Im Netz der Metaphern.

Besprechung von „Zwischen den Bildern. Metaphernkritische Essays über Liberalismus und Revolution.

von Taureck, Bernhard H.F., merus verlag, Hamburg 2006. 178 Seiten. ISBN: 3-939519-02-2.

Robert Lembke

(Jena/ Deutschland)

Bernhard F. Taurecks Buch Zwischen den Bildern. Metaphernkritische Essays über Liberalismus und Revolution, erschienen 2006 im merus verlag, fällt zunächst unangenehm auf durch die schlampige Textge­staltung. Entweder gab es kein Lektorat oder nur ein sehr unzu­reichendes; Tatsache ist, daß der Text vor (teilweise haarsträubenden) Fehlern aller Art strotzt, als sei direkt die Rohfassung publiziert worden. Dieses eher nebensächliche Faktum wiegt um so schwerer, als der Inhalt des Buches, wie zu sehen sein wird, eine solche Präsentation nicht verdient hat.

Über weite Strecken nämlich lesen sich die Aufsätze und Exkurse des Autors, aus denen das Buch aufgebaut ist, äußerst anregend und lösen damit den im Untertitel erhobenen Anspruch, „Essays“ zu sein, auf stilistischer Ebene ohne weiteres ein. Taureck liefert im ersten Teil seines Buches, d.h. bis zum titelgebenden Kapitel „Liberalismus und Revolution“, in dem er dreizehn Thesen zu deren Bestimmung und Verhältnis prä­sentiert, einen Streifzug durch die politische Philosophie der Neuzeit, der sich vor allem dadurch auszeichnet, daß der Autor in umfassender Weise seine stupende Gelehrsamkeit ausbreitet. Eine Fülle zeitlich und formal disparater Texte wird auf eine Weise zusammengefügt und miteinander in Beziehung gesetzt, daß es dem Leser bisweilen schwindlig zu werden droht ob der Fülle an Namen und Begriffen – von Polybios und Machiavelli über Cervantes und Molière, Heidegger und Derrida bis hin zu Woody Allen.

So reizvoll dieses textliche Verfahren der ‚freien Assoziation‘ von Ge­danken auch ist, es birgt auch Gefahren in sich. So kann man sich als Leser bisweilen des Eindrucks nicht erwehren, daß der Text sich zum Selbstzweck wird und der gedanklich rote Faden, der ohnehin durch die Verschiedenheit der einzelnen Aufsätze zeitweise äußerst dünn ist, gänzlich verloren geht. Dann scheint es, als ob „die Sprache feiert“ und grundlos nur noch in sich selbst kreist. Belesenheit und Zitierfreude des Autors haben außerdem den Nachteil, eine Beherrschung der gesamten abendländischen Kulturtradition zu suggerieren, die durch die Texte selbst aufgrund ihrer Kürze und essayistischen Okkasionalität nicht gestützt wird. Dies geht manchmal soweit – denn Taureck schreibt tendenziell über alles und weiß scheinbar alles –, daß man das Gefühl hat, den „universellen Intellektuellen“ wiederauferstehen zu sehen, der seit einiger Zeit und seit Lyotards „Grabmal“ als anachronistisch gilt. Erschwert wird das Verständnis dem Leser darüber hinaus durch die besondere Termino­logie des Autors, die auf dessen frühere Arbeiten zurückgeht, im Buch selbst aber nirgends genauer erläutert wird. Methodische Konzepte wie „Metaphorisierung“, „kritische Ikonologie“ oder „Derigidierung“ scheinen auf Nietzsches Konzept der „Welt als Text und Interpretation“ zu verweisen, der Leser wird über deren Status jedoch weitgehend im Dunkeln gelassen. (Der Verfasser verweist allerdings an mehr als einer Stelle auf seine früheren Arbeiten.)

Worum geht es nun in dem Buch? Taureck versucht zunächst, im ersten Teil, ein grundlegendes Verständnis unserer politischen Gegenwart vorzu­bereiten, indem er die für ihn zentralen Begriffe Liberalismus und Revolution historisch einkreist, um ihre inhaltliche Bestimmung und Stellung zueinander fixieren zu können. Dabei ergibt sich für die Seite des Liberalismus nichts wesentlich Neues; Taureck macht als zentrale Basis­metaphern des Liberalismus das Eigentum (bei John Locke) und die invisible hand (bei Adam Smith) aus, die, so die wenig überraschende Annahme, auch noch die Grundlagen der heutigen politischen Ordnungs­bildung ausmachen. Interessanter ist das Verständnis von Revolution, das der Autor entwickelt. Hier wird zunächst festgestellt, daß unser Begriff von Revolution im allgemeinen von der Französischen Revolution von 1789-1799 geprägt sei; dies sei zwar grundsätzlich richtig, müsse aber erweitert werden. Revolution meint vom Wort her „Umwälzung“ und könne daher nicht nur eine emanzipatorische Entwicklung, sondern auch die Wiederher­stellung eines früheren, unfreiheitlichen Zustands meinen. Dies zu zeigen, ist vor allem der Sinn des Kapitels über Heidegger, aber auch der Ab­schnitte über Cortes und de Maistre.

Daneben gibt es jedoch noch eine dritte Bedeutung von Revolution, die mit Politik nur wenig zu tun hat. Diese, die Taureck im Anschluß an Rousseau als „Kulturverhängnis“ oder „Nexus Fatalis“ auf den Begriff bringt, ist im Grunde jene, die allgemein unter dem Terminus „negative Geschichtsphilosophie“ bekannt ist. Als Hypothese geht sie davon aus, daß in Folge eines geschichtlich einmaligen Ereignisses (bei Rousseau ist es die Entdeckung von Ackerbau und Metallurgie, die sog. „neolithische Revolu­tion“) die menschliche Kultur einem unaufhaltsamen, höchstens zu retar­dierenden Prozeß des Verfalls ausgesetzt ist, dem nur schwer oder gar nicht zu entkommen sei (vgl. 106-118).i Dies dritte Verständnis von Revolution ist deshalb so wichtig, weil Taureck ihm anzuhängen scheint und am Ende seines Buches noch einmal darauf zurückkommt (s.u. S. 4).

Mit der Bestimmung des Verhältnisses von Liberalismus und Revolution im gleichnamigen Kapitel kehrt Taureck aus der Historie in die Aktualität zurück. Die Errungenschaften der Französischen Revolution werden, auf gut mainstream-linksliberal, affirmiert, gleichzeitig jedoch diejenigen Aus­wirkungen kritisiert, die heute überall offensichtlich sind, wie „Hyper­konsum“, „Hyperproduktion“ und „wachsende Prekarisierung“ (vgl. 72). In der Folge zeigt sich Taureck als erfrischend realistischer, hellsichtiger Analytiker der herrschenden Zustände, etwa wenn er die Bedrohungen der Demokratie und den grassierenden „Mega-Liberalismus“ darstellt. Dies alles wird kenntnis- und aufschlußreich dargeboten, ist jedoch auch allzu­bekannt; naturgemäß schwieriger und damit interessanter wird es da, wo der Philosoph die Diagnose aufgibt und zur Suche nach Auswegen und Lösungsansätzen schreitet. Dies ist das Ziel der letzten drei Kapitel, unter­brochen noch von einem Exkurs über politische Theologie, der dem Ganzen aber eher unverbunden bleibt und daher auch fehlen könnte.

Zugespitzt formuliert, hinterlassen die Zukunftsentwürfe des Philosophen leider den Eindruck, der sich wohl oft in solchen Fällen einstellt: So treffend und präzise die Beschreibungen der Wirklichkeit ausfallen, so utopistisch – im schlechten Sinn von wirklichkeitsfremd – muten insge­samt die propagierten ‚Auswege‘ Taurecks an. Es sind in der Hauptsache drei, die der Autor präsentiert.

Die erste Konzeption einer „kulturellen Demokratie“ wirkt künstlich und schwer verständlich. Grundidee ist offenbar die, daß Kultur (i.S. von kreativer menschlicher Tätigkeit), statt ein Teil der Gesellschaft zu sein, mit dieser identisch wird, wodurch zugleich das Autonomie- (viele müssen arbeiten, damit wenige sich der Kultur widmen können) und das Ideologieproblem (Entwertung der Kultur aufgrund des eingesehenen Zusammenhangs) miterledigt werden. Dieses Kapitel ist m.E. das schwächste des ganzen Buches, insbesondere auch dadurch, daß im Anschluß an das vage Konzept einer „kulturellen Demokratie“ zu einem ganz anderen Kulturbegriff i.S. von Universalgeschichte (s.o. S. 2) über­gegangen wird, ohne daß dieser Sprung irgendeine Erklärung findet.

Hinter der Rede von einem „neuen Gesellschaftsvertrag“ – zweiter Vorschlag – verbirgt sich die in den letzten Jahren aufgekommene Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens, die inzwischen auch politisch weitere Kreise zieht – bis hin zur CDU (Dieter Althaus) und den Bündnis 90/ Den Grünen. Der Autor erweist sich hier als ‚guter Linker‘, der sich für Ideale jenseits der gesellschaftlichen Wirklichkeit begeistern kann; diesen Eindruck erhält man jedenfalls, wenn man die ausschließlich positiven Wirkungen und zahlreichen Möglichkeiten dieser Maßnahme, die als „Evolution“ (im Gegensatz zur Revolution, der bloßen Umwälzung) apostrophiert wird, vorgeführt bekommt (vgl. 119-124). Um so treffender sind dafür die Ausführungen zur Menschenwürde, in denen der teils heuchlerische und zu vage Charakter dieses modernen Sakrums deutlich herausgestellt wird.

Ganz am Ende des Buches wartet der Autor dann noch mit einer Überraschung auf, die sich allerdings erklärt, wenn man darin jene alte Idee wiederkennt, die die technologische Entwicklung der Neuzeit und Moderne mit Heilserwartungen überfrachtete (z.B. bei Bacon, später bei Marx). Hier hebt nun auch Taureck schließlich ab. Seine Idee, die durch das komplizierte Netz aus Metaphern und eigener Terminologie etwas ver­klausuliert daherkommt, ist schlicht gesagt die, intelligenten Computern der Zukunft die Regierungs- und/oder Gesetzgebungsgewalt zu über­tragen, und damit jener „strukturellen Delegitimierung“ des Politischen zu entgehen, die Taureck seit der Französischen Revolution und der Etablierung der Metapher der „volonté generale“ am Werk sieht (vgl. 169f). Die Delegation politischer Herrschaft an künstliche Intelligenz ver­spricht offenbar eine felsenfest gefügte Objektivität, die nicht mehr manipulier- oder instrumentalisierbar ist.

Man sollte m.E. in dieser überraschenden Wendung den Versuch des Autors sehen, die zuvor (in dem gleichnamigen Kapitel) abgewiesene Versuchung einer „politischen Theologie“ auf anderem Wege doch noch irgendwie einzulösen. Gleichzeitig befreit sich damit Taureck, in dessen Buch „viel liegt auf engem Raum“ (Benjamin über Adorno), von seinem sich durch den Text ziehenden Schwanken zwischen einer weitgehenden Affirmation der Moderne und ihrer resignativen Ablehnung. Traut er doch seiner technizistischen Utopie am Ende sogar die „Überwindung bisheriger selbsterzeugter Ausweglosigkeiten (jener Nexus Fatalis […])“ zu, und seine Sprache nimmt – zum ersten und einzigen Mal – ein fremdartiges Pathos (à la Heidegger?) an: die angezielte Lösung könnte „zur reifenden Erweiterung unseres Seins“ führen. (173)


i Es gibt im übrigen eine Variante dieses Theorems, die bei Taureck nicht erwähnt wird: Dabei wird das entscheidende geschichtliche Ereignis nicht an den Anfang, sondern ans Ende gesetzt: Gemeint ist eine gewisse Spielart der postmodernen Philosophie (manchmal als posthistoire bezeichnet), die die technisch und medial beherrschte Massengesellschaft als unumkehrbaren Verfallszustand der Kultur ansieht.

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