Wie christlich ist die Union?

Martin Lohmann, Das Kreuz mit dem C, Wie christlich ist die Union?, Butzon & Bercker GmbH, Kevelaer 2009, 202 Seiten, ISBN: 978-3-7666-1242-7, Preis: 14.90 Euro

von Stefan Groß

Er ist einer der bekanntesten deutschen Publizisten und ein bekennender Christ dazu. Der Katholik Martin Lohmann, der mit seinem 2008 erschienenen Buch „Etikettenschwindel Familienpolitik – Ein Zwischenruf für mehr Bürgerfreiheit und das Ende der Bevormundung“ eine heftige Kontroverse ausgelöste, hat nun eine neue Streitschrift vorgelegt, die sich mit dem C in der Union beschäftigt. Wie christlich ist denn eigentlich die Union?

Für Lohmann bleibt es eine ausgemachte Tatsache, und damit trifft er den Nagel auf den Kopf, daß das C im Wortstamm der Union in die Krise geraten sei, in eine Krise, die nicht nur theoretisch, sondern ganz alltagspragmatisch in die Augen fällt.

Das hohe C – einst Prinzip von Verantwortung und Verpflichtung einer politischen Ära, die unter der Ägide von Adenauer und Kohl noch tatsächlich dem Christlichen huldigte, es zum zentralen Agens politischer Wirksamkeit werden ließ – ist zum bloßen Spielball reiner Verpolitisierung und zur Selbstinszenierung einer Partei verkommen, die das C als wesensfremd betrachtet, wenn es um Wählerstimmen und um mögliche Wahlsiege geht.

In Zeiten des anything goes, wo Relativismus, politischer Mainsream und Lobbyismus regieren, da verkommt das hohe C eben zum hohlen C, da verliert eine in ihren Grundfesten christlich verankerte, liberale Partei ihren wertkonservativen Tiefgang und bietet sich frei auf den Markt der Eitelkeiten an.

Was die CDU in den Augen Lohmanns zuviel hat, so der kritische Befund, ist Mitte, was ihr fehlt, ein klares Profil in Krisenzeiten, das für den Publizisten kein anderes sein kann, als eben das christliche Welt- und Wertebild, das ja nicht nur für die bundesrepublikanische Verfassung grundlegend gewesen ist, sondern in dem zugleich auch eine Chance steckt, die derzeitigen Krisen zu meistern.

In der Wiedererweckung des hohen C sieht Lohmann daher die notwendig gebotene Zeitenwende für eine Partei angebrochen, die ihre eigenen Wurzeln zusehends verleugnet hat, die sich aber dennoch anschickt, in Zukunft politisch-moralisch Verantwortung zu übernehmen.

Das C, dies unterstreicht Lohmann immer wieder, bürgt für Qualität, steht für eine Qualität, die als Erweckungszeichen einer ganzen Generation nach dem Krieg Triebkräfte verlieh.

Derzeit aber sei vom C in der Berliner Republik selbst nichts zu spüren, es wird verdrängt, verspielt und letztendlich immer wieder zum Spielball beim Kampf um politische Mehrheiten. Wo das C stört, wo es unliebsame Krisen heraufbeschwört, lehnt man es ab, verschleiert es, selbst in der Union, um bloß nicht die „Diktatur des Relativismus“ zu bedrohen, jene künstlich aufgerichtete Grenze des Unpolitischen.

Der ausführliche Blick, den der Journalist in die Präambel, in die Geschichte der CDU und CSU wirft, zeigt das diese Parteien bessere Zeiten hatte, auch: daß dieses C nie im Sinne eines religiösen Fundamentalismus verbraucht, sondern lediglich im Sinne einer Politik aus christlicher Verantwortung gebraucht wurde.

Wer, so Lohmann, das C tilgt, der mißachtet nicht nur die sozialen Errungenschaften, die Soziallehre, die soziale Marktwirtschaft, die Freiheit und Eigenverantwortung, sondern der unterstützt auch den um sich greifenden Wahn des Relativen. Letztendlich widerspricht eine derartige Politik auch der Sehnsucht vieler Menschen nach Religiosität, dem sich immer tiefer in der Gesellschaft verankerndem Wunsch nach verbindlichen Werten.

Was sich im Superwahljahr 2009 zeigt, ist ein säkularisiertes und religionsfreies Land, an dessen Gottesferne die christlichen Parteien maßgeblich mitverantwortlich sind. Das Christliche verdunstet in der Warenkette im Supermarkt, verdampft zum bloßen Lippenbekenntnis. Und so wissen viele in der Union, obwohl die Grundsatzprogramme eines anderen belehren, kaum angemessen mit dem Begriff des Christlichen umzugehen.

Wie sehr Tagespolitik und Grundsatzprogramm auseinanderlaufen, zeigt immer wieder die Willkür der Berliner Republik, die letztendlich auf Meinungsmache aus ist, die die politisch Schwankenden mit ihrer Unverbindlichkeit zu gewinnen sucht.

Was aber mit einem derartigen Relativismus erzielt wird, ist eine politische Unschärfe, die nicht nur die Wähler kritisieren. Denn: „Freiheit, Menschenbild, Verantwortung, soziale Gerechtigkeit, Werte, Demokratie – sind das heute (noch) exklusive Bestandteile des Profils einer C-Partei? Wo ist denn wirklich der Unterschied zur SPD?“ „Irgendwie bleibt der schale Geschmack, dass das ‚christliche Bild vom Menschen’ halt letztendlich eines von vielen Angeboten und eine von vielen Sichtweisen im Pluralismus der Wirklichkeiten ist. […] Das christliche Menschenbild hingegen ist kein Exklusiv-Sonderangebot von Christen für Christen. Es ist vielmehr eine der menschlichen Natur und seiner Berufung umfassend gerecht werdende Erkenntnis mit universalem Anspruch. Wer so seine Wurzeln kappt oder zumindest austrocknen läßt, darf sich übrigens nicht wundern, wenn in Grundsatzfragen dann konkret Kompromisse ihren Raum beanspruchen, die es gar nicht geben kann und darf – wie zum Beispiel beim Lebensrecht. […] Die CDU als eine Partei, die auf die Gretchenfrage ‚Wie hältst du es mit dem C?’ eher verschwommen und ausweichend antwortet.“

Im Unterschied zur CSU zeigt sich bei der CDU eine gewisse Ängstlichkeit zu regieren, um ja keinen „vor den Kopf zu stoßen“. Die CDU unter Merkel bleibt eine ruhig gestellte Partei, ohne Wenn und Aber, ohne Entweder-Oder. Daraus zieht Lohmann die Konsequenz, daß niemand so sehr für sich und seine anpassungsfähigen Grundüberzeugungen wie die Bundeskanzlerin selbst steht. Merkel bleibt die beste „Ich-AG aller Zeiten“, denn mehr als ihre Vorgänger ist sie selbst die Partei, bei der sich zusehends immer weniger findet, das auf eine tagesunabhängige Existenz und dem dazugehörenden Wertekanon deutet. Die abendländisch-christliche Leitkultur, das traditionelle Bild vom Menschen wird als konservatives und verhängnisvolles Klischeebild abgeworfen, das Konservativsein zugunsten pluraler Mehrheitsfähigkeit abgewählt.

Nicht mit diesem zur Seite gelegten Konservativismus aber kann man die Krise meistern, so Lohmanns feste Überzeugung, sondern nur ein Bekenntnis zum Konservativsein vermag dem Relativismus in seiner Uferlosigkeit Einhalt zu gebieten. Wertkonservativ zu sein ist daher für Lohmann keine nach hinten gewendete Blickrichtung, sondern deutet auf eine Weltoffenheit hin; der Konservative ist und bleibt keineswegs der bloß Reaktionäre, Persönlichkeiten wie Adenauer und Erhard zeigten dies deutlich, denn ihre Politik stand für ein weltoffenes liberal-konservatives Denken und Handeln. „Konservativ – das bedeutete eigentlich, mit stabilem Fundament keineswegs von gestern zu sein, sondern selbstbewußt orientiert am Heute handeln zu können. Man wußte als Konservativer nicht nur was geht und was nicht geht.“

Aber nicht nur das C ist in der Krise, auch das Bild des Konservativen ist durch die 68er Generation deutlich beschädigt. Am Ende steht der entmündigte Bürger, dessen Freiheit durch einen strikt verwalteten Dirigismus eingeschränkt wird. „Statt eines common sense über das, was richtig und falsch sei, gebe es eine ‚zunehmend repressive neue Toleranz’, die ‚nur sich selbst kennt’“. Konservative sind, wie Lohmann mit dem Mainzer Historiker Andreas Rödder unterstreicht: tolerant, besonnen, kämpferisch, letztendlich pragmatisch und konsequent, denn sie wissen was auf dem Spiel steht, wenn es auf dem Spiel steht. „’Richtlinie konservativer Politik ist nämlich nicht, ein theoretisch vorgegebenes Modell durchzusetzen, sondern Bedingungen für ein gelingendes Leben zu schaffen, dessen konkrete Ausgestaltung in der Hand des Einzelnen liegt.’ Denn konservatives Denken gehe vom Einzelnen aus, von der Freiheit und Verantwortung der Bürger. Ein besonnener und fundierter Konservativismus – Menschen mit einer fundierten Toleranz und der daraus erwachsenden Vision von Freiheit und Verantwortung - wird gerade heute gebraucht. Konservative Persönlichkeiten wären so dringend notwendig.“

Kurzum: Fehlt aus Angst vor dem negativ besetzten Bild des Konservativen und des Konservatismus das Engagement des Einzelnen für die Sache wird statt Eigenverantwortung, gut stalinistisch, auf die Parteidoktrin in ihrer Verschwommenheit gesetzt. Das Ergebnis eines derartigen Politisierens ist nicht das Progressive, sondern das relativ austauschbare politische Gebilde, das sich in nahezu allen Wahlprogrammen und politischen Reden zeigt. Diese Standlosigkeit verkommt aber zur politischen Ortlosigkeit, die Aktivität in politisch blinden Aktionismus, der jetzt nicht nur der Politik schadet, sondern der bereits der Kunst immer schon geschadet hat. Denn: Wie in der modernen Kunst auf die Ortlosigkeit die Wesenlosigkeit folgte, so auf den Aktionismus die Lähmung.

Diesem Prozeß der Lähmung innerhalb der Union entgegenzusteuern, darauf läuft letztendlich Lohmanns Buch mit hinaus, denn nur in der tatkräftigen Überwindung dieses blinden Aktionismus kann die CDU „eine neue Strahlkraft als konservativ-liberale-progressive Partei“ im modernen Deutschland werden, was auch mit einschließt, daß die Definition des Konservativismus nicht denen überlassen wird, die damit ein falsches Spiel treiben.

Wie sehr sich die aktuelle CDU-Politik immer wieder von ihren eigenen Grundsätzen verabschiedet, verdeutlicht Lohmann anhand überzeugender Beispiele: Stammzellforschung, verbrauchende Embryonenforschung, Spätabtreibung, Klonen, Patientenverfügung, Familienpolitik (eigentlich Frauenerwerbsförderpolitik), Gender-Mainstreaming – bei all diesen Fragen zeigt sich die Wankelmütigkeit der CDU, widerspricht die Tagespolitik dem Grundsatzprogramm, gerät die Politik in eine Schieflage, die sogar selbst eine Ethik des Tötens für eine Ethik des Lebens in Kauf nimmt.

Wird das C derart pervertiert, verliert es jedwede Glaubhaftigkeit, wird zur bloßen Chimäre. Die Nobilitierung der Gentechnik und die Reduktion des Menschen auf seine reine Naturgesetzlichkeit sind mit dem christlichen Menschenbild unvereinbar. Aber auch dann verliert die Union ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie, statt den sozialen Kern der Gesellschaft, die Familie, zu befördern, den familienpolitischen Gemeinsinn, das christliche Familienbild verabschiedet. Die süße Diktatur des Relativen bewirkt, gegen die demographische Vernunft gedacht, das glatte Gegenteil: Kinder bleiben unerwünscht.

Als ebenso absurd kritisiert Lohmann die Stellung der Union zum Gender Mainstreaming, die letztendlich auf eine Ideologisierung der Gleichmacherei und Geschlechtsleugnung hinausläuft. Mit einer derartigen Politik verleugnet die Union ihr einstiges Ideal eines sich frei entscheidenden Menschen, ohne zu erkennen, daß Gender ein Totalangriff auf eben diese Freiheit ist.

Für die neue Unübersichtlichkeit und Unverbindlichkeit innerhalb des politischen Tuns und Handelns, die sich derzeit in der Union breitmacht, für dieses Verwässern der Grenzen – dafür ist letztendlich die Bundeskanzlerin selbst mitverantwortlich, die für alles steht, aber selten für das C. Unter Merkel ist die CDU der Nach-Adenauer-Zeit zu einer sozialdemokratisierten Partei mit beliebigen Wertvorstellungen geworden. Dieser Relativismus der Kanzlerinnenpolitik und die damit einhergehende Auflösung des inneren Kerns des christlichen Leitbildes, und darin sieht Lohmann letztendlich auch die Gefahr für die Union, führt zu bösen Häusern. Statt die CDU zu retten, ihr ihre Strahlkraft wieder zu geben, um die es dem politisch denkenden Publizisten mit allem Nachdruck geht, steht Merkel letztendlich für den Ausverkauf der Partei. Dies wird sich letztendlich im Superwahljahr 2009 zeigen. Aber auch die unverhohlene Papst-Kritik Merkels wird Stimmen kosten, mehr aber die Unbestimmtheit ihres politischen Denkens, das sie geschickt verbirgt, da sie als „Gefahrenabwehr in der DDR-Diktatur“ gelernt hat, wie man gerade nicht zeigt, was man denkt. Deutschlands Kanzlerin bleibt eine taktische Politikerin, die vom puren Willen zur Macht getrieben wird und bei Bedarf auch ihre politischen Grundsatzpositionen um 180 Grad dreht.

Lohmann diagnostiziert, daß Angela Merkel nicht nur einen untrügerischen Instinkt zur Macht hat, den ihre Gegenspieler und ihr großzügiger Gönner Helmut Kohl hartherzig zu spüren bekamen, sie hat auch einen Instinkt und die Fähigkeit zum Populären, wenn sie die politische Position machtpolitisch prüft und auf beeindruckende Weise zum eigenen Vorteil – wie in der Finanzkrise geschehen – wendet. Was Merkel aber als „ideologiefreier“ Wissenschaftlerin und als „gelernter“ Christdemokratin fehlt, sind die traditionellen Werte. Sie ist eben keine Repräsentantin liberaler, christlich-sozialer und konservativer Werte, sondern ist durch ihre Ideologielosigkeit gekennzeichnet, was schließlich darauf hinauslaufen wird, daß das Karrieremodell dieser Kanzlerin letztendlich das Profil der CDU schlucken wird.

Merkel ist – und dafür ist ihre DDR-Vergangenheit mitverantwortlich und ausschlaggebend – keine Kanzlerin der Freiheit und der Sicherheit, sondern lediglich eine Machtpolitikerin der Sicherheit und der Gleichheit. Was ihr fehlt, ist der Wille zur Freiheit. Aber diese im christlichen Menschenbild geforderte und diesem zugrundegelegte Freiheit hat die Parteifunktionärin aus dem Kontrollstaat DDR nicht mit in die Bundesrepublik übernommen – bei ihr regiert die blasse, aber wirkungsvolle „Anpassungsintelligenz“. „Liberal und konservativ und christlich sozial – das macht die Einzigartigkeit der Union aus.“ Wer wie Merkel bekennt, mal liberal, mal christlich sozial, mal konservativ zu sein, „wer also an der Spitze meint, aus dem Und ein Oder machen zu können, verrät nicht nur etwas über die eigene Wandlungsfähigkeit im Umgang mit Teilprofilen, sondern offenbart auch machtvolle Defizite im Kern-Verständnis der eigenen Partei.“ So wird Merkels Führungsstil und ihr politisches Changieren, prophezeit Lohmann, zur Gretchenfrage der Union und deren Zukunft.

Kurzum: Aber selbst wenn im September, wie aller Voraussicht nach, die Union wieder gewinnt, bleibt Lohmanns Buch ein wichtiges Zeitzeugnis, das gerade in den unionsinternen Kreisen gelesen werden sollte, denn das Wahlvolk sucht wieder nach den sinngebenden Prämissen einer Wertegemeinschaft, die im Zeitalter der neuen Unübersichtlichkeit verschüttet wurden. Auf dem Weg zu dieser geistigen Neuorientierung wird das christliche Menschenbild weiterhin maßgebend bleiben. Wer letztendlich seine Ideale verkauft, um wahlpolitisch zu punkten, dem werden in nächster Zeit die getreuen Wähler abhanden kommen. Ein Dilemma, das Lohmann der Union, bei aller Kritik, nicht wünscht.

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