt es, seit die Welt besteht. Farben gibt es als Empfindung aber erst, seit die Evolution Tiere mit Augen und Gehirnen hervorgebracht hat und der Begriff "Farbe" schließlich ist erst mit dem Menschen in die Welt gekommen. Goethe hat sich immer strikt dagegen verwahrt, daß Farbempfindungen "vom Menschen abgesondert" werden. Die Unsinnigkeit der Newtonschen Behauptung, daß Weiß aus allen Farben zusammengesetzt ist, wird vielleicht deutlicher, wenn man sich anstelle des Physikers und Farbenlehrers Newton einen Chemiker und Geschmackslehrer Newton vorstellt, der behauptet, daß der Geschmack von Kochsalz sich aus Natrium- und Chlorgeschmack zusammensetzen müsse, da ja Kochsalz eine chemische Verbindung von Natrium und Chlor sei.

Im polemischen Teil seiner Farbenlehre hat Goethe die Lehre Newtons auf dem Farbengebiet, die er eine "Irrlehre" nannte, leidenschaftlich angegriffen. Man kann dort lesen, daß Newtons `Optik' "baren Unsinn" enthalte [5], daß Newtons "Sinn ganz vom Vorurteil umnebelt sein" müsse [6]; die Zerlegung des Sonnenlichts in Farben wird als "Gespenst" bezeichnet [7], von "Hokuspokus" ist die Rede [8]. Die Auseinandersetzung mit Newton ist für Goethe ein Glaubenskampf; die herrschende Naturwissenschaft bezeichnet er als "herrschende Kirche" [9], und Newton als "Inquisitor" [10]. Goethe hoffte, es werde "eine Zeit kommen, wo man ... alle jene Spiegelfechtereien ans Tageslicht bringt, welche den Verstand hintergehen" und wo die "Phänomene ... ein für allemal aus der düstern empirisch-mechanisch-dogmatischen Marterkammer vor die Jury des gemeinen Menschenverstandes gebracht werden" [11].

Seinem Vertrauten Eckermann gestand Goethe, er habe in die Farbenlehre "die Mühe eines halben Lebens hineingesteckt" [12], er sei in seinem Jahrhundert "in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der einzige, der das Rechte weiß" und er habe daher "ein Bewußtsein der Superiorität über viele" [13]; mit seinem in der Farbenlehre enthaltenen Weltbild wollte er "Epoche in der Welt machen" [14]. Man hat Goethe oft verspottet, daß er den Kampf in der Farbenlehre mit einer Heftigkeit geführt hat, als ginge es ihm um die Zukunft des Menschen. Diese Heftigkeit ist in der Tat schwer zu verstehen, wenn man außer acht läßt, daß Goethe mit seiner Kritik an der Newtonschen "Irrlehre" viel weiter zielte. Mit der Farbenlehre wollte er eine Bresche in die "Festung" der herrschenden Naturwissenschaft schlagen [15]. Goethe, bekanntermaßen kein Freund von Revolutionen, wollte in der Naturwissenschaft eine geistige Revolution hervorrufen: "So übt schon seit zwanzig Jahren die physiko-mathematische Gilde gegen meine Farbenlehre ihr Verbotsrecht aus; sie verschreien solche in Kollegien und wo nicht sonst ... Der Besitz in dem sie sich stark fühlen wird durch meine Farbenlehre bedroht, welche in diesem Sinne revolutionär genannt werden kann, wogegen jene Aristokratie sich zu wehren alle Ursache hat" [16]. Die in Goethes naturwissenschaftlichen Schriften und zum Teil auch in seiner Dichtung enthaltene Kritik an der herrschenden Naturwissenschaft betrifft nicht nur deren falsches Verständnis von der Farbe, sie betrifft die geistigen Grundlagen dieser Wissenschaft insgesamt.

3. Goethes Kritik an den geistigen Grundlagen der modernen Naturwissenschaft

Goethe kann mit Fug und Recht als Vordenker einer zweiten wissenschaftlichen Revolution angesehen werden. Um besser zu verstehen, um was es hier geht, müssen einige Worte zu derjenigen "wissenschaftlichen Revolution" gesagt werden, die zur Entstehung der modernen Naturwissenschaft geführt hat und die mit den Namen Descartes (1596 - 1650), Galilei (1564 - 1642) und Newton (1643 - 1727) verbunden ist. Der Beitrag von Descartes an dieser Entwicklung bestand in der analytischen oder zergliedernden Denkmethode, wonach Gedanken und Probleme, die sich als Ganzes einer Bearbeitung entziehen, in Teile zerlegt und diese in ihrer logischen Ordnung aufgereiht werden können. Galilei führte das Experiment in die Wissenschaft ein und lenkte die Aufmerksamkeit der Wissenschaftler auf die quantifizierbaren Eigenschaften der Materie. Sein Credo: "Zu messen, was man messen könne, und meßbar zu machen, was man noch nicht messen könne", ist zu einem methodischen Grundaxiom der modernen Naturwissenschaft geworden. Newton schließlich vervollständigte die erste und entscheidende Phase der wissenschaftlichen Revolution, indem es ihm gelang, die damals bekannten physikalischen Fakten mit Hilfe weniger mathematischer Formeln zu beschreiben. Aus diesen nach ihm benannten Gesetzen der Mechanik ließen sich alle damals bekannten Phänomene der terrestrischen und Himmelsmechanik ableiten. - Das dreiteilige Credo der modernen Naturwissenschaft, wonach nur das existiere, was sich analysieren, messen und mathematisch beschreiben läßt, hat Goethe in allen seinen Teilen in Frage gestellt.

3.1. Es fehlt, leider! nur das geistige Band

Goethe hat sich immer wieder gegen die einseitige Verwendung der analytischen Methode in der herrschenden Naturwissenschaft gewandt. Seiner Veranlagung entsprach es, die Naturforschung in erster Linie synthetisch zu betreiben und von der Analyse zu fordern, daß sie das Ganze nicht aus dem Blick verliert. In der Schrift "Analyse und Synthese" aus dem Jahre 1829 heißt es: "Ein Jahrhundert, das sich bloß auf die Analyse verlegt und sich vor der Synthese gleichsam fürchtet, ist nicht auf dem rechten Wege; denn nur beide zusammen, wie Ein- und Ausatmen, machen das Leben der Wissenschaft. ... Die Hauptsache, woran man bei ausschließlicher Anwendung der Analyse nicht zu denken scheint, ist, daß jede Analyse eine Synthese voraussetzt" [17].

Goethe hat der herrschenden Naturwissenschaft immer wieder vorgeworfen, daß sie mit ihrer einseitigen analytisch-zergliedernden Methode die "höhere Natur" (Lebewesen) zerstört. In seiner "Morphologie" heißt es: "Aber diese trennenden Bemühungen, immer und immer fortgesetzt, bringen auch manchen Nachteil hervor. Das Lebendige ist zwar in Elemente zerlegt, aber man kann es aus diesen nicht wieder zusammenstellen und beleben." [18]. Und in der Schülerszene/Faust I schlüpft der Dichter Goethe in die Gestalt Mephistos und spottet:

"Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,

Sucht erst den Geist herauszutreiben,

Dann hat er die Teile in seiner Hand,

Fehlt, leider! nur das geistige Band"

Goethe spielt hier auf die alte Erkenntnis an, daß das Ganze mehr als die Summe seiner Teile sein kann. Für Goethe gelten bei Lebewesen für das lebende Ganze noch andere Prinzipien, nicht nur diejenigen, die für die Teile Gültigkeit besitzen. Goethe bezeichnet diese übergeordneten Prinzipien in seinem Spottgedicht als "Geistiges Band". Prinzipien für das Ganze werden bei einer einseitigen Analyse ignoriert, oder, wenn die analytische Methode nicht nur im Denken, sondern de facto angewandt wird, wird das (lebende, fühlende oder denkende) Ganze zerstört.

Die ausschließliche Anwendung der analytischen Methode ist für Goethe geistiger Kretinismus: "Da wir vorher mit dem Ganzen als Riesen standen, sehen wir uns als Zwerge gegen die Teile" [19].

3.2. Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr

Auf Galilei geht der Glaube an die Meßbarkeit, auf Newton der Glaube an die Mathematisierung aller natürlichen Phänomene zurück. Diesen Irrglauben geißelt Goethe in unnachahmlicher Weise, indem er im 1. Akt/Faust II Mephisto spotten läßt:

"Daran erkenn ich den gelehrten Herrn!

Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern,

Was ihr nicht faßt, das fehlt euch ganz und gar,

Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr,

Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht,

Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht!"

Goethe ist von Seiten der modernen Naturwissenschaft immer wieder vorgeworfen worden, seine Skepsis gegenüber der Mathematik beruhe auf seinem eigenen Unvermögen auf diesem Gebiet; dabei ist immer der wirkliche Grund für diese Skepsis verschwiegen worden: der Irrglauben der herrschenden Naturwissenschaft, wonach nur das existiere, was sich mathematisch erfassen läßt. Goethe sagt dazu: "Ich ehre die Mathematik als die erhabenste und nützlichste Wissenschaft, solange man sie da anwendet, wo sie am Platze ist; allein ich kann nicht loben, daß man sie bei Dingen mißbraucht, die gar nicht in ihrem Bereich liegen und wo die edle Wissenschaft sogleich als Unsinn erscheint. Und als ob alles nur dann existiere, wenn es sich mathematisch beweisen läßt. Es wäre doch töricht, wenn jemand nicht an die Liebe seines Mädchens glauben wollte, weil sie ihm solche nicht mathematisch beweisen kann! Ihre Mitgift kann sie ihm mathematisch beweisen, aber nicht ihre Liebe" [20].

3.3. Die mechanisch-materialistische Gespensterwelt

Aber auch das mechanisch-materialistische Weltbild der herrschenden Naturwissenschaft hat Goethe abgelehnt. Ein eindrucksvolles Zeugnis dafür findet sich in der "Kampagne in Frankreich", hier schreibt er: "Mit meinen Naturbetrachtungen wollte es mir kaum besser glücken; die ernstliche Leidenschaft, womit ich diesem Geschäft nachhing konnte niemand begreifen, niemand sah, wie sie aus meinem Innersten entsprang; sie hielten dieses löbliche Bestreben für einen grillenhaften Irrtum ... Man kann sich keinen isolierteren Menschen denken, als ich damals war und lange Zeit blieb. Der Hylozoismus, oder wie man es nennen will, dem ich anhing ... machte mich unempfänglich, ja unleidsam gegen jene Denkweise, die eine tote, auf welche Art es auch sei, auf- und angeregte Materie als Glaubensbekenntnis aufstellte. .... Schon ... in Weimar hatte ich dergleichen vorgebracht, ward aber als wie mit gotteslästerlichen Reden beiseite und zur Ruhe gewiesen" [21].

Mit dem Materialismus war Goethe bereits in seinen Straßburger Studienjahren zusammengestoßen. In "Dichtung und Wahrheit" charakterisiert er das Hauptwerk "Système de la nature" des französischen Materialisten Holbach folgendermaßen: "Es kam uns so grau ... so totenhaft vor, ... daß wir davor wie vor einem Gespenst schauderten" [22]. Die Bezeichnung "Gespenst" für eine rein materialistische Sicht der vielschichtigen Welt hat Goethe öfter verwendet, insbesondere im polemischen Teil der Farbenlehre.

Nicht nur die mechanisch-materialistische Weltsicht der herrschenden Naturwissenschaft war Goethe im Innersten zuwider, ihn plagten auch Ängste vor der von der Naturwissenschaft geschaffenen und von keiner moralischen Instanz kontrollierten Technik. In den Wanderjahren heißt es: "Das überhandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich, es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam; aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen" [23].

4. Goethes Vision einer ganzheitlichen Naturwissenschaft

Goethe hat nicht nur radikale Kritik an der herrschenden Naturwissenschaft geübt und ist deren Irrtümern auf den Grund gegangen, er hat auch dieser Wissenschaft "eine neue Wissenschaft" von der Natur entgegengesetzt, die er "Morphologie" nannte. Er verstand darunter die "Lehre von der Gestalt, der Bildung und Umbildung der organischen Körper", die sich "nicht dem Gegenstande nach, sondern der Ansicht (Weltbild) und der Methode nach" von der herrschenden Naturwissenschaft unterscheidet" [24]. "Morphologie ruht auf der Überzeugung, daß alles, was sei, sich auch andeuten und zeigen müsse. ... Das Unorganische, das Vegetative, das Animale, das Menschliche deutet sich alles selbst an, es erscheint als das, was es ist, unserm äußern, unserm inneren Sinn" [25]. Nach Goethe schafft sich der Mensch sein Weltbild, indem er seinem äußeren, seinem inneren Sinn, d. h. seinem eigenen Weltbildapparat vertraut, und der zeigt ihm, daß in der Natur neben dem Materiellen das Vegetative, das Animale und das Menschliche existiert. Eine Naturwissenschaft, die diesen Namen verdient, muß im Sinne Goethes nicht nur den Prinzipien für das Materielle, sondern auch den Prinzipien für das Vegetative, das Animale und das Menschliche nachgehen. Aber gerade diese übermateriellen Prinzipien ignoriert die herrschende Naturwissenschaft und sie sieht sich darin gerechtfertigt, da sie mit der von ihr verwendeten analytischen Untersuchungsmethode immer nur auf materielle Phänomene trifft.

Goethe gibt auch Auskunft, wie er das Verhältnis zwischen seiner neuen Wissenschaft "Morphologie" und der vorhandenen, materialistisch orientierten Naturwissenschaft sieht. Er schreibt, "daß sich die Morphologie als eine besondere Wissenschaft legitimiert" und "daß sie mit keiner Lehre im Widerstreite steht, daß sie nichts wegzuräumen braucht, um sich Platz zu schaffen" [26]. Wenn man seine Ausführungen zur Morphologie im Gesamtzusammenhang sieht, so können sie nur so verstanden werden, daß er die herrschende (materialistisch orientierte) Naturwissenschaft nicht "wegräumen" will, er bestreitet aber deren Anspruch, eine vollkommene Naturwissenschaft zu sein, er kritisiert ihre einseitige analytische Methode und stellt ihr materialistisches Weltbild in Frage. Goethe sieht in der herrschenden Naturwissenschaft nur eine Teilnaturwissenschaft, die erst zusammen mit der von ihm skizzierten Morphologie zu einer neuen, ganzheitlichen Naturwissenschaft vervollständigt wird.

Um an ihrem geistigen Überbau festhalten zu können, muß die moderne Naturwissenschaft den gesunden Menschenverstand außer Kraft setzen und durch Apparate und Computer ersetzen. Vor dieser verhängnisvollen Entwicklung hat Goethe bereits gewarnt, als diese noch ganz am Anfang stand. "Der Mensch an sich selbst ... ist der größte und genaueste physikalische Apparat [27], den es geben kann. Und das ist eben das größte Unheil der neuern Physik, daß man die Experimente gleichsam vom Menschen abgesondert hat und bloß in dem, was künstliche Instrumente zeigen, die Natur erkennen ... will" [28]. Wenn der Mensch nicht mehr seinen eigenen Sinnen und seinem Verstand, sondern nur noch den von ihm geschaffenen Apparaten vertraut, erkennt er die Welt nicht mehr, er verkennt sie.

Die materialistische Naturwissenschaft versteht es als ihre höchste Aufgabe, die Gesetze der Materie zu erforschen und mit dieser Erkenntnis die Natur zu beherrschen. Im Gegensatz zu dieser Wissenschaft, die den Menschen mit seiner existentiellen Problematik außer Betracht läßt, gehört für den Naturwissenschaftler Goethe "der Mensch ... mit zur Natur" [29] und die höchste Aufgabe der neuen Wissenschaft von der Natur besteht darin, Auskunft über den Menschen zu erhalten, um den Menschen lehren zu können, wie er sich selbst erkennen und auf dieser Grundlage sich selbst beherrschen kann. Die Blockierung dieser Aufgabe durch die materialistische Naturwissenschaft ist für Goethe deren größtes Vergehen gegen den Menschen. Zornig hält er der herrschenden Naturwissenschaft entgegen: "Alles, was unsern Geist befreit, ohne uns die Herrschaft über uns selbst zu geben, ist verderblich" [30].

5. Daher heißet ihr Name Babel, daß der Herr daselbst verwirret hatte aller Länder Sprache [31]

Immer wieder und bis zu seinem Tode warnte Goethe vor den Folgen einer von der herrschenden Naturwissenschaft ausgehenden Begriffsverwirrung. Er gab der Nachwelt auf, sich zu erinnern, "wie gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts in den Naturwissenschaften auf eine Weise verfahren worden, deren sich das dunkelste Mönchtum und eine sich selbst verirrende Scholastik nicht zu schämen hätte" [32]. Fünf Tage vor seinem Tod schreibt er an Wilhelm von Humboldt voller Resignation: "Verwirrende Lehre zu verwirrtem Handel waltet über die Welt" [33].

Goethe war voll bewußt, daß die herrschende Naturwissenschaft einem fundamentalen Irrtum unterliegt, wenn sie einen Teil der Natur, nämlich die Materie, für das Ganze der Natur setzt. Die Materie ist zwar Grundlage für alle natürlichen Dinge, d.h. es gibt kein Ding in der Natur, das ohne stoffliche Grundlage ist, sie ist aber nicht notwendigerweise mit den natürlichen Dingen identisch, so bei Lebewesen. Kein Mensch mit gesundem Menschenverstand würde beispielsweise das Fundament als Teil eines Hauses mit dem ganzen Haus identifizieren. Genau dies, nämlich die Gleichsetzung eines Teils (der Materie), mit dem Ganzen (der Natur), erfolgt in der modernen Naturwissenschaft, und zwar bis heute ohne den geringsten Nachweis, daß sie zu dieser Gleichsetzung berechtigt ist. Aus dem Blickwinkel der Goetheschen ganzheitlichen Naturwissenschaft ist die von der modernen Naturwissenschaft ausgehende Begriffsverwirrung von wahrhaft babylonischem Ausmaß und es stellt sich die Frage nach dem Ursprung dieser Begriffsverwirrung.

Die Terminologie der modernen Naturwissenschaft steht in einer Tradition, die bereits bei Newton angelegt war. Er nannte sein epochemachendes Werk, in dem er 1687 die nach ihm benannten Gesetze der Mechanik veröffentlichte, "Philosophiae Naturalis Principia Mathematica" (Mathematische Prinzipien der Naturlehre). In diesem Titel ist der Anspruch enthalten, daß die von ihm entdeckten Prinzipien für die gesamte Natur Gültigkeit besitzen und daß diese sich nicht nur auf die materiellen Körper beziehen, von denen im Werk selbst ausschließlich die Rede ist. Folgerichtig bezeichnen die Vertreter der modernen Naturwissenschaft bis heute die von Newton und seinen Nachfolgern entdeckten Gesetze der Materie (von den Gesetzen der Mechanik bis zu den Gesetzen der Relativitäts- und Quantentheorie) als Naturgesetze, die darin enthaltenen Konstanten als Naturkonstanten und ihre Wissenschaft selbst als Naturwissenschaft. In Wirklichkeit ist die von Newton begründete Wissenschaft eine Materiewissenschaft, die von ihr aufgefundenen Gesetze sind Materiegesetze und die darin enthaltenen Konstanten sind Materiekonstanten.

Die von Newton und seinen Nachfolgern eingeführten Bezeichnungen "Naturwissenschaft", "Naturgesetz" und "Naturkonstante" beruhen auf einem in seinen Folgen katastrophalen Denkfehler, da sie suggerieren, daß sich diese Wissenschaft mit der Natur als Ganzem beschäftigt, daß die von ihr gefundenen Gesetze für die Natur als Ganzes Gültigkeit besitzen. In Wirklichkeit gelten diese Gesetze nur für einen Teil der Natur, nämlich für die Materie. Die moderne Naturwissenschaft anerkennt nur die Existenz von Prinzipien für das Materielle, nicht jedoch von Prinzipien, die über diesen stehen. Da sie Materie mit Natur gleichsetzt, werden übermaterielle Prinzipien zu übernatürlichen Prinzipien erklärt und übernatürliche Prinzipien haben in einer Naturwissenschaft selbstverständlich nichts zu suchen. Die moderne Naturwissenschaft betreibt mit dieser Argumentation ein falsches Spiel und kein anderer hat dieses falsche Spiel klarer erkannt und leidenschaftlicher angeprangert als Goethe. In seiner Polemik zur Farbenlehre, die ja auch eine Polemik gegen die herrschende Naturwissenschaft ist, greift er immer wieder Newton als Verursacher einer geistigen Fehlentwicklung an. Um "das Unwahre" seiner Lehre durchzusetzen, "muß er Sinne, sinnlichen Eindruck, Menschenverstand, Sprachgebrauch und alles verleugnen, wodurch sich jemand als Mensch, als Beobachter, als Denker betätigt" [34]. Von "Selbstbetrug" ist die Rede, der "ganz nahe an die Unredlichkeit grenzt" [35] und von einer "Welt, die hundert Jahre seine Lehre nachbetet", ohne daß sie "den Taschenspielerstreich gewahr wird" [36].

Die moderne Naturwissenschaft muß tabula rasa machen und einen vollkommenen Neuanfang suchen. Als erstes muß sie schonungslos Rechenschaft über ihre Irrtümer und falschen Begriffe ablegen und mit der Selbsttäuschung aufräumen, sie bringe Erkenntnisse über die Natur hervor, da sie ja mit diesen Erkenntnissen die Natur zu beherrschen vermag. Diese "Beherrschung" der Natur wird durch Erkenntnisse über die Materie ermöglicht, die zwar Grundlage aller natürlichen Dinge ist, aber eben mit diesen Dingen nicht identisch ist. Die moderne Naturwissenschaft gleicht in ihrem Verhalten einem Toren, der mit Hilfe seiner Erkenntnisse über das Fundament eines Hauses an diesem Fundament herummanipuliert und, da er keine Erkenntnisse über die Konstruktion der oberirdischen Teile des Hauses besitzt, das Haus schließlich zum Einsturz bringt.

Vor allem ist es endlich an der Zeit, mit zweihundertjähriger Verspätung Goethe als Initiator einer zweiten wissenschaftlichen Revolution und als Gründungsvater einer ganzheitlichen Naturwissenschaft zu würdigen, einer Naturwissenschaft nämlich, die diesen Namen verdient. Goethe würde damit auch seine Ehre als Naturwissenschaftler wiedergewinnen. In seiner Xenie "Hoffnung" klagt er die herrschende Naturwissenschaft der Ehrabschneidung an und sieht zugleich ihre Götterdämmerung voraus:

"Allen habt ihr die Ehre genommen, die gegen euch zeugten;

Aber dem Märtyrer kehrt späte sie doppelt zurück" [37].

Anmerkungen

[1] Du Bois-Reymond, E.: Goethe und kein Ende. Rede. Leipzig 1883. - [2] Picht, G.: Hier und Jetzt: Philosophieren nach Auschwitz und Hiroshima. Stuttgart 1980/81. - [3] vgl. Capra, F.: Das Neue Denken. Bern, München, Wien 1988, S. 145. - [4] Venezianische Epigramme. Weimarer Ausgabe der Werke Goethes (WA), Weimar 1887 - 1919, Abt. I, Bd. 1, S. 325. - [5] WA II 2, 285 (658). - [6] WA II 2, 202 (432). - [7] WA II 2, 68 (113). - [8] WA II 2, 27 (45). - [9] WA VI 48, 105 und WA VI 49, 229. - [10] WA II 2, 69 (114). - [11] Die Schriften zur Naturwissenschaft. Hrsg. im Auftrag der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina (LA), Abt. I, Bd. 8, S. 361. - [12] Eckermann: Gespräche mit Goethe (EG); Aufbau-Verlag, Berlin, Weimar 1982, S. 205, (1. 2. 1827). - [13] EG, S. 283, (19. 2. 1829). - [14] EG, S. 100, (2. 5. 1824). - [15] WA II 1, XIV. - [16] WA II 11, 101. - [17] WA II 11, 70/71. - [18] WA II 6, 8. - [19] Goethes Werke in zwölf Bänden, Berlin, Weimar 1974, Bd. 7, S. 570. - [20] EG, S. 164/5, (20. 12. 1826). - [21] WA I 33, 195/6. - [22] WA I 28, 68. - [23] WA I 25a, 249. - [24] WA II 6, 293. - [25] WA II 6, 446. - [26] WA II 6, 298. - [27] Für Goethe ist "Physik" die Wissenschaft von der Natur (griech. physis), während die "neue Physik" sich als Wissenschaft von der Materie versteht. - [28] WA IV 20, 90. - [29] WA IV 48, 169. - [30] WA I 42b, 174. - [31] 1. Buch Mose XI, 9. - [32] WA II 4, 373. - [33] WA IV 49, 283. - [34] WA II 2, 173 (322). - [35] WA II 2, 27 (45). - [36] WA II 2, 68 (113). - [37] WA I 5a, 229.

Anschrift des Verfassers:

Dr. Stefan Bleecken

William-Shakespeare-Str. 46

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