Störung der Totenruhe

Ein Kommentar zum vorstehenden Artikel aus dem Herausgeberkreis.

Von Frank Stäudner

Noch immer werden die alten Schlachten geschlagen. Als Antidot gegen den zentralen Irrtum der modernen Naturwissenschaft empfielt Dr. Bleecken eine Rückbesinnung auf Goethes ganzheitliche Naturlehre. Dieser Irrtum bestehe in der Heraushebung des Menschen aus seiner Umwelt, der Trennung von erkennendem Subjekt und erkanntem Objekt, damit mittelbar der Instrumentalisierung und Unterwerfung der Natur unter die (vermeintlichen) Bedürfnisse des Menschen, und schließlich in der Ignoranz bezüglich der Zweiteilung der Wirklichkeit, des Dualismus zwischen materiellen Objekten und geistigen Empfindungen.

Bleeckens Aufsatz steht - so ist zu vermuten - exemplarisch für ein verbreitetes Unbehagen am zerstörerischen Umgang des modernen Menschen mit seiner Umwelt. Wir drucken ihn als Dokument dieses Unbehagens. Einen kurzen kritischen Kommentar halten wir aber für erforderlich, der nicht beansprucht, eine Widerlegung zu sein, aber zu einigen Facetten des Aufsatzes die Gegenposition aufbaut.

Umgekehrter Dogmatismus

Ob gerade die erkenntnistheoretischen Grundannahmen der modernen Naturwissenschaften für das Klima verantwortlich gemacht werden können, in dem der naturzerstörende Geist gedeiht und ob diese in Bleeckens pointierter Polemik überhaupt unverzerrt dargestellt werden, erscheint mir sehr fraglich. Daß sich die moderne Naturwissenschaft im Irrtum befindet, setzt Bleecken als evident voraus. Wen daran noch Zweifel plagen, den wird der Aufruf einer Hinwendung zu Goethes ganzheitlicher Wissenschaftskonzeption nicht überzeugen, wenn das einzige Argument sich auf den Ausruf reduziert: "Goethe hatte Recht. Seht das doch endlich ein!” Insofern verstrickt sich Bleecken in denselben Dogmatismus, den er der Naturwissenschaft vorwirft, wenn sie konkurrierende Ansätze (hier: Goethes) ignoriert - lediglich mit umgekehrtem Vorzeichen. Ich meine nicht, daß das ausreicht, die Totenruhe der Farbenlehre zu stören.

Vielleicht treffen Bleeckens Charakterisierungen der modernen Natur-wissenschaft auch gar nicht zu. Oder aber manche ihrer methodologischen Forderungen könnten sich als unvermeidlich herausstellen, so daß sich ihnen auch eine alternative Goetheanisch inspirierte Naturlehre zu unterwerfen hätte. Zwei seiner Thesen will ich hier entgegentreten.

Die Zerstörungsthese

These 1: Die von Descartes, Galilei und Newton geschaffene Wissenschaft zerstört die Natur und damit die Lebensgrundlagen des Menschen. Voraussetzung für dieses Zerstörungswerk ist die Entgegensetzung von Natur und Mensch, die diesem erst ein Objekt der Mißhandlung in die Hand gegeben hat.

Dazu ist unmittelbar zweierlei anzumerken: Der Mißbrauch der Natur ist älter als die Wissenschaft Newtons. Die Römer haben recht erfolgreich den Mittelmeerraum für ihre Flotten abgeholzt. Das ist natürlich kein sehr starkes Argument, um damit die Wissenschaft zu entschulden. Denn die Römer könnten ja gewissermaßen in einem Geist gehandelt haben, den erst Newton expliziert hat und den auszutreiben Goethe jedes Recht hatte. (Anmerkung: Die instrumentelle Wissenschaft wird in der Regel eher mit dem Namen ihres ersten wortmächtigen Propagandisten Francis Bacon (1561 - 1626) verbunden: englisch "baconian science”.)

Interessanter ist hingegen die Beobachtung, daß ein erheblicher Teil der Umweltzerstörung, z. B. die Brandrodung des Regenwaldes zur Gewinnung von Ackerland, direkt auf der Übervölkerung des blauen Planeten beruht. Dafür ist nun in der Tat die moderne Wissenschaft mitverantwortlich, indem sie die verbesserten medizinischen Kenntnisse bereitgestellt hat, mit denen die Säuglingssterblichkeit erfolgreich gesenkt werden konnte. Ich vermag nun nicht zu begreifen, wie eine ganzheitliche Betrachtung uns diese Zwangslage erspart hätte, ohne in der romantischen Rückständigkeit hoher Kinder-sterblichkeit und kurzer Lebenserwartung zu verharren.

Die Dualismusthese

These 2: Die moderne Naturwissenschaft ist materialistisch. Sie kann individuellen Empfindungen (hier insbesonders: Farbempfindungen) nicht gerecht werden, da sie nur materialistische Begriffe (wie Wellenlängen) kennt, die der Geisteswelt nicht angemessen sind.

Ob die Naturwissenschaft tatsächlich materialistisch ist, sei dahingestellt. Auf jeden Fall ist sie objektivistisch, was nicht dasselbe ist: In den Erkenntnisbestand der Wissenschaft kann nur aufgenommen werden, was intersubjektiv überprüfbar ist, also reproduzierbar sein muß, um von verschiedenen Forschern an unterschiedlichen Orten begutachtet werden zu können. Es ist schwer einzusehen, wie auf diese methodologische Forderung verzichtet werden kann, ohne damit gleichzeitig jeden Austausch über den Forschungsgegenstand unmöglich gemacht zu haben. Schon die antike Skepsis wußte um die Täuschbarkeit unserer Sinne und die dadurch bedingte Willkür und individuelle Verschiedenheit der darauf beruhenden Empfindungen. Und so gibt es zwar Wissenschaftszweige - Sinnes- und Neurophysiologie -, die der Entstehung der Empfindungen auf der Spur sind. Aber auf Goethe berufen sie sich wegen der Intersubjektivitätsforderung nicht. Um mit einer kleinen polemischen Spitze zu schließen: Goethe folgen heißt im Solipsismus verharren.

  
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