Walter Reese-Schäfer: „Das überforderte Selbst. Globalisierungsdruck und Verantwortungslast.“ Hamburg: merus-Verlag 2007. 120 Seiten. ISBN: 393951926X

Robert Lembke

(Jena/ Deutschland)

Grundthema des Bändchens, das als zweiter Beitrag der Reihe „Denk­perlen“ des merus-Verlags erschienen ist, sind die mit dem Begriff „Neo­liberalismus“ verbundenen sozioökonomischen Veränderungen innerhalb einer dynamisierten Weltgesellschaft. Der Autor beleuchtet das Thema in seinen verschiedenen Aspekten, wobei das Hauptgewicht entsprechend des Titels darauf liegt, wie die Individuen den Prozeß der Globalisierung erleben und auf ihn reagieren.

Auffallend angenehm zu lesen ist der Text auch da, wo es um eher trockene Themen wie den „Strukturwandel der Ökonomie“ geht. Der Autor versteht es durchweg, wissenschaftliche Sachlichkeit mit stilistischer Leichtigkeit zu verbinden; insofern wird er dem Anspruch der Reihe, einen essayistischen Text zu präsentieren, durchaus gerecht. Fragwürdig wird der Text allerdings an den Stellen, wo er sich zu sehr jener sprach­asso­zi­ativen und in eingängigen Formeln daherkommenden Leichtigkeit über­läßt.

Das Grundthema der Reese-Schäferschen Analyse ist das Verhältnis von sozioökonomischem Wandel und Selbstführungsfähigkeit der Individuen. Die „Kultur des neuen Kapitalismus“, wie sie prominent Richard Sennett in „Der flexible Mensch“ analysiert hat, führt zu einer Ausweitung unter­nehmerischer Strukturen und des entsprechenden Denkens in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen. War Liberalismus der Versuch, (natio­nal-)staatliche Reglementierungen zurückzudrängen zugunsten der freien Entfaltung eigenständiger Produzenten mit dem Ziel größeren Wohlstands für alle, ist Neoliberalismus derselbe Ansatz in zweiter Potenz: sämtliche Reste paternalistischer oder hierarchischer Strukturen werden beseitigt, Fragmentarisierung und extreme Individualisierung halten selbst in solche Bereiche Einzug, in denen es bisher nicht vorstellbar war. Reese-Schäfer zeigt dies z.B. anhand von Wandlungsprozessen innerhalb großer Unter­nehmen und am Beispiel des Strafsystems.

Wie wirken sich nun die beschriebenen Dynamiken auf das Selbstbild und Verhalten der Individuen aus? Zunächst: Flexibilisierung und gesteigerte Individualisierung produzieren offenkundig mehr Freiheit bei denen, deren Lebensorientierung auf solche Weise ausgerichtet ist – den postmodernen Charakteren. Die Kehrseite dieser erneuten Liberalisierung, die ein weiteres Mal „alles Ständische und Stehende verdampft“ (Marx/Engels), sind die Erschöpfungs- und Destruktionssymptome, die Reese-Schäfer be­schreibt anhand der vielbeachteten Untersuchung von Alain Ehrenberg („Das erschöpfte Selbst“). Die Depression als neue Volkskrankheit ist nur die traurige Manifestierung des latent ständig vorhandenen Gefühls, nicht zu genügen, sie ist die „Krankheit der Unzulänglichkeit“ (60). Die Pointe der Argumentation besteht nun darin zu zeigen, wie eine bestimmte Rede von Verantwortung den ohnehin vorhandenen „Globalisierungsdruck“ auf die Individuen noch zusätzlich verstärkt. Konnte man früher die Schuld auf andere abwälzen, z.B. den Staat oder „die da oben“, um sich dadurch psychische Entlastung durch Externalisierung verschaffen, so impliziert das neue Menschenbild des „Selbstunternehmers“, jedwedes Versagen den Einzelnen anzukreiden. Als Fazit dieses Gedankenganges läßt sich der Satz Reese-Schäfers anführen: „Verantwortung ist eine Technik der Zuschreibung, deren Legitimation schon im Augenblick der Analyse fragwürdig wird.“ (14, vgl. 81)

Im zweiten Teil des Buches fügt der Autor den aktuellen Diagnosen theo­retische Auseinandersetzungen mit Analysen hinzu, die sich mit der Reali­sierbarkeit alternativer Gesellschaftsmodelle befassen. Dabei entwirft er zunächst eine Art Streitgespräch zwischen der Linie des gesellschaftlichen Utopismus (in Gestalt von Ernst Bloch) und dem Zukunftsentwurf von Hans Jonas in „Das Prinzip Verantwortung“ (1979). Beide Modelle werden verworfen: das Ideal einer müßiggängerischen Menschheit wird als un­differenziert und anthropologisch kurzsichtig abgewehrt, dem Jonasschen Ge­sellschaftsentwurf eines Lebens in ökologischer Verantwortung unterstellt, einer „Ökodiktatur“ (75) verdächtig zu ähneln, mithin Freiheit dieser Verantwortung zu opfern.

Im Anschluß daran diskutiert Reese-Schäfer zwei weitere einander ent­gegengesetzte Gesellschaftsmodelle. Während der kapitalistische Anarchismus des Marktes sowieso in der Konsequenz der flexibilisierten und atomisierten Gesellschaft zu liegen scheint und nur dessen konse­quenter geistiger Ausdruck ist, will der amerikanische Kommunitarismus Maßnahmen entwickeln, die zum Ziel haben, den gemeinschafts­orientierten citoyen gegen den bourgeois, der sich nur noch selbst der Nächste ist, wieder zur Geltung zu bringen. Reese-Schäfers eigene Reformvorschläge orientieren sich gegenüber diesen beiden ideen­zentrierten, d.h. auf die Haltungen der Menschen zielenden Ansätze stärker auf die institutionelle Seite: So müsse die Politik ihr Möglichstes tun, um dafür Sorge zu tragen, daß erstens die Individuen auf die neuen Strukturen entsprechend vorbereitet werden – dies impliziere vor allem eine Reform des Schulsystems mit neuen Fächern wie z.B. Netz­werke­bild­ung und Finanzplanung – und zweitens, daß die geforderte Flexibilität und Einsatzbereitschaft abgefedert wird durch funktionierende Sozialsysteme, die die Einzelnen von zentralen Risiken und grundlegenden Aufgaben entlasten.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Reese-Schäfers Essay wohl­informiert und angenehm zu lesen ist und somit einen guten Überblick über die soziale Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts und ihre Probleme bietet. Ihre Grenze findet die Darstellung im Autor selbst und seiner politikwissenschaftlichen Vernunft, die ihn – trotz aller diagnostischen Kritik – vor allzu großangelegten Zweifeln am Bestehenden bewahrt. Fragt man nämlich nach dem Grund für jene entfesselte Dynamik, die wir nach der Konvention mit dem Begriff Globalisierung belegen, stößt man auf ein längeres Zitat des amerikanischen Ökonomen Robert Reich, der die Schuld für jenen Prozeß bei den Individuen selbst, „in unserem eigenen Appetit“ nach Wohlstand, sieht. (vgl. 57f.) Dies scheint jedoch paradoxerweise gerade die Spitze jener Zuschreibung von Verantwortung zu sein, die Reese-Schäfer als ‚ideologisch‘ entlarven will: nicht dieser Mensch oder jenes Phänomen, sondern wir alle, d.h. letztlich jeder einzelne, sollen Schuld sein. Als Alternative erwähnt der Autor immerhin ein von Max Weber herrührendes Bewußtsein von Tragik (vgl. 58), das freilich – so muß hinzugefügt werden – zum amerikanischen Geist im härtesten Gegensatz steht.

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