Norbert Bolz, Das Wissen der Religion, Betrachtungen eines religiös Unmusikalischen, Wilhelm Fink Verlag, München 2008, 12, 90 Euro

Stefan Groß (Jena)

Wie klingt es, wenn sich ein bekennender religiös Unmusikalischer dem Thema Religion annähert? Norbert Bolz, Medientheoretiker und Philosoph, philosophiert gern mit dem „Hammer“, immer wieder steht er in der Kritik, wird aufgrund seiner Thesen als Enfant terrible in den Medien stigmatisiert, der nicht nur mit Das konsumistische Manifest und mit Die Helden der Familie für Erregung im liberalen Lager sorgte, dem man nunmehr sogar vorwirft, ins konservative und reaktionäre Lager abgeglitten zu sein. Daß dem so ist, daraus macht Bolz auch keinen Hehl.

Doch seine Provokationen haben einen tieferen Sinn, gerade auch in seinem neuen Buch über die Religion. Provozieren heißt hierbei kritisch anregen, gegen den Trend und Zeitgeist anzustreiten, der das Thema Religion geradezu inflationär gebraucht. Die vielbeschworene Wiederkehr des Religiösen, die ganze Bibliotheken mittlerweile füllt und in den letzten Jahren reißerische Besteller auf den Markt brachte, die über Sinn oder Unsinn der Religionen, über ihr Gefahrenpotential und über den religiösen Fundamentalismus informierten, rat und tatgebende Impulse zur Lebensbewältigung sein wollten – all dies findet sich bei Bolz nicht. Er kommt eben nicht mit einem neuen Ratgeber daher, der in den Gesang des Religiösen einstimmt – er bleibt unmusikalisch, geht vom „Glaubensminimum“ aus, genauer: „der religiös Unmusikalische hat einen Sinn für den Sinn der Religion. Und vor allem weiß er: Nur die Religion kann den Vielen die Stopp-Regel für die Suche nach dem Sinn geben.“ (15) Unmusikalische und „Atheisten nehmen die Religion ernst.“ „Vielleicht ist Religion heute nicht mehr die Antwort auf die Frage nach dem Sinn, sondern nur noch die Unterstellung, daß die Frage einen Sinn hat. Man könnte sagen: Die Religion hält die Wunde des Sinns offen.“ (11)

Bolz hält die Geschichte Jesu für die überzeugendste, sie ist und bleibt es, durch die sich die abendländische Geistesgeschichte erklären läßt, sie ist es aber auch, die gegenüber aller Philosophie, die mit keinen guten Geschichten aufwarten kann, begeistern, faszinieren und inspirieren kann. Das Christentum ist eine Religion, die nicht nur „antiökonomisch“, „anti-soziologisch“, „anti-ethisch“ und „antibiologisch“ ist, sondern auch eine „Anti-Darwin-Welt“, in der das „Mitleid die Herrschaft der Selektion bricht.“ Am Ende seines Buches steht dann auch das Bekenntnis zu dieser Geschichte und ihren Traditionen. Bolz bekennt sich zum „Vorurteil für das Christentum“, zu Don Quixote, der seine Selbstbehauptung gegen die „Realitätsgerechtigkeit“ erstreitet und mit anständigem Gewissen „Yo sé quien soy“ sagen kann.

Zwar will Bolz kein kirchlich sanktioniertes Christentum, das Lippenbekenntnisse abverlangt, er will aber auch nicht den platten Pluralismus – und diesen schon gar nicht in der Kirche. Wie sehr es ihm Ernst ist, gegen den religiösen Pluralismus zu streiten, zeigt sich in seinen Abrechnungen mit den Ersatzreligionen, mit der Zivilreligion, der Boutique-Religion, der Götzenreligion des Ich, mit den Weltmeistern des Guten und mit der Sozialoffenbarung.

Er wirbt auch nicht für ein Zurück zur christlichen Dogmatik, wenngleich er eine Besinnung auf diese für unverzichtbar hält, soll nicht ein blindes Ohngefähr weiterhin in der Gesellschaft Einzug halten, die großen Verlierer der Weltgeschichte – Ich und Gott – weiterhin die „Ausgestoßenen der modernen Gesellschaft“ bleiben. Nachdrücklich hält er daran fest, daß Religion sich nur durch Religion ersetzen läßt, der Irrglaube der Aufklärung, auf die Religion verzichten zu können, erweist sich seinerseits wieder als fehlgeleitete Aufklärung. „Nicht die Religion ist die größte Illusion, sondern der Glaube, man könnte die zu großen Fragen mit den Bordmitteln der Vernunft beantworten“ (140).

Das Buch von Bolz ist schneidende und hochreflektierte Zeitdiagnostik, die er in fünfzehn Essays entfaltet. Oft in prägnanter Kürze formuliert er die Quintessenzen, die wie Büchmann-Zitate beflügeln. Wie sehr der ehemalige Assistent von Jacob Taubes in Sachen Religion Bescheid weiß, zeigt sich hier überdeutlich, nicht nur wenn er gegen Niklas Luhmann Position bezieht, sondern auch wenn er sich zu Karl Barth und Rudolf Bultmann bekennt.

Scharf argumentiert Bolz gegen den grünen Fundamentalismus, das Greenwashing, gegen das ethisch verbriefte Gutmenschentum, das im Anschluß an Hans Jonas` „Prinzip Verantwortung“ die Apokalypse beschwört und seine negativen Prophezeiungen in das Gewand einer Heuristik der Furcht kleidet, das die Apokalypse in die Endlichkeit verlegt und den Kathechon zum Umweltaktivisten verklärt. Die Ökologie hat die Theologie ersetzt, sich der Thematik der Apokalypse angenommen, anstelle des Gotteskultes ist der Kult um die Mutter Erde getreten, eine „Ökumene der Ängstlichen“ regiert die Welt, färbt die Natur religiös ein.

Beißend ist seine Kritik am Protestantismus auch, weil es der Protestant Bolz selbst ist, der mit seiner Kirche hadert, und der gern den ehemaligen Kardinal der Glaubenskongregation Ratzinger und jetzigen Papst Benedikt XVI. zitiert, wenn es auch ihm um Leitkultur geht.

Insbesondere der Protestantismus als Liberalismus erweist sich als Zivilreligion par excellence, die die christlichen Lehren inflationär gebraucht, denn dieses Christentum „hat die großen Themen wie Kreuz, Erlösung und Gnade aufgegeben“, die Dogmatik in die palavernde, säkularisierte Zivilreligion überführt. Dieser zivilreligiöse Protestantismus ist eine „Inflation des Kreuzes“. Was dann von ihm bleibt, ist säkularer Humanitarismus, der Verrat an Jesus Christus und Paulus. Der Ausverkauf religiöser Inhalte zugunsten eines Humanitarismus, der ganz nebenbei, als schlechter Nebeneffekt, nicht die Menschen in die Kirche zurückführt, sondern diejenigen, die in ihr noch verharren, auch noch hinaustreibt, darin sieht Bolz ein einseitiges und blindes Reduzieren der Religion auf Moralität, das Pastorale des Protestantismus, der sich lieber der Politik und ihren großen Themen zuwendet, um sich an diesen unermüdlich müde zu laufen. Eine Zurückbesinnung auf Glaube und Kerygma fordert daher auch Bolz.

Die Wiederkehr der Religionen ist daher auch nur bedingt dem Datum des 11. September 2001 zuzuordnen, zumal es sich bei diesem fundamentalistisch-islamischen Terrorakt nicht um einen Angriff auf das Christentum handelte, sondern um eine Attacke auf das amerikanisierte Christentum, das als säkularisierter Konsumismus daherkommt. Neuheidnischer Kapitalismus als Religion muß zwangsläufig für diejenigen eine Bedrohung ihrer geistig-spirituellen Existenz bedeuten, für die die Religion weiterhin an ein transzendentes Ideal gebunden bleibt, die den Sinnverlust noch nicht durch die eigene Selbstverwirklichung, durch die „Egophanie“, kompensiert haben, deren Selbst sich also noch nicht in die Droge Ich kanalisiert hat. Dieser Götzendienst des modernen Individuums, diese Selbstvergötzung, die Transzendierung des Ich, führt dahin, daß das „moderne Individuum […] die Selbstauflösung in der Selbstbezüglichkeit“ sucht (49). Die mit dieser Selbstvergötzung einhergehende Verabsolutierung hat genau ihre kultischen Befriedigungen in der auch nicht zum Heil führenden Boutique-Religion, in der Fitneß-Welle und in der bewußt gelebten und inszenierten Zurückgezogenheit.

Den viel tiefergehenden Grund für die Wiederkehr der Religionen, vornehmlich in ihren Negativerscheinungen als Ersatzreligionen, die immerhin eine ungeheure Faszinationskraft auf die der Langeweile Überdrüssigen ausüben, sieht Bolz aber woanders. Der Trend zu Spiritualität und neuheidnischer Scheinreligiosität, die das ganze individuelle, gesellschaftliche und kulturelle Umfeld nach ihrem Gusto einfärben, geht vielmehr aus der zunehmenden Instrumentalisierung der Technik und der mit der Technik verbundenen Entzauberung der Welt einher. Die entzauberte, mythenbefreite Welt, sie bedingt gerade die Sehnsucht des Individuums nach Religion, das in einer sinnzerschmetternden Welt Geborgen- und Einfachheit sucht, das das Komplexe und Virtuelle allenthalben verwirrt und es vom Zentrum des Individuellen abzieht. Statt Beschleunigung um jeden Preis – Sehnsucht nach Entschleunigung. Gerade diesen Beschleunigungen, denen eine individuelle Selbstauflösung inhärent ist, zu entgehen, zwängt den Religiösen aus Freiheit in eine Nische, die ihm zum Garant für ein Zu-sich-selbst-Kommen wird – auch mit der Konsequenz, seine Freiheit letztendlich der puren Notwendigkeit oder starren Dogmatik – wie im fundamentalistischen Islam – unterzuordnen. Denn für den, den die Religion noch unbedingt angeht, dessen Selbstbehauptungstrieb kulminiert zwangläufig in einer Radikalabsage am Konsumismus, die Verteidigung seiner Werte treibt ihn letztendlich in die Aggression, worin Bolz die negative, aber durchaus zwingende Pointe einer Religion wie dem Islam sieht, obgleich er betont, daß dieser eine Religion vor der Aufklärung sei, der also nicht wie das Christentum des Westens reflexiv und theologiekritisch ist. Einer als sinnlos empfundenen Welt zu entfliehen, ist dann nur konsequent aus der Sicht des religiösen Terroristen, der möglicherweise nicht nur die für ihn ohnehin belanglosen Diskursteilnehmer eliminiert, sondern durch seinen Tod auch seiner eigenen Bedeutungslosigkeit entgehen will. „Selbstmord ist nämlich die narzisstische Flucht vor der Einsicht in die eigene Bedeutungslosigkeit“ (26).

Mit Nietzsche und gegen den Zeitgeist streitend, entlarvt Bolz neben der Zivilreligion, die Sozialoffenbarung als „Modernitätsfalle. „Dekadenz heißt politisch: die soziale Frage“ (56), die sich gerade im 20. Jahrhundert zum „Gott-Wort“ stilisierte. Dabei seien das Soziale und das Ich, wie Bolz mit Simone Weil betont, die beiden größten Götzen. Das Soziale ist für Bolz die Bastion des Letzten Menschen, der im posthistorischen Zeitalter die Stelle des toten Gottes angetreten hat. Ihm geht es dann – im Gewand der Sozialreligion – um die blanke Uniformierung, um den Massentyp, um die Gleichmachung aller, um die in Szene gesetzte Masse, die in ihrem Stumpfsinn hinvegetiert. Es ist diese von Nietzsche kritisierte „Behaglichkeit des Wohlstandes“, die dem Menschen jede Sehnsucht und jede Verachtung nimmt. Aus dieser Reaktivität – der der Übermensch gegenübersteht – resultiert dann auch das Ressentiment gegen alle und jeden. „Posthistorie ist das Weltalter der Langeweile“ (55), das von den Gutmenschen als den Letzten Menschen regiert wird. „In dieser Welt herrscht das Rentnerideal freiwilliger Knechte, die Nietzsche mit größter Präzision als die autonome Heerde beschrieben hat (55). […] Und überall wo der Sozialismus real existiert, programmiert er die Gleichheit der Unfreien. Als Wohlfahrtsstaat besteuert er den Erfolg und subventioniert das Ressentiment“ (58).

Gerade in der Verklärung des Sozialen, in der religiösen Aura, die um diesen Begriff gewebt wird, sieht Bolz einen Euphemismus. Stets geht es hierbei um „Gehirnwäsche“ und um die Austreibung von Individualität und Wettbewerb, denn für die „Religion des Letzten Menschen gibt es nichts Schlimmeres als die Sünde wider den heiligen Teamgeist“ (57). Sozialabsicherung – damit besänftigt die Politik nicht nur die Aufsässigen, schafft sich ein Heer von Unmündigen, die in der Lethargie ihre in aller Monotonie verlaufende ewige Wiederkehr bejahen. Die politische Rede um Fürsorglichkeit, und dies wiegt viel schlimmer, kaschiert immer den politischen Willen zur Macht des politischen Emporkömmlings, eine Strategie, die auf erfolgsgekrönten Bahnen einmündig in ihr Ziel einläuft. Wie Bolz mit Huxley kritisiert, ist alle Wohlfahrt Tyrannei. „Gerecht zu scheinen, ohne es zu sein, ist jene höchste Ungerechtigkeit, die man ‚soziale Gerechtigkeit’ nennt“ (58). Wie sehr Bolz hier in das Herz des Wohlfahrtsstaates schneidet, ist im Hinblick auf Hartz IV augenscheinlich. Auch auf das Spielchen mit der sozialen Frage darf man in dem gerade in Schwung gekommenen Wahlkampf gespannt sein.

Kurzum: Bolz’ Buch ist auch für all jene lesenswert, die nur ein bedingtes Interesse an Religion haben. Das Buch leistet mehr, als nur über Religion zu informieren. Es streitet gegen den Zeitgeist und es ist ehrlich, es blickt hinter die Phänomene und die Lippenbekenntnisse, räumt mit der „Sklavenmentalität“ auf. Bolz will nicht zur Unmündigkeit erziehen, will keine „betreuten Menschen“ wie die Sozialreligion, sondern wie Nietzsche zur Freiheit der freien Geister, zur Mündigkeit der Untertanen auffordern – dies auch und bewußt gegen die gängige Political Correctness.

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